PREDIGT ÜBER JESAJA 12,1-6
GEHALTEN AM 28. APRIL 2013 (KANTATE)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN KLEINSTEINBACH


Liebe Gemeinde!

In der vergangenen Woche konnte man vor dem Fernsehbildschirm gleich an zwei Abenden gewaltige Chöre erleben. Und lautstarke Gesänge ins Wohnzimmer übertragen bekommen. Zehntausende von Menschen waren es, die da gesungen haben. Mit einer Inbrunst und einer Leidenschaft, die manchen gottesdienstlichen Gesang bei weitem übertrifft.

Sie ahnen es: Ich spreche von den beiden Halbfinalspielen der Championsleague am Dienstag und am Mittwoch der vergangenen Woche. Vor allem die Dortmunder Fans singen so stimmgewaltig, dass das manchen Gegner schon das Fürchten lehren kann.

Warum singen Menschen? Und wann singen sie so richtig mit Hingebung? Singen – was hat es damit überhaupt auf sich? Am heutigen Sonntag Kantate sind diese Fragen schon angebracht. Kantate – das ist eine Aufforderung. Und sie heißt auf deutsch schließlich ganz einfach: Singt!

Singen ist mehr als Sprechen. Singen ist eine Art der Wiedergabe von Sätzen in einer Melodie. In einem bestimmten Rhythmus. Nach festen Vorgaben. Nach Regeln der Tonhöhe. Der Tondauer. Der Pausen. Und der Lautstärke.

Das Singen nimmt unsere Gefühle auf. Nicht nur die des Triumphes wie bei den Fußballspielen der vergangenen Woche. Singen kann auch das Gefühl von Trauer aufnehmen. Oder Erfahrungen mit der Liebe. So gibt es eben Freudenlieder, Klagelieder, Liebeslieder.

In unseren Kirchenliedern kommt alles zusammen. Weil in der Beziehung zu Gott alles zusammenkommt. Freude und Klage, Bitte und Lob. Und darum ist das Singen schon immer ein Erkennungszeichen der Kirche gewesen. Eine Kirche sieht man nicht nur. Man hört sie auch. Auf jeden Fall sollte man sie hören. Weil das Singen eine der zentralen Ausdrucksformen des Glaubens ist. Ähnlich wie das Beten.

Die Sonntage nach Ostern widmen sich diesen Ausdrucksformen des Glaubens. Und sie tun dies mit wunderschönen Namen. Mit Namen, die zugleich ein ganzes Programm des Christseins beschreiben.

Da kommt nach Ostern zuerst der Sonntag, der sagt: Alles Große fängt ganz klein an. Dieser Sonntag, der einen Hinweis auf die Kinder im Namen trägt: Wie die neugeborenen Kinder heißt er. Oder in lateinischer Sprache: Quasimodogeniti. Dieser Sonntag erinnern uns an die Taufe. Wie neugeboren stehen wir nach unserer Taufe vor Gott.

Dann folgt der Sonntag des Guten Hirten. An ihm geht es um die Fürsorglichkeit Gottes. Misericordias Domini, die Barmherzigkeit des Herrn heißt dieser zweite Sonntag nach Ostern.

Die nächsten drei Sonntage umschreiben drei wesentliche Aktivitäten des Christseins. Jubilate. Kantate. Rogate. Jubiliert. Singt. Betet. Wir feiern heute den mittleren Sonntag in dieser Reihe. Den Sonntag Kantate. Den Sonntag, der dem Singen gewidmet ist. Um den soll’s auch gleich gehen.

Ich will vorher nur schnell noch den letzten Sonntag vorstellen. Den Sonntag Exaudi. Das heißt auf deutsch: Höre! Das Singen und das Hören – beide Aktivitäten gehören ganz eng zusammen. Sie bedingen bedingen einander geradezu.

Vom Kinderglauben zum Erwachsenen-Glauben. Vom Singen zum Hören. Vom Vertrauen in den Hirtendienst Gottes zum Beten. In diesem Spannungsfeld haben wir unsere christliche Existenz zu gestalten.

Und mitten drin findet sich dann der Sonntag Kantate. Der Sonntag, der uns signalisiert: Wo unsere gesprochenen Worte nicht ausreichen, da können wir sie ersetzen. Da können wir sie übertreffen. Da haben wir allemal noch die Möglichkeiten, uns singend an Gott zu wenden.

Der Predigttext am heutigen Sonntag Kantate hat das Singen nicht nur zum Thema. Er ist selber ein Lied. Ein Danklied, wie es die Überschrift signalisiert. Ein Lied, das aus zwei Strophen besteht. Eigentlich ein unerhörtes, ein noch nie gehörtes Lied. Denn es ist ein Lied, von dem es zweimal heißt, dass es erst in der Zukunft gesungen wird. Dann, wenn eingetreten ist, was sich der Dichter des Lieder erhofft.

Ich lese dieses Lied und damit den Predigttext für diesen Sonntag Kantate zunächst vor. Aber wir werden ihn auch nachsingen. Mit Strophen, die andere Liederdichter gesungen haben.

Hört also auf Worte aus Jesaja 12, dort die Verse 1-6. Da heißt es:

1Zu der Zeit wirst du singen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. 2Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. 3Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

4Und ihr werdet singen zu dieser Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! 5Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! 6Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!


Zu der Zeit wirst Du singen! Mit diesem Satz beginnen beide Strophen. Zu der Zeit! Nicht gleich also. Sondern dann, wenn sich die großen Zusagen Gottes erfüllt haben. Schauen wir zunächst die erste Strophe näher an. Die hat es gleich in sich. Da heißt es nämlich gleich zu Beginn: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich.

Für vieles im Leben können wir zurecht dankbar sein. Für Entscheidendes im Leben richten wir unsere Dankbarkeit zurecht auf Gott. Für das, was uns geschenkt wurde. Für Bewahrung. Für neue Lebensmöglichkeiten. Aber darum geht es hier nicht. Zumindest nicht gleich.

Die Dankbarkeit, um die es hier geht, hat einen besonderen, wirklich unerhörten Grund. Ich danke dir, mein Gott, dass du zornig gewesen bist über mich. Dankbarkeit für den Zorn Gottes. Das ist schon ein außergewöhnlicher Grund.

Ich will diesen Satz gar nicht gleich einebnen. Und ihm seine Wucht nehmen. Ich will nicht gleich seinen tieferen Sinn erklären. Und sagen: Da dankt jemand, weil er den Glauben durchgehalten und ihn in schwieriger Zeit nicht weggeworfen hat.

Nein, der Satz vom Dank für den Zorn Gottes steckt voller Widerborstigkeit. Was halten Menschen alles für Auswirkungen des Zornes Gottes! Misserfolg. Leiden. Verzicht. So, als habe Gott Lust daran, uns im Leben Hürden aufzubauen. Damit wir geprüft werden. Und im Glauben wachsen.

Vom Tag des Zornes Gottes hören wir, wenn wir ein Requiem anhören. Wie etwa das von Mozart. Oder das von Verdi oder von Fauré.

Der Dies Irae, der Tag des Zorns, das klingt dann wie der Tag der Vernichtung und der Rache. Wie der Tag der Zerstörung. Aber Gott will nicht, dass auch nur ein Mensch vernichtet und zerstört wird. Wenn Gottes Zorn zerstört, müssen wir ihn im Nachhinein nichts mehr dankbar besingen.

Für mich bedeutet diese erste Strophe etwas anderes. Zorn ist ein großer Gefühlsausbruch. Keine Aufforderung zur Rache. Sondern ein Aufruf zur Umkehr. Wenn Gott zornig wird, steht die ganze Existenz auf dem Spiel. Wenn Gott zornig wird, müssen wir uns entscheiden. Wenn Gott zornig wird, lautet die Botschaft: Es ist höchste Zeit umzukehren.

Es ist also ein heilsamer Zorn, der hier besingen wird. Ein Zorn, der zurück ruft in ein Leben in Gerechtigkeit und in Liebe. Ein Zorn, der will, dass wir zur Besinnung kommen. Ein Zorn, im letzten eine verkleidete Form der göttlichen Liebe ist.

Für diesen Zorn Gottes dankt der Sänger in Jesaja 12. Denn der Satz geht ja weiter: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich - und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

Der Zorn aus Liebe wendet sich in Trost. Er baut auf, was an Lebensmöglichkeiten in Brüche gegangen ist. Er heilt, wo Verletzungen das Vertrauen untergraben, dass das Leben noch mehr zu bieten hat als die Unbarmherzigkeit der Mitmenschen. Und den Zorn Gottes.

Wir haben im Gesangbuch nicht viele Lieder, die diesen Gedanken aufnehmen. Eines aber kam mir in den Sinn. Und das möchte ich jetzt mit ihnen singen. Zumindest die erste Strophe:

• EG 413,1: Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt

Unser Leben bleibt nicht stecken im Zorn Gottes. Im Gegenteil. Es wird verwandelt. Legt neue Lebensmöglichkeiten offen. Der Sänger aus dem Jesaja-Buch spricht jetzt direkt von Gott. Nennt ihn meine Stärke. Mein Psalm. Mein Heil. Dabei sind es durchaus sprechende Bilder. Gott als Psalm. Das heißt: Gott als Lied. Gott als Melodie meines Lebens.

Dennoch sind das traditionelle Worte. Worte, die die Zuhörerinnen und Zuhörer kennen. In die Gegenwart übertragen hieße das. Der Sänger singt von Gott in eine Insidersprache, die andere nicht verstehen können. In der Kirchensprache würden wir heute vielleicht sagen.

Aber er bleibt nicht dabei stehen. Er sucht weiter. Er will erklären, was Gott für ihn ist. Was Gott ihm bedeutet. Er ringt um ein Bild. Und er findet ein schönes Bild.

Gott ist ein Brunnen, singt er. Ein Brunnen voller Heil. Ein Brunnen zugleich, aus dem wir schöpfen können, was wir zum Leben brauchen.

Gott als Brunnen. Gott als Quelle. Gott als Ursprung, aus dem die Lebendigkeit herausquillt – das ist ein verständliches, ein sich selbst erklärendes Bild. Ein Bild, das in unseren Köpfen gleich einen kleinen Film zum Laufen bringt.

In unserem Gesangbuch finden wir auch dazu wieder ein wunderbar passendes Lied. Ich lade sie ein, auch davon die erste Strophe zu singen.

• EG 140,1: Brunn alles Heils

Es bleibt ein Blick in die zweite Strophe unseres Predigttextliedes. In der ersten Strophe geht es um den Dank für Gottes Handeln am einzelnen Menschen. Um den Dank für Gottes Handeln an mir.

In der zweiten Strophe geht es um die Konsequenzen. Dank ist ein starkes Gefühl. Und Gefühle drängen nach draußen. Dank ist nichts, womit man sich im stillen Kämmerlein zufrieden gibt.

Im Lied unseres Predigttextes heißt es deshalb: Machet kund unter den Völkern sein Tun! Machet es kund in allen Landen!

Dank drängt nach außen. Und er nimmt in die Pflicht. In die Pflicht der Weitergabe des Grundes für diesen Dank. Menschen, die an Gott glauben, bilden eine Dankgemeinschaft. Eine Gemeinschaft von Menschen, die auf ihr eigenen Lebensglück reagieren. Die es teilen und weitergeben wollen. Nicht im Sinne einer Pflichtübung. Sondern weil es aus ihnen herausfließt.

Es gibt verschiedene Wege, den Dank öffentlich zu machen. Im Internet gibt es etwa eine Seite, die heißt Dankbarkeit.org. Da stehen viele Ideen zum Thema Dankbarkeit.

Man braucht aber kein Internet, um dankbar zu sein. Die angemessenste Form des Dankes ist das Singen. Wer singt, liefert keinen Bericht ab. Wer singt, gibt den Gefühlen Raum, die von innen nach außen drängen. Und singend geht das eben besser als mit spröden Worten.

Für uns wird es auch höchste Zeit wieder zu singen. Wieder die erste Strophe eines Liedes, die ein Thema des Predigttextes aufnimmt.

• EG 300,1: Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit

Vermutlich ist es ihnen aufgefallen. Alle drei Liedverse, die wir in dieser Predigt gesungen haben, stammen aus unterschiedlichen Liedern. Aber wir haben sie alle nach derselben Melodie gesungen.

Das ist fast ein kleines Gleichnis. Die Strophen unserer Lebenslieder sind alle sehr verschieden. Und unser aller Lebenslieder sind überhaupt sehr verschieden. Aber sie können nach derselben Melodie gesungen werden. Nach der Melodie vom Ende des Zornes Gottes. Nach der Melodie, die weiß: Im Letzten kann jedes Lied ein Danklied werden, welchen Mantel es sich zunächst auch immer umgehängt hat.

Ein Klagelied könnte zum Danklied werden, weil wir wissen: Ich bin mit meiner Not nicht allein. Ich weiß, an wen ich mich wende.

Ein Trauerlied könnte zum Danklied werden, weil wir wissen: All unsere Trauer bleibt aufgehoben in Gott. Wir können nicht tiefer fallen als in seine Hände.

Ein Bittlied könnte zum Danklied werden, weil wir wissen: Wir richten unsere Bitten nicht ins Ungefähre. Wir dürfen damit rechnen, dass einer uns hört.

Am kürzesten ist der Weg vom Freudenlied zum Danklied - weil wir wissen: Alles Wichtige im Leben kommt uns als Geschenk zu. Wir müssen es nicht selber machen. Wir müssen das Gelingen nicht selber garantieren. Es ist Gott, der dafür Sorge trägt, dass niemand zu kurz kommt.

Genau daran soll uns dieser Sonntag Kantate erinnern. Was immer auf uns zukommt im Leben - wir haben immer Grund zu singen. In Dur, wenn es uns gut geht. Und in Moll, wenn wir mit Belastendem zu kämpfen haben.

Und selbst dann, wenn uns selber die Stimme versagt, können wir uns getragen wissen. Getragen vom großen gemeinsamen Chor aller Menschen in der großen Schar derer, die nach Gott fragen in ihrem Leben.

Wir dürfen sicher sein: Keine Untiefe ist so tief, als dass Gott uns nicht herausholen könnte. Und kein Verstummen ist von einer Dauer, als dass ihm nicht irgendwann auch wieder ein Lied folgen wird. Amen.

PL EG 628,1-3: Ich lobe meinen Gott


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn