WEIHNACHTEN – EINE BESONDERE HERAUSFORDERUNG


1. Das Weihnachtsfest enthält eine theologisch höchst anspruchsvolle Botschaft, die eine hohe Deutungskompetenz verlang. Dies gilt zunächst für die anderen Feste des Kirchenjahres auch, zumal für den Karfreitag und den Ostersonntag.

Aber das Theologumenon der Inkarnation, die Aussage, dass Gott Mensch wird, steht mehr als andere theologische Gedanken in der Gefahr des rührseligen Missverständnisses. Die Botschaft der Mensch-werdung Gottes ist ganz fundamental zu unterscheiden von irgendwelchen Mythischen Erzählungen von der Apotheose und der Aufnahme von Menschen in den Götterhimmel.

Die Richtung ist geradezu umgekehrt. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein!“ – um es mit einem weihnachtlichen Lied auszudrücken. Von daher ist bei der Weitergabe der Weihnachtsbotschaft höchste Vorsicht und Sensibilität von Nöten.

2. Das Weihnachtsfest ist das emotionalste unter den Festen des Kirchenjahres. Das Lichterfest in der dunkelsten Zeit des Jahres hat bereits die Römer ihren Sonnengott feiern lassen. Es bedient die Sehn-süchte der Menschen nach einer heilen, ja auch nach einer heilen Welt. Die Ernstnahme dieser Sehnsucht macht Weihnachten attraktiv. Sie verlangt von uns aber auch klärende, klar stellende Worte, worin die heilsame Wirkung dieser zu Herzen gehenden Geschichte von der Geburt eines Kindes unter armseligsten Verhältnissen liegt – und was dieser Geschichte dann auch ihren Glanz zu verleihen vermag.

3. Das Weihnachtsfest eignet sich wie kein anderes Fest im Kirchenjahr für eine Dramatisierung und eine Inszenierung in gestalterischen Methoden, die sich nicht allein auf das Medium des berichtenden Wortes verlassen. Kein Erzählkranz zumindest im Neuen Testament bietet ein so weites Handlungs-spektrum, das von Bethlehem über Jerusalem und Syrien bis nach Rom reicht. Kein anderer Erzählzusammenhang hat vom armen Hirten über die sternkundigen Magier, vom Provinzkönig Herodes bis zum großen Kaiser in Rom alles zu bieten. Kein anderes biblisches Geschehen bietet ein Spektrum der Charaktere vom bösen, mordenden Herodes bis zur Maria, die durch das vom Demütigen „mir ge-schehe, wie du gesagt hast“ gekennzeichnet ist.

4. Keines der biblischen begründeten Feste kann daher auch auf eine so lange und reichhaltige Tradition der darstellenden Aufnahme zurückblicken.

Kein Fest hat Künstlerinnen und Künstler mehr inspiriert als Weihnachten. Die Weihnachtsgeschichte wird zur Aufführung gebracht. Wo gibt es noch Gemeinden, die hier abseits stehen wollen. Sie wird gemalt und besungen. Viele der großen Künstler haben Darstellungen der heiligen Familie und des Stalls. Das Weihnachtsoratorium füllt mehr die Konzertsäle als die Kirchen – aber immerhin. Und die Lieder der Weihnacht gehören zu denen, die nicht nur gehört, sondern auch gesungen oder gesummt werden. Schließlich geht die Kenntnis über die erste Strophe selten hinaus.

Und gerne bekenne ich selber, dass ich die weihnachtlichen Choräle im Gesangbuch liebe und sehr bedauere, wenn sie in den Gottesdiensten früher den anderen und sicher auch schönen Chorälen weichen, als es nötig ist.

Kein anderes Fest ist so unwidersprochen angereichert worden durch Erzählstränge, die biblisch überhaupt keinen Anhalt haben. Da gibt es den Räuber Horrificus und die Schnecke Sophia, da spielt der ungastliche Wirt in Bethlehem ebenso eine Rolle wie der vierte König – ganz abgesehen davon, dass auch die Protestanten zusehends fröhlich und lieber Dreikönig feiern als Epiphanias – und immer mehr Menschen sind sich sicher, dass die Bibel von zumindest drei Königen berichtet.

5. Das Weihnachtsfest lockt nach wie vor die meisten Menschen in die Kirche. Nach den Statistiken der EKD besucht ein Drittel der Mitglieder der evangelischen Kirche an Weihnachten einen Gottes-dienst. Die Zahl der sich immer mehr ausdifferenzierenden Gottesdienstangebote wächst nach wie vor. Längst erfreuen sich die Christmetten des Besuchs von Menschen, die sich ansonsten eher an der Architektur eines Kirchengebäudes erfreuen. Ähnliches gilt übrigens für die Feier der Osternacht.

Wenn denn die Menschen kommen – und wenn es womöglich einer der wenigen oder der einzige Got-tesdienst im Jahr ist, den manche mitfeiern, dann erfordert das von uns als den Gestaltungsverant-wortlichen liturgische und homiletische Höchstleistungen. Auch Weihnachten ist eine missionarische Chance – und wir sollten sie nicht sorglos, unnötig oder gar überheblich dran geben und die Kommen-den als Weihnachts- oder Gelegenheitschristen denunzieren.


Traugott Schächtele

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