PREDIGT IM GOTTESDIENST
ZUR ERÖFFNUNG DER BEZIRKSSYNODE
(MIT DEKANSWAHL)
AM FREITAG, DEN 9. NOVEMBER 2012
IN DER STADTKIRCHE IN SINSHEIM


Liebe Gemeinde!

Deutsch zu sein, so sagte der Philosoph und zeitweise auch Politiker Richard Schröder vor vielen Jahren, „deutsch zu sein ist nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes.“ Und er führt weiter aus: „Wenn jemand sagt: „Ich bin Tischler“, dann behauptet er ja auch nicht, dass dieser Beruf allen anderen weit überlegen sei, sondern: unter vielen ehrenwerten Berufen ist dies nun mal mein Beruf. In dem kenne ich mich aus, in anderen nicht, oder jedenfalls schlechter.“

Dass deutsch zu sein allemal etwas Bestimmtes ist – zu dieser Einsicht verhilft uns schon das Datum des heutigen Tages. Der 9. November – das ist eine Datumsangabe, über die kein Prediger einfach hinweggehen kann – wenn wir denn nun schon an diesem Tag Gottesdienst feiern.

Der 9. November gibt Anlass zur Erinnerung, zur traurigen und zur dankbar-fröhlichen. Am 9. November 1918 ruft Philipp Scheidemann aus einem Fenster des Reichstagsgebäudes in Berlin die Republik aus. 20 Jahre später, am 9. November 1938 liegt diese Republik längst in Scherben. Es sind die Scherben der Reichsprogromnacht, die als Kristallnacht viel zu harmlos umschrieben ist.

Es ist noch einmal ein 9. November, nämlich der des Jahres 1989, als sich die Grenzen zwischen den damals zwei deutschen Staaten vom Osten her öffnen. Und eine schmerzlich empfundene und künstlich mit Gewalt aufrecht erhaltene Grenze in sich zusammenfällt.

Etwas Bestimmtes bringen all diese Daten unabweisbar zum Ausdruck. Und auf ihre je eigene eise auch etwas Besonderes. Der 9. November 2012 kommt in dieser Reihe zunächst eher bescheiden daher. Es ist, sicherlich neben anderem, der Tag, an dem die Bezirkssynode des Kirchenbezirks Kraichgau zusammenkommt. Auf der Tagesordnung steht – und ich sage das jetzt erst einmal ganz neutral – die Wahl einer Person im Dekansamt für die zweite Bestehensperiode dieses immer noch jungen Kirchenbezirks.

Es ist die zweite bedeutende Wahl dieser Woche. Vor drei Tagen haben die Amerikaner die Wahlmänner für die Wahl des Präsidenten der kommenden vier Jahre bestimmt. Und auch in der Reihe dieser Wahlen kommt die heutige unaufgeregt und bescheiden daher.

Die Erinnerung an die zerfurchte und höchst zwiespältige Geschichte dieses Datums verlangt nach einer Klammer. Verlangt nach etwas, das all diese unterschiedlichen Erfahrungen verbindet. Eine solche Klammer findet sich am ehesten im Blick zurück auf den Ursprung. Auf den Anfang.

Am Anfang war das Wort. Diesen Satz kennen Sie als ersten Satz des Evangeliums nach Johannes. Dieser Satz ist aber auch das werbewirksame Motto der Dekade des Weges hin zum Jubiläum 500 Jahre Reformation.

Am Anfang war das Wort. Und in der Gegenwart verbleiben noch fünf Jahre. Fünf Jahre bis zu den großen Feierlichkeiten aus Anlass des Rückblicks auf 500 Jahre Reformation! 500 Jahre seit dem nächtlichen Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg. Erst vor wenigen Tagen haben wir in den Reformationsgottesdiensten wieder dieses Anlasses gedacht.

Am Anfang war das Wort. Und am Anfang waren auch Planungen und Strategiedebatten. Auf allen Ebenen. EKD. Landeskirche. Selbst die Bundesrepublik Deutschland beteiligt sich mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Und die Bundeskanzlerin gibt sich auf der vor zwei Tagen zu Ende gegangenen EKD-Synode die Ehre. Bekennt sich dort zu ihrem Glauben. Und auch diese am Mittwoch zu Ende gegangene EKD-Synode hat unter diesem Thema getagt: Am Anfang war das Wort.

Gute Bibelkenner wissen: In den Bibelübersetzungen finden wir eher die Formulierung: Im Anfang war das Wort. Der Anfang, der ist dann nicht nur ein Punkt auf einer Zeitleiste. Der Anfang ist ein Geschehen. Ein Geschehen, in das Gott und Mensch so seht verstrickt sind, dass sie nie mehr voneinander los kommen.

Am Anfang war das Wort. Und im Anfang. Dieser Anfang ist, mit den Augen des Glaubens betrachtet, etwas Bestimmtes und etwas Besonderes zugleich. Ehe denn die Schöpfung war, ist Gott. Und ehe auch nur die ersten Wörter vernehmbar waren, ist Gott gegenwärtig in dem, was wir in deutscher Sprache mit Wort nur mühsam und annähernd umschreiben.

Das Dasein im Wort ist eine Form der schöpferischen Existenz Gottes. Im Denken. Im Erkennen. Im Fühlen. Im Handeln. Das Wort ruft die Schöpfung ins Leben. „Es werde Licht. Und es ward Licht!“ Das Wort, der Logos, wie es im Griechischen eigentlich heißt, ist auch präsent in dem, den wir als Mensch und Gott zugleich bekennen. In Jesus, dem Sohn der Maria und dem Christus Gottes.

Am Anfang war das Wort. Bahn bricht sich dieses Wort in den Worten, die wir Menschen machen. In Worten, die ein Schweigen brechen. In Worten des Zuspruchs. In heilenden Worten.

Nichts vermag uns Menschen so sehr zu treffen als die Kraft der Worte. Verletzen können sie bis ins Mark. Und heilen, wo jede andere Medizin versagt.

Das Wort steht nicht nur am Anfang. Das Wort stand auch im Mittelpunkt der Ereignisse der Reformation. Ohne die Macht und die Kraft des Wortes ist die Reformation nicht zu denken. Ist auch Martin Luther nicht zu denken. Das Wort, es ist Inhalt und Medium zugleich.

Das Wort, das den meint, um den es geht, wenn es heißt: Sola gratia. Allein aus Gnaden. Wenn es heißt: Sola fide. Allein aus Glauben. Das Wort meint den, von dem wir bekennen, er sei Solus Christus. Allein Christus.

Das Wort, das zielt auch ab auf das solus scriptura. Allein die Schrift. Das Wort meint auch die Bibel. In einer Sprache, die die Menschen verstehen.

Und darum bricht sich das Wort Bahn in den Worten, die sich seiner annehmen. Einzelne Wörter, die verstehbare deutsche Sprache - auch hier bricht sich das Wort Bahn. Lässt es sich wechseln in die brauchbaren Münzen des Alltags. In die Übersetzung der Bibel. In heftig und schonungslos attackierende Flugblätter. Eine Sprachbewegung ist die Reformation.

Bahn bricht sich das Wort in Gottesdiensten und in Predigten in verständlicher Sprache. Und kaum irgendwo anders mehr als hier. Bahn bricht es sich in der tausendfach gesprochenen Zusage: Du bist Gott recht! Eine Gottesdienst- und Predigtbewegung ist die Reformation.

Bahn bricht sich das Wort in Gestalt von Katechismen, die den neuen Glauben zusammenfassen und verstehbar machen. Eine Bildungsbewegung ist die Reformation.

Bahn bricht sich das Wort in Gestalt von Bildern. Von den einen deswegen bekämpft und kurz und klein geschlagen. Von den anderen zur Perfektion gebracht. Vor allem Lucas Cranach wird noch eigens gewürdigt werden, wenn sich das Themenjahr 2015 mit dem Verhältnis von Bild und Bibel beschäftigen wird. Gemalt und getanzt wird dieses Wort. Bis heute. Eine Kunstbewegung großen Ausmaßes ist die Reformation.

Bahn bricht sich das Wort in Gestalt von Liedversen, die ihm gesungen den Weg ins Herz der Menschen bahnen. Nicht zuletzt eine Singbewegung ist die Reformation.

Und sie ist all das bis heute geblieben. Oder muss es wieder neu werden. Damit das Wort, das im Anfang war, auch wirksam bleibt in der Gegenwart. Das eben Genannte ist geblieben. Neues ist dazugekommen. Am Anfang war das Wort. Das Wort, das schafft und bewirkt, was es aussagt.

Beinahe unendlich schnell ist das Wort geworden. Manchmal bis zur Unkenntlichkeit entstellt, minimiert in die Gestalt von Bits, von kleinsten Teilen der Information, die sich rund um den Globus bewegen. Der Computer wird zur Wortmaschine. Und wir müssen von neuem lernen, das Wort in den Wörtern zu suchen. Und von den Wörtern zu unterscheiden.

Neu lernen müssen wir, das Wort zu hüten. Im Raum zu geben. Im Orte zu verschaffen, wo es ausgesagt werden kann. Öffentlichkeitswirksam und Welt verändernd. Kleine Worthütten gilt es zu schaffen. Wie jener Stall vor den Toren von Bethlehem, der einst zum Ausgangspunkt wurde, um dem Wort den Weg in die Welt zu bahnen.

Am Anfang war das Wort. Es braucht Zeit. Es braucht Menschen. Es braucht Ort, an denen es Raum hat. Es braucht Menschen, die ihm das Ohr leihen. Und die ihm ihr Herz öffnen.

Die Kirche ist der Ort des Wortes in der Welt. Die große, weltweite Kirche Jesu Christi. Und die kleine Kirche, die sich um das Wort versammelt und ihren Hunger nach diesem Wort in einfacher Weise stillt.

Heimstatt des Wortes ist jede Kirche. Auch die Kirche im Kirchenbezirk Kraichgau. Mit den vielen Kirchen, mitten im Ort gelegen.

Hüterin dieses Wortes sind alle, die es hören und weitersagen. Hüterin und Hüter sind all jene, denen dies zum Beruf geworden ist. Pfarrerin und Pfarrer zu sein, Gemeindediakonin oder Gemeindediakon. Sozialarbeiter, Erzieherin. Beraterin und Kantor. Hüterin und Hüter sind sie alle. Nichts Besonderes im Vergleich zu den anderen. Aber etwas Bestimmtes.

Nichts Besonderes, sondern Pfarrer mit besonderer Leitungsverantwortung und damit etwas Bestimmtes ist ein Dekan. Auch der Dekan ihres Kirchenbezirks. Dass heute eine Neuwahl ansteht – auch das ist nichts Besonderes. Es ist bestimmt in den rechtlichen Rahmenbedingungen unserer Kirche. Und es ist deshalb etwas Bestimmtes.

In allem, was wir tun auch auf diesem Feld des Bestimmten, ist Gottes Geist nichts außen vor. Und Gottes Wort mitten drin. Und deshalb ist es doch etwas Besonderes, um das es heute Abend geht.Am Anfang war dieses Wort. Und im Anfang. Bei uns ist es in diesem Gottesdienst und in der anschließenden Synode. Und bei allen, die es bewahren und hüten.

Und es wird auch mit denen sein, die nach uns Orte für dieses Wort suchen. Die nach uns Kirche gestalten. Auch am Ende wird nichts anderes sein als das Wort. Gottseidank! Amen.


Traugott Schächtele

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