„FROMM, GEISTLICH, SPIRITUELL –
EVANGELISCHE EINBLICKE IN EIN ÖKUMENISCHES THEMA
IMPULSREFERAT FORUM „UNTERWEGS MIT GOTT“
AM 22. JUNI 2013 IN NECKARELZ


Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten „unterwegs mit Gott“!

Jede Zeit hat ihre Schlüsselworte. Diese Worte sind nicht beliebig und austauschbar. Unerwartet tauchen sie zunächst in einem klar umschriebenen Kontext auf. Ihre Verwendung nimmt an Intensität zu. Und mit einem Mal entfalten sie eine Eigendynamik, die am Ende zur Veränderung dessen führt, was bisher in Geltung gestanden ist.

Und wie immer, wenn solche Begriffe auftauchen, weisen wie auf ein Defizit oder eine Veränderungsnotwendigkeit hin. Bisweilen bringen sie auch mit einem neuen Namen Altbewährtes bzw. Verschüttetes ans Tageslicht. Einen solchen Prozess nehme ich auch in dem Dreieck wahr, das ich mit den Begriffen fromm, geistlich, spirituell umschreibe.

Deshalb habe ich im Titel meines Impulsreferates diese drei Begriffe aufgegriffen und mit einem klärenden Zusatz ergänzt. Mein Thema heißt also: Fromm, geistlich, spirituell – evangelische Einblicke in ein ökumenisches Thema.

Ich will dabei so vorgehen, dass ich mich erst den drei Begriffen zuwende. Und im Nachspüren und in der Beschreibung von deren Sinngehalt Einsichten für unser Thema gewinne. Anschließende möchte ich fragen, was diese Einsichten für uns und für die Kirche austragen könnten.

Worum es bei allen drei Begriffen geht, ist zunächst klar. Fromm, geistlich, spirituell – das derart umschriebene Dreieck versucht, ein unverzichtbares Wesentliches der Kirche zum Ausdruck zu bringen, nämlich den Bezug auf die Quellen, aus denen sich der Glaube der Kirche speist. Und es versucht zugleich, dieses Wesentliche in kritischer Abgrenzung zu anderen Bezugssystemen, organisationstheoretischen, soziologischen oder auch ökonomischen, in Worte zu fassen uns ins Werk zu setzen.
Wortanalysen

Fromm
Kaum ein anderes Wort hat von seinem ursprünglich gänzlich positiven Gebrauch soviel an Wert eingebüßt wie eben dieses Wort. Fromm bedeutete ursprünglich eine Lebenshaltung, die ebenso eine Lebenstüchtigkeit wie eine praktisch orientiere Gottbezogenheit im Blick hatte. Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten in Matthäus 25 übersetzt Luther unvergleichlich schön: „Ei, du frommer und getreuer Knecht.“ Im Märchen heißt es über einen solchen Menschen: „Er war ein Mann, fromm und rechtschaffen“.

Der Begriff umschließt einfach eine grundsätzliche Solidität und Zuverlässigkeit, die freilich immer in einem festen Gottvertrauen wurzelt. Denn neben der Tauglichkeit für die Herausforderungen des Alltags ist immer eine Verankerung im Glauben mitgemeint, wie wir sie etwa im Lied „Nun jauchzet, all ihr Frommen“ noch mitschwingen hören.

Wer fromm war, kannte sich aus in der Welt, weil er oder sie die Welt mit den Augen eines Menschen betrachtet hat, der fest in seinem oder ihrem Glauben gegründet ist. Manche besonders als Vorbild wirksamen Menschen haben sich deshalb sogar den Beinamen der Fromme erworben – wie etwa Friedrich III., genannt der Fromme, der ja den Auftrag zum Verfassen des Heidelberger Katechismus erteilt hat. Als politischer Herrscher verfolgt er das Ziel der Einung seiner Untertanen im politischen wie im krichlichen. Zugleich ist er es, der die meisten der umfangreich zusammengestellten Bibelzitate bei den Katechismus-Antworten beigesteuert hat.

Diese lebensdienliche Bedeutung hören wir auch noch aus dem Verbum frommen heraus, das freilich längst unter Artenschutz gestellt werden müsste, weil es kaum noch im Gebrauch ist. Wenn mir etwas frommt, dann kommt mir etwas zugute, ist mir etwas nütze. Umgekehrterweise bedeutet die Tatsache, dass mir etwas nicht frommt, dass es da etwas gibt, was mir eigentlich zutiefst schadet.

Im Zuge der Trennung von Gott und Welt steht das Adjektiv fromm allein noch der Welt des Religiösen zur Verfügung. Fromm zu sein, meint mit einem Mal in einer Weise zu glauben, die zwar durchaus Eindruck hinterlässt. Die aber zugleich auf eine gewissen Weltfremdheit schließen lässt. Wenn wir heute einen Menschen als fromm charakterisieren, leuchtet da zugleich ein Warnlämpchen auf. Vorsicht, der steht womöglich nicht mehr mit beiden Beinen in der Wirklichkeit.

So steht das Wort fromm mit einem Mal in der Gefahr, ein Schimpfwort zu sein, ganz egal, ob es im Singular oder im Plural gebraucht wird. Mit den Frommen wollen es viele nicht mehr zu tun haben, weil diese bisweilen nicht nur fromm, sondern frömmlerisch oder gar frömmelnd, manchmal sogar noch oberfromm, meistens aber sicherlich nicht lammfromm sind. Sie leben in einer anderen Welt, die vor den Herausforderungen des Alltäglichen den Kopf in den Sand steckt. Kurzum: Das Wort fromm ist auf eine Seite, die Seite des Privat-Religiösen abgestürzt und hat es außer in der Binnenwelt streng religiös geprägter Kreise zusehends schwer, hilfreich etwas zur Charakterisierung eines Menschen beitragen zu können. Eigentlich schade, dass dieses Wort eine solche Entwicklung genommen hat!
Geistlich

Auf manchen Friedhöfen hängt an der Tür des Raumes, in dem ich mich als Pfarrer auf die Beerdigung einstelle, ein Schild mit dem Ausdruck „Geistliche“. Die Geistlichen, das sind die Pfarrerinnen und die Pfarrer, auch wenn sie das oft selber gar nicht mehr sein wollen. Die Geistlichen, das sind Menschen, die Agentinnen und Agenten einer ganz anderen Lebenswirklichkeit sind. Die Geistlichen garantieren in einer Welt, in der die Halbwertszeiten der Wahrheiten sich ständig verkürzenden, das, was noch bleibenden Bestand hat, genauer gesagt nichts anderes als die Ewigkeit.

Was geistlich ist, ist von allem Anfang an in dieser religiösen Sphäre beheimatet. Wo etwas geistlich ist, ist der heilige Geist im Spiel. Geistlich, das ist von allem Anfang an ein Gegensatz zu weltlich – so wie schon bei Paulus, der etwa von der geistlichen Auferstehung spricht.

Immer geht es darum, die Niederungen des Irdisch-Weltlichen erfolgreich zu überwinden, um ins Eigentliche, ins Geistliche durchdringen zu können. Bisweilen ist der Gegensatz durchaus auch von einer polemischen Konnotation geprägt. Als in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Geistliche Gemeindeerneuerung erste Wachstumsschübe zu verzeichnen hatte, war deren Vertretern klar, dass die Kirche nur mit dieser Ausrichtung überhaupt noch wachsen kann. Somit schwang bereits im Namen die Aussage mit, dass alle anderen Konzepte nur in einer Sackgasse enden könnten und zur Erneuerung nicht fähig sind.

Mittlerweile hat der Ausdruck geistlich eher klärende Bedeutung. Wo von geistlicher Begleitung gesprochen wird, soll einem Menschen in ganz spezifischer Weise hilfreiche Zuwendung angedeihen, weil er als Mensch vor Gott in den Blick rückt.

In den letzten Jahren hat innerkirchlich der Ausdruck von der geistlichen Leitung zunehmend Konjunktur. Die einschlägige Debatte bringt derzeit noch sehr Unterschiedliches ans Tageslicht. Aber allen Konzepten gemeinsam ist doch die Einsicht, dass Kirche sich nicht allein mit den marktaffinen Managementkonzepten leiten lässt. Diese müssen „getauft“, d.h. auf kirchendienliche und kirchenangemessene Rahmendbedingungen hin weiterentwickelt werden. Zugleich sind die vertrauten Leitungsinstrumente, die jede Organisation kennt, durch kirchenspezifische zu ergänzen.

Die Kirche ist eben nie allein nur ein soziologisches Gebilde. Sie ist zugleich auch eine eschatologische Größe, in der die Zukunft, aus der uns Gott entgegenkommt, gleichsam schon vorweggenommen mitten in der Gegenwart ihren Ort hat. Unsere Grundordnung bringt diese Einsicht in ihrer fundamentalen Definition von der unaufgebbaren Einheit rechtlicher und geistlicher Leitung zum Ausdruck.

Im Unterschied zum zuvor beleuchteten Ausdruck fromm ist geistlich von Anfang an der religiösen Welt zugeordnet, dort aber durchaus mit positiver Wertschätzung versehen. Es ist gut, dass es Geistliche und Geistliches gibt, damit das Weltliche nicht auf Dauer allein die Oberhand behält und das Sagen hat.
Spirituell

War die Karriere des Wortes fromm eine, die im Absturz geendet ist, so ist es beim Wort spirituell genau umgekehrt. Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts macht dieser Begriff in den einschlägigen Kreisen zusehends von sich reden. Benutzt wird er nicht allein im christlichen Kontext, sondern überall da, wo Menschen sich der Mühe unterziehen, nach der Wirklichkeit jenseits unserer Wirklichkeit zu fragen.

Spirituell, das ist zunächst ein religiöser Containerbegriff, den jeder und jede in der ihm oder ihr eigenen Weise füllt. Da hat jemand eine spirituelle Ausstrahlung, da findet sich ein Kraftwort des Spirituellen. Wo es früher Andachten gab, gibt es jetzt spirituelle Impulse. Dieser Begriff lädt ein, verbindet Unterschiedliches, lässt eine Weite zu, die den einen verdächtig erscheint, während andere darüber nur froh sind. Ebenso häufig wie es um Spirituelles geht, drängt übrigens auch das Substantiv Spiritualität ans Licht.

Wenn der Spiritus, der Geist Gottes im Spiel ist, da werden alte Grenzen überwunden, da stoßen wir auf eine neue Wirklichkeit, da lernen wir, bisher Ungeahntes und Ungesagtes für unser Leben fruchtbar zu machen. Manchmal habe ich den Eindruck, spirituell ersetzt heute in einer gewissen Weise das Wort fromm, sofern dieses nur noch negativ verstanden und gebraucht wurde. So kann das positive gebrauchte Wort spirituell eindeutig vom Absturz des Wortes fromm profitieren. Der Sache nach kann’s uns nur recht sein. Auch wenn spirituell die Weltbezogenheit des Wortes fromm in seiner vormaligen Bedeutung nicht gänzlich abdeckt.
Evangelische Spiritualität

Was ist die Zwischenbilanz nach einem ersten und ausführlichen Blick auf die drei Begriffe fromm, geistlich und spirituell? Zuallererst doch dies: Es gibt ein Wissen um den besonderen geistlichen Charakter der Kirche. Es gibt eine Einsicht in die Notwendigkeit, Kirche auch in ihrer geistlichen Besonderheit und Unterscheidbarkeit in den Blick zu nehmen. Dies hat damit zu tun, dass die Kirche neben ihrer äußeren Verfasstheit eine geistliche Größe darstellt, deren Bedeutung im Zusammenhang mit der Wirklichkeit Gottes zu sehen ist.

Indem wir uns so mitten in der Ekklesiologie widerfinden, wird klar, dass es hier nicht um eine Besonderheit nur einer Kirche bez. Konfession geht. Vielmehr steht alles Nachdenken und Nachspüren, das auf das geistlichen Wesen der Kirche bezogen ist, im Kontext der Ökumene, der konfessionellen wie der weltweiten. Die Vorstellung geistlicher Sonderrechte wie die geistlicher Besitzstände nur einiger weniger finde ich unerträglich.

Davon unterschieden ist freilich der Blick auf unterschiedliche geistliche Sichtweisen und Praktiken. Allerdings sind diese häufig genauso von den vorhandenen Traditionssträngen abhängig wie von den klassischen Grenzziehungen zwischen den Konfessionen. Die Wertschätzungen des Feldes des Spirituellen – das zeigt die Gegenwart immer wieder – sprengt klassische Grenzziehungen auf und führt zu neuer Gemeinschaft. Nichts kann die ökumenische Gemeinschaft stärker fördern als das Erfahrungen des geistlichen Miteinander – freilich eines, das der Welt nicht vorschnell den Abschied gibt.

Wenn ich den großen Garten geistlicher Vielfalt auf Gemeinsamkeiten im Verhältnis der Konfessionen in den Blick nehme, finde ich drei Quellen geistlichen Handelns und geistlicher Übungen.

• Zum einen ein Handeln, das sich der Gemeinschaft aller im Glauben verpflichtet weiß und das sich quer zu den konfessionellen Grenzen bewegt.
• Daneben gibt es sehr wohl auch geistliche Übungen, die ich mit gutem Grund als typisch evangelisch beschreiben würde.
• Als drittes wären gänzlich neue Übungen zu beschreiben und womöglich zu entwickeln, die von der Anschlussfähigkeit an die Herausforderungen der Gegenwart bestimmt zu sein hätten.

In den meisten Fällen allerdings finden wir Mischformen, die sich aus unterschiedlichen Quellen speisen. Nicht alle Formen geistlichen Lebens werden aber in der evangelischen Kirche rezipiert.

Klassische Formen evangelischer Spiritualität oder geistlichen Lebens im evangelischen Kontext sind seit reformatorischer Zeit die Hausandacht, die sich im Pietismus fortentwickelt. Auch die Herrnhuter Tageslosung ist in diesem Zusammenhang zu nennen, ergänzt von der Übung der stillen Zeit.

Formen bibelbezogener Arbeit hat es im evangelischen Raum immer gegeben. In der Zeit des Nationalsozialismus hat diese Form entscheidend nicht zuletzt auch die Jugendarbeit geprägt.

Die Bereitschaft zu geistliche Übungen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dazu gehören die Neuentdeckung des Gebets zwischen dem politischen Nachtgebet der Kirchentage und verschiedensten Formen auch öffentlichen Betens in gemeindlichen Angeboten, ob in der Frühschicht in der Passionszeit oder in anderen Formen der gemeinschaftlichen Betens.

Neu entdeckt, teilweise wieder ausgegraben aus der eigenen Tradition, manchmal auch über Kontakte mit anderen Religionen, werden in der evangelischen Kirche verschiedenste Angebote der Meditation. Diese können sich auf konkrete Gegenstände, Bilder oder Musik beziehen oder auch völlig ungegenständlich sein.

Daneben spielen seit Jahrhunderten die Lieder bzw. Choräle eine wichtige Rolle. Die Hochschätzung der Kirchenmusik bis in die Gegenwart kann an diese Entwicklung anknüpfen. Neben den Kirchenchören haben die Posaunenchöre hier eine große Geschichte. Daneben wäre auch die Aufführungen der großen Passionen zu erwähnen. Ich bin sicher, dass auch diese Aufführungen, und sei’s in säkularen Räumen, geistlich nicht ohne Wirkung bleiben.

Alles, was man üben kann, kann auch zur geistlichen Übung werden. Das heißt, wir haben zu solchen Übungen mehr Raum und Gelegenheit, als wir oft ahnen.

Trotz des konfessionsverbindenden Charakters vieler geistlicher Elemente und Übungen bleiben Unterschiede. Dies hängt mit den unterschiedlichen Tradition zusammen. Der Protestantismus ist vor allem in seiner Entstehung eine Bildungsbewegung. Schulen spielen eine große Rolle. Katechismen. Aber auch Literatur und Kunst.

In Folge der Hochschätzung des Individuums wurden häufig Formen praktiziert, die Menschen auch alleine oder in sehr kleinen Gruppen umsetzen und praktizieren konnten. Im Protestantismus entstehen darum viele geistlichen Kleinformen, wie etwa die vorhin schon zitierte Hausandacht.

Der Protestantismus pflegte über mehr als vier Jahrhunderte keine eucharistische Frömmigkeit. Abendmahl gab es nur viermal im Jahr. Es gab kaum noch Beziehungen zur Tradition der Orden und deren geistlicher Kraft, die sowohl auch in den Stundengebeten wie im diakonischen Engagement zum Ausdruck gebracht wurde. Es wurden insbesondere Formen geistlichen Lebens praktiziert, für die es keiner priesterlichen Unterstützung bedurfte. Die evangelische Kirche blieb die Woche über Jahrhunderte geschlossen. Schließlich kenne, so argumentierte man, der Protestantismus keine heiligen Orte und ebenso keine Heiligen. Pilgerfahrten und Prozessionen hatten im Protestantismus darum lange Zeit keine Tradition.

Überhaupt haben viele Evangelische nach wie vor große Vorbehalte, wo es im Glauben um Formen des Übens geht. Verdächtig ist das Üben, weil man der Meinung ist, dass ihm eine Theologie zugrunde liegt, die nicht einfach auf dem simul iustus, simul peccator aufbaut, sondern auf einem allmählichen Prozess größerer Vollkommmenheit im Glauben. Der Protestantismus hat diese Diskussion in den pietistischen Debatten um die Frage nach der Möglichkeit der Heiligung aber längst geerbt. Und er arbeitet sich bis heute an dieser Frage ab.

Wir wissen alle, dass all diese Grenzen längst fließend geworden sind. Der Protestantismus ist über die Phase des antikatholischen Puritanismus in weiten Teilen hinausgegangen. Neu entdeckt wurden Formen der Sinnlichkeit, die im reformatorischen Überschwang vorschnell über Bord geworfen wurden. „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ - diese biblische Aufforderung wird zusehends nicht nur im übertragenen Sinn verstanden. Vielmehr sind wir dabei, die Formen, die unsere Sinne ansprechen, sukzessive wieder in unsere Frömmigkeitspraxis zu integrieren.

Erster augenfälliger Kristallisationspunkt dieser Entwicklung war in meiner Wahrnehmung die Taufkerze. Der Siegeszug ihrer Rückkehr in die evangelische Kirche ging schleichend vor sich. Im Rückblick müssen wir sagen, dass sie eine enorme Signalwirkung hatte. Ähnliches gilt für die Mette an Heiligabend und die Feier der Osternacht. Eine weitere große Bewegung, die die Frömmigkeitspraxis unterschiedlicher Kirchen und unterschiedlicher Stile in einen Prozess der Annäherung brachte, ging von Taizé aus. Hier wurden Elemente unterschiedlicher Traditionen durch die Verbindung neu vitalisiert.

Klösterliche Lebensgemeinschaften, über den Tag verteilte Gebete, Elemente auch der Orthodoxie, biblische Gespräche – es wundert nicht, dass die Debatte, ob Taizé denn nun evangelisch oder katholisch sei, immer wieder aufflackert. Aber es bestätigt die Richtigkeit meiner These. Dass es auch in Formen des gemeinschaftlichen Lebens schon einen längeren protestantischen Vorlauf gibt, sei hier zumindest angemerkt.

Inzwischen ist der Prozess der gegenseitigen geistlichen Durchdringung längst uneinholbar fortgeschritten. Und auf’s Ganze gesehen tut das den Bemühungen um die Einheit der Kirche ebenso gut wie der Glaubenskultur der einzelnen Suchenden und Glaubenden.

Dabei hat sich der Protestantismus durchaus als lernfähig erwiesen. Wenige Beispiele:

Fürbittende Heilige kennt der Protestantismus noch immer nicht. Aber dass wir Vorbilder im Glauben brauchen und dass wir derer auch gedenken können, haben wir neu als wichtig erkannt. Wie wir diese Erinnerung auch auf Themen ausdehnen können, zeigen die Themenjahre auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017.

Eucharistie und Abendmahl spielen auch heute in den jeweiligen Gottesdiensten nicht einfach eine identische Rolle. Aber die Evangelischen haben das Abendmahl als geistliche Quelle entdeckt, die Katholiken dagegen lernen die Predigt als wertvolle Kraftquelle schätzen.

In vielen Brechungen und Formen feiern wir auch in der evangelischen Kirche Tagzeitengebete. Es gibt eine neue Pilgertradition. Formen geistlicher Begleitung speisen sich aus den Quellen der ignatianischen und anderer Traditionen.

Neben den alten und wiederentdeckten geistlichen Schätzen bedarf es aber auch der Suche nach neuen spirituellen Formen bzw. Angeboten. Ideen und Ansätze gibt es hier genügend. Und wieder sind es meist Mischformen, die alte Segens-Rituale auf neue Situationen anwenden. So gibt es Pilgerwege für Radfahrer, Segensbitten an Schwellensituationen, ob hoch nachgefragt bei der Einschulung oder erst in der Entstehung begriffen beim Übergang in den Ruhestand. Zusehends an Bedeutung gewinnen auch Einwohnungsrituale nach dem Umzug bzw. bei der Übernahme einer neuen Wohnung oder eines neuen Hauses. Erst vor zwei Tagen habe ich gelernt, dass es beim Reisen immer weniger um Erlebnis und Erholung geht. Sondern immer stärker um Sinnsuche. Und dass es hier große Erwartungen an die Kirche gibt.

Die Liste der neuen Rituale bzw. der neuen Situationen, in denen geistliche Begleitung nachgefragt wird, ließe sich problemlos verlängern. Festzuhalten bleibt am Ende dieses Teiles: Kirche verdankt sich in ihren Formen immer der Tradition auf der einen, aber auch der wachen Zeitgenossenschaft und der Sensibilität für Neues. Geistliches Leben darf nicht der Gefahr geistlicher Traditionspflege erliegen. Natürlich werden neue Formen nicht einfach von derselben Akzeptanz getragen werden wie altbewährte Rituale. Aber veränderte Lebensrhythmen und neue Lebensformen verlangen geradezu nach geistlicher Deutung und Begleitung. Hier liegt das größte Stück Arbeit noch vor uns.
Was können wir mitnehmen?

Geistliche Erkenntnisse sind nicht einfach tote Information oder bloßes theologisches Fachwissen. Hier gelangt der Glaube gewissermaßen zu Rationen der Wegzehrung, die Lust zum Glauben machen und die helfen können, auch Durststrecken auszuhalten und zu überwinden. Wenige solcher Rationen möchte ich zusammenfassend noch einmal andeuten.

1. Geistliches und Weltliches ist zu unterscheiden, aber es darf nicht auseinanderdividiert werden.
2. Geistlich meint nicht einfach eine abgetrennte gute Welt des Glaubens, der die böse Welt entgegenzusetzen wäre. Es gibt kaum etwas, das keine geistliche Wirkung entfalten kann.
3. Es lohnt sich, das Erbe der eigenen Konfessionen und der Glaubensgeschichte der Gruppe der Menschen, der ich entstamme, zu entdecken und zu wahren.
4. An den geistliche Schätzen der Schwesterkirchen dürfen wir uns sorglos bedienen. Es ist unser gemeinsames Erbe.
5. Nicht alle geistlichen Angebote sind nützlich, manche sind ausgesprochen schädlich. Hier gilt es mutig zu unterscheiden. Ich muss nicht von jedem Angebot Gebrauch machen. Nicht alles passt zu mir.
6. Spirituelle Angebote können die Grenzen des Vertrauten auch überschreiten. Hier ist Vorsicht nötig. Aber auch keine falsche Scheu. Auch biblische Autoren haben von anderen Denkrichtungen gelernt.
7. Nichts verbindet die Kirchen stärke als der geistliche Austausch in seiner ganzen Möglichkeit der Weite. Die Aufforderung „Erkennt euch in dem Herrn als Schwestern und Brüder“ ist wohl die wichtigste und anspruchsvolleste geistliche Übung.

Ich lade sie herzlich ein, sich mit dieser Wegzehrung und der nötigen Sensibilität für geistliche Fragen auf den Weg durch diesen Tag heute Nachmittag dann zurück an ihre kirchlichen Orte zu machen.

Traugott Schächtele

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