PREDIGT ÜBER PHILIPPER 4,4-7
IM GOTTESDIENST AUS ANLASS DES 40JÄHRIGEN
BESTEHENS DER EMS
AM SONNTAG, DEN 11. NOVEMBER 2012
IN DER MARTIN-LUTHER-KIRCHE IN WERTHEIM-BESTENHEID


Freude sei mit euch und Freundlichkeit. Und die Gewissheit der Nähe Gottes, auch jetzt in diesem Gottesdienst. Amen.

Liebe Gemeinde!

40 Jahre EMS – 40 Jahre Evangelische Mission in Solidarität – das ist zuallererst ein Grund zur Dankbarkeit. Und zum Feiern. Darum möchte auch ich zuallererst meine Glück- und Segenswünsche zu diesem Anlass überbringen. Kirchen, die in der Verbundenheit der weltweiten Ökumene stehen, Kirchen in der Solidarität des Evangeliums – sie sind ein Zeichen der Einheit der einen weltweiten Kirche Jesu Christi – und zugleich ein Zeichen der Vielfalt und der Lebendigkeit - wie der eine Gott ja auch in sich selber der Dreifaltigkeit, der Vielfalt und der Vitalität Raum gibt.

Wenn wir der EMS aus diesem Anlass gratuliere, gratuliere ich uns zugleich selber. Schließlich ist unsere Evangelische Landeskirche in Baden ja eine der im EMS in evangelischer Solidarität verbundenen Kirchen. Der Kirchenbezirk Wertheim ist mit seiner Partnerschaft mit Ghana in eigenständiger Weise Teil dieser großen EMS-Familie. Und wie in einer richtigen Familie können Sie derzeit das Auf und Ab geschwisterlicher Beziehungen hautnah erleben.

In die Festfreude des heutigen Tages schließe ich ganz besonders auch die Freude darüber ein, dass wir gemeinsam mit Ihnen, liebe Frau Chopra, diesen Gottesdienst feiern können. Es ist schön, dass Sie heute diese Verbundenheit im EMS durch Ihr Dasein und Mitfeiern zum Ausdruck bringen.

Auf 40 Jahre Verbundenheit in der EMS schauen wir in diesem Festgottesdienst zurück. In der Bibel stehen die 40 Jahre für die Zeit der Wanderung durch die Wüste. Danach erst wird der Einzug ins gelobte Land möglich.

Aber hier ist in doppelter Weise Vorsicht geboten. Zum einen war die Zeit der Wüste nicht einfach nur eine Zeit der Entbehrung. Im Gegenteil. Es war eine Zeit der intensiven Nähe Gottes. Hunger, Durst, Irre und Verzweiflung – wo immer die Israeliten bei ihrem Zug durch die Wüste an Grenzen gerieten, haben sie zugleich die alle Grenzen überschreitenden Möglichkeiten Gottes erfahren.

Zum anderen markierte der Einzug ins gelobte Land keineswegs das Ende alle Probleme. Im Gegenteil. Die Suche nach der neuen Heimat führt zum Konflikt mit denen, die zuvor an diesem Ort schon Heimat hatten. Der Einzug ins gelobte Land war ein Projekt, das in seinen Schwierigkeiten der Zeit in der Wüste in nichts nachstand.

Ähnliches gilt auch für die EMS. Die vergangenen 40 Jahre waren allemal Jahre der Erfahrung, dass Gottes Nähe gerade in dürren und bedrängenden Zeiten ganz besonders intensiv zu erleben und zu erfahren ist. Und der große Prozess der Veränderung, der die letzten Jahre der EMS geprägt hat, er hat zunächst erst einmal einen Raum eröffnet. Aus dem Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland mit seinen Partnerkirchen ist die Evangelische Mission in Solidarität geworden. EMS einst und EMS jetzt - dahinter verbirgt sich ein langer Weg des Wandels im Verständnis darüber, was weltweite Kirche eigentlich ausmacht.

Die Beziehungsmuster der Kirchen zueinander haben sich gewandelt und weiterentwickelt. Ganz unterschiedliche Kirchen hier bei uns und weltweit sind in geschwisterlicher Partnerschaft auf Augenhöhe miteinander verbunden. Dies lasst uns heute vor allem feiern!

Aber auch jetzt gehen wir nicht einfach Wege der konfliktfreien Geschwisterlichkeit miteinander. Es muss diese Einsicht gewesen sein, die dazu geführt hat, Verse aus dem Philipperbrief als Predigttext für die Festgottesdienste aus Anlass des 40jährigen Bestehens der EMS vorzuschlagen. Ich lese aus Philipper 4 die Verse 1-7:

1Also, meine Lieben, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn. 2Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn. 3Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.

4Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.


Manchmal wünsche ich mir, der Apostel Paulus lebte mitten unter uns, liebe Gemeinde. Wir könnten ihn fragen, so wie ihn damals die Menschen befragt haben. Wir könnten mit ihm streiten. Und so, wie wir ihn kennen, ginge er keinem Streit aus dem Wege. Und wir könnten manche der Vorurteile über den Haufen werfen. Vorurteile über die ersten christlichen Gemeinden. Vorurteile auch im Blick auf ihn, Paulus, selber.

Aber Paulus ist weder je in Wertheim gewesen, noch könnte er sich das vornehmen. Schließlich ist er vor knapp 2000 Jahren in Rom den Märtyrertod gestorben. Wie gut, dass wir seine Briefe haben. Wie gut auch, dass es diesen Philipperbrief gibt. Und zumindest eines der Vorurteile, von denen ich gesprochen habe, müsste in sich zusammenfallen, wenn wir diesen Text ernst nehmen.

Das Vorurteil, das ich meine, betrifft die Wirklichkeit der ersten Gemeinden. Die Frauen, so wollen manche uns weismachen, haben da keine besondere Rolle gespielt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Paulus mit Frauen Schwierigkeiten gehabt habe.

Beides ist so nicht wahr. Paulus schreibt hier einen Brief an die Gemeinde in Philippi. Philippi, das war nach dem Bericht der Apostelgeschichte die erste christliche Gemeinde in Europa. Und die erste Taufe Europas, das war die Tauge von Lydia. Lydia war Unternehmerin. Sie handelte mit Farbstoffen. Nach ihrer Taufe hat sie Paulus und seine Begleiter zu sich nach Hause eingeladen. Und ihr Haus war sicher auch der Versammlungsort der ersten Gemeinde.

Die Gemeinde in Philippi wächst. Und die Frauen spielten auch nach der Startphase mit Lydia eine wichtige Rolle. Paulus nennt Evodia und Syntyche mit Namen. Mit Wohlgeruch lässt sich der eine Name übersetzen. Mit Glück der andere.

Eines Sinnes sollten die beiden sein, schreibt Paulus. Eines Sinnes zu sein, das ist Paulus wichtig. Schon im zweiten Kapitel des Philipperbriefes wirbt er für diese Einstellung. „Seid eines Sinnes.“ Und er fügt dort an: „Seid gesinnt, wie Jesus gesinnt war.“ Und dann folgt der wunderbare Hymnus, das einzigartige Christuslied: „Obwohl in göttlicher Gestalt, hielt er es nicht wie einen Raub fest, Gott gleich zu sein. Sondern er nahm Knechtsgestalt an und ward den Menschen gleich.“ Es ist das berühmte Christuslied, die wohl bedeutendste Stelle des Philipperbriefes.

Wenn Paulus im vierten Kapitel darauf abhebt, dass auch Evodia und Syntyche eines Sinnes sein sollen, dann geht es um mehr als um ein „Vertragt euch doch endlich wieder!“ Privatfehden sind nicht das Thema seiner Briefe. Paulus geht es um die Kirche. Und wir können mit einiger Sicherheit annehmen, dass die beiden Frauen Leiterinnen einer Hausgemeinde sind. So wie Lydia vor ihnen.

Paulus stellt Evodia und Syyntyche ein hervorragendes Zeugnis aus. „Sie haben sich mit mir für das Evangelium engagiert.“ „Sie haben dafür gekämpft“, schreibt er sogar. Evodia und Syntyche – sie sind bedeutende Leitungsfiguren der Kirche in Philippi. Und Vorbilder für andere Frauen bis heute.

Die Kirche war nie eine Kirche nur der Männer. Auch was die Leitungsstrukturen angeht. Wenn sie es zeitweise geworden ist, dann ist weder das Vorbild der ersten Gemeinden daran schuld. Noch der Apostel Paulus. Für Paulus gilt vielmehr das, was er kurz darauf in einem Brief an die Gemeinden in Galatien schreibt. „In Christus spielt es keine Rolle mehr, ob ich Sklave bin oder Freier, Jude oder Grieche, Mann oder Frau. In Christus sind diese Unterschiede aufgehoben.

Deshalb bittet Paulus die beiden Frauen, eines Sinnes zu sein und ihre Konflikte geschwisterlich zu lösen. Eines Sinnes zu sein – das meint nicht, vorhandene Konflikte zu unterdrücken und unter den Teppich zu kehren. Eines Sinnes zu sein, das bedeutet, einen angemessenen Umgang mit Konflikten zu finden. Und er schlägt dazu auch gleich einen Lösungsweg vor. Er rät dazu, den Konflikt mit einem Moderator anzugehen.

Einen engen Gefährten fordert er dazu auf. Wir wissen nicht, er hier konkret gemeint ist. Paulus nennt keinen Namen. Aber der Auftrag an den, wie er schreibt, „engen Mitarbeiter“, wörtlich an den, „dem er unter demselben Joch verbunden ist“ – der Auftrag zur Vermittlung ist klar.

Es wäre ein Jammer, diese ersten drei Verse wegzulassen, wenn die EMS ein Fest feiert. Fast wäre ich dieser Versuchung erlegen und diesem Vorschlag tatsächlich gefolgt. Zum Glück habe ich dann doch den zweiten, eigenen Blick gewagt.

Paulus beschreibt hier schließlich ein Modell des gelingenden Miteinanders. Dies gilt für Ihre Gemeinde hier am Ort. Es gilt für unsere Landeskirche. Es gilt aber auch für die Familien der beiden Kinder, die heute hier getauft wurden.

Nicht zuletzt ist aber auch die EMS auf ein solches Miteinander angewiesen. Schließlich sind in ihr nicht nur Hausgemeinden verbunden wie in Philippi. Und Kirchengemeinden wie in unserer Landeskirche. Die EMS verbindet Kirchen mit völlig unterschiedlichen Traditionen. Mit unterschiedlichen theologischen Prägungen. Mit unterschiedlichen Leitungsstrukturen. Und an völlig unterschiedlichen Orten der einen Welt, in der wir leben. Und dass Konflikte auch zwischen Kirchen nichts Ungewöhnliches sind, das haben Sie im Kirchenbezirk Wertheim schließlich in Ihrer eigenen Partnerschaftsarbeit erlebt.

Doch zurück zu Paulus. Die konkreten Ratschläge sind erteilt. Dann erst, nach diesen konkreten Impulsen, wird Paulus weder allgemein. Richtet sich an alle, die den Brief lesen. Und fordert sie auf: „Freuet euch!“

Erneut ist Vorsicht geboten. Paulus ist doch nicht weltfremd. Und er weiß selber, dass Freude nicht angeordnet werden kann. „Jetzt freut euch doch endlich einmal!“ Das hat Paulus nicht gemeint. Die Freude, von der Paulus hier spricht, sie meint keine kurzzeitig aufwallende Emotion. Zumindest nicht nur. Schon gar kein Appell zu „Friede, Freude, Eierkuchen“, wie wir das gerne nennen.

Paulus geht es hier um eine Haltung. Freude meint eine Einstellung, die hilft, Konflikte zu bewältigen, wie den zwischen Evodia und Syntyche. Freude meint eine Haltung, die nicht nörglerisch den verpassten Möglichkeiten nachtrauert. Freude vertraut vielmehr darauf, dass die größeren Möglichkeiten noch vor uns liegen.

„THe best ist yet to be. - Das Beste kommt jetzt erst noch“, hat Barack Obama in der Rede nach seiner Wiederwahl gesagt. Ich wünsche ihm, dass er recht hat. „Aber das Beste kommt erst noch“ – genau das meint hier Paulus, wenn er zur Freude ermahnt.

Und weil das Beste erst noch kommt, sind wir zur Mitarbeit verpflichtet. „Das Beste kommt gerade dadurch, dass Ihr Euren Mitmenschen gütig begegnet. „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen“. So hat das Martin Luther ursprünglich übersetzt. In einer Kirche, die seinen Namen trägt, sei doch zumindest an diese schöne Sprache erinnert.

Freude und Freundlichkeit, Freude und Güte, Freude und Lindigkeit – dass wir dazu in der Lage sind, das hat für Paulus einen einfachen Grund: „Der Herr ist nahe!“ In zwei Wochen beginnt im Kirchenjahr wieder die Zeit des Advent. Drei Wochen der inneren Einstellung auf das Fest der Freude über die Menschenfreundlichkeit Gottes. Die Wochen des Advent könnten uns Gelegenheit geben, es mit Güte und Lindigkeit zu probieren. Es käme zumindest auf den Versuch an. Und mit Paulus hätten wir einen gewichtigen Motivator auf unserer Seite.

Aber wie gesagt: Paulus ist nicht weltfremd. Paulus weiß, dass Appelle wenig fruchten, wenn es um Einstellungen und Haltungen geht. Deshalb verweist er ganz ausdrücklich auf das Gebet: „Macht euch keine Sorgen“, schreibt er. „Sondern“ – und jetzt wörtlich – „in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“

Das Gebet ist der eigentliche Weg, um zur Haltung der Freude zu finden. Das Gebet nicht nur als Bitte. Sondern auch das Gebet als Form des Dankes. Und gerade damit erweisen sich die 7 Verse aus Philipper 4 als gute Wahl für einen Gottesdienst, in dem die Freude über 40 Jahre Evangelische Mission in Solidarität im Mittelpunkt steht.

Was bleibt für uns an diesem Tag von dem, was Paulus doch zunächst nach Philippi geschrieben hat. Es bleibt ein Dreifaches:

• Die Kirche ist von allem Anfang an eine Kirche der Gemeinschaft von Männern und Frauen.

• Die Kirche ist nie ohne Konflikte, aber sie findet Wege der Lösung, weil sie das Beste von der Zukunft erwartet. Freude nennt Paulus diese Haltung.

• Und ein letztes: Der tiefste Weg der Ermöglichung einer Gemeinschaft in Freude und in solidarischer Zuwendung ist das Gebet.

Manchmal wünsche ich mir, der Apostel Paulus lebte mitten unter uns – so habe ich vorhin gesagt. Ich bin sicher: Er würde uns das eben Gesagte und noch mehr ins Gästebuch schreiben. Er würde heute fröhlich mit uns feiern.

Er würde uns zum Feiern ermutigen und in unserer Freude stärken mit denselben Worten, die damals schon den Menschen in Philippi zu Herzen gegangen sind: Freut euch! Das Beste kommt erst noch. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Traugott Schächtele

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