GEISTLICHER IMPULS
AM BEGINN DER SITZUNG EINES ÄLTESTENKREISES
AM 10. JANUAR 2013



Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses Jahr 2013 ist noch ganz jung und neu. Und hat es doch schon in sich. Auch die Jahreslosung für dieses Jahr 2013 ist noch ganz neu. Nicht der Text selber, der ist natürlich alt. Aber die Funktion, das Amt dieses Textes als Jahreslosung ist noch jung und neu. Und sie hat es auch in sich.

Darum traue ich mich, mit Ihnen am Beginn dieser Sitzung Ihres Ältestenkreises über diese Jahreslosung nachzudenken. Auch wenn Sie am Altjahrsabend oder an Neujahr oder in einem anderen Zusammenhang schon zum Nachdenken über diesen Satz eingeladen worden sind.

Im letzten, dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes, heißt es im 14. Vers ganz lapidar: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Harmlos und unverdächtig kommt dieser unscheinbare Satz daher. Weit weg von dem, was die Tagesordnung der Welt derzeit bestimmt zwischen Euro-Krise und Klima-Veränderungen. Weit weg, so scheint’s ist er auch von dem, was Sie als Ältestenkreis derzeit beschäftigt.

Aber Vorsicht! Ich will diesen Satz heute etwas näher herholen. Will ihn uns auf die Pelle rücken lassen. Aber das braucht einen kleinen Vorlauf. Es gibt nämlich verschiedene Wege und Traditionen, sich diesem Satz zu nähern: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Viele von uns kennen diesen Satz von Beerdigungen. Da wird er häufig am Ende gesprochen. Dann, wenn es um den Weg zum Grab geht. Die zukünftige Stadt, das ist dann die zukünftige Stätte, der niemand von uns entgeht. Nur haben wir es damit meist nicht so eilig. So verstanden, wäre die Jahreslosung ein Trostwort. Womöglich gar eine Vertröstung. Das Beste, das Wichtigste steht erst noch aus. Auf unsere Zukunft, auf unsere Zukunft bei Gott käme es alleine an.

Wir müssen diesen Satz nicht nur seelsorgerlich-tröstlich verstehen. Die Menschen, die den Hebräerbrief geschrieben und gelesen haben, die hatten ein klares Bild der zukünftigen Stadt. Die zukünftige Stadt, das war für sie das neue Jerusalem – so wie es in der Bibel, vor allem in ihrem letzten Buch, der Offenbarung beschrieben wird. Dieser Blick auf die neue Stadt, der hat dann schon auch eine gesellschaftliche Perspektive. Das neue Jerusalem, das ist kein individueller Zielort meines Lebens, das ist ein neues Gemeinwesen, das ist eine Stadt, in der andere Regeln gelten als die von Macht und Ohnmacht. Das neue Jerusalem, das ist die Stadt Gottes.

Es gibt dazu ein jüdisches Sprichwort, das heißt: „Gott wird das himmlische Jerusalem nicht betreten, er habe denn zuvor das irdische betreten. Das ließe sich durchaus brisant und politisch deuten. Der Streit um Jerusalem und die Frage, wem diese Stadt gehört und wer in ihr leben soll – diese Frage entscheidet womöglich bald wieder über Krieg und Frieden im Mittleren Osten.

Überhaupt ist die Frage nach der gerechten Stadt eine zentrale Frage des Überlebens der Menschheit. Immer mehr Menschen in dieser Welt leben in Städten und in Regionen, die verstädtern. Unsere Großstädte sind eher klein gegenüber den Metropolen vor allem in Asien.

Die Frage der Gestaltung unseres Gemeinwesens und der Städte der Zukunft führt uns schon näher heran an die Fragen, mit denen Sie es als Älteste zu tun haben. Schließlich sind Sie mit Ihrem Amt alle auch daran beteiligt, dieser Welt ein anderes Gesicht zu geben. Gott einen Ort, sich uns in dieser Welt zuzuwenden.

Bei beiden Deutungen geht es aber um die Zukunft. Um meine ganz persönliche nach dem Tod. Und um die Zukunft dieser Welt und ihrer Lebensräume.

Bleibt die dritte Deutung. Und die ergibt sich einfach aus dem Zusammenhang des Textes in der Bibel. Da wid nämlich davon gesprochen, dass Jesus draußen vor der Stadt gelitten hat. Und dass darum auch wir hinaus gehen sollen. Hinaus vor die Stadt. Weg von der Behaglichkeit. Mitten hinein in die Unwirtlichkeit dieser Welt. Dann folgt der Satz, dass wir hier keine bleibende Stadt haben. Und das heißt dann nichts anderes, als dass wir es uns nicht einfach bequem einrichten sollen. Und ganz weit weg schieben, was sich tut, da draußen vor der Türen, hinter denen wir meist noch ganz sicher leben.

Und gleich nach der Jahreslosung folgt noch das Programm, mit dem wir die zukünftige Stadt bauen sollen. Da heißt es: „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, das vergesst nicht. Denn daran findet Gott Gefallen!“

Diese dritte Deutung, die hat es dann tatsächlich in sich. Sie handelt nicht von der Zukunft. Sie handelt davon, wie wir die Gegenwart gestalten sollen. Und sie macht dadurch auch eine Aussage über die Kirche. Die Kirche, sie hat nämlich die Aufgabe, diese Stadt der Zukunft vorwegzunehmen. Draußen vor den Toren soll sie sich denen zuwenden, die vergessen, verraten und verkauft sind. Die zukünftige Stadt, diese Stadt, in der Gott das Sagen hat, die zu suchen und an ihr zu bauen, dazu ist die Kirche da.

Nun wissen Sie alle, wie schwer wir uns da tun. Und wie sehr wir alle nach den Gesetzmäßigkeiten der bleibenden Stadt agieren. Das haben Sie in den letzten Wochen und Monaten teilweise sehr schmerzvoll erfahren. Die zukünftige Stadt, und auch die zukünftige Form der Kirche, sie fällt uns nicht einfach in den Schoß. Sie wird uns zur herausfordernden, bisweilen zur überfordernden Aufgabe.

Ich frage mich: Woran mag das liegen? Zum einen: Wir haben alle ein doppeltes Bürgerinnen- und Bürgerrecht. Wir sind Bürgerinnen und Bürger der bleibenden Stadt. Und haben deren Gesetzmäßigkeiten heftig verinnerlicht. Der Aufbruch in die zukünftige Stadt, er ist mit Abschied und Trauer verbunden. Er ist verbunden mit der Aufgabe von Vertrautem. All dies tut weh. All dies verlangt Aufarbeitung. Macht Trauerarbeit und Bewältigung des Abschieds nötig und unumgänglich.

Gelingen, gut gelingen kann dies vor allem dann, wenn die Süße der Zukunft gegenüber der Bitterkeit des Abschieds die Oberhand gewinnt. Wenn wir uns locken lassen vom Reiz des Neuen, Unbekannten. Wenn wir etwas davon spüren, dass wir wanderndes Gottesvolk sind, wie es der Brief der Jahreslosung an anderer Stelle sagt.

In der Kirche tun wir uns fast alle damit schwer. Und auch all unsere Ämter, das eines oder einer Ältesten, das einer Pfarrerin, das einer Schuldekanin oder das eines Prälaten – all diese Ämter stehen in der Gefahr, das Leben in der bleibenden Stadt ordnen und gestalten zu wollen.

Was wir dringend brauchen, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft überhaupt, das sind Scouts für die Zukunft. Das sind Pfadfinder der neuen Wege. Das sind Stadtführerinnen und Stadtführer durch diese neue Stadt, in die wir aufbrechen sollen. Nicht irgendwann. Am Ende der Zeit. Sondern jeden Tag. Auch und gerade dann sind solche Scouts nötig, wenn hilfreiche Klarheit gefragt ist, auch im Blick auf Strukturentscheidungen. Auch bei Gruppenämtern und Namensgebungen.

Wir Evangelische sind ja stolz, die Kirche der Reformation zu sein. Doch Reformation ist kein Ereignis der Vergangenheit. Reformation ist auch kein Besitzstand, den es festzuhalten und zu verteidigen gilt. Reformation, recht verstanden, das ist der tägliche Aufbruch aus dem Sesshaft-geworden-sein des Glaubens in die Lust an der Unbehaustheit des Gottvertrauens. So verstehe ich auch die Jahreslosung. Und so kommt sie mir tatsächlich nah. Und rückt mir auf die Pelle.

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft. Und sie trug.“ Hilde Domin hat diesen kühnen Satz geschrieben. Ich setzte meinen Fuß in die Luft. Und sie trug.

Wenn die Luft uns tragen kann. Wieviel mehr an Vertrauen können wir da auf Gott setzen. Wenn uns diese Gewissheit des Getragenseins bestimmt, dann kann es doch eigentlich nichts Schöneres geben als dass wir uns gemeinsam auf die Suche machen. Auf die Suche nach der zukünftigen Stadt, die längst schon im Bau ist.

Ich hoffe zaghaft, nein, ich bin sicher, wir werden auch heute Abend auf Spuren dieser neuen Stadt Gottes stoßen. Mitten unter uns. Mitten in unserem Leben.

Ich schließe mit einem Gebet in Anlehnung an den schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti:

Du willst uns noch einmal ganz neu haben, beleben mit deinem Geist, du, Gott, der du alles verwandelst. Lass uns, wenn’s drauf ankommt, im Gegner den Bruder, in der Störerin die Beleberin, im Unangenehmen den Bedürftigen, in der Süchtigen die Sehnsüchtige, im Prahlhans den einst Gedemütigten und im Schwarzmaler den Licht- und Farbenhungrigen erkennen. Leicht ist das nicht. Es bräuchte dazu, o Gott, nicht mehr als die Gegenwart deines Geistes. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn