UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE
PREDIGT ÜBER FRAGE 125 DES HEIDELBERGER KATECHISMUS
AM SONNTAG, DEN 7. JULI 2013
IN DER PETERSKIRCHE IN HASEL


Wieviel brauchen wir wirklich zum Leben, liebe Gemeinde? Eigentlich 374 €. So hoch ist nämlich der aktuelle Monatssatz für einen erwachsenen Hartz IV-Empfänger. Ein Kinder unter 6 Jahren erhält nur 219 €.

Mit diesem Geld muss alles abgedeckt werden. Das Geld für die Miete. Die Kosten für etwas zum Essen und etwas zum Anziehen. All das, was Schule zusätzlich kostet. Schulausflüge. Stifte. Hefte. Dazu kommt der Betrag für etwas zum Lesen, selten mal einen Kino-Film. Geschenke usw. Sie merken, irgendwie kommt das nicht hin. Und doch ist das für viele Menschen Alltag.

Was ist unverzichtbar? Was hätten wir einfach gerne? Was ist Luxus? Die heutige Predigt beschäftigt sich mit diesen Fragen. Denn es geht um die vierte Bitte des Vaterunsers: Unser täglich Brot gib uns heute! Es geht aber auch um den Heidelberger Katechismus, der in diesem Jahr seinen 450. Geburtstag feiert. Dieser Geburtstag hat den Anlass geliefert für diese Predigtreihe.

Was ist ein Katechismus? Ein Katechismus ist selber so etwas wie eine Antwort auf die Frage: Was brauchen wir wirklich? Aber der Katechismus gibt keine Antwort im Blick auf materielle Dinge. Im Blick auf Nahrung und Kleidung. Ein Katechismus hält fest, was ein Mensch für seinen Glauben wissen muss. In Form von Frage und Antwort beschreibt der Katechismus eine geistliche Notration. Eine Notration, die ausreichen muss im Leben und im Sterben. Denn die Frage, was unser einziger Trost ist im Leben und im Sterben, antwortet gleich die erste Frage des Katechismus.

Nur an einer einzigen Stelle antwortet ein Katechismus auch auf die Frage, was wir an leiblichen Gütern, an Materiellem nötig haben. Nämlich da, wo er eine Antwort versucht auf die vierte Bitte des Vatersunsers. Die Bitte eben: Unser täglich Brot gib uns heute. Der Bitte eben, um die es heute gehen soll.

Das Vaterunser ist einer der fünf Bestandteile der geistlichen Notration. Ansonsten geht es noch um Taufe und Abendmahl, um das Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote- Das war bei Luther so. Und ebenso beim Heidelberger Katechismus.

Meist werden Katechismen verfasst, wenn es gilt, irgendwie mit seinem Glauben Flagge zu zeigen. Luther hat seinen Kleinen Katechismus geschrieben, weil er merkte: Weder die Pfarrer noch die Kinder kennen sich im Glauben aus. Schon gar nicht in dem, was Luther neu in die theologische Debatte eingeführt hat. In seiner reformatorischen Theologie.

Der Heidelberger Katechismus ist ein Menschenleben jünger als der Luthers. Kurfürst Friedrich III, der den Heidelberger Katechismus in Auftrag gegeben hat, wollte ebenfalls die Jugend in Sachen des Glaubens lehren. Er wollte aber auch einen alten Streit schlichten, den zwischen Lutheranern und Reformierten. Luther ging es um Grundwahrheiten, dem Heidelberger Katechismus geht’s noch um mehr. Ihm geht’s um die Weitergabe von Theologie. Er will trösten und stärken.

Darum hat er auch die fünf Themen nicht einfach aufgelistet. Sondern er hat sie in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Vermutlich haben’s Ihnen die, die in dieser Reihe gepredigt haben, schon erzählt. Aber durch Wiederholung prägt sich manches ja besser ein.

Im Jahre 1559 stirbt der Kurfürst Ottheinrich, ein Anhänger der Reformation Martin Luthers. Sein Nachfolger Friedrich III. tendiert eher zum reformierten Glauben, also zu dem Flügel der Reformation, der in der Schweiz seinen Ursprung hat.

Er holt Theologieprofessoren, die ähnlich denken wie er, aus ganz Europa nach Heidelberg an die Universität. Einem von ihnen, Zacharias Ursinus, aus Breslau stammend, gibt er den Auftrag, den neuen Glauben in knappe Worte zu fassen. In deutscher Sprache. Er kommt nicht zufällig auf diesen Zacharias Ursinus. Der hatte nämlich schon zwei lateinische Katechismen veröffentlicht.

Dieser Zacharias Ursinus, der Hauptverfasser des Heidelberger Katechismus, hat den Katechismus in drei Teile eingeteilt. Im ersten Teil geht es um das Elend des Menschen vor Gott. Im zweiten Teil aber beschreibt er den Ausweg aus dieser schwierigen Situation. Die Überschrift lautet: Von des Menschen Erlösung. In diesem Teil erläutert er das Glaubensbekenntnis, die Taufe und das Abendmahl.

Es folgt aber noch ein dritter Teil, meiner Ansicht nach der schönste. Da geht es nämlich um die Dankbarkeit. Besser gesagt, da geht es darum, wie ich neu und besser leben kann. Jetzt erklärt der Katechismus die Zehn Gebote und das Vaterunser. Gebot und Gebet, das sind die beiden Wege, um mein Leben so auszurichten, wie Gott es haben will.

Da genau befinden wir uns mit der heutigen, der 125. Frage. Kurz vor dem Ende. Mit der Frage 129, die nur noch das Wort Amen erklärt, kommt der Katechismus dann an sein Ende. Das tägliche Brot also von Gott zu erwarten und zu erbitten, das ist ein Zeichen der Dankbarkeit. Schön, wenn man das so sehen kann. Und nicht einfach nur haben will, was einem zusteht.

„Unser täglich Brot gib uns heute!“ Ich habe ihnen die Erklärung Luthers und die des Heidelberger Katechismus abgedruckt. Auf der Vorderseite sehen sie übrigens die Kopie der Frage 125 aus der Original-Ausgabe des Heidelberger Katechismus aus dem Jahr 1563. Dazu aber später.

Jetzt werfen wir erst einmal einen Blick auf Luthers Kleinen Katechismus. Luther geht in zwei Schritten vor. Zunächst weist er darauf hin, dass Gott allen Menschen zu essen geben möchte, auch den Bösen. Ich finde das bemerkenswert. Brot für die Welt, das ist also kein Programm nur für Christenmenschen. Brot für die Welt steht allen Menschen zu. Und sie müssen eigentlich nicht einmal darum bitten.

Warum können wir uns dann von der vierten Bitte des Vatersunsers nicht einfach verabschieden, wenn wir sowieso um das tägliche Brot bitten müssen? Weil wir im Gebet erkennen, wem wir das tägliche Brot zu verdanken haben. Das Gebet hat hier also eine religionspädagogische Funktion. Wir beten, um zu erkennen, wem wir zu verdanken haben, was Gott uns auch so zugesteht.

Im zweiten Schritt erklärt Luther dann, was mit dem täglichen Brot denn gemeint ist. Nicht nur Essen und Trinken eben. Sondern all das, was sie hier aufgelistet finden: Geld, Gut, Lebenspartner, Freunde, gute Nachbarn, eine gute Regierung, Gesundheit – sie können’s selber nachlesen. Luther holt hier weit aus. Und bleibt doch sehr lebensnah.

Zum Vergleich jetzt der Heidelberger Katechismus. Auf eine große Ausdeutung dessen, was Brot meinen kann, verzichtet er. Da heißt es nur:

„Versorge uns mit allem, was für Leib und Leben nötig ist.“

Hier geht es zunächst auch nicht um geistliche Gaben. Es geht um den Erhalt von Leib und Leben. Aber auch wenn Leib und Leben erhalten bleiben – es nützt nichts, wenn nicht Gottes Segen darauf ruht. Auf Leib und Leben kommt’s am Ende gar nicht an. Sondern auf die Rettung aus der Gottferne.

Hier ist der Heidelberger Katechismus direkter und drastischer als Luther. Bei Luther hieß es noch: Gott gibt, ohne dass wir bitten. Und Gott gibt auch den Bösen. Ganz anders der Heidelberger Katechismus:

„Lehre uns dadurch erkennen, dass du allein der Ursprung alles Guten bist und dass ohne deinen Segen unsere Sorgen und unsere Arbeit wie auch deine Gaben uns nichts nützen.“

Es kommt einzig darauf an, Gott zu erkennen. Und mit seinem Segen zu rechnen. Das tägliche Brot ist eigentlich zweitrangig. Es ist eigentlich ein Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck lautet: Alles ist vergeblich, wenn nicht Gottes Segen darauf ruht.

Und der Heidelberger setzt noch eins drauf. Wenn Gott uns versorgt, dann nur aus einem Grund: Wir sollen unser Vertrauen allein auf ihn setzen. Letztlich geht’s immer um Gott. Um die Ewigkeit. Und darum, was aus uns wird. Alles andere bleibt dahinter zurück. Und ist zweitrangig.

Man kann hier wunderbar den Unterschied zwischen zwei unterschiedlichen Theologien erkenne. Luther gibt dem Bereich des täglichen Brotes einen eigenen und hohen Stellenwert. Essen, Trinken, Freunde und Nachbarn, gutes Wetter und was er alles aufzählt – das hat sein eigenes Recht. Sicher, es soll uns zur Dankbarkeit verlocken. Aber Gott gibt, damit wir genug haben. Gott will, dass wir Menschen leben können. Auch gut leben können. Ohne Vorbedingung.

Beim Heidelberger Katechismus ist die irdische Welt, die Welt des Brotes, ganz in den Dienst der himmlischen gestellt. Am Ende kommt es darauf an, gerettet zu werden. Und mit unserem Leben unseren Dank zum Ausdruck zu bringen.

Denselben Unterschied finden wir auch, wenn’s ums Abendmahl geht. Luther findet Christus gegenwärtig im Brot. Und im Wein. Die irdischen Dinge sind ihm wichtig. Sie können für ihn sogar Platzhalter der Gegenwart Gottes sein.

Für die Verfasser des Heidelberger Katechismus lässt Gott sich in diesem Brot nicht fassen. Weder im täglichen Brot. Noch im Brot des Abendmahls. Das Entscheidende ereignet sich im Himmel. Das Brot erinnert daran, dass es auf unsere Situation vor Gott ankommt. Auf das Ergriffensein im Glauben. Ohne, dass ich mich an den Dingen des Alltags festhalten muss. Auch nicht am Brot.

Was machen wir jetzt mit diesen beiden Katechismen? Hat einer Recht? Und der andere Unrecht? Nein! Sonst wäre ja unsere badische Kirche längst auseinandergebrochen. Schließlich sind seit 1821 beide Katechismen Bekenntnisschriften unserer Kirche. Zusammen mit dem Augsburger Bekenntnis.

Ich würde darum eher sagen: Beide Katechismen wählen einen unterschiedlichen Zugang. Setzen einen unterschiedlichen Schwerpunkt. Sie sind in ihrer Unterschiedlichkeit ein Beispiel dafür, wie mühsam es ist, angemessen von Gott zu reden. Und vom Menschen dazu.

Die Art und Weise, in der Luther dies tut, ist bodenständiger. Luther setzt bei dem an, was unser Leben ausmacht. Was uns zur Verfügung steht, um die Spuren von Gottes Gegenwart in der Welt zu entdecken.

Der Heidelberger Katechismus ist, wenn man so will, theologischer. Geistlicher. Ihm geht es darum, Gott nicht in Konkurrenz zu bringen. Auch nicht in die Konkurrenz mit den Schöpfungsgaben. Darum heißt es:

„Lasst uns deshalb unser Vertrauen von allen Geschöpfen abwenden und es allein auf dich - also auf Gott - setzen.“

Er will uns nicht sagen, was wir glauben sollen – das macht Luther mit seinem Katechismus. Der Heidelberger Katechismus hilft vielmehr dabei, wenn es darum geht, wie wir glauben können. Indem wir also allein Gott vertrauen.

Im deutschsprachigen Raum ist der Katechismus Luthers der bekanntere. Weltweit gesehen ist das aber anders. Da ist der Heideberger Katechismus viel stärker verbreitet. Wohl gerade wegen seiner theologischen Prägung. Wohl gerade deshalb, weil es ihm ganz zentral um Gott geht. Und um den Trost, den wir in Gott finden können.

Wenn sie künftig das Vaterunser beten, lassen sie sich an beides erinnern. An das tägliche Brot, das Gott uns gönnt. Und gibt. Und an die Größe Gottes, die nicht aufgeht in dem, was wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen greifen können.

Luthers Katechismus und der Heidelberger Katechismus – wir brauchen sie beide! Zum einen, um uns diese Welt in Erinnerung rufen zu lassen. Wir leben hier auf Erden. Und nicht im Himmel. Und deshalb sind die irdischen Dinge wahrhaftig nicht ohne Bedeutung. Und 374 € reichen da wahrhaftig nicht aus.

Zum anderen brauchen wir beide, um unseren Blick dann auch wieder auf die Erhabenheit und die Größe Gottes zurück zu lenken. Und auf die Konsequenzen, die das für uns und für uns und für unser Leben hat.

Wenn ihnen das kompliziert vorkommt: den Menschen vor 450 Jahren ging das nicht besser. Kaum war Friedrich tot, kam sein Sohn Ludwig VI. auf den Thron. Und alle Untertanen mussten wieder zum Luthertum zurückkehren. So ging das noch eine ganze Weile mit den sich ablösenden Landesherren.

Da lebt es sich schon besser in unseren Verhältnissen. Und in einer Kirche, in der die trennenden Unterschiede aufgehoben sind. Gebt die Welt nicht verloren. Das sagt uns die Auslegung der Bitte bei Martin Luther. Geht selber nicht verloren. Das sagt uns der Heidelberger Katechismus.

In all dem dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns gibt, was wir zum Leben brauchen – das tägliche Brot und noch vielmehr. Und wir dürfen sicher sein, dass Gott es an seinem Segen nicht mangeln lassen wird. Amen.




Traugott Schächtele

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