PREDIGT ÜBER JOHANNES 8,21-30 (IN AUSWAHL)
AM SONNTAG, DEN 24. FEBRUAR 2013 (REMINISCERE)
IN SANDHAUSEN


Das Johannes-Evangelium, ist anders, liebe Gemeinde! Das Johannes-Evangelium, dem der heutige Predigttext entstammt, ist zunächst einmal anders als die drei übrigen Evangelien: Matthäus, Markus und Lukas. Matthäus und Lukas haben das Markus-Evangelium gekannt und als Vorlage benutzt. Man nennt diese drei Evangelien darum auch die Syn-Optiker, die Zusammenschauer.

Matthäus und Lukas berichten von den Ereignissen um die Geburt Jesu. Von den Magiern aus dem Osten, von Hirten und Engeln, vom Stall und der Flucht nach Ägypten. Etwas anders ist es bei Markus. Dieser Evangelist setzt mit der Taufe Jesu ein.

Das Johannes-Evangelium ist anders. Es beginnt mir dem erhabenen Lied vom Uranfang: „Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Gott war das Wort.“

Matthäus, Markus und Lukas berichten vom Leben Jesu aus Nazareth. Vor allem Lukas arbeitet wie ein Geschichtsschreiber: Ganz am Anfang seines Evangeliums wendet er sich an seinen Sponsor und schreibt: „Lieber Thepphilus! Nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, habe ich damit begonnen, es aufzuschreiben, damit dein Glaube eine sichere Grundlage hat.“

Im Johannes-Evangelium weiß man nie so recht, wie ernst es dem Autor mit der Menschwerdung dieses Jesus wirklich ist. Wie ein vom Himmel gekommener Göttersohn wandelt er über die Erde, ehe er wieder dahin zurückkehrt, wo er seit allem Anfang war.

Das Johannes-Evangelium ist anders. Da wurden nicht nur Seiten vertauscht und Texte überarbeitet, so dass wir zwei Abschiedsreden Jesu und zwei Schlüsse des Evangeliums haben. Auch die Sprache dieses Evangeliums ist anders. Dies ist auch dem Predigttext für diesen Sonntag Reminiscere abzuspüren. Er steht im 8. Kapitel in den Versen 21 – 30. Ganz wenig habe ich dabei ausgelassen. Da heißt es also:

Einmal sagte Jesus zu den Menschen um ihn herum: Ich gehe fort, und ihr werdet mich suchen. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.

Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, bürgt für die Wahrheit, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.

Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte. Da sagte Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts im eigenen Namen tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat. Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.

Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.


Ob sie durch diese geheimnisvollen Worte Jesu zum Glauben gekommen wären? Damals, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus, war dieses Evangelium durchaus populär. Im Kreis seiner Sympathisantinnen und Sympathisanten entstanden auch eine Reihe von Briefen. Diese sollten die Botschaft des Evangelisten präzisieren und unters Volk bringen. Und sie sollten sie in manchen Punkten auch weiter entwickeln. Drei dieser Briefe haben es ebenfalls geschafft, ins Neue Testament aufgenommen zu werden.

Irgendwie war die Andersartigkeit der Glaubenstradition des Johannes attraktiv und ansteckend. Womöglich gerade deshalb, weil sie sich vom Vertrauten abgehoben hat. Dieses „Ihr seid von unten, ich bin von oben“; dieses „Ich tue nichts im eigenen Namen, nur was der Vater mich gelehrt hat“; dieses „Ihr seid in Sünden, ich tue, was dem Vater gefällt“; das „Ich werde erniedrigt. Und darin erhöht“ – es hat die Menschen irgendwie fasziniert. Bis heute!

Eine eigene Sprache und ein eigentümliches Denken ist das. Entstanden irgendwo in Syrien oder in Kleinasien. Eine der Wurzeln des Christentums. Dem Lieblingsjünger Jesu zugeschrieben. Aber natürlich nicht von diesem verfasst. Das Johannes-Evangelium ist ja das jüngste der Evangelien. Und eher am Beginn des zweiten als noch im ersten Jahrhundert nach Christis entstanden.

Aus diesem Evangelium, aus dieser frühkirchlichen Konfession am Übergang des ersten zum zweiten Jahrhundert stammt also auch der Predigttext für den zweiten Sonntag in der Passionszeit. Und irgendwie kann man über ihn nicht predigen, ohne gleich über das ganze Evangelium zu predigen.

Evangelien seien eigentlich nichts anderes als Passionsberichte mit ausführlicher Einleitung - das hat ein bekannter Theologe einmal gesagt. Richtig ist: Die Berichte von der Passion, das Bedenken und das Deuten des Leidens uns Sterbens Jesu von Nazareth gehört in den Grundbestand des damals neu entstehenden Glaubensrichtung. Erst noch als Strömung im Rahmen des Judentums. Dann zusehends in Abgrenzung und Eigenständigkeit.

Die Passion und die Ereignisse am Ostermorgen – sie sind geradezu dafür verantwortlich, dass diese neuen Religion der Christusanhänger entstanden ist. Und überhaupt entstehen konnte.

Darum möchte ich ihnen den Predigttext heute in der Weise nahebringen, dass ich frage: Was ist denn das Besondere an dieser johannäischen Spielart des Christentums? Warum ist das Johannes-Evamgelium denn anders? Worin zeigt sich das im Einzelnen?

Durch drei Kennzeichen können wir das besondere Wesen einer Religion beschreiben. Der Heidelberger Theologe Gerd Theißen spricht vom Ritus, vom Ethos und vom Mythos.

Die Menschen im Dunstkreis dieses Johannes-Evangeliums hatten tatsächlich besondere, nur ihnen eigene Riten und Handlungen. So wird in den Johannesbriefen immer wieder von einer Salbungshandlung gesprochen. Diese Salbung muss mit heilenden Geistwirklungen verbunden gewesen sein. Und bis heute kennen wir ja insbesondere in der römisch-katholischen Kirche die Krankensalbung.

Im Blick auf die Passionszeit ist aber eine andere Handlung wichtig. Auch hier ist das Johannes-Evangelium wieder einmal anders. Genau dort, wo Matthäus, Markus und Lukas vom Abendmahl Jesu berichten, fügt Johannes etwas anderes ein. Johannes berichtet davon, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Danach sagt er: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben. Wie ich euch gedient habe, so sollt auch ihr einander dienen.“

Die Fußwaschung, eine Tätigkeit, die sonst dem Dienstpersonal vorbehalten war – Jesus macht sie zur Zeichenhandlung. Ihm nachfolgen, so sagt er damit, das heißt, einander dienstbar sein. Sich nicht einfach als jemand zu gebärden, der über andere Macht ausübt. Wer anderen die Füße wäscht, der übt Machtverzicht. Und er hat Jesus auf seiner Seite.

Damit sind wir nach dem Ritus beim Ethos. Bei der Ethik. Beim rechten Verhalten. Der Schlüsselbegriff, den Johannes hier verwendet, das ist ganz eindeutig die Liebe. Sie kennen die Sätze: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr Liebe untereinander habt. Was ist Besonderes daran, seine Freunde zu lieben. Das machen alle anderen auch. Darum liebt eure Feinde! Und liebt einander. Daran wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid.“

Auf dieser Grundlage muss die Anhängerschaft des Autors dieses Evangelisten wohl auch gelebt haben. Manche vermuten, dass es unter diesen Anhängerinnern und Anhängern auch eine Art Lebensgemeinschaft gegeben hat, in der Menschen wie in einem Kloster oder einer Kommunität miteinander gelebt, haben.

Bleibt das Dritte. Der Mythos. Ich könnte auch sagen die Theologie des Evangelisten. Dazu habe ich vorhin schon einiges angedeutet. Und dazu lässt sich auch dem Predigttext einiges entnehmen. Johannes spricht vom Logos, vom Wort, das seit allem Anfang bei Gott ist. Und das untrennbar zu Gott gehört.

Dieser Logos verkleidet sich gewissermaßen als Mensch. Nimmt die menschliche Natur an. Er geht über die Erde. Und er vollbringt immer wieder Wunder, sieben davon werden bei Johannes aufgezählt. Das bekannteste ist das erste: das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein.

Als er am Ende getötet wird, sagt er. „Es ist vollbracht!“ Nicht etwa erst bei der Auferstehung. Denn schon mit dem Tod kehrt der menschgewordene Logos zurück zu seinem Ursprung. Zum Vater, wie er immer wieder gesagt hat.

Einen Bericht von der Himmelfahrt des Auferstandenen kennt das Johannes-Evangelium ebenfalls nicht. Mit dem Ende seines irdischen Lebens taucht der Sohn wieder ganz ein in die Wirklichkeit des Vaters. Aber er lässt seine Anhänger nicht alleine zurück. Zu den Besonderheiten des Johannes-Evangeliums gehört der Beistand, den der Sohn seinen Anhängern zurücklässt. „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich will euch einen Beistand senden, der sich um euch kümmert.“

Und mit diesem Beistand bleiben oben und unten untrennbar verbunden. Die Menschen sind Bürgerinnen und Bürger zweier Welten. Zweier Welt, die gegensätzlicher nicht sein können. Und das Ziel des Lebens kann nach Johannes nur darin bestehen, sich aus der einen Welt, der Welt des Fleisches, immer mehr zu entfernen. Und immer mehr in der anderen Welt, der Welt des Geistes heimisch zu werden. Von unten nach oben, von der Dunkelheit zum Licht – dies ist die Richtungsangabe der Existenz als Christin oder als Christ.

Nichts anderes hören wir im Predigttext für diesen Sonntag. „Ihr seid aus der Welt. Ich bin nicht von dieser Welt. Ihr seid von unten. Ich bin von oben.“

Warum hat das die Menschen damals fasziniert? Warum kann uns das bis heute faszinieren? Ich glaube, es ist der Mut zum Perspektivwechsel. Es ist die Aufforderung: Gib dich nicht zufrieden mit der Außenansicht dieser Welt. Geh den Dingen auf den Grund. Schau hinter die Dinge.

Die Theologie des Johannes-Evangeliums begnügt sich aber nicht damit, nur einen zweiten Blick zu werfen. Das Johannes-Evangelium ist das große Evangelium der Transzendenz. Gottes Welt ist nicht nur verborgen mitten in der unseren. Gottes Welt ist anders. Ganz anders. Und von der unsrigen deutlich zu unterscheiden.

Und was bedeutet das jetzt für die Wochen der Passions- und Fastenzeit? Ich verstehe den Text als einen, der Orientierung schenken will. Es geht nicht nur darum, mit den kleinen und großen Verzichtsübungen den Leib gut zu tun. Es geht noch um Größeres. Es geht um das Einüben eines Lebens, das nicht nur die Wellness des Leibes im Blick hat. Eines Lebens, das die Wellness und das Wohlergehen der Seele nicht aus dem Blick verliert. Es geht darum, den Ortswechsel einzuüben. Von unten nach oben. Aus der Dunkelheit zum Licht.

Geheimnisvoll kommt dieses vierte Evangelium daher. In besonderer Weise religiös aufgeladen. Befremdlich, ja fremd auch. Und gerade in dieser Fremdheit attraktiv und nachgefragt.

Vielleicht können wir einige der oben genannten drei Aspekte in unsere Welt übersetzen. Riten brauchen wir im Leben ganz dringend. Handlungen, in denen sich unsere Zugehörigkeit ausdrückt. Die alten, vertrauten Riten können das sein. Taufe, Abendmahl. Aber auch ganz neue. Riten beim Übergang in eine neue Lebensphase. Bei der Einschulung. Beim Einzug in eine neue Wohnung oder ein neues Haus. Beim Eintritt in den Ruhestand. Oder bei einer Trennung. Auch solche Riten gibt es zusehends mehr.

Wir brauchen Riten der Solidarität mit den vielfachen Opfern des Unrechts und der Gewalt. Wir brauchen Riten des fröhlichen Feierns. Riten auch des Erfolgs und des Gelingens. Gerade unsere Gottesdienste könnten und sollen solche Riten sein. Orte, an denen wir klagen können. Orte aber auch der Dankbarkeit. Und Orte der Heilung des Zerstörten. Bei Krankheiten. Und bei zerbrochenen Beziehungen.

Neben des Riten geht es um neue Formen des Ethos. Um das rechte Verhalten. Um die rechten Entscheidungen. In der Politik. Aber auch im Bereich des Privaten. Wer die Fußwaschung als Beispiel hat, kann die anderen nicht mehr so ohne Weiteres übers Ohr hauen wollen. Wer weiß, dass Gott Gerechtigkeit will, tut sich schwer, das tagtägliche Unrecht um uns herum schweigend zu ertragen.

Wer weiß, dass Jesus die seligpreist, die Frieden stiften, hat Mühe, sich damit abzufinden, dass immer mehr Waffen, die weltweit verkauft und eingesetzt werden, aus Deutschland stammen.

Bleibt als drittes die Theologie. Wie reden wir heute angemessen von Gott? Wie reden wir so von Gott, dass es die Menschen auch verstehen? Wie können wir übersetzen, was Menschen über Jahrhunderte verständlich war: Sünde, Erlösung, Gnade, Reich Gottes, Glauben, aber auch Opfer, Sühnetod, ewiges Leben und wie die Begriffe alle heißen. Wir müssen diesen Begriffen nicht den Laufpass geben. Wir müssen uns von ihnen nicht verabschieden. Wir müssen aber dafür sorgen, dass wir offen legen, worum es geht. Und wie wir von ihnen etwas haben können.

Wie müssen wir reden, das auch bei uns gilt, was wir am Ende des Predigttextes lesen: „Als Jesus so redete, kamen viele Menschen zum Glauben.“

Ein Schlüssel ist sicher der Begriff, der auch für den Evangelisten und Briefschreiber ganz zentral war: die Liebe. „Wenn wir glauben und lieben, dann haben wir den Tod schon überwunden. Und wir können lieben, weil Gott uns längst in Liebe begegnet. Weil Gott uns liebt.“ So können wir es bei dem unbekannten Evangelisten und Briefschreiber lesen. Das Leben bei Gott, das Leben im Geist der Liebe, es beginnt nicht irgendwann. Sondern schon jetzt. Mitten im Leben. Heute.

Das Johannes-Evangelium ist schon etwas Besonderes. Es macht uns Mut mit seiner Botschaft. Wenn wir glauben und lieben, dann sind wir am Ziel. Schon jetzt. Mitten auf dem Weg. Amen.


Traugott Schächtele

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