PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 9,35-38;10,1(2-4).5-7
AM SONNTAG, DEN 2. JUNI 2013 (1.S.N.TR.)
IN DER KAPELLE DES WOHNSTIFTS AUGUSTINUM
IN HEIDELBERG


I.
Vor zwei Wochen haben wir das Pfingstfest gefeiert, liebe Gemeinde. Vor einer Woche war Trinitatis, der Sonntag, an dem es um die Dreieinigkeit Gottes geht. Heute ist der erste Sonntag nach Trinitatis. Und mehr als zwanzig Wochen lang zählen die Sonntage jetzt nach diesem Sonntag. Angefangen mit dem heutigen ersten. Bis zum 23. Sonntag nach Trinitatis.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich als Kind unter dieser langen Reihe der Sontag nach Trinitatis gelitten habe. Die Namen der Sonntage in der Passionszeit und in den Wochen nach Ostern fand ich geheimnisvoll und spannend. Danach aber begann für mich so etwas wie eine gottesdienstliche Leidenszeit.

Inzwischen verstehe ich vom Kirchenjahr etwas mehr. Aber noch immer kommt es mir manchmal so vor, als käme jetzt mit der zweiten Hälfte die schwierigere Phase des Kirchenjahres. Bisher gaben Stationen aus dem Leben Jesu dem Kirchenjahr seine Struktur und sein Gepräge Das Weihnachtsfest mit der Geburt Jesu. Karfreitag und Ostersonntag, die uns den Tod und die Auferstehung Jesu in Erinnerung rufen.

Das Pfingstfest hatte es da schon etwas schwerer. Mit der Erinnerung an das große Fest der Geistausgießung haben viele ihre Mühe. Vor allem, wenn es darum geht, über die Bedeutung und die Wirkung dieses Geistes Klarheit zu bekommen. Manchmal habe ich sogar den Verdacht, wir bringen uns vor diesem Geist doch eher in Sicherheit.

II.
Mit dem Trinitatisfest, dem Fest der Dreieinigkeit verhält es sich ganz ähnlich. Wir reden gerne vom dreieinigen Gott. Eröffnen jeden Gottesdienst damit, dass wir ihn in der Erinnerung an die Trinität feiern wollen. Unsere Taufen geschehen im Namen des dreifaltigen Gottes. Aber was das ganz konkret heißt, ist uns oft nicht mehr bewusst.

Diese Zeit der Trinitatissonntag – es ist eher eine Zeit hochtheologischer Themen. Ich weiß. Ganz so einfach ist das nicht. Auch die Feste, die mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazareth zusammenhängen haben ihr eigenes theologisches Thema.

Doch mit dem Pfingstfest setzt tatsächlich eine neue Phase im Kirchenjahr ein. Es ist, wie könnte es nach Pfingsten anders sein, die Phase, in der es um die Kirche geht. Und damit sind wir ja schon mitten drin im Thema. Und es wird höchste Zeit, dass wir gemeinsam auf den Predigttext für diesen ersten Sonntag nah dem Trinitatisfest hören. Es sind Verse aus den Kapiteln 9 und 10 des Matthäusevangeliums:

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden. Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.

Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.
Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat.

Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!


III.
„Ich würde lieber sterben, als unter einem Bischof zu leben.“ Dieser drastische Satz steht nicht im Predigttext. Und auch sonst nicht in der Bibel. Gehört habe ich ihn vor gut zehn Tagen in Genf, bei einem Besuch beim Ökumenischen Rat. Nicht von irgendwem habe ich diesen Satz gehört. Nein, von Setri Nyomi. Er ist presbyterianischer Pfarrer aus Ghana. Und er ist derzeit der Generalsekretär der Weltgemeinschaft der reformierten Kirchen. Setri Nyomi hat diesen Satz mit Augenzwinkern gesagt, als wir ihn nach der Besonderheit reformierten Kirche-Seins gefragt haben. Aber die Botschaft war klar. Alles Ordnen und Leiten in der Kirche nimmt seinen Ausgang ganz unten. Bei den Gemeinden. Bei Dienen. Und nicht beim Herrschen.

Der Predigttext ist danicht weniger eindeutig. Auch wenn er aus einer anderen Zeit stammt. Und der Autor sich die weltweite Verbreitung der Kirche noch überhaupt nicht vorstellen kann.

Matthäus schreibt seine Version des Evangeliums mit einem klaren Ziel: Er will der sich schnell ausdehnenden Kirche theologisches Profil geben. Und er tut dies in der Weise, dass er an das Leben Jeus erinnert. Und genau durch diese Erinnerung macht Matthäus Äußerungen zur Gestalt der Kirche.

IV.
Das erste, was wir über die Kirche hören, mag in der Einfachheit und Klarheit überraschen. Auch der Generalsekretär der Gemeinschaft reformierter Kirche würde hier nicht grundsätzlich widersprechen. Wie das Augustinum hier, wie andere Lebensgemeinschaften auch, braucht die Kirche eine innere Struktur, eine Art Ordnungssystem. Sie braucht auch eine Form der Leitung! Nicht nur eine geistlich innere, sondern auch in ganz praktischen Fragen. Ansonsten gibt sie ein erbärmliches Bild ab. Ansonsten wird sie wahrgenommen „wie eine Herde, die keinen Hirten hat.“ – Zumindest zitiert hier Matthäus Jesus mit diesen Worten. Zerstreut sind sie, heißt es Predigttext. Ohne klare Vorstellungen darüber, worauf es im Leben ankommt.

Die Menschen haben also Hirten - und Hirtinnen! - nötig. Damit sind nicht Menschen gemeint, die alles besser wissen. Oder solche, die von oben nach unten ihre Machtgelüste befriedigen. Das Bild vom Hirten meint noch einmal etwas anderes. Hirten herrschen nicht. Sie bewahren. Hirten vertrauen nicht auf Hierarchie. Sondern sie setzen auf Fürsorglichkeit und Solidarität.

Der, der da predigend und heilend durch die Lande zieht, das ist ein Hirte. Es ist im Grunde der Prototyp des guten Hirten. Eines Hirten, der die Sorgen anderer zu den seinen macht. Eines Hirten, der Acht hat auf die Gruppe. Eines Hirten, der steuert und Verantwortung übernimmt. Und dabei nie vergisst, dass er eine dienende Funktion wahrnimmt.

Ein Hirte reicht da bei weitem nicht aus. „Die Ernte ist groß“, heißt es bei Matthäus. Und viel zu wenige sind bereit mitzumachen. Kein Wunder, dass bei Matthäus genau jetzt von der Berufung der Jünger berichtet wird. Die Jünger, das sind gewissermaßen die ersten Nachahmer und Nachfolger dieses ersten guten Hirten. Sie sind die Vorbilder der Gemeindeleiter. Einer Gemeinde, die nicht aus Sesshaften besteht, sondern aus Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes unterwegs sind. Als Menschen, die ihren Auftrag darin sehen, das weiterzugeben, was sie selber erfahren und erlebt haben. Deren Aufgabe ist es, in der Kirche dafür Verantwortung zu übernehmen, dass die Weitergabe der Guten Nachricht nicht zum Stillstand kommt.

V.
Wer eine solche Leitungsaufgabe übernimmt, der oder die tut das nicht einfach irgendwie. Ein solches Amt braucht klare Ziele. Ein solches Amt braucht ein inneres Bild, wie es zu verstehen ist. Eine Vision sagen wir heute gerne dazu. Ein solches Amt braucht aber genauso auch seine Begrenzung.

Darum erhalten die Jünger ein ganz klares Aufgabenprofil. Theologisch und auch geographisch. Und dieses Aufgabenprofil kann uns durchaus zum Widerspruch und zum Widerstand reizen. Nicht zu den Heiden sollen sie gehen. Und auch nicht zu den Samaritern. Nur die verlorenen Schafe des Hauses Israel seien ihnen ans Herz gelegt - das lässt Jesus sie wissen.

Verständlich ist diese Aufforderung. Aber gefährlich zugleich. Natürlich ist klar: Wer eine Aufgabe übernimmt, kann sich auch übernehmen. Wir können nicht an allen Brennpunkten dieser Welt gleichzeitig Verantwortung übernehmen. Wir können nicht auf allen Kanzeln gleichzeitig stehen. Aber die Begrenzung ist zugleich eine höchst gefährliche. Die Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes – sie darf doch nicht auf eine einzige Zielgruppe beschränkt werden. Und dabei andere außen vor lassen.

Was wäre der christliche Glaube ohne die Heiden? Ohne die Völker, wie es eigentlich heißt. Ohne die Menschen also, die Gott auf ihre ganz eigene Weise begegnen? Gerade wir selber gehören doch zu den Völkern. Und wenn uns der Zugang zu Gott verschlossen geblieben wäre – wir würden heute nicht miteinander Gottesdienst feiern.

