„ERINNERUNG, DIE ZUKUNFT ERMÖGLICHT“
PREDIGT ÜBER JESAJA 55,1-3B
SONNTAG, 9. JUNI 2013 (2. S.N.TR.)
(FESTGOTTESDIENST 48. DEUTSCHER HUGENOTTENTAG) CHRISTUSKIRCHE MANNHEIM


Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.

Liebe Gemeinde!

Derzeit gehen wir mit schnellen Schritten auf einen großen Geburtstag zu. Im Jahre 2017 jähren sich zum 500. Mal die Anfangsereignisse der Reformation. Zumindest der Reformation der Prägung durch Martin Luther.

Aber der Fluss der reformatorischen Bewegung ist breiter. Viel breiter. Zwei Flussläufe in diesem großen Delta, zwei Strömungen in diesem reformatorischen Geschehen, haben schon seit Jahrzehnten ganz besonders mein Interesse und meine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zum einen ist die buntgestaltete Gruppe der sogenannten Täufer oder Taufgesinnten. Fälschlicherweise nennen wir sie oft Wiedertäufer. Zum anderen sind das die Hugenotten.

Diejenigen, die mich eingeladen haben, in diesem Festgottesdienst zum 48. Deutschen Hugenottentag zu predigen, haben das nicht wissen können. Aber sie sind mit dieser Anfrage bei mir durchaus auf spontane Zustimmung gestoßen.

Die Taufgesinnten und die Hugenotten sind sehr unterschiedliche Gruppierungen. Sie sind von unterschiedlichen Theologien geprägt, obwohl es durchaus gemeinsame Wurzeln gibt. Und sie haben sich sehr unterschiedlich entwickelt.

Beide sind aber an einem Punkt entscheidend miteinander verbunden. Sie gehörten über lange Zeit zu den Opfern der Reformation. Bei den Taufgesinnten waren es vor allem die eigenen Familienmitglieder, die Anhänger der reformatorischen Bewegung selber, die ihren Geschwistern am linken Rand heftig zu zusetzt haben und die ihnen oft genug auch ans Leben gingen.

Bei den Hugenotten waren es auch Mitglieder der eigenen christlichen Familie, aber eher die damals so genannten Altgläubigen, die ihre katholische Prägung und Vorherrschaft in Gefahr sahen. Diejenigen waren es, die sich an Reformen und an einer Erneuerung des Glaubens in so grundsätzlicher Form nicht beteiligen wollten. Über Jahrzehnte, ja weit mehr ein Jahrhundert lang ließen sie den Hugenotten Verfolgung angedeihen. Und – Gott sei’s geklagt – immer wieder beteiligten sich auch die protestantischen Glaubensgeschwister anderer Prägung an diesem menschenverachtenden Vorgehen.

Doch trotz dieser Verfolgung – oder sogar in und wegen ihr: Langfristig war der Einfluss beider Gruppen, der Hugenotten und der Taufgesinnten, auf den Protestantismus enorm. Und mit ihrer besonderen Geschichte haben gerade die Hugenotten das Fundament und die Eigenheit evangelischen Glaubens und evangelischen Kirchseins wesentlich geprägt und verändert. Darum ist es gut, wenn wir mitten im Vorfeld des reformatorischen Feierns 2017 dankbar an den unverzichtbaren Beitrag der hugenottischen Glaubensgeschwister denken und ihn würdigen.

Ich freue mich sehr, dass der 48. Deutsches Hugenottentag hier in Mannheim stattfindet. Und dass sie als Teilnehmerinnen und Teilnehmer heute zusammen mit den Gemeindegliedern der Gemeinde hier vor Ort in der Christuskirche diesen Gottesdienst mitfeiern.

Warum feiern Sie diesen Hugenottentag? Und warum feiern die Evangelischen im Jahre 2017? Es gibt viele Gründe. Bei Ihnen, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Hugenottentages sind es die vielfachen Verbindungen auch in diese Region. Mannheim in seiner städtischen Besonderheit und vor allem auch der Stadtteil Friedrichsfeld sind in gewisser Weise Teil der hugenottischen Geschichte. Ebenso – und das ist mir in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst als neue Information zugeflogen - die Brauerei Eichbaum.

Dennoch sind das äußere Gründe. Dieser Deutsche Hugenottentag findet statt, weil sie sich erinnern. Die ehrliche, dankbare und zugleich kritische Erinnerung ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Zukunft. „Die Erinnerung nährt, die Zukunft bewährt“ heißt es nicht ohne Grund in einer Redewendung.

Die Hugenotten gehören zum reformierten Strom der Reformation. Es war vor allem das Wirken des Genfer Reformators Johannes Calvin, dem sie ihren Ursprung verdanken. Eine eigenständige reformierte Kirche hatte es in Frankreich von Anfang an schwer. Der Widerstand wandelt sich schnell in Verfolgung. Diese Verfolgung findet vor 441 Jahren, genauer gesagt im August 1572, mit dem Tod tausender Menschen einen fürchterlichen Höhepunkt. Wir sollten auch an dieses schreckliche Datum denken, wenn wir in diesem Jahr den 450 Geburtstag des Heidelberger Katechismus feiern. Gerade die Entstehung dieses Katechismus ist ohne die Glaubensflüchtlinge der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nicht zu denken.

Im Jahre 1685, gut einhundert Jahre nach dieser schrecklichen Nacht des tausendfachen Mordens ist es der Sonnenkönig Ludwig XIV., der alle Anhänger des reformierten Glaubens mit seinem Edikt innerhalb kürzester Zeit aus dem Land vertreibt.

So erinnert dieser Hugenottentag auch an diese Geschichte der Vertreibung und des Tötens. Aber er erinnert zugleich auch an die Geschichte der Bewahrung - bis heute. An die Bewahrung der Menschen. Ebenso aber auch an die Bewahrung des Glaubens.

Erinnerung als Voraussetzung für gelingende Zukunft. Unsere Gegenwart in der sogenannten Postmoderne hat Mühe mit dem Erinnern. Sie atmet in sehr kurzen Rhythmen. Sie denkt an den Erfolg am Abend. Und viel zu wenig an die Zukunft des Tages danach. Je kürzer wir uns zurück erinnern, desto weniger denken wir in die Zukunft. Darum ist die Erinnerung so wichtig. Die des Hugenottentages. Und die des Reformationsjubiläums.

Christlicher Glaube lebt von der Erinnerung. Er gründet seine Hoffnung in dieser Erinnerung. Er baut seine Zukunft auf dem nicht enttäuschten Vertrauen in der Vergangenheit, das trägt auf dem Weg in die Zukunft. Und aus dem Zuversicht erwachsen kann.

Ein besonders schöner Ausdruck dieses Vertrauens ist der heutige Predigttext. Und genau darin besteht auch die Brücke, die zu unserem heutigen Gottesdienstfeiern führt. Zum 500. Geburtstag der Reformation Martin Luthers. Und eben auch zum 48. Deutschen Hugenottentag.

Die sprachliche Form des Predigttextes ist der Imperativ. Die Aufforderung. Diese Aufforderung lautet aber nicht: Erinnere dich! Sie lautet: Kommt her! Kauft! Ohne Geld. Kauft! Esst und trinkt!

Ein Text für Glaubensflüchtlinge ist das zunächst nicht. Wo sie ihn hören, da bleiben bestenfalls Spott und Hohn. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie die Glaubensflüchtlinge des 16. und des 17. Jahrhunderts diese Verse gehört haben. Andere Texte werden ihnen nähet gewesen sein. Der Hinweis auf den glimmenden Docht, dem Gott nicht ganz den Garaus machen wird. Oder der dankbare Stoßseufzer: Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind. Dankbares Erinnern – das war wohl keine Möglichkeit.

Doch Vorsicht! Auch die ersten Adressaten dieser Aufforderung waren Flüchtlinge. Oder besser noch: Vertriebene. Menschen waren das, die im 6. Jahrhundert v.Chr. im Exil lebten. In der zweiten oder gar in der dritten Generation. Nein, das waren keineswegs die, denen es gelungen war, ihre Welt zu verwandeln. Das waren keineswegs die, die den Traum von einer neuen Gesellschaft ins Leben gezogen hatten. Einkaufen und genießen. Ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Wir kennen solche Träume auch noch aus jüngerer Vergangenheit.

Der unbekannte Autor dieses Textes gibt seinen Landsleuten diese Aufforderung im Exil weiter. In Babylon, wo sie sich vor Heimweg und Rückkehrsehnsucht verzehren. Die Menschen haben ihm die Aufforderung abgenommen. Zumindest ist uns nichts anderes überliefert. Die Menschen können dem Überbringer dieser Guten Nachricht Glauben schenken. Sie können das tun, weil sie ihre Erinnerung bewahrt haben. Sie konnten vertrauen, weil sie sich eingebettet wissen in eine große Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie können der Zukunft vertrauen, trotz der mehr als bescheidenen Gegenwart. Sie können vertrauen, weil sie sich an ähnliche Erfahrungen erinnern. Weil sie wissen. Die Bedrängnis der Gegenwart ist nur das Vorletzte. Größeres steht noch aus.

Und zu diesem Größeren lassen sie sich einladen. Kaufen und essen – ohne zu bezahlen – das war auch damals keine Möglichkeit. Kaufen und essen – ohne zu bezahlen – das ist bestenfalls eine kühne Vision. Das ist das Bild einer Zukunft, in der nicht Geld die Welt regiert. Sondern das Vertrauen, das Gott uns allen gibt, was wir zum Leben brauchen.

Kaufen und essen – ohne zu bezahlen. Das ist barer Unsinn und gegen jede Vernunft. Es sei denn, die Menschen erinnern sich. Es sei denn, sie erinnern sich an die Wüstenjahre. An das Wasser, dass Mose aus dem Felsen hervorsprudeln lässt. An das Manna und an die Wachteln, mit denen Gott die seinen nährt, als sie nichts andres mehr zum Essen haben.

Kaufen und essen – ohne zu bezahlen. Diese Aufforderung kann sich wandeln – von einer Unmöglichkeit zu einer Möglichkeit. Weil die Erfahrung in der Geschichte Gottes mit den Menschen immer wieder ihren Ort hat. In Vertreibung und Exil damals, als Gott diese Worte durch seinen Boten ausrichten lässt. In Verfolgung und Bedrängnis, als die Hugenotten alles verlieren. Und von neuem fündig werden. Unter toleranten Landesherren. Unter klugen Fürsten, die ahnen, zu welchen Leistungen diese Menschen fähig sind. Und wie sie Wüsten zum Blühen bringen können.

Kaufen und essen ohne zu bezahlen. Heute! Wie könnte das gehen? Hört! Heißt es im Predigttext. Und noch schöner noch: Neigt eurer Ohr zu mir! Kaufen sollen wir. Und essen. Das essen, was wir zum Leben wirklich brauchen. Nicht einfach in dem, was dem Körper gut tut. Nicht einfach in der ersten Sättigung des Hungers.

Kaufen und essen – das geschieht - im Hören! Kaufen und essen – uns stärken mit dem, was Gott uns zu bieten hat, das rechnet sich nicht. Das ist nicht käuflich. Das entzieht sich den Gesetzmäßigkeiten des Konsums. Auf das rechte Hören kommt es an. Das, was wir uns käuflich erwerben können – mit eigenen Mitteln, das mag Vergnügen bereiten. Und uns unseres je eigenen Wertes bewusst machen. Das ist legitim. Und des ist wichtig. Aber es ist bei weitem nicht alles im Leben.

Kaufen und essen, ohne Geld, und ohne dass wir uns abspeisen lassen, das geht eigentlich nur, wenn wir uns erinnern. Wenn wir uns erinnern an die Geschichte der Bewahrung, die am Ende auch den Hugenotten nicht auf Dauer vorenthalten wurde. Wenn wir uns erinnern an die Geschichte der Ursprungsjahre der Reformation vor 500 Jahren, an deren Ende der Protestantismus nicht verschwindet, sondern aus der er gestärkt hervorgeht. Wenn wir uns erinnern an die Geschichte der Bekennenden Kirche im Dritten Reich, die sich nicht zufrieden gibt mit dem, was die Deutschen Christen den Menschen eingeben wollen. Wenn wir uns erinnern an die Geschichte der Kirchen auch in der DDR, die den Glauben durchhält und die am Ende mithilft, dem Gemeinwesen in neuer Verfasstheit wieder Zukunft zu geben.

Es lohnt sich, diese Erinnerungen wachzuhalten. Die Erinnerung an die unzähligen Geschichten von Menschen - weltweit und bis heute – Menschen, die Zeugnis abgelegt haben und ablegen für ihren Glauben. Die den Mut haben, den Mächtigen zu widersprechen. Die offen dafür sind, dass alles noch einmal ganz anders und besser werden kann. Gegen jegliche Vernunft. Und gegen allen Augenschein. Aber im Wissen um diese tragende Erinnerung, aus der sich die Zuversicht speist, mit der sie sich auf den Weg in die Zukunft machen.

Wenn wir uns so erinnern, entdecken wir, wie die Kammern des Glaubens gefüllt sind. Und wie uns umsonst zukommt, was wir zum Leben brauchen. Wie uns zufällt, was dem Leben Sinn gibt. Und Halt.

Kommt, alle die ihr durstig sein! Kauft. Und esst. Alles, was ihr zum Leben braucht. Es ist da. Und umsonst. Womöglich hat das auch die Glaubensflüchtlinge des 16. Und 17. Jahrhunderts leben lassen. Und gestärkt. Weil sie sich erinnert haben an die, die ihren Glauben auf neue Füße gestellt haben. An Calvin und die anderen Reformatoren. An Paulus und an Petrus. Und auch an diesen Jesus aus Nazareth, den sein Glauben das Leben kostet. Und der es neu erhält. Umsonst. Aus der Hand Gottes.

Den sollen wir im Gedächtnis behalten, der selber zu diesem Volk der Erinnerung an die Wüstenzeit gehörte. Und der den Menschen aus dieser Gotteserinnerung austeilte. Umsonst. Den, der uns aus der Erinnerung an ihn leben lässt. Bis heute. Und sogar über den Tod hinaus. Das lässt auch uns leben. Schon jetzt. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn