BEFREUNDET MIT CHRISTINNEN UND CHRISTEN IN ALLER WELT – EINE KLEINE WELTREISE
ANDACHT AM BEGINN DES HOFFESTES
AM 3. JULI 2013


Liebe Schwestern und Brüder!
Haben sie einen Freund? Oder eine Freundin? Ich rede nicht von einer heimlichen Liebschaft. Sondern ich rede von einem Menschen, dem sie sich ganz eng verbunden fühlen. Mit dem sie eine lange Geschichte verbindet. Den sie gut kennen und mit dem sie gerne zusammen sind. Ein Mensch eben, der in ihre Lebensgeschichte hineinverwoben ist.

Manchmal kann man ja den Satz hören: „Ich brauche keine Feinde. Ich habe mit meinen Freunden genug Ärger.“ Ich glaube nicht, dass dieser Satz wirklich stimmt. Freundschaften sind etwas zu Wichtiges, als dass sie sich mit solch einem Satz beschreiben ließen. Freundschaften sind etwas Besonderes, das es zu hegen und zu pflegen gilt. Aber in der Tat manchmal auch etwas Zerbrechliches. Aber für den Ärger sind in aller Regel nicht die Freundinnen und Freunde zuständig. Gott sei Dank!

Um das Thema Freundschaft soll’s auch am heutigen Tag gehen. In einem ganz besonderen Sinn. „Befreundet mit Christinnen und Christen in aller Welt“ – das ist das Motto dieses Hoffestes. Und natürlich klingt in dieser Formulierung der Text aus der Unionsurkunde aus dem Jahre 1821 an. Dort heißt es im 10. Paragraph ja wörtlich: „Solcherweise einig in sich und mit allen Christen in der Welt befreundet ... .“

„Mit allen Christen in der Welt befreundet“ – diesen Satz haben die Mitglieder der Vorbereitungsgruppe mit der gewählten Formulierung weise verändert. Einmal mit einer Reduzierung. Das andere Mal mit einer Weitung. Erweitert wurde der Satz durch die Öffnung hin zu den Christen und Christinnen. Da waren unsere Altvorderen bei der Ausarbeitung der Unionsurkunde noch von einem anderen Gepräge. Gut, dass die Sensibilität im Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit so gewachsen ist, dass wir längst auch mit unserer Sprache darauf reagieren.

Reduziert, weggelassen wurde das Wort „alle“. Mit allen in der Welt befreundet sein, das geht nicht. Das ist schlicht eine Überforderung. Das war schon vor 192 Jahren keine Möglichkeit. Es würde uns alle überfordern. Und es würde den Wert einer Freundschaft mindern. Was mich mit allen Menschen verbindet, ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aber sicher nicht das Gefühl der Freundschaft. Ich will nicht mir allen Menschen befreundet sein. Und auch nicht mit allen Christinnen und Christen. Und ich kann es auch nicht. Niemand kann das.

„Ich bin vielen Menschen freundschaftlich verbunden. Aber ich habe nur wenige Freunde.“ Dieser Satz stammt nicht von mir. Ich habe ihn in einem Interview einmal von Franz Beckenbauer gehört. Der ist ja nun sicherlich kein Philosoph und kein Vordenker des Phänomens der Freundschaft. Und längst nicht immer ein Meister treffend gesetzter Worte. Aber hier spürt er etwas Richtiges. Das Wort Freundschaft verliert, wenn wir inflationär damit umgehen. Und wenn auf Facebook jemand Hunderte von Freunden hat, dann ist mir das eher verdächtig.

Was ist denn ein Freund oder eine Freundin? „Ein guter Freund – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“ Das haben die Comedian Harmonists schon in den 20er Jahren gesungen. „Dasselbe zu wollen. Und dasselbe nicht zu wollen – das macht wahre Freundschaft aus.“ Das hat Cicero sogar schon vor mehr als 2000 Jahren geschrieben.

Ich glaube nicht, dass Cicero in diesem Fall Recht hat. Ich habe meine engsten Freunde kennengelernt, als ich Anfang 20 war. Wir haben uns sehr verschieden entwickelt. Heute würden wir uns zum Teil wohl kaum begegnen. Und wir wollen in manchen Dingen schon gar nicht dasselbe. Aber unserer Freundschaft hat das keinen Abbruch getan. Die hat all die Jahre gut überstanden.

„Befreundet mit Christinnen und Christen in aller Welt“ – das heutige Motto bleibt da eher zurückhaltend und vorsichtig, wenn es um die Verbundenheit mit den Christinnen und Christen in der ganzen Welt geht. Zunächst: Das Motto dieses Tages beschreibt etwas völlig Richtiges. Nämlich die Verbundenheit, die wir als Christinnen und Christen weltweit haben. Wie in einer Art von geistlicher Verwandtschaft.

Ähnlich, wie Paulus es in seinem Brief nach Korinth formuliert, wenn er von der Verbundenheit im Leib Christi spricht. Paulus benutzt allerdings nicht das Wort Freundschaft. Eher ein Gleichnis für eine enge Beziehung. Ein Bild der Zusammengehörigkeit. Dieses Bild vom Leib Christi lässt sich gut auf die weltweite Christenheit anwenden. Und es gehört doch längst zu den alltäglichen Erfahrungen, dass in unserer globalisierten Welt Freundschaften über die Grenzen von Ländern und Kontinenten immer mehr zur Normalität werden. Unter Christinnen und Christen. Aber auch über diese Grenze des verbindenden Glaubens hinweg.

Das war zunächst der Blick auf die stärkende und verbindende Dimension des Tagesmottos. Dieses Motto hat in der Gegenwart aber auch noch eine andere, eine herausfordernde, eine eher politische Funktion. Es gibt zusehends Christinnen und Christen, die auf unsere Freundschaft angewiesen sind. Sehr angewiesen. So sehr, dass diese Freundschaft lebensrettend wirken kann.

Wer sich bei uns als Christ oder als Christin bekennt, geht kein Risiko ein. In vielen Ländern der Erde ist das völlig anders. Da kann es durchaus gefährlich sein, sich als Christin oder als Christ zu outen. Da stoßen Menschen nicht nur auf Widerspruch, sondern auch auf die Botschaft, dass sie unerwünscht sind. Manchmal – und zusehends mehr – auch auf Gewalt. Diese Menschen brauchen unsere Freundschaft, ob in Ägypten, in Indonesien oder wo auch immer. Es stärkt sie, wenn sie wissen, dass andere an sie denken. Für sie beten, Sich für ihre Sicherheit und ihre Unversehrtheit einsetzen.

Oder um noch einmal Paulus zu Wort kommen zu lassen: Wenn ein Teil leidet, leiden alle anderen Teile mit. Und wenn ein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen Teile mit. Insofern sind wir heute bei diesem Hoffest auch mit allen verbunden, die zu diesem weltweiten Leib Christi gehören. Wir pflegen heute also unser Körpergefühl für diesen Leib.

Dieses heutige Hoffest kann darum ein Mehrfaches sein.

• Im Thema eine Erinnerung an das Erbe, das wir den Müttern und Väter unserer Landeskirche verdanken.
• In den einzelnen Stationen eine Reise voller Neugier durch die Buntheit des Volkes Gottes in der Welt.
• In der Buntheit des Festes ein Zeichen der Verbundenheit und der Zusammengehörigkeit am Leib Christi – eine öffentliche Bekundung unserer Überzeugung, dass uns als Christinnen und als Christen mehr verbindet als uns trennt.
• Dieses Hoffest mit all seinen Aktivitäten ist aber auch ein Akt der Solidarität und der Unterstützung für alle, die anderswo und unter anderen Rahmenbedingungen leben. Als Christin und als Christ. Oder mit welchen Überzeugungen auch immer. Wir sind gefordert, wenn andere Menschen auf unser Interesse, unsere Neugier auf sie und auf unsere Solidarität angewiesen sind.

Diese Verbindung gilt es nicht einfach nur zu beteuern. Mit hehren Worten und klugen Erklärungen. Diese Verbindung gilt es vor allem zu feiern. Das gemeinsame Feiern ist die wirkungsvollste Form der Kommunikation der weltweiten Christenheit.

Darum möchte ich mein eingangs gebrauchtes Zitat verändern. „Ich brauche keine Feinde. Weil wir in der Verbundenheit am Leib Christi alle Schwestern und Brüder sind.“ Dies lasst uns feiern heute. Amen.

Gebet
(Hinweis auf den Kehrvers: Laudato si)
Gott im Himmel, du hältst es nicht aus in jenseitiger Abgeschiedenheit. Mensch bist du geworden wie unsereiner. Wir bitten dich: Lass uns im Gesicht jedes Menschen die Schwester und den Bruder erkennen. Wir können nicht jedem Menschen Freundin sein oder Freund. Aber keinen Menschen soll es geben, dem wir Würde, Recht und Gerechtigkeit vorenthalten. Wir loben dich und singen:

Alle: Laudato si ...

Gott hier auf der Erde, bunt hast du deine Welt gewollt. Bunt hast du sie darum geschaffen. Wir bitten dich: Lass uns diese Buntheit als Chance begreifen, uns an deiner Vielfalt und der Schönheit dieser Welt zu erfreuen. Und sie nicht als Bedrohung missverstehen. Es müssen nicht alle so sein und so leben wie wir! Wir loben dich und singen:

Alle: Laudato si ...

Gott mitten unter uns, wir müssen keine weiten Wege gehen, um dich zu finden. Wo immer im Leben wir die Spuren deiner Liebe entdecken, wird das Leben zum Fest. Wir bitten dich: Lass davon etwas spürbar werden an diesem Tag: in den Begegnungen und Gesprächen In den Erfahrungen und Informationen. In der Freude des gemeinsamen Feierns. Wir loben dich und singen:

Alle: Laudato si ...

Segen
• Abraham zog ins Zweistromland
• und Jakob nach Ägypten
• Nach Babylon wurde Israel verschleppt.
• Johannes der Seher auf die Insel Patmos.
• Paulus zog es nach Spanien.
• In Rom fand er den Tod.
• Auf den ganzen Globus leben Christinnen und Christen. In Feuerland und Grönland.
• In Sibirien und Indonesien.

Dein Segen Gott knüpft uns alle zusammen.
Durch das Meer der Zeit.
Und über die Grenzen der Kontinente hinweg.

Verbunden als ein Leib
segne uns, Gott.
Heute und an jedem Tag. Amen.


Traugott Schächtele

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