PREDIGT IM GOTTESDIENST
AM BEGINN DER BEZIRKSSYNODE MIT DEKANSWAHL
AM MITTWOCH, DEN 6. MÄRZ 2013 IN MOSBACH


Liebe Synodalgemeinde!

Dieser 6. März 2013 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte des Kirchenbezirks Mosbach. Die Bezirkssynode tagt. Und sie steht heute vor der Aufgabe, einen neuen Dekan oder eine neue Dekanin zu wählen.

Dieser 6. März ist aber nicht das einzige wichtige Datum der Kirchengeschichte hier vor Ort. Neben sicher vielem anderen bedeutenden Ereignissen gibt es auch folgendes zu berichten. Und zu erinnern.

Im November 1563 grassierte in der Kurpfalz wieder einmal die Pest. Nicht zuletzt Heidelberg war davon betroffen. Kurfürst Friedrich, der III., genannt der Fromme, musste ein höchst wichtiges und folgenreiches politischen Dokument an einem anderen Ort als in Heidelberg mit seiner Unterschrift versehen.

So kam es, dass die neue Kirchenordnung der Kurpfalz am 15. November 1563 hier in Mosbach in Kraft gesetzt wurde. Mitten in all den Jubiläumsfeierlichkeiten zum 450. Geburtstag des Heidelberger Katechismus soll ausdrücklich auch dieses Anlasses gedacht werden.

Im Jubiläumsjahr des Heidelberger Katechismus will ich diese Gelegenheit auf jeden Fall nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Und wieder einmal kommt Mosbach dabei eine besondere Rolle zu.

Ich will heute Abend drei Fragen des Heidelberger Katechismus beantworten – oder genauer gesagt – drei Fragen, die ich mir gut im Heidelberger Katechismus vorstellen kann, die es am Ende aber nicht geschafft haben. Diese drei Fragen ließen sich wohl einfach nicht unterbringen im theologischen Dreischritt vom Elend des Menschen, von seiner Erlösung und von der Dankbarkeit.

Der Heidelberger Katechismus bildet ja das Herzstück dieser Kirchenordnung, die im November 1563 hier in Mosbach unterschriebenen wurde. Eingeschoben nach den Artikeln über die Taufe. Und vor den Artikeln über das Abendmahl. Und mitten in den Ergänzungen zum Lebenswandel, die diese Kirchenordnung auch enthält, hätten auch die drei ungestellten Fragen ihren Platz haben können, um die es heute Abend in dieser Predigt gehen soll.

Die erste Frage lautet:

Wenn es denn, wie die Schrift lehrt, der Heilige Geist ist, der die Kirche leitet, warum sind dann Ämter vonnöten wie das eines Pfarrers, eines Diakons oder auch eines Decanus oder einer Decana? Es ist vollkommen ausreichend, wenn ihre kurfürstliche Gnaden seine Kirche umsorgt wie ein Bischof. Wir müssen dem Heiligen Geist doch nicht mit unserem menschlichen Planen und ins Werk Setzen ins Handwerk pfuschen. Es genügt doch, wie der Evangelist Johannes schreibt, dass der Geist, der Beistand, den Der Vater uns gesendet hat, uns leiten wird in alle Wahrheit“.

Wenn es denn auf diese Frage damals keine Antwort geben konnte, will ich den Versuch der Antwort wagen – und es tun, wie es wohl Zacharias Ursinus, der Verfasser des Heidelberger Katechismus getan hätte. Oder Caspar Olevian, der Prediger und zugleich der Vorsitzende des Kirchenrates, des höchsten geistlichen Gremiums, damals, in den Sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts. Aber doch im Horizont der Fragen und Probleme der Gegenwart.

Liebe nach Antworten heischende Schwestern und Brüder, würden beide wohl sagen: Recht habt Ihr, in dem, was Ihr da fragt! Es ist der Heilige Geist, der die Kirche leitet. Und wo es ein anderer Geist ist, da ist es auch nicht mehr die Kirche, um die es geht. Und die da geleitet werden soll. Denn das ist geradezu ihr Kennzeichen, dass alles Leiten nach ganz anderen Gesetzen vor sich geht als in der Welt.

Ich sehe, dass diese erste Antwort euch noch nicht zufrieden stellt. Erfahrungen tauchen aus der Erinnerung auf, die euch zweifeln lassen, ob es denn tatsächlich der Heilige Geist war, der da das Sagen hatte. Oder doch nicht eher menschliche Machtgelüste, strategische Zukunftsplanungen. Vielleicht auch der Druck nachlassender finanzieller Möglichkeiten.

Der Geist, so denkt Ihr, blieb außen vor, als andere nach ganz anderen Gesichtspunkten entschieden haben. Aber da muss ich euch ganz entschieden widersprechen. Gottes Geist äußert sich auch in Gestalt des menschlichen Sorgens und Planens. Wie Gott Mensch wurde in einem Kind, so vermag auch sein Geist die Gestalt menschlichen Denkens und Handelns wahrzunehmen. Und es bedarf eines sicheren Blicks, Entscheidungen des Geistes von denen des Ungeistes zu unterscheiden.

