PREDIGT ÜBER OFFENBARUNG 4,14-22
AM MITTWOCH, DEN 21. NOVEMBER 2012
IN DEN SIMEONSKAPELLE IN KA-WALDSTADT


Liebe Gemeinde!

Über das Evangelisch sein zu predigen, in einem ökumenischen Gottesdienst – das ist an sich schon ein Wagnis. Und dies dann zu tun, wenn es um eine Stadt geht, die Laodoicea heißt, das macht sie Sache nicht leichter. Schließlich liegt Laodicea weit entfernt von Wittenberg, Zürich und Genf. Weit entfernt auch von Rom. Und all den Städten, an denen unsere Art des Christseins ihre Wurzel hat.

Kennen Sie Laodicea? Oder Smyrna und Sardes? Thyatira und Ephesus? Philadelphia und Pergamon? Einige der Namen haben sie sicher schon gehört. Die meisten dieser Orte kann man noch besichtigen. Zumindest die Ruinen. Prächtige Bauwerke zum Teil noch. Steinerne Zeugen einer großen Vergangenheit.

All diese Städte liegen in der heutigen Türkei. Am Übergang vom ersten zum zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt waren das wichtige Gemeinden des damaligen Christentums. In diesen Städten standen sie Gemeinen in voller Blüte. Das Zentrum des Christentums hatte sich dahin verschoben. Lag nicht mehr in Jerusalem und in Antiochia wie zunächst. So wie sich das Zentrum des Christentums heute von Europa und Nordamerika nach Asien verschiebt. Und nach Afrika.

Um Laodicea soll es heute gehen. Laodicea, das ist der Ort, an den Johannes, der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung einen nicht gerade freundlichen Brief schreibt.

Sieben solcher Briefe finden wir am Anfang der Offenbarung. Und sie sind an die eben genannten sieben Städte in der Türkei gerichtet. Kleinasien, Asia minor, nannten man dieses Gebiet damals.

Johannes, der Seher, hat sie nicht selber verfasst. Denn am Anfang des biblischen Offenbarungsbuches heißt es:

Ich, Johannes, euer Bruder und Leidensgenosse war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden.
Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach.


Und dann folgen sieben Briefe. Sie richten sich jeweils an den Engel der sieben Gemeinden. Dieser Engel ist ein Bild für die Gemeinde als Ganze. Und die sieben Gemeinden Kleinasiens – sie stehen für die ganze damalige Kirche.

Völlig unterschiedlich werden diese Gemeinden beschrieben. Das ist heute nicht anders. Kirche setzt sich zusammen aus vielfältigen Weisen des Kircheseins. Von Kirchen unterschiedlichen Typs hat Kardinal Koch vor zwei Wochen als Gastredner bei der EKD-Synode gesprochen.

All die sieben Kirchen, an die Johannes schreibt, an die er im Auftrag Christi schreiben muss, bieten einen Anknüpfungspunkt. Sie erweisen sich als Ort des Gelingens, wenn es um die Ausbreitung des Glaubens geht. Sie werden bestärkt, es weiter zu versuchen mit dem, was sie auszeichnet.

Nur eine Gemeinde, ein Typ des Kirchseins fällt gänzlich heraus aus dieser Reihe. Diese Gemeinde erhält ein hartes Urteil. Sie bietet wenig, aus dem sich etwas machen lässt. Und es ist die Kirche, die in manchem unserem Kirchesein in dieser Region, an diesem Ort der Welt am meisten ähnelt.

Gut evangelisch wollte ich gerade diesem Vorschlag für einen Predigtext nicht ausweichen. Und ihn zugleich als einen ökumenischen erweisen. Hören sie also, was der Seher Johannes im Auftrag Christi an eine der sieben Gemeinden schreibt.

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.
Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
Welche ich liebhabe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!


Ausgerechnet über Laodicea soll ich heute predigen. Die Stadt, die von sich selber wohl sagen konnte, sie sei reich. Und sei darum auf die Unterstützung anderer nicht angewiesen. Gut, dass sie uns gerade darin so sehr ähnelt. Das macht es mir leichter, diesen Text als einen wahrhaft ökumenischen zu verstehen. Als einen, der sich nicht an eine Konfession richtet. Sondern an Menschen, die in verschiedenen Konfessionen in einer Region, in einer Stadt, einem Stadtteil sogar, Kirche leben und gestalten wollen.

Dass sie diesen Buß- und Bettag mit einem ökumenischen Gottesdienst begehen und feiern, das tut gut. Aber es liegt auch nahe. Das Thema der Buße, der Umkehr, die Möglichkeit des Neuanfang, das ist kein Thema nur einer Konfession. Und der Verlust des staatlichen Schutzes dieses Feiertags ab dem Jahr 1995 muss uns in geschwisterlicher Verbundenheit wachsam stimmen. Die gleiche Haltung, die damals aus ökonomischen Gründen nur auf die evangelische Kirche gezielt hat, kann morgen ebenso schnell die römisch-katholische Kirche treffen. Schön also, dass wir diesen Gottesdienst gemeinsam feiern.

Ich möchte ihnen also Mut machen, sich diesem Brief nach Laodicea zu stellen. Womöglich macht er nicht nur Türen des Christseins zu. Sondern macht andere auch auf. Und diese Türen dürfen wir dann auch nicht verpassen.

Um den Brief zu verstehen, lade ich sie ein, ein paar Schritte hinein in diese Stadt machen. Wenn schon nicht real, dann zumindest in unserer Vorstellung. Laodicea war eine Metropole. Eine Stadt mit Mittelpunktsfunktion für die ganze sie umgebende Region. Eine Stadt des Wohlstands und der Wirtschaft. Eine Stadt der Kultur und der Religionen. Eine Stadt des Reichtums, die schon damals fließendes Wasser aus einem raffinierten Leitungssystem kannte.

An Theatern und Tempeln gibt es keinen Mangel. Touristen und Pilger bevölkern die Straßen. Sie lassen ihr Geld in der Stadt. Die Wirtschaftskraft verdankt sich dem Baumwollanbau und den Heilquellen. Das Heilwasser wird zur Produktion einer Augensalbe verwendet, die sich gut verkauft. Dazu eignet sich die Wurzel einer Pflanze zur Herstellung von Purpur.

Die neue Religion wird in das alte Denken eingepasst. Sie bleibt Zutat. Etwas, das man sich gönnt. Aber nichts, was das Leben entscheidend prägt. Ich muss die Gemeinde von Laodicea nicht kritisieren. Das steht mir nicht zu. Aber ich lese, was im Brief an die Gemeinde steht.

Reich ist sie – und steht vor Gott doch mit leeren Händen da. Der Verkauf von goldenem Schmuck floriert. Gold ist genug in der Stadt. Aber der Brief ermahnt: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst.“ Goldene Amulette werden im Tempelshop verkauft. Und ein über die Grenzen hinaus gerühmtes Heilwasser für die Augen. Dieser Satz muss die Menschen damals besonders geschmerzt haben. Andere wollt ihr sehend machen. Und seid doch selber blind.

Die Quellen, aus denen man das Heilwasser gewonnen hat, scheinen nicht von allzu hoher Temperatur gewesen zu sein. Nicht heiß. Und nicht kalt. Lau eben. „Wie ihr!“, lautet die Feststellung im Brief. „Wenn Ihr doch mindestens heiß oder kalt wärt. Aber ihr seid lau. Wie euer Heilwasser.

Meine Zuwendung zu euch – sie kann nur ein Aufruf zur Umkehr sein. Mitten unter euch bin ich nicht zu finden. Aber draußen vor der Tür. Ich lasse euch nicht los. Ich bin da. Aber ihr müsst mich überhaupt erst einmal einlassen. Eure Gottesdienste will ich mit euch feiern. Ich will unter euch Präsenz zeigen. Wenn ihr Abendmahl feiert. Und wenn ihr so lebt, dass ich Raum bei euch habe.“

Ökumenisch ist dieser Text allemal. Denn er nimmt nicht die einen aus. Und hat nur die anderen im Blick. Ökumenisch verbunden sind wir, wenn wir uns von ihm treffen lassen. Und wenn wir ernsthaft prüfen, wie wir die Tür wieder öffnen, von der der Brief sagt, sie sei zu.

Evangelisch ist dieser Text. Evangelisch nicht im konfessionellen Sinn. Evangelisch ist er darin, dass er für uns zum Evangelium werden kann. Zum Aufruf, das Leben neu auszurichten. Uns betreffen zu lassen von dem, was er zu einer gefährlichen Weise des Christinnen- und des Christseins sagt. Ein Buß- und Bettagstext in verbindender Absicht.

Zugleich ist er auch katholisch. Auch nicht im konfessionellen Sinn. Sondern im Blick darauf, dass die sieben Briefe des Johannes die ganze Kirche im Blick haben. Und darin, dass dieser Brief nach Laodicea nicht die Existenz von Konfessionen kritisiert. Sondern eine Art des Kircheseins, die in der eigenen Stärke gründet. Und den, der Wege zu einem anderen Leben weisen könnte, erst einmal draußen vor der Türe warten lässt. Dabei will er doch zu wahrem Leben verhelfen. Einem Leben, das in Gott gründet, und nicht nur in den eigenen Möglichkeiten.

„Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht!“ Vor Jahren war das einmal ein Werbeslogan der Bildzeitung. Ob gerade diese Zeitung immer den Mut zur Wahrheit aufbringt, sei einmal dahin gestellt. Aber der Satz an sich ist richtig. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht!“ Der, der diese Briefe diktiert, bring diesen Mut auf. Auch wenn dieser Mut die Adressaten des Briefes erst einmal kräftig durcheinanderwirbelt. Und die eigene Sicherheit und Standfestigkeit testet.

Die Wahrheit ist: Ihr seid auf dem Holzweg! Und ich wage nicht, mir vorzustellen, was in Sendschreiben an uns zu lesen wäre. Und was uns zu denken geben könnte:

„An religiösen Angeboten herrscht kein Mangel unter euch. Prächtige Kirchen. Teure Angebote und Kurse. Präsenz auf allen Kanälen. Aber ihr könnt die Sehnsucht der Menschen nicht wirklich stillen. Religion ist Luxus, den ihr euch leistet. Und Geschäft.
Eure Wirtschaft floriert. Und eure Banken machen Gewinne. Aber die Armut unter euch nimmt zu.
Ihr könntet den Hunger besiegen. Wenn ihr nur wolltet. Aber ihr forscht lieber an lukrativeren Projekten. Und verkauft denen Waffen, die nicht einmal ihr Essen bezahlen können.“

Ich will aufhören. Es ist kaum zu ertragen. Wie die Menschen in Laodicea den Brief, der sich erreicht auch kaum ertragen konnten. Oder ich mache weiter, so wie der Briefschreiber weitermacht:

„Tut Buße. Kehrt um von eurem Weg. Ändert eure Herzen. Und euer Verhalten. Ihr seid nicht allein. Menschen guten Willens gibt es auch unter euch. Menschen, die nach den besseren Wegen suchen. Nach einem gelingenden Miteinander. Und nach mehr Gerechtigkeit. Menschen, die sich nicht abgrenzen hinter den schützenden Mauern der Konfessionen. Die Kirche nicht exklusiv verstehen. Sondern offen. Einladend. Grenzen überschreitend.

Christin sein und Christ – alleine und nur für sich geht das nicht. Christin sein und Christ – wo Menschen das wagen, ernstlich wagen, drängt es zum Miteinander. Und zum Neuanfang. Vor 500 Jahren in der Reformation. Und vor 50 Jahren im 2. Vatikanischen Konzil.

Nicht in Gegenrichtung geht unsere Umkehr. Sie geht aufeinander zu. Und miteinander in die Zukunft. Auch als Kirchen verschiedenen Typs. Aber als Kirchen, die im gemeinsamen Glauben verbunden sind.

Diese Umkehr erfordert lebenslange Übung. Umkehr will gelernt und gewagt sein. Den Menschen in Laodicea galt das. Damals vor 2000 Jahren. Heute gilt es uns. Daran will uns der Buß- und Bettag erinnern. Auch wieder im Jahr 2012. Amen.



Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn