“GOTT WIRD MENSCH”
ANSPRACHE ÜBER JOHANES 1,1-14 IM GOTTESDIENST
A FESTIVAL OF NINE LESSONS AND CAROLS
AM16. DEZEMBER 2012 (3. ADVENT) IN DER CHRISTUSKIRCHE IN FREIBURG


"Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Um diesen Satz, liebe Gemeinde, drehte sich im Frühsommer dieses Jahres ein sehenswerter Kino-Film. „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Wir sind noch nicht am Ende. 27 Menschen – ermordet in Newtown. 14 Menschen verbrannt in Neustadt. Es kann noch nicht das Ende sein – dieses Leben zwischen Neustadt im Schwarzwald und Newtown in Connecticut.

Am Ende wird alles gut. Darauf richten wir unsere Hoffnung. Gerade dann, wenn die Gegenwart zu wünschen übrig lässt. Und wann tut sie das nicht!

Wenn alles gut ist, dann ist der Lauf der Dinge am Ziel. Dann kommt auch die Geschichte an ihr Ende. Dann hört alles Hoffen, alles sehnsüchtige Warten auf bessere Zeiten endgültig auf.

Der Beginn des Johannes-Evangeliums korrigiert diese Sichtweise. Er stellt sie geradezu auf den Kopf. Der Lauf der Dinge – er wird nicht erst am Ende gut. Er ist gut von allem Anfang.

Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Gott war das Wort. Wo es Gott ist, in dem alles seinen Anfang nimmt, was ist, da ist schon der Anfang gut. Was gut ist, kann nur gut sein, weil es sich als gut erweist in Beziehung. Gott ist gut, weil sich er von allem Anfang nicht selbst genug ist.

Von allem Anfang, als nichts war, außer Gott - da ist Gott schon in sich selber Beziehung. Da ist Gott vielfältig. Am Anfang - da ist nicht unbewegtes Sein. Kein unbewegter Beweger, wie uns theologische Tradition weis machen will. Gott ist Gott im Logos. Gott ist Gott in jenem Sein, das Luther mit Wort übersetzt. Und das doch vielmehr meint als nur Wort. Gott ist Weisheit und Verstand. Gott ist Vernunft und Liebe. Kraft ist Gott und Tat, wie Goethe seinen Faust an dieser Stelle übersetzen lässt, um dem Wort logos einen Sinn abzugewinnen.

Es reicht völlig aus, sich beim Übersetzen in Bescheidenheit zu üben. Mitteilung, Message ist Gott. Und darum Wort. Gott ist, indem er spricht. Von allem Anfang.

Was Gott nicht ist seit allem Anfang, das ist Dunkelheit. Gott ist Licht. Was Gott nicht ist seit allem Anfang, das ist Lüge. Gott ist wahr. Was Gott nicht ist seit allem Anfang, das ist Zersetzung und Zerstörung. Gott ist gut.

Logos ist Gott. Wort. Zugewandtes Wort. Wort, das ins Leben ruft. Seit allem Anfang. „Und Gott sprach. Es werde! Und es ward.“ Das lesen wir in der Bibel schon auf der ersten Seite. Dort, wo vom Ur-Anfang berichtet wird. Gottes Sein ist im Werden. Und wenn Gott wird, entsteht Gutes.

Darum spricht Gott sich aus. Verdammt sich nicht selbst zum wortlosen Schweigen. Gottes Werden findet sein Ziel im Wort, das Mensch wird. Gott wird Mensch. Der Logos, das Wort wird Fleisch. Licht wird in der Dunkelheit. Gutes wird im Bösen. Gott wird Mensch. Die Grenzenlosigkeit Gottes findet ihren Ort in der Begrenztheit menschlichen Seins.

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Theodor Adorno hat das in seinen Minima Moralia geschrieben, Auch dies ist ein Satz der Furore gemacht hat im bald zu Ende gehenden Jahr. Die heftig angefeindete Adorno-Preisträgerin Judith Butler machte ihn zur Grundlage ihrer Rede, als sie den Preis dann doch erhielt. Sie bezweifelte, ob es mit diesem Satz in jeder Hinsicht seine Richtigkeit hat.

Der Beginn des Johannes-Evangeliums zweifelt diesen Satz auch an. In fundamentaler Weise. Licht überstrahlt doch die Dunkelheit. Die Schönheit bringt sogar die Unansehnlichkeit zum Leuchten. Die Wahrheit entfaltet Wirkung in der Unwahrheit. Gott wird Mensch. Gott bleibt bei sich, gerade dadurch, dass er außer sich ist. Außer sich geht.

Nicht herablassend ist das, was sich da ereignet. Gott treibt sein Sein auf die Spitze. Indem er Mensch wird, kommt sein Gott-sein-in-Beziehung ans Ziel. Gott wird Mensch. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

Weihnachten ist das – ohne Maria und Josef. Ohne Hirten und Könige. Ohne Himmelslicht und Engelschöre. Weihnachten aber – mitten in der Welt, in die Gott sich einmischt. Auf die Gott sich einlässt. Gott wird Mensch!

Wirklich verstehen kann ich das nicht. Niemand kann das wirklich verstehen. Aber entziehen will ich mich diesem Werden Gottes auch nicht. Das Gute sucht sich Raum in dieser Welt. Seit allem Anfang. Ins Leben ziehen kann ich diese Wahrheit. Mich in ihr bergen. Auf sie hören. Sie weitersagen. Sie ihr Licht entfalten lassen. Vor allem da, wo Gottes Sein im Wort noch nicht das Sein der Welt bestimmt.

Gottes Geschichte in seinem eigenen Sein wandelt sich zur Geschichte Gottes mit uns Menschen. Zur Geschichte mit der ganzen Schöpfung. Nichts stellt uns diese Geschichte anschaulicher vor Augen als die Geschichte eines Kindes. Dieses besonderen Kindes, dessen Ankunft wir erwarten in diesen Tagen des Advent. Die Geschichte seiner Geburt. Die Geschichte dieses Kindes mit den Menschen. Die vielen Worte des Zuspruchs und der Heilung. Die Geschichte mit den Menschen, die diesem Wort zusetzen. Die es zum Schweigen bringen wollen. Weil sie dieses Wort nicht ertragen. Weil sie sehen, dass die Welt doch ganz anders aussieht.

Weil der Mensch dem Menschen zusetzt, hat es dieses Wort schwer. Weil zerstörerische Kräfte sich entfalten. Sinnlos entfalten. Deshalb steht dieses Wort im Verdacht, unwahres Wort zu sein. Die Welt ist nicht einfach nur gut. So wie Gott gut ist. Viel zu oft noch ist das Gute verborgen. Ist die Schönheit entstellt. Viel zu oft und mit Recht erklingen Lieder der Trauer und der Klage. Hoffentlich auch Lieder des Widerstands. Und es wären Lieder ohne Ende, wenn Gott nicht gut wäre. Gut seit allem Anfang.

Wie eine Leuchtspur zieht sich diese Geschichte des Guten Wortes Gottes durch den Gang der Welt. Verborgen oft. Aber nicht vergeblich. Fast unhörbar. Aber nicht ungesagt. Zellen des Menschlichen haben sich gebildet. Und wachsen. Viel zu langsam oft. Nicht selten gegen den Trend. Und häufig gegen Widerstände.

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Unser Leben – es spielt sich ab auf freier Strecke zwischen Anfang und Ende. Zwischen Neustadt und Newtown. Irgendwo zwischen Kreißsaal und Sterbezimmer. Zwischen Krippe und Grab. Unser Leben spielt sich ab in jenen Sphären, in denen wahrhaftig noch nicht alles gut ist. Hier. Mitten auf der Erde.

Die Zeit, in der wir unser Leben leben, sie ist noch nicht das Ende. Aber seit allem Anfang zieht sich diese Spur des Guten durch die Welt. Seit allem Anfang ist Gott gut. Gott findet zu seinem Sein, indem er Mensch wird. Wie wir. Der Mensch findet zu seinem Menschsein, indem er sich darauf besinnt, dass es die Züge Gottes sind, die sein Gesicht zum Leuchten bringen. Daran erinnert uns das Kind in der Krippe. Im Anfang war das Wort. Und dieses Wort wird Mensch. Gott nimmt Wohnung mitten auf der Erde.

Verstehen mag ich’s vielleicht nicht. Noch nicht. Aber feiern – feiern will ich’ schon. Und heute schon einmal alles gut sein lassen. Amen.


Traugott Schächtele

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