Dabei ist das ganz einfach. Der Geist führt zusammen. Der Ungeist wirft alles durcheinander wie sein Urheber, der Diabolus, der Zerrütter alles Guten.

Um diesen Geist wahrzunehmen und in rechter Weise zu unterscheiden, sind all diejenigen ins Ams eingesetzt, von denen Ihr sprecht: Pfarrer und Diakonin, aber auch Dekanin und Dekan. Sie sollen in rechter Weise leiten und den rechten Weg weisen. Gegründet auf Gottes Wort. Aber ins Werk gesetzt mit den Mitteln der Vernunft, mit denen sie andere zu gewinnen suchen.

Es ist eine hohe Verantwortung, in die sie da gerufen werden. Und sie müssen klug und gut vorbereitet sein. Und stets wissen, dass es nicht die eigenen Wege sind, für die sie ihre Kraft und die Macht des gewinnenden Wortes einsetzen. Und dass sie dies alles nicht aus eigener Kraft vermögen, sondern weil Gottes Geist sie mit ihren Gaben der Leitung und Lenkung beschenkt hat oder diese Gaben in ihnen wecken und stärken will

Denn am Ende kann der Weg nur ans Ziel führen, wenn es der Heilige Geist ist, der sich untermengt unter die vielen Geister, die den rechten Weg weisen sollen. Und der diese Geister durchsäuert, so dass sie selber zum guten und Orientierung ermöglichenden Geist Gottes werden können.

Ganz abwegig erscheint euch diese Antwort wohl nicht. Und es macht mir Mut, euch eine weitere ungestellte und unbeantwortete Frage vorzulegen.

Hört also zum Zweiten eine Frage, die der Beantwortung im Heidelberger Katechismus entgangen ist:

Wenn das Wort Gottes doch mit eindeutigen Worten Kunde gibt, wie es um die Dreieinigkeit, die Gegenwart Christi im Abendmahl und die Wirksamkeit der Taufe bestellt ist, warum sind denn die Christen ein so unordentlicher Haufen, so dass sie bald dem einen, bald dem anderen nachlaufen, sich zerstreiten ob Brot und Wein Leib und Blut Christi sind oder nur abbilden, ja sich als Christenheit gar bald spalten in vielerlei Parteiungen und Richtungen? Ist es denn nicht genug, wie Paulus an die Epheser schreibt, „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“?

Auch hier würden Ursinus und Olevian sicher nicht zögern, uns in die rechte Spur zu setzen. „Ihr sprecht den wundesten Punkt überhaupt an, den Schandfleck unserer Weise, Kirche zu sein. Ja, gespalten und aufgeteilt ist der Leib Christi. In Orthodoxe, Katholiken und Protestanten. Und letztere sind wieder in sich selber uneins als Lutheraner, Reformierte und Unierte.

Dazu kommen Taufgesinnte, die dagegen reden, wenn ihr eure Kinder zur Taufe bringt. Und andere, die so trefflich in Zungen reden, dass niemand versteht, was Gott ihnen zu sagen aufgibt.

Und was das Mahl des Herrn angeht: Ob es da heißt „das ist“ oder „das bedeutet“ – das setzt eurem Glauben nichts zu. Und es nimmt ihm auch nichts. Ist es doch allemal im Glauben gesprochen. Und will nicht von zauberhaftem Verwandeln reden. SO als sei Gott nichts anderes denn ein fahrender Miraculus. Ins Herz soll’s euch gehen. Und euer Leben verwandeln. Das ist besser als großes Zanken über Brot und Wein, die bleiben, was sie sind. Und die doch im Glauben den in die Mitte stellen, der uns diese Zeichen gegeben hat. Und der selber einlädt an seinen Tisch.

Nein, ihr müsst nicht einmütig glauben, was wir doch alle nicht begreifen mir unserem Verstand. Und so könnt ihr euer Leben in unterschiedlichen Häusern des Glaubens zubringen, wenn ihr sie denn offen stehen lässt und kein Feuer legt am Haus eures Nachbarn. Eins könnt ihr sein, weil Gott selber eins ist. Und doch vielfach zugleich. Gebrochen wie das Licht im Regenbogen, der dann am schönsten ist, wenn die Farben sich verbinden zu einem Ganzen.

Leicht reden sie nicht, die beiden Theologici aus dem 16. Jahrhundert. Aber sie sprechen von dem, was auch uns bewegt, wenn wir uns begegnen in verschiedenen Kirchen. Und unsere Wahrheit mit der der anderen ins Gespräch bringen. Konfessionen, da mag es viele geben. Aber sie sind eine Kirche. Und sie müssen sich nicht in allem einig sein. Aber es wäre schon ein Grund zu Freude, wenn sie nicht nur Schwester und Bruder zueinander sagen. Sondern das auch ernst meinen. Geschwister mögen so unterschiedlich sein, wie wir uns das kaum vorstellen können. Aber sie gehören dennoch zu einer Familie.

Ich bin sicher: Sie wollen weiter fragen. Wie die Menschen vor 450 Jahren womöglich auch hätten weiter fragen wollen. Mögen wir uns verbinden in einem gemeinsamen Gottesglauben – wir sind nicht alleine auf diese Welt.

Darum zum Dritten gefragt:

Wenn doch nur einen Gott gibt und nur dieser eine Gott für die Wahrheit bürgt, warum gibt es dann den Glauben an diesen einen nicht nur in der Kirche, sondern auch bei denen, die unseren Herrn Jesus Christus entweder nicht kennen oder nicht als Gottes ewigen Sohn verehren, so dass sie anderen Propheten hörig sind und andere Bücher heilig nennen, aber doch in Gebet und Ehrfurcht ihr Leben nach dem ausrichten, den sie als Gott fürchten? Wenn doch nur eine Wahrheit ist, würden die Menschen kraft ihres von Gott gegebenen Verstandes diese nicht auch erkennen, anstatt wegen dieser Wahrheit mit Feuer und Schwert über andere herfallen – wie denn Christus selber sagt in den Schriften des Evangelisten: „Ich bin der Weg und die Wahrheit. Und diese Wahrheit allein wird euch freimachen!“

Ihr fragt anders, als wir gefragt hätten – Ursinus und Olevian waren von dieser Frage nun doch überrascht. Natürlich ist die Wahrheit bei uns. Die anderen sind Ungläubige. Sie haben bestenfalls Körner der Wahrheit in ihr Brot des Unglaubens eingebacken.

Ihr habt es leichter. Und zugleich schwerer! lassen sie uns wissen. Ihr könnt die ganze Welt bereisen. Und euch bleibt kein Ort verschlossen, an dem Menschen ihren Gott anrufen. Aber das wird euch verwirren. Ihr müsst euch entscheiden. Und wenn ihr bei dem bleibt, was ihr kennt, macht ihr die Erfahrung: Die anderen tun das auch? Wo ist denn nun die Wahrheit? Bei den einen allein? Und bei den anderen nur Irrtum? Bei den einen mehr. Und bei den anderen weniger? Oder ist sie gar bei allen? Und der Irrtum baut überall sein Haus gleich neben an.

Nein, so sprechen unsere beiden Gelehrten. Mit euch wollen wir nicht tauschen. Bei uns war klar, dass wir alleine im Besitz der Wahrheit sind. Gestritten haben wir uns höchstens darüber, wie wir diese Wahrheit ins Worte fassen. Und am besten unter die Leute bringen. Mag Gott bei den anderen irgendwie zu Gast sein. Bei uns hat er Wohnung genommen.

Zacharias Ursinus. Und Caspar Olevian – wir hätten ihnen schon einiges zumuten müssen. Dialog – das wäre ihnen ein Wort des Gräuels gewesen. Und so ganz sicher sind wir uns dann auch wieder nicht. Wenn es denn nur einen Gott gibt, dann können die anderen ja keinen anderen haben.

Gut, wenn wir nicht alleine sind bei unserem Suchen. Und bei unserem Fragen. Gut, wenn es Menschen gibt, die diese Fragen beantworten. Oder die sich mit uns zumindest auf die Suche machen. Gut, dass es Pfarrerinnen gibt. Und Pfarrer. Diakoninnen und Diakone. Und all die anderen, die Fragen beantwirten. Erzieherinnen im Kindergarten. Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Eltern, Paten, die Rede und Antwort stehen.

Gut, wenn ein Dekan oder eine Dekanin hier die Richtung angibt. Bei den großen Fragen des Lebens. Und bei den vielen anderen Fragen. Auch bei denen nach der Gestalt unserer Kirche. Gut aber auch, dass sie als Mitglieder der Bezirkssynode in ihren Gemeinden Rede und Antwort stehen.

Gut auch, dass wir ihn haben, diesen Heidelberger Katechismus. Seit 450 Jahren. Eingebettet in die Kirchenordnung, die von hier ihren Ausgang nahm.

Gut auch, dass wir selber fragen. Und selber denken. Und selber antworten. Auch auf die Fragen, die früher noch niemand gestellt hat. Die uns aber auf den Nägeln brennen.

Riskieren wir unsere Antworten. Und lassen sie Fleisch und Blut annehmen. Auch in der anstehenden Wahl. Ich bin sicher: Dieser 6. März wird sich als ein gutes Datum erweisen in der Geschichte ihres Kirchenbezirks Mosbach. Denn wir immer Leitungsverantwortung übernehmen soll: Am Ende ist es Gottes Geist, der das Sagen hat. Und das letzte Wort. Das kann uns alle gelassen machen. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn