PAULUS
PREDIGT AM 19. AUGUST 2012
MA-VOGELSTANG


Als Theologe ist Paulus immer an der Bedeutung Christi geprägt. Darauf habe ich beim Christushymnus am Anfang des Gottesdienstes schon hingewiesen. Diese Ausrichtung seiner Theologie nehmen wir auf mit dem Lied „Strahlen brechen viele aus einem Licht. Unser Licht heißt Christus“(EG 268). Wir singen zunächst die ersten beiden Strophen.

EG 268,1+2: Strahlen brechen viele

Vom Saulus zum Paulus: Biographische Anmerkungen

Einiges zur Person der Paulus haben wir eben schon in den Lesungen gehört. Einiges möchte ich noch ergänzen.

Wann genau Paulus gelebt hat, das wissen wir nicht. Er dürfte aber etwas jünger gewesen sein als der, dessen Leben das seine so sehr beeinflusst hat, Jesus aus Nazareth. Die Apostelgeschichte berichtet, Paulus sei ein junger Mann gewesen, als er zum Zeugen der Steinigung des Stephanus wurde. Zu diesem Zeitpunkt wäre Jesus wohl im Alter von Anfang 30 gewesen.

Wäre Paulus heute noch am Leben, müsste er sich Sorgen um seinen Geburtsort machen. Tarsus liegt in der römischen Provinz Cilicien. Damit läge es im Grenzgebiet zwischen der heutigen Türkei und Syrien. Paulus, das war sein römischer Name. Paulus von Tarsus – das ist der Name, unter dem wir häufig von ihm hören. Von seinem Vater hat er das römische Bürgerecht geerbt. Das war keine Kleinigkeit. Paulus war privilegiert in seiner damaligen Welt. Und er war vor Willkür und Lynchjustiz geschützt, als er verhaftet wird.

Aber er hat noch einen zweiten Namen. Saulus. Dieser Name hängt mit seiner jüdischen Religion zusammen. Saulus, das ist die römische Form des Namens Saul. Saul war ja bekanntlich der erste König von Israel. Saulus, Saul - so heißt er, wenn er sich in seiner jüdischen Umgebung bewegt.

„Da ist einer vom Saulus zum Paulus geworden.“ Das sagen wir, wenn einer seine Meinung ändert. Und eine Position aufgibt, die er eben noch heftig vertreten hat. Paulus oder Saulus ändert tatsächlich eine Position grundlegend. Nämlich die Position zu Jesus aus Nazareth. Vom Saulus zum Paulus wird er allerdings nicht. Er bleibt zeitlebens beides: Paulus, römischer Bürger. Und Saulus, glühender Anhänger seines jüdischen Glaubens. Auf ihn selber trifft das Sprichwort, das von seinen beiden Namen abgeleitet wird, also sicher nicht zu.

Zunächst agiert Saulus so, wie er es seiner Rolle als Pharisäer zu schulden meint. Er hält diesen Jesus für einen Häretiker. Für einen, der seinen Glauben ins Lächerliche zieht. Und sich eine besondere Rolle anmaßt. Saul ist ein Fundamentalist. Er begnügt sich nicht damit, diesen Jesus mit Worten zu bekämpfen. Er agiert wie ein leidenschaftlicher Kämpfer. Sammelt Informationen. Schwärzt Anhänger des Jesus bei der Obrigkeit an.

Doch diese Phase ist nur eine vorübergehende. Saulus bleibt ein leidenschaftlicher Kämpfer. Aber er wechselt die Seiten. Vor den Toren von Damaskus hat er eine Christus-Erscheinung. Und es verschlägt ihm buchstäblich für einige Zeit die Sprache.

Aber dann agitiert er weiter. Dieses Mal zugunsten der Jesus-Bewegung. Rastlos reist er umher. Und sammelt Anhänger. Vor allem in den Städten von Kleinasien, der heutigen Türkei. Er unternimmt zwei oder drei große Reisen. Auf einer der Reisen gelangt er sogar bis nach Europa. Paulus ist also, soweit wir wissen, der erste, der eine Gemeinde von Jesus-Anhängerinnen auf europäischem Boden gründet.

Seine Reisen finanziert er überwiegend selbst. Obwohl er Anspruch auf die Unterstützung der Gemeinden hätte. Aber er will nicht in Abhängigkeit geraten. Will nicht ein Prediger sein, dem man nachsagt, ihm gehe es nur um seinen Broterwerb. Paulus ist Textilhandwerker. Er webt Teppiche. Und fertigt Zeltbahnen an. Seine Berufstätigkeit unterscheidet ihn von den meisten anderen, die damals in Sachen Jesus-Predigt unterwegs sind.

Überhaupt vermag Paulus die Rolle des Geldes angemessen einzuschätzen. Er weiß, die Gemeinden sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Darum organisiert er eine große Spendensammelaktion. Für die Ärmsten der Armen. Die ersten Christinnen und Christen in Jerusalem. Sie sind aus den sozialen Bezügen ihrer Umwelt weitgehend ausgeschlossen. Und auf Unterstützung dringend angewiesen. Für Paulus ist diese Unterstützung ein Zeihen der Dankbarkeit. Von diesen ersten Christen in Palästina ist der Jesus-Glaube schließlich einmal ausgegangen.

Wer so lebt und arbeitet wie Paulus, eckt an. Und hat Feinde. Paulus wird mehrfach verhaftet. Zunächst kommt er immer wieder frei. Aber irgendwann, Ende der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts, setzt ihn der Statthalter Felix in der Festung Carsarea dann doch fest. Zwei Jahre lang. Erst sein Nachfolger, Festus, nimmt sich des Falls wieder an. Und er bekommt einen Schrecken, als er merkt, dass da ein römischer Bürger einsitzt.

Festus schiebt Paulus nach Rom ab. Ab da haben wir keine genauen Nachrichten mehr. In Rom hat er zunächst wohl keine allzu strengen Haftbedingungen. Er empfängt Besucher. Und pflegt seine Kontakte. In Spanien, wohin Paulus unbedingt reisen wollte, ist er aber nie angekommen.

Die Tradition überliefert dann aber seinen Tod als Märtyrer. Irgendwann um in der Mitte der 60er Jahre. In Rom. Einiges spricht dafür. Aber genauere Informationen besitzen wir nicht. Das Leben eines der ganz Großen der Kirche und der Theologiegeschichte verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die Geschichte der Nachwirkung des Paulus – sie dauert dagegen an bis heute.

EG 268,3: Gaben gibt es viele

Die Juden und die Völker

Das Christentum ist keine Stifterreligion. Weder hat Jesus von Nazareth eine neue Religion gestiftet, noch kann man Pauls für diese Rolle in Anspruch nehmen. Wir müssen aber beide – Jesus und Paulus – in ihrer Rolle deutlich unterscheiden.

Dem Leben Jesu, dem Karfreitag und dem Ostermorgen, wird sehr schnell eine heilsgeschichtliche Bedeutung zugesprochen Jesus selber wird also vom Verkündiger des Reiches Gottes zum Verkündigten. Paulus gehört in den Kreis der Interpreten dieses Lebens Jesu und seiner Bedeutung. Oder noch schärfer formuliert: Paulus begründet eine neue Sicht der Interpretation dieses Jesus.

Wichtig ist: Paulus tut dies im Rahmen seines jüdischen Gottesglaubens. Er bleibt zeitlebens Jude. Wie Jesus übrigens auch. Und er tut dies ausdrücklich in integrierender Absicht. Ziel seiner Integrationsbestrebung ist der Teil der Menschheit, der nach seinem bisherigen Glauben keinen Zugang zum Judentum haben konnte. Wir sprechen im Lutherdeutsch gerne von den Heiden. Richtiger müssten wir von den Völkern sprechen. Die Völker, das sind einfach diejenigen, die nicht zum Judentum gehören.

Konkret vollzieht Paulus das in der Weise, dass er die Zugangsbedingungen zum Volk Gottes erweitert. Das Neue an Paulus ist das: Für ihn gibt es künftig zwei Wege zu Gott. Der eine Weg, das ist der Weg der Menschen jüdischen Glaubens. Es ist der Weg, der an das Halten der Thora, der göttlichen Gebote gebunden ist. Für Paulus ist das ein überaus anspruchsvoller Weg.

Eines der Gebote ist das der Beschneidung. Und damit sind wir mittendrin in einer aktuellen Debatte. Bei der Beschneidung geht es nicht nur um das Selbstbestimmungsrecht der Eltern und um das Recht der körperlichen Unversehrtheit. Für einen gläubigen Juden geht es um den Weg zu Gott. Und wir werden diese Frage noch sensibler diskutieren müssen, als das bisher getan wurde.

Der andere Weg, das ist der für die Völker, für die Heiden. Der Weg auch für uns. Auch die Völker können zu Gott kommen. Durch den Glauben an Jesus, den Gesalbten Gottes. Durch das rechte Verständnis seines Todes. Und der neuen Lebensmöglichkeit, die in der Auferstehung gründet. Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Schöpfung, schreibt er in einem Brief nach Korinth. Dann ist er – oder sie- wie neugeboren.

EG 268,4: Dienste leben viele

Paulus und Luther

Wer im Glauben an Christus neu geworden ist, lebt unter neuen Bedingungen. Lebt so, wie Gott uns haben möchte. Davon war Paulus überzeugt. Zurück bleibt die Frage, ob unsere Art zu leben, ob unsere ethischen und religiösen Anstrengungen ausreichen, um Gott zufrieden zu stellen.

Diese offene Frage beschäftigt 1500 Jahre nach Paulus den jungen Mönch Martin Luther in Wittenberg. Die verbleibende Ungewissheit, die Frage, ob sein Handeln, seine Werke, seine Bußaktivitäten ausreichen, um gerechtfertigt zu werden, sie führt zu der ihn beunruhigenden Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Wir wissen, dass sich Luther in den Jahren vor seiner sogenannten reformatorischen Erkenntnis intensiv mit Paulus beschäftigt hat. So kennen wir etwa auch Luthers Vorlesungen zum Römerbrief.

Warum greift Luther hier auf Paulus zurück? Und in welcher Weise geht Luther dabei vor`? Die Theologie des Paulus will eine Integrationsleistung vollbringen. Darauf habe ich schon hingewiesen. Paulus will der aus dem Judentum ausgeschlossenen Völkerwelt einen Zugang zum Heil verschaffen. Gerechtigkeit vor Gott ist möglich durch den Glauben an Christus – ohne dass die Thora außer Kraft gesetzt wird. Paulus löst hier ein für ihn drängendes theologisches Problem.

Luther geht es um etwas ganz anderes. Luther muss ein für ihn drängendes persönliches, individuell seelsorgerliches Problem lösen. Es geht ihm nicht um den Zugang einer bestimmten Gruppe. Es geht ihm um die Möglichkeit seiner eigenen Heilsgewissheit. Erst im zweiten Schritt geht es ihm darum, dass seine Erkenntnis auch für andere Menschen hilfreich sein kann.

Beide, Paulus und Luther, vollbringen eine gewaltige Leistung der Integration. Paulus ebnet den Weg, um auch den nichtjüdischen Menschen einen Zugang zu Gott zu verschaffen. Am Ende zerbricht daran die Einheit des Judentums. Die ehemals innerjüdische Reformbewegung wird selbständig. Und entwickelt sich als eigene Religion weiter.

Luther erging es mit seiner Integrationsleistung nicht viel anders als Paulus. Er öffnet den Menschen einen neuen Zugang zu Gott. Der Glaube allein reicht aus, sagt er, um vor Gott recht zu sein. Nicht irgendwelche religiösen Leistungen. Am Ende zerbricht daran die Einheit der Kirche. Bis heute.

Paulus und Luther sind sich nicht unähnlich. Beide sind streitbare, mitunter auch unversöhnliche Vertreter ihrer neu erlangten Einsichten. Paulus geht es um ein ökumenisches Thema: Wer darf alles dazugehören. Luther hat eine sehr persönliche, individuelle Fragestellung. Beide Male geht es um die Frage nach Gott. Beide Male ist dafür ein hoher Preis zu bezahlen.

EG 268,5: Glieder sind es viele

Was bleibt?

Was bleibt nach diesem Blick auf Paulus? Zugegebenermaßen ist es ein fragmenthafter Blickt. Teile eines Paulus-Puzzles. Aber lohnend ist dieser Blick allemal.

Paulus ist der erste große Theologe der Kirche und des Christentums. Ohne ihn sähe heute vieles anders aus. Dafür haben wir ihm zu danken.

Einiges bleibt wichtig und ist festzuhalten. Zuallererst die bleibende Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum. Wer sich in seinem Glauben an Paulus orientiert, kommt am Judentum nicht vorbei. Das Judentum ist die Wurzel unseres Glaubens. Wir, die Christinnen und Christen, sind wie „aufgepropfte“ Zweige. Auch dieses Bild stammt übrigens von Paulus.

Festhakten bleibt auch, wie pragmatisch und verständlich Paulus von hochkomplizierten Zusammenhängen spricht. Ein Beispiel: Paulus verwendet im Blick auf die Gemeinde das Bild vom Haus. Griechisch heißt das oikos. Paulus fragt immer danach, was der Hauswerdung - besser noch der Auferbauung - der Gemeinde dient. Grundsätzlich gilt: „Alles ist euch erlaubt!“ Aber er spitzt diesen Satz zu. „Aber nicht alles tut euch gut.“ Nicht alles ist heilsam. Für das, was heilsam ist, gibt es nur ein Kriterium: die Liebe. Ohne Liebe sind wir keine wohlklingende Glocke. Wir scheppern bestenfalls wie eine ätzende Schelle, wie er an einer anderen Stelle in seinem berühmtem Hohenlied der Liebe schreibt.

Paulus entwickelt die Theologie kreativ weiter. In seiner Person sieht er einen neuen Typus des Missionars bzw. Apostels begründet. Er gehört nicht dem Zwölferkreis an. Aber er definiert sein Programm als Apostolat. Wer von Christus beauftragt ist, ist ein Apostel oder eine Apostelin. Es gibt keine Erbhöfe. Schon gar nicht in der Kirche. Hoffentlich fallen wir hinter diese Einsicht nicht allzu oft zurück

Dennoch hat die Theologie des Paulus Grenzen der Brauchbarkeit und der Verwertbarkeit. Paulus ist schließlich immer auch ein Kind seiner Zeit.

• Paulus fordert Freiheit für alle. Er tritt für die Freilassung des Slaven Onesimus ein, aber er kritisiert nicht grundsätzlich die Sklaverei.

• Paulus sieht den Unterschied zwischen Männern und Frauen aufgehoben. „Hier ist nicht Jude, nicht Griche, nicht Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau!“ Aber er wünscht dann doch, dass die Frauen in den öffentlichen Gemeindegottesdiensten lieber schweigen. Auf der anderen Seite hat Paulus Frauen in der Verantwortung für die Gemeinde hoch geachtet.

• Paulus fordert dazu auf, der Obrigkeit untertan zu sein. Unser moderner Staatsbegriff kennt keine von Gott gegebene Obrigkeit mehr. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, wie das Grundgesetz schön und zutreffend formuliert. Das Verhältnis von Religion und Politik ist komplizierter geworden. Christengemeinde und Bürgergemeinde sind nicht zu trenne. Aber sie müssen sorgfältig unterschieden werden.

Diese letzten Bemerkungen nehmen von der Bedeutung des Paulus nichts zurück. Gar nichts. Paulus ist der Theologe der Kirche. Leidenschaftlich in der Vertretung seiner Ansichten. Unbequem als Zeitgenosse. Grenzüberschreitend und kreativ als Theologe. Heilig – in gewissem Sinn - als Vorbild im Glauben. Und dabei nie etwas anderes als einer, die die Gaben einbringt und ausreizt, die Gott in ihn hineingelegt hat.

Mögen wir uns auch immer wieder an diesem Paulus reiben. Wenn wir ernsthaft versuchen, Christin zu sein oder Christ, wenn wir uns ernsthaft daran machen, theologisch nachzudenken – dann gibt es einen, um den wir sicher nicht herumkommen. Und das ist Paulus.

Und der Friede Gottes, so hat Paulus in manchen seiner Briefe geschrieben, beahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.




Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn