ANSPRACHE ÜBER JOHANNES 7,28+29
IN DEN CHISTVESPERN
DER CHRISTUSKIRCHE IN MANNHEIM
AM24. DEZEMBER 2012 (HEILIGABEND)


Liebe Heiligabendgemeinde!

„Mit geblendeten Augen und einem Lächeln auf dem Gesicht zog man durch die weit geöffnete hohe Flügeltür direkt in den Himmel hinein.

Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige, leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte, flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der weißgedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken beladen, von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe kleinerer, mit Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von brennenden Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die aus den Wänden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln.“


Mit diesen beeindruckenden Worten beschreibt der Schriftsteller Thomas Mann das Weihnachtsfest im neuen Haus der Familie Buddenbrook in der Lübecker Mengstraße 4. Weihnachten, nicht in der Kargheit des Stalls. Nein - Weihnachten als vorweggenommenes Fest der himmlischen Fülle.

Wie gut, dass sich die weihnachtlichen Türen auch bei uns wieder öffnen. Wie gut, dass endlich Heiligabend ist. Dass endlich all das unterbrochen wird, was viele seit Wochen in Atem hält. Und nicht selten beinahe den Atem genommen hat. Die vorweihnachtliche Anspannung. Sie kann endlich von uns abfallen. Auf den To-do-Listen mit den immer neuen Aufgaben ist das meiste abgearbeitet und durchgestrichen. Die Gespräche mit erhöhter emotionaler Temperatur und reizanfälliger Färbung. Sie weichen hoffentlich einem konfliktfreieren Miteinander. Wie gut, dass endlich Heiligabend ist.

Doch das Weihnachtsfest ist ein sensibles Gebilde. Es muss einiges in richtiger Weise zusammenkommen und zusammenpassen, wenn Weihnachten gelingen soll. Unser weihnachtlicher Festteppich – er ist aus vielen Fäden gewoben.

Das Weihnachtsoratorium, das heute immer wieder anklingt, und weihnachtliche Gottesdienste gehören für viele dazu. Ebenso der Christbaum und der weihnachtlicher Schmuck der Wohnung. Geschenke, die andere erfreuen sollen, und ein festliches Essen sind Kennzeichen dieses Festes. Weiße Flecken im Terminkalender. Weihnachtliche Grußkarten – solche, die wir erhalten und solche, die wir geschrieben haben.

Die Puppenstube und die Eisenbahn, die früher nur über die Festtage aufgebaut wurden. Die besonderen Gerüche, die es nur an Weihnachten gibt, und die Vielfalt des besonderen weihnachtlichen Gebäcks. Besuche, die schon traditionell auf dem Programm stehen in diesen Tagen. Und die jedes Jahr neue Sehnsucht, alles möge sich irgendwie zum Besseren hin wandeln – all das gehört unauslöschlich dazu, damit das Fest der Weihnacht gelingt.

Wir alle sind darauf aus, dass die Realität unserer je eigenen Weihnacht sich dem Ideal annähert. Oft allerdings bleibt dieses Ideal nicht mehr als ein Traum. Das war am Ende auch im Hause Budenbrock nicht anders.

Doch mehr als alles weihnachtlichen Planen und Agieren, mehr als alle anderen weihnachtlichen Akteure steht doch ein Mensch in besonderer Weise im Mittelpunkt: das Kind in der Krippe. Allein auf dieses Kind kommt es an. Die Geschichte und die Umstände seiner Geburt – sie geben Anlass und Rahmen all unserer weihnachtlichen Aktivitäten. Sie machen uns alle zu Expertinnen und Experten der weihnachtlichen Erwartungen. Und des weihnachtlichen Feierns.

Aber nicht selten kommt an Weihnachten noch einmal alles anders. Im häuslichen Feiern wie in den weihnachtlichen Texten. Plötzlich geht es gar nicht mehr um das rührselige, hilflose Kind. Wie in jenem Text, über den heute in den Christvespern berall gepredigt werden soll. Die weihnachtliche Bedeutung dieses Bündels Mensch, geboren in einer armseligen Absteige am Rand der Gesellschaft – sie verschwimmt und entschwindet scheinbar in ferner Beliebigkeit des Uranfangs.

Da wird im Johannesevangelium berichtet, dass auch dieser Jesus Lust am Feiern hat. Auch darin Mensch wie wir. Er geht nach Jerusalem zum Laubhüttenfest. Und ein Getuschel setzt ein wie bei uns, wenn wir einen entdecken, der irgendwie bedeutend ist. Ist er womöglich der, auf den alle schon so lange warten? Der, der die alte Welt zum Einsturz bringt in Gottes Namen und eine neue bessere errichtet? Ist der, der sich da unter die Leute mischt wie ich und du – ist er der Messias? Der Christus Gottes? Und dann folgt jener kleine Wortwechsel, den es heute weihnachtlich auszuleuchten und zu deuten gilt. (Wir hören Verse aus Johannes 7):

Da sprachen einige aus Jerusalem: Wir wissen, woher dieser ist; wenn aber der Christus kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist. Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.

Der, den die Leute da wieder erkennen in Jerusalem, das kann nicht der sein, den sie suchen. Der, der alles zum Besseren wendet, der muss doch aus anderem Holz geschnitzt sein als dieser Wanderprediger aus der galiläischen Provinz. Das kann eben nicht einer sein, wie ich und du. Der muss geradezu direkt vom Himmel kommen. Der, der die Verhältnisse zum Einsturz bringt und den Menschen Gerechtigkeit widerfahren lässt, der kann ja nicht in einem Stall geboren sein. Irgendwo weit draußen. Da, wo man nur die zum Freund hat, die sonst keiner haben will.

Auf der Suche nach dem Dreh- und Angelpunkt der Welt scheiden Stall und Krippe, so scheint es, aus. Da braucht es festliche Tafeln wie bei Buddenbrocks. Da braucht’s Kampagnen und Strategien. Da braucht es politische Erfahrung und ein breites Kreuz. Da braucht es Menschen, die mehr mitbringen als nur die Botschaft vom hereinbrechenden Reich Gottes wie dieser Wanderprediger vor 2000 Jahren.

Und Jesus antwortet, als hätte er nicht nur die Menschen damals in Jerusalem vor Augen. Sondern auch uns. Mit unserer heutigen Art, das Fest seiner Geburt zu feiern. „Ihr meint mich zu kennen“, sagt er. „Ihr gebt vor zu wissen, was ihr von mir zu erwarten habt. Und ihr seid geübt, das Fest meiner Geburt zu feiern. Ihr glaubt, meine Botschaft im Griff zu haben. Und manchmal meint ihr auch, mit mir fertig zu sein.

Aber ich speise mich noch einmal aus ganz anderen Quellen. Mich hat einer in diese Welt gesandt, der nicht auf Distanz geht, wenn es unangenehm wird. Einer, der sich einmischt. Und einlässt. Einer, der das Risiko nicht scheut. Und sich drangibt. Einer, der seine ganze Existenz in die Wagschale des Lebens wirft. Der sich nicht schert um Debatten, ob wir ein das vor seinen Namen setzen. Oder ein der oder ein die. Die Zeitungen waren voll von dieser Debatte. Und die Debatte um das Geschlecht Gottes hat gezeigt, wie wir alle unser eigenes Gottesbild mit uns herumtragen. Und offen gesagt, ein klein wenig gefreut hat mich diese Diskussion schon. Schließlich ist es nie von Schaden, wenn Menschen öffentlich übe Gott ins Gespräch kommen. Schon gar nicht so wenige Tage vor Heiligabend.

Jesus fährt fort in seiner Rede: „Weil Gott so ist, so unendlich, so weit und so vielfältig, deshalb bin ich wie ich bin. Euch nah wie kein anderer. Aber doch noch einmal ganz anders. Den Menschen in Liebe zugewandt wie niemand sonst. Und gerade darin vielen Menschen im Weg. Die Nähe suchend zu denen, die andere außen vor lassen. Und gerade deshalb anderen Menschen verdächtig.“ Eine weihnachtliche Rede, Jahrzehnte nach den Ereignissen der Weihnacht.

Die Spur dieses Menschen, der sich ganz in einem anderen gründet. Der von sich sagt, dass ein Wahrhaftiger ihn gesandt habe. Diese Lebensspur des radikalen Menschseins, die zum Gleichnis wird für die Wirklichkeit Gottes– sie beginnt auf den Hirtenfeldern vor Bethlehem. Sie beginnt da, wo die Engel ihr „Ehre sei Gott“ und ihr „Frieden auf Erden“ singen. Diese Spur nimmt da ihren Ausgangspunkt, wo eigentlich nicht ein würdiger Ort ist für einen Menschen. Und schon gar nicht für Gott. Diese Spur nimmt ihren Ausgang in einem Stall, zwischen Heu und Stroh. Zwischen Ochs und Esel.

Gott gibt sich zu erkennen in einem Kind. Gott macht sich klein und gering, um uns Menschen groß zu machen. Unkenntlich und gering macht sich Gott, um erkannt zu werden von denen, die von den Großen nichts zu erwarten haben. Wenn Gott uns dafür die Augen öffnet, dann ist es Heiligabend. Dann wird es Weihnachten. Dann sind wir eingeladen zu feiern. Dann sind wir zu Recht eingeladen, zu singen und zu jubilieren.

Der Weg zur Schönheit der Feier der Weihnacht - er führt durch den Stall.

• Der Weg zum Frieden in der Welt, er führt durch radikalen Machtverzicht. Dass Waffennarren in den USA, die Kinder mit noch mehr Waffen schützen wollen, zeigt, wie krank menschliches Denken bisweilen ist.

• Der Weg zu mehr Gerechtigkeit, er setzt ein mit der Bereitschaft zu teilen. Gerechtigkeit nur für eine abgeschottete Minderheit auf diesem Planeten, das ist eine Keimzelle neuen Unrechts.

• Der Weg zum Überleben des Planeten, er ist nur möglich auf den Straßen der Selbstbescheidung des Menschen, auch in Wissenschaft und Technik. Weder das Weiter so noch das immer mehr können ein Modell für unsere Zukunft sein. Gerade hier kann Religion Wesentliches beizutragen. Ich bin sicher: Spiritualität, Mystik und Askese werden unsere Zukunft mehr beeinflussen als das ausschließliche Vertrauen in die Gegebenheiten der Ökonomie.

Unsere Platzhalter im Stall an der Krippe, sie kommen bei Lukas gar nicht vor. Unsere Platzhalter im Stall an der Krippe - mehr als die Hirten sind es womöglich die Weisen. Sie müssen sich tiefer bücken als sie es gewohnt sind. Und von ihnen wird eine größere Radikalität der Umkehr gefordert als sie es sich zuvor haben träumen lassen.

Unsere Platzhalter sind die Weisen. Zu Königen hat sie die Tradition gemacht. Genauso hätten wir sie zu Politikern und Wissenschaftlern machen können. Zu Dichtern und Denkern. Zu Philosophen und Theologen.

Im Stall, im Angesicht des Kindes sind sie alle gleich. Weil von allen Ähnliches gefordert wird. Es ist ein anderer, der uns in die Spur der Weihnacht setzt als die klügsten Köpfe der Gegenwart vermöchten. Und von uns allen ist Größeres gefordert als nur als ein Blick in den Stall aus sicherer Distanz. Der Weg in den Stall ist der Weg des radikalen Neuanfangs. Des Vertrauens auf den, den wir nicht wirklich kennen. Und in dem doch alles einen Ursprung hat.

„Ihn, von dem ich komme, kennt ihr nicht. Aber mich kennt ihr. Und ihr wisst, wer ich bin!“, sagt das Kind in der Krippe, als es die Menschen als Erwachsener immer noch in Unruhe stürzt. Ihn kennen – mehr braucht’s nicht, damit es Weihnacht wird. Und weil wir ihn kennen, können wir auch nicht schweigen. Weil wir wissen, woher der kommt, der da in der Krippe liegt, klein und unbedarft als Mensch, als Kind wie wir, können wir singen. Von den Hoffnungen singen, die wir mit diesem Kind verbinden. Von den Hoffnungen, dass alles, was ist, sich wandelt und erneuert.

Nicht immer können wir das Kind der Weihnacht verstehen und ergründen. Das ist auch nicht nötig. Wenn Gott und Mensch zusammenkommen, das geht schon über den Verstand. Wenn der Himmel sich erdet und Raum findet in der kleinsten Hütte, dann bleibt uns nur zu schweigen. Und zu singen. „Christ der Retter ist da!“ Amen.


Traugott Schächtele

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