ZUR FREIHEIT BERUFEN – KIRCHE DER FREIHEIT

PREDIGT ÜBER GALATER 5,1-6 IM GOTTESDIENST ZUM GEDENKEN AN DIE REFORMATION
AM SONNTAG, DEN 4. NOVEMBER 2012 (22.S.N.TR.) IN DER STADTKIRCHE IN PFORZHEIM


Am Anfang war das Wort!“ Das ist nicht nur der Beginn des Johannes-Evangeliums. Es ist auch der werbewirksame Name für die Kampagne zum großen Jubiläumsjahr 2017. Fünf Jahre noch! Fünf Jahre noch bis zu den großen Feierlichkeiten aus Anlass des Rückblicks auf 500 Jahre Reformation! 500 Jahre seit dem nächtlichen Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg. Seit fünf Jahren, seit dem Jahr 2007, sind die Vorbereitungen im Gange.

Es gibt Planungen und Projekte auf allen Ebenen. EKD. Landeskirche. Selbst die Bundesrepublik Deutschland beteiligt sich mit einem zweistelligen Millionenbetrag.

„Am Anfang war das Wort!“ Und die Botschaft dieses Wortes bricht sich Bahn in zentralen Themenjahren. Das Jahr der Taufe im vergangenen Jahr. Dieses Jahr ist es das Jahr der Kirchenmusik. Das kommende Jahr gilt dem Thema der Toleranz. Und dem 450. Geburtstag des Heidelberger Katechismus.

Vor 495 Jahren haben sich die Ereignisse zugetragen, die uns den Gedenktag der Reformation begehen und feiern lassen. Die uns jedes Jahr neu verlocken, uns zu erinnern. Martin Luther würde sich verwundert die Augen reiben. Wenn er mitbekäme, was für ein Aufwand da betrieben wird, ich bin sicher: Er wäre dagegen. Er wollte kein Held sein und kein Heiliger. Er wollten kein Promi sein und schon gar kein Revolutionär.

Ein kluger, aber überaus bescheidener Hochschullehrer war er. Keiner, der um sich viel Aufhebens gemacht sehen wollte. Keiner, der sich anschicke, wissentlich du willentlich die Einheit der Kirche zu gefährden. Und halb Europa in Aufruhr zu stürzen. Und der am Ende beides doch nicht verhindern konnte.

Heute vor 500 Jahren, 5 Jahre vor dem Thesenanschlag, dachte Luther nicht im Traum an jenes Ereignis, das wir in wenigen Jahren mit großem Aufwand feiern wollen. Was hat eigentlich Martin Luther damals gemacht – fünf Jahre vor jenem Ereignis, an das wir uns an jedem 31. Oktober oder wie heute am darauffolgenden Sonntag erinnern? Heute vor 500 Jahren?

Wir können diese Frage ziemlich genau beantworten. Genau 5 Jahre und 16 Tage bevor er seine Thesen veröffentlicht hat, am 19. Oktober 1512, wurde Martin Luther zum Doktor der Theologie promoviert. Und zugleich zum Professor für Bibelauslegung in Wittenberg ernannt. Ein Jahr zuvor, im Jahre 1511 war er von der konservativen Universität in Erfurt ins modernere Wittenberg gewechselt.

In Luthers Leben war die Ernennung zum Doktor der Theologie durchaus ein bedeutendes Ereignis. Sein Vater, so kann es man in Lutherbiographie lesen, hat ihn von da an mit „Sie“ angesprochen. Aber all das hat sich in der Provinz abgespielt. Kein Gedanke daran, dass es sich hier um eine wichtige Station auf dem Weg auf die große Bühne der Politik und Kirche gehandelt hat. Kein Gedanke daran, dass sich bald Kaiser und Papst mit diesem kleinen Professor aus Wittenberg würden befassen müssen.

Schon gar kein Gedanke daran, dass Luthers theologische Erkenntnis auch noch 500 Jahre später Menschen immer noch elektrisiert. Was macht diesen Luther heute noch interessant? Was ist das Neue, das Reformatorische in seinem Denken? Was lässt uns diesen Gedenktag der Reformation feiern – und das zumindest vereinzelt schon seit dem Reformationsjahrhundert selber?

Bei diesem heutigen Reformationsgottesdienst möchte ich Ihnen eine Antwort nicht schuldig bleiben. Grundlage meiner Antwort ist ein Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Gemeinden in Galatien. Luther hat sich sehr um die Texte des Paulus bemüht. Und neben dem Römerbrief hat er sich immer wieder dem Galaterbrief zugewandt. Mehrfach hat Luther eine Vorlesung zum Galaterbrief gehalten. 1516/1517 die erste, 12 Jahre später, im Jahre 1531, dann erneut. Dazwischen, im Jahre 1519 hat er einen Kommentar zum Galaterbrief veröffentlicht, den er womöglich auch schon als Vorlesung gehalten hatte.

Den kleinen Römerbrief hat Luther den Galater gennant. Das kommt nicht von ungefähr. Seine reformatorische Entdeckung spiegelt sich im Römerbrief wie im Galaterbrief wider. „Am Anfang war das Wort!“ Nicht ein einzelnes biblisches Buch. Hören wir auf Worte aus dem Galaterbrief des Paulus. Aus dem 5, Kapitel die ersten 6 Verse:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.
Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss.
Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.


„Am Anfang war das Wort!“ – und was für eines dazu! Zur Freiheit hat euch Christus befreit! Kein Wunder, dass auch Martin Luther auf diesen Satz anspringt. Die Freiheit, das ist sein Thema. Freiheit, das ist das zentrale Stichwort von Luthers Theologie. Die Freiheit, das ist das Thema einer seiner Hauptschriften, geschrieben wenige Monate nach der Veröffentlichung seines Galaterkommentars.

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“ lautet der Titel dieser Schrift. Und die zwei berühmtesten Sätze aus diesem Buch lauten bekanntlich: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Und: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Untertan, verpflichtet, bin ich einem jeden Menschen, der mich braucht, in der Liebe. Frei dagegen bin ich im Glauben, der allen Zwängen und allen Bevormundungen die Widerstandskraft dieser Freiheit entgegensetzt.

Es ist unglaublich, welche Wirkung dieser Appell an die Freiheit hatte. Und Luther hat mächtig Mühe, die Geister, die sich von ihm gerufen fühlen, wieder in die Flasche der Mäßigung zu füllen.

Die Bauern schreiben sich auch im Rückgriff auf Luther die Freiheit auf die Fahnen. Und sie nehmen den Kampf gegen die alten Ordnungen und gegen ihre Grundherren auf. Keine ungerechten Abgaben. Keinen Zehnten, der nur den Reichtum der Herren anwachsen lässt. Keine Vorenthaltung des Rechts, die Felder zu nutzen. Sie fordern übrigens auch die Freiheit, ihre Pfarrer zu wählen. Eine Freiheit, von der wir alle bis heute profitieren.

Die Bauern sind beileibe nicht die einzigen. Andere Theologen etwa sind nicht so zurückhaltend wie Luther. Sie schlagen die Kunst in den Kirchen kurz und klein. Sie nehmen die Leitung der Gottesdienste selber in die Hand. Lange vor Luther feiern sie Abendmahl mit Brot und Wein. Singen Liturgie und Lieder in deutscher Sprache.

Zur Freiheit hat euch Christus befreit! Was meint Paulus damit? Und was fasziniert den jungen Professor der Bibelwissenschaft? 29 Jahre ist Luther alt, als er sein Amt an der Universität antritt. Das war auch damals durchaus ungewöhnlich. Nur Melanchthon ist noch deutlich jünger. Der ist erst 21, als er in Wittenberg zum Professor und zum Kollegen Luthers wird. Melanchthon folgt damals dem Ruf auf eine Stelle, die sein Großonkel, der Pforzheim Johannes Reuchlin, nicht haben will.

Kein Zweifel: Der Ruf des Paulus zur Freiheit hat brisante und hochpolitische Auswirkungen. Aber Luther ist vorsichtig. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Paulus mahnt hier nicht einfach politische Freiheiten ein. Obwohl die Folgen dieser Freiheit sich sehr wohl politisch auswirken können.

Paulus geht es, wie häufig in seinen Briefen, um ein konkretes Problem. Er gibt eine konkrete Antwort, Aber deren Dimension reicht dann weit über die Klärung einer Einzelfrage hinaus.

Es geht um die Frage der Beschneidung. Auch damals schon. Allerdings in einem gänzlich anderen Sinn als in den Debatten der Gegenwart.

Paulus hat ein Lebens-Thema: Er arbeitet sich ab an der Frage: Wie finden die Menschen den Weg zum Glauben an Gott? Für die jüdischen Geschwister des Paulus ist der Weg klar. Der Weg zu Gott, er besteht in der Einhaltung der Thora. Die Thora, das Gesetz, wie Luther diesen Ausdruck übersetzt, ist ein Handbuch der Freiheit. In der Freiheit des Gottesglaubens lasse ich mich von ihren Grenzen bestimmen.

Paulus widerspricht hier nicht. Schließlich ist er selber Jude. Er hat sich selber nie anders verstanden. Doch sein Augenmerk gilt den anderen. Denen, die nicht zur Gemeinschaft der Menschen gehören, die jüdischen Glaubens sind. Müssen auch diese Menschen die Thora einhalten? Müssen sie sich beschneiden lassen? Anders gefragt: Müssen sie sie selber auch erst zum Judentum konvertieren, um zu Gott zu kommen.

Paulus hat eine klare Antwort: Nein! Der Weg zu Gott besteht für die Menschen, die nicht aus dem Judentum stammen, im Glauben an Jesus Christus. Sie haben Anteil an seinem Tod und an seiner Auferstehung – und finden so zu Gott. Ohne den Umweg über die Zugehörigkeit zum Judentum. Ohne sich beschneiden zu lassen.

Aber es gibt Menschen, die sehen das anders. Sie bestehen auf de Beschneidung. Und bestreiten den Weg des Paulus. In den Gemeinden Galatiens tobt der Kampf hin und her. Paulus kämpft für seine Zielgruppe. „Ihr seid doch schon frei!“, ruft er ihnen zu. „Unterwerft euch doch nicht schon wieder Regeln, die gar nicht für euch gedacht sind. Sonst setzt ihr eure Freiheit auf’s Spiel. Christus hat euch doch zur Freiheit befreit.

Der Konflikt um die Beschneidung in unserem Lande hat eine völlig andere Zielrichtung. Paulus ging es um die Freiheit derer, die nicht dem Judentum angehören. Die aktuelle Debatte als Folge des Kölner Gerichtsurteils hat die andere Gruppe im Blick. In ihr geht es um Menschen, für die die Beschneidung ein Zeichen ihres Gottesglaubens ist. Menschen jüdischen Glaubens. Und Menschen, die zum Islam gehören. Für beide ist die Beschneidung ein Zeichen der Freiheit und der Verpflichtung zugleich. Ein Zeichen der Rückbindung an eine Macht, die größer ist als alle Vernunft.

Ohne den religiösen Hintergrund ist es schwer, den Sinn der Beschneidung zu verstehen. Ich will die Debatte auch gar nicht neu anheizen. Mittlerweile gibt es schließlich einen guten Lösungsansatz aus dem Bereich der Politik. Paulus würde heute vehement für die Freiheit zur Beschneidung eintreten bei Menschen, deren religiöse Identität berührt ist. Er würde sie aber ablehnen, wo sie denen auferlegt würde, deren Weg zu Gott sich auf anderen Spuren bewegt. Für die einen wie für die anderen würde er auf die Freiheit verweisen, die sich aber jeweils ganz unterschiedlich konkretisiert.

Luther wird von diesem Anspruch des Paulus bis tief in sein Inneres erschüttert. Er nimmt die Argumentation des Paulus in Anspruch, um ein ganz anderes Problem zu lösen. Luther geht es um die Freiheit von einem religiösen System ganz anderer Art. Er fühlt sich im Gefängnis von Forderungen der Art des Gottesglaubens, in dem er groß wurde.

Mensch und Gott im Geschäft. Mensch und Gott verbunden im Abgleich der Bilanzen guter Taten. Und religiös verbrämter Leistung. Mensch und Gott gefangen in einem System des Handels: Ich gebe, damit du gibst.

Und plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. „Am Anfang war das Wort!“ Aber das Wort heißt nicht: Du musst! Und du sollst! Das Wort heißt: Du darfst. Und du kannst. „Ich bin so frei“, sagt Gott, „Ich bin so frei, dir die Freiheit zu ermöglichen.“ Im Glauben an Christus, der dir den Weg frei macht. Im Glauben an Christus, der wurde, was du bist - und was du sein sollst: Mensch! Im Glauben an Christus, der dich wissen lässt. Du bist Gott recht!

„Zur Freiheit hat dich Christus gefreit!“ Zur Freiheit von all den Gesetzen, mit denen andere unsere Freiheit einschränken wollen. Die überfordernde Freiheit der Wahl der Lebensoptionen. Die berauschende Freiheit der Genussangebote. Die grenzenlose Freiheit entfesselter Kräfte auf dem Feld er Ökonomie.

Nein, wir sind nicht frei, alles besser zu wissen. Aber wir sind frei, nicht alles mitspielen zu müssen. Wir sind auch frei zum mutigen Wort des Widerspruchs. Frei sind wir, den Ränken des Todes zu entgehen. Nicht dem Tod selber. Aber der bösen Nachricht, der Tod sei die äußerste Grenze.

Die äußerste Grenze ist das Leben. Grenzenloses Leben in der Gegenwart Gottes. Leben im Geruch der Freiheit schon jetzt. Mitten in den Verstrickungen der Unfreiheit.

„Am Anfang war das Wort!“ Das Wort, dass wir frei sind. Und dass wir leben können in der Freiheit eines Christenmenschen. Weil ein anderer für diese Freiheit bürgt. Weil Christus uns zu dieser Freiheit befreit hat. Paulus hat diese Freiheit durchbuchstabiert am Beispiel der Beschneidung. Luther hat diese Freiheit durchbuchstabiert am Beispiel der gängelnden Kraft eines verdienstlichen Glaubens.

Wir müssen diese Freiheit für uns selber durchbuchstabieren. Für unsere Zeit und ihre einengenden und uns entmündigenden Kräfte. Für uns selber in den Verstrickungen und der Freiheitssehnsucht unseres je eigenen Lebens.

Nichts anderes feiern wir in fünf Jahren und auf dem Weg dahin als diese Freiheit. Und wir feiern sie längst nicht mehr in protestantischer Abgrenzung. Wir feiern sie im Wissen um die Sprengkraft dieser Freiheit, die denen gefährlich wird, die sie unterbinden wollen. Wir feiern sie längst auch in ökumenischer Verbundenheit, die konfessionelle Grenzen schon vielfach überwunden hat.

Am Anfang war das Wort, dass wir eins sein sollen. Verbunden in der Freiheit derer, die mit Gott rechnen. Und denen Christus den Weg immer neu den Weg in die Freiheit weist. Amen.

Traugott Schächtele

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