Die Samariter, das waren im Grunde diejenigen, die zwar zur Familie gehören, die sich aber dennoch unterscheiden. Mit ihnen ist man verwandt. Womöglich ganz nah. Aber genau da liegen die Probleme und die Konflikte oft näher als in der Beziehung zu denen, die uns nicht so nah stehen. Auch dafür hat mir die Reise nach Genf viel Anschauungsmaterial geboten. Wir waren Delegierte aus mehr als einem Dutzend Kirchen. Und haben immer wieder die Erfahrung gemacht: Wir fühlen uns zwar alle der gemeinsamen weltweiten Kirche Jesu Christi zugehörig. Aber ständig debattieren wir über die Fragen, bei denen wir nicht einer Meinung sind. Ganz ähnlich, wie damals bei Matthäus die Juden und die Samariter.

Die ersten Christen, damals zur Zeit de Matthäus, sie waren im Grunde noch zu schwach, um in einer Weise gegenseitig offen zu sein, wie uns das heute in unseren ökumenischen Verbindungen möglich ist. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Anfänge der Jesus-Bewegung gerade erst aus der Rolle einer innerjüdischen Reformbewegung verabschiedet hatten. Ihre Selbständigkeit war also noch ganz jung. Gerade in ihrer Anfangsphase sind neue Bewegungen meist noch sehr um Abgrenzung bemüht.

VI.
Wir wissen heute, dass unser Kirche-Sein immer den Mut zur Entgrenzung miteinschließen muss. Die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit und von der Weltzugewandtheit Gottes gilt allen Menschen. Als Kirche sind wir mit den Menschen in anderen Kirchen und mit anderen Menschen überhaupt geschwisterlich und ökumenisch verbunden. Kirche-Sein heißt immer, den einen Schritt zusätzlich auf unsere Mitmenschen zugehen. Kirche-Sein heißt, auch noch die zweite Meile mitzugehen. Kirche-Sein heißt, mit anderen zu teilen, wovon wir selber leben.

Kirche sein heißt dagegen sicherlich nicht, sich gegenüber anderen Menschen und deren Anderssein ängstlich anzugrenzen. Ich möchte Sie darum noch einmal an das Kirchenjahr erinnern. Im ersten Teil sind wir Zeugen dessen, was diesen Jesus aus Nazareth bestimmt und ausmacht. Im zweiten Teil, in den Monaten, die als Sonntage nach Trinitatis zählen, da stehen wir mit einem Mal selber im Rampenlicht. Da geht es um unsere Hoffnungen. Da geht es aber auch um die Möglichkeiten, uns selber in diese Kirche einzubringen. Da geht es um unsere je eigene Verantwortung als Hirtinnen und Hirten in der Nachfolge dieses ersten Hirten.

Diese Verantwortung kann sich im Einzelfall sehr unterschiedlich gestalten. Enthusiastisch und nur auf die eigene Gemeinde bezogen wie in vielen charismatischen Kirchen. In großer Verantwortung der Ehrenamtlichen wie in den Kirchen, für die der Generalsekretär der Reformierten spricht. Wie es aberr auch in unserer Kirche praktiziert wird. Auch wenn wir einen Bischof oder womöglich bald auch eine Bischöfin haben. Dass ich lieber sterben möchte, als unter einem Bischof oder einer Bischöfin zu leben, in dieser Ansicht muss ich dem Bruder aus Ghana niht folgen. Zumal wir alle nicht unter, sondern mit den Bischöfen und Bischöfinnen leben.

VII.
23 Sonntage lang haben wir jetzt wieder Zeit, uns mit diesem Hang des Evangeliums zur Offenheit und zur Entgrenzung auseinanderzusetzen. 23 Sonntage, um uns miteinander Kirche im gemeinsamen Kirche-Sein zu üben.

Von Jesus heißt es am Beginn des Predigttext des Matthäus: Er ging in alle Städte, lehrte, predigte und heilte. Wir müssen nicht alles auf einmal tun. Wir dürfen uns heilsam beschränken. Und uns, je älter wir werden, auch an den Gaben der Jüngeren erfreuen, die manches anders, aber gewiss nicht schlechter machen. Und wir können das eine Feld suchen, auf dem wir unsere eigenen Gaben am wirksamsten entfalten und zum Blühen bringen können.

Es sind also spannende Wochen und Monate, die mit dem heutigen ersten Sonntag nach Trinitatis beginnen. Diese zweite Hälfte des Kirchenjahres ist eine Zeit, in der wir am eigenen Leib erfahren können, was das heißt: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Nicht nur in der Kirche. Nein, gerade auch in der Welt. Amen.

Traugott Schächtele

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