PREDIGT ÜBER 4. MOSE 11 (IN AUSWAHL)
SONNTAG, 19. MAI 2013 (PFINGSTEN)
EVANGELISCHE KLOSTERKIRCHE LOBENFELD




„Du, heilger Geist, bereite ein Pfingsfest nah und fern!“ – das haben wir eben gesungen, liebe Gemeinde. Pfingsten – das Fest das nicht mehr selbstverständlich ist. Pfingsten, das Fest, das wir nicht selber machen können. Das Fest, um das wir Gott bestenfalls bitten können.

Allerhöchste Zeit also, dieses Fest wieder richtig feiern zu lernen. Allerhöchste Zeit, dieses Pfingstfest herauszuholen aus der Rolle des ewigen Dritten in der Abfolge der kirchlichen Hauptfeste. Erst Weihnachten – dann Ostern – und irgendwann dann auch noch Pfingsten. Das Pfingstfest ist doch eigentlich viel zu schade, um es im Kirchenjahreskalender einfach verstauben zu lassen. Pfingsten kann man nicht im Vorübergehen feiern. Pfingsten ist ein Fest mit heftigen Folgen.

Das war damals so, in Jerusalem, vor 2000 Jahren. In der Lesung wurden wir an die Ereignisse damals erinnert. Pfingsten ist aber nicht nur einmal. Pfingsten war und Pfingsten ist immer wieder. Die Kirchen, die sich in besonderer Weise auf die Wirkkräfte des Heiligen Geistes beziehen, sie wachsen gegenwärtig weltweit am stärksten.
Pfingsten war aber auch schon vor Pfingsten. Gottes Geist lässt sich nicht einschränken auf ein einziges Ereignis der Vergangenheit. Gottes Geist schwebt über dem Wasser schon vor allem Anfang der Schöpfung. „Die Erde war wüst und leer“ lesen wir am Anfang. „Doch der Geist Gottes schwebte schon über den Wassern.“

Eine ganz besondere Pfingstgeschichte soll im Mittelpunkt dieser Predigt stehen. Sie steht im 4. Buch Mose im 11. Kapitel. Eine wirklich einmalige Pfingstgeschichte ist das. Eine Geschichte, die ganz am Ende ein solch spannende Wendung nimmt, dass sie zu meinen Lieblingsgeschichten in der Bibel gehört. Aber jetzt der Reihe nach. Es ist ein langer Predigttext. Hören sie darum erst einmal auf den Anfang. Mose ist mit seinen Kräften am Anschlag. Er hat keine Skrupel, sich bei Gott zu beschweren. Kein Zweifel: Die Aufgabe der Leitung des Volkes überfordert ihn. An dieser Stelle setzt der Predigttext ein:

Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.

Ganz schön mutig ist das, was Mose hier macht. Mose schont seinen Gott nicht. Gott hat ihm doch diese Aufgabe übertragen. Also ist er auch in der Verantwortung.

Die Überforderung durch die Aufgaben, die ein Mensch übernimmt, ist ein Thema unserer Tage. Ein Buch des Neurobiologen Joachim Bauer, das vor kurzem erschienen ist, trägt den Titel: Arbeit – Warum wir sie brauchen zu unserem Glück und warum sie uns krank macht. Bei Mose ist hier das Letztere der Fall. Die Arbeit überfordert ihn. Das Glück seines Lebens droht in der Überforderung zu verdunsten. Und so nimmt er Gott in die Pflicht.

Mir imponiert das. Wie mir auch Hiob imponiert. Hiob ruft Gott um Hilfe, um Gott anzuklagen. Gott als Beistand gegen Gott selber. Allein das schon können wir von Mose hier also lernen.

Und das Unerwartete geschieht. Gott entrüstet sich nicht. Er reagiert. Und er schafft Abhilfe. Hören sie also, wie die Geschichte weitergeht:

Und der HERR sprach zu Mose: Stelle mir aus allen Ältesten eine Liste von siebzig Männern zusammen, unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie bewährt und beim Volk geachtet sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich herniederkommen und dort mit dir reden. Und ich will von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.

Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte.

Jetzt trifft sich also der erste Ältestenkreis in der Geschichte des Gottesglaubens. Ausgewählte Personen, Menschen mit Erfahrung und mit Reputation. Nein, es hat keine Wahl stattgefunden wie bei uns wieder am 1. Dezember diesen Jahres, sondern nur eine Auswahl. Frauen sind auch keine dabei. Obwohl Mose doch eine Schwester hat, Mirjam, der er ein solches Amt hätte zutrauen können. Aber es ist noch nicht die Zeit der Postmoderne, in der wir leben. Es ist eine durch und durch patriarchalische Gesellschaft.

Mose stellt also eine Liste zusammen. 70 Personen, die in Frage kommen, um ihn zu unterstützen. 70 Älteste, die in die Leitungs-Mit-Verantwortung berufen werden. Aber von der Liste des Mose in die Ausübung des neuen Amtes – da fehlt noch ein wichtiges Zwischenstück. Es reicht nicht, darauf zu vertrauen: Wem der Herr verleiht ein Amt, dem gibt er dazu den Verstand.

Der Verstand allein reicht nicht aus. Das, was noch fehlt, das können die 70 Ausgewählten nicht von Mose erhalten. Da ist Gott selber zum Handeln aufgefordert. Und Gott beruft. Und Gott handelt. Hören sie selber, wie es weitergeht.

Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit Mose und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Gott teilt. Und Gott teilt aus. Überraschenderweise aber nicht einfach aus seiner eigenen Fülle. Gott teilt den Geist des Mose. Und legt ihn auf 70 ausgewählten Ältesten. Es geht nicht um irgend einen Geist. Es geht um die Begabung des Leitens und der Verantwortung. Es geht um das, was Mose gut konnte. Und was ihm alleine aber zuviel abverlangt hat. Wenn Gott den Geist des Mose teilt, teilt er das, was Mose selber ja auch von Gott erhalten hat. Aber genau diese Begabung des Mose, die ist eben jetzt gefragt. Aber in einer neuen und größeren Dimension.

Dieser Geistzuspruch setzt gewaltige Wirkungen frei. Die Menschen, die vom Geist ergriffen werden, fangen an zu tanzen. Und sie fangen an zu singen. Sie werfen die alten Konventionen über Bord. Sie reißen sie alten Mauern ein. Sie feiern Pfingsten. Mehr als Tausend Jahre vor Pfingsten. Und schon hier haben andere womöglich gedacht, was Menschen an Pfingsten auch ausgesprochen haben: Die haben wohl zuviel getrunken. Dieser Geist des Mose, den Gott hier austeilt, dieser Geist hat es in sich. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Es geht in diesem ersten Pfingstbericht nicht darum, Mose auf einen Sockel zu stellen. Im Gegenteil. Es geht darum, Mose vom Sockel herunter zu holen. Es geht darum, seine Gabe der Leitung und der Verantwortungsübernahme weitere Kreise ziehen zu lassen. Er ist eine erste Weise der Verallgemeinerung des Priestertums. Eine erste Weise früher Demokratisierung der Leitungsverantwortung.

Bis zur Einsicht in den Segen des Priestertums aller Getauften – um einmal die Sprache der Reformation aufzunehmen – ist es noch weit. Sehr weit. Aber die Richtung ist angezeigt. Und das Ziel dieses Weges auch. Dem dient der Abschluss der Geschichte. Dieser Abschluss gehört eigentlich gar nicht mehr zum Predigttext. Aber ich finde ihn sehr schön. Und ich finde ihn so gelungen, dass ich ihn ihnen nicht vorenthalten möchte. Eigentlich enthält erst dieser Abschluss die Pointe der ganzen Erzählung. Hören sie also, wie es weitergeht.

Es waren aber noch zwei Männer im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Und der Geist kam über sie, denn sie standen auch auf der Liste des Mose. Sie waren jedoch nicht hinausgegangen zu der Stiftshütte. Sie gerieten im Lager in Verzückung.

Da lief ein junger Mann hin und sagte es Mose und sprach: Eldad und Medad sind in Verzückung im Lager. Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der dem Mose diente von seiner Jugend an, und sprach: Mose, mein Herr, wehre ihnen! Aber Mose sprach zu ihm: Eiferst du um meinetwillen? Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie alle kommen ließe! Darauf kehrte Mose zum Lager zurück mit den Ältesten Israels.

Diesen Aufruhr kann ich mir so richtig gut vorstellen. Zwei der Ausgewählten sind der Einladung nicht gefolgt. Sie bleiben einfach im Lager zurück. Wir wissen nicht warum. Vielleicht hat Ihnen die Größer und die Schwere der Aufgabe Angst gemacht. Vielleicht hatten sie keine Lust. Oder sie haben den Termin verpasst. All das kann vorkommen. Auch heute noch.

Warum auch immer: Die Konsequenzen haben sie selber zu tragen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. So sagen wir heute gern. Aber schon hier setzt Gott solche Sätze und Regeln außer Kraft. Die beiden fangen auch an zu tanzen. Und sie fangen auch an zu singen. Mitten im Lager. Mitten in der Wirklichkeit des Lebens.

Doch Josua, der Nachfolger des Mose, handelt wie ein Formalist. Wie ein Bürokrat im negativsten Sinn des Wortes. Er beschwert sich bei Mose. Die sind nicht zum Termin erschienen. Die werden nicht berücksichtigt. Die gehören nicht dazu. Armer Josua. Ist das Volk denn nun für die Liste da? Oder die Liste für das Volk?

Gott ist kein Paragraphenreiter. Lass sie, sagt Gott. Natürlich gehören sie dazu. Und am liebsten wäre es mir, alle würden dazu gehören. Am liebsten wäre es mir, alle wären vom Geist Gottes erfüllt.

Auf diesen Satz läuft alles zu. Am liebsten wäre es mir, alle gehörten dazu. Am liebsten wäre es mir, mein Geist würde sie alle ergreifen.
Noch ist es eine kühne Vision. Aber die Richtung ist unumkehrbar. Alle Menschen sind Geistträger Gottes. Und Geistträgerinnen dazu. Mose hat nur Männer berufen. Aber die Vision, die setzt diese Grenzen schon außer Kraft. Hunderte Jahre später wird ein anderer Theologe schreiben: Hier ist nicht Jude und nicht Grieche, hier ist nicht Sklave und nicht Herr, hier ist nicht Mann und nicht Frau. Hier sind alle eins und gleichen Ranges. Sie kennen diesen Satz des Paulus aus dem Galaterbrief.

Und noch einmal weitere 15 Jahrhunderte später wird ein anderer großer theologischer Denker den Gedanken in die Welt setzen: Alle, die aus der Taufe gekrochen sind, die sind schon zum Priester, zum Bischof und sogar Papst geweiht. Allgemeines Priestertum nennen wir das, was Luther - um den geht es hier ja – als gemeinsame Würde aller Christenmenschen umschreibt.

Und die Grundlage dieser gemeinsamen Würde ist Gottes Geist. Darum ist Pfingsten so wichtig. Und darum ist es auch wichtig, dass wir das Pfingstfest in der Kirche nicht in Vergessenheit geraten lassen.

An Pfingsten feiern wir, dass wir alle berufen sind. Als Geistträgerinnen und Geistträger Gottes. An Pfingsten feiern wir, dass Gott uns Verantwortung zumutet und zutraut. An Pfingsten feiern wir, dass Gott uns dazu befreit, zu tanzen und zu singen. Nicht nur 70 Älteste. Sondern wir alle. Das Tanzen mag jetzt noch etwas warten. Aber singen, das wollen wir jetzt schon. Und feiern. Weil Gott uns einlädt. Uns alle. Amen.

Traugott Schächtele

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