PREDIGT
GOTTESDIENST ZU BEGINN DER TAGUNG DER STADTSYNODE
AM FREITAG, DEN 12. JULI 2013
IN DER CHRISTUSKIRCHE IN KARLSRUHE


Liebe Synodalgemeinde!

Evangelisch Farbe bekennen in Karlsruhe – das hat gute Tradition! Und das nicht erst heute.

Da hält uns in diesem Jahr ein Jubiläum in Atem. Ein frommer Landesherr, der seinen theologischen Ausgangspunkt im Luthertum nimmt. Und dann eine eine Hinwendung zum reformierten Glauben erfährt. Eine Zusammenstellung der wesentlichen Inhalte des Glaubens im Zusammenspiel von Frage und Antwort. Mit unabsehbaren, weltweiten Folgen. Bis heute. Sie ahnen, wovon ich spreche. Vom Heidelberger Katechismus. In diesem Jahr wird er 450 Jahre alt.

Und während alles nach Heidelberg blickt, rückt Karlsruhe, so scheint’s ins Hintertreffen. Zu Unrecht. Denn evangelisch Farbe bekannt, das wurde auch hier in der Markgrafschaft. Auch schon im 16. Jahrhundert. Warum also denn in die Ferne schweifen, wenn Gutes, ja Hervorragendes doch auch so nahe liegt!
Da wird im Jahre 1556 die ganze Markgrafschaft Baden evangelisch. War’s in Heidelberg Kurfürst Ottheinrich, der diesen Schritt vollzieht, so ist’s in Baden Markgraf Karl II., der damals noch in Pforzheim seinen Sitz hat. 9 Jahre später, 1565, verlegt er seine Residenz dann nach Durlach. Auch Karl hält etwas auf seinen Glauben. Darum bekommt auch er den Beinamen der Fromme. Wie zuvor Friedrich III. in der Kurpfalz.

Die Kinder Karls ruhen sich nicht einfach aus auf dem Erbe der Altvorderen. Und die Jungen zwitschern schon gar nicht, „wie die Alten sungen“. Nur einer, Georg Friedrich bleibt lutherisch. Jakob wird katholisch. Und Ernst Friedrich wendet sich dem reformierten Glauben zu. Wie Kurfürst Friedrich von der Pfalz. Und wie dieser ersetzt er Pfarrer und Beamte, die diesen Schritt nicht mit vollziehen, mit reformiert Gesinnten. Das Volk aber bleibt reserviert.

Ernst Friedrich will seine Untertanen überzeugen. Und ihnen die neue Lehre nahebringen. Er verwirft die lutherisch-konservative Konkordienformel. Und verfasst eine eigene kurze Darstellung des reformierten Glaubens. Ernst Friedrich hat keinen Zacharias Ursinus an seiner Seite. Und keine theologische Fakultät. Aber auch er lässt sich von einigen Theologen beraten. Und schreibt dann seine Darstellung des Glaubens. Schreibt sie einfach selber. „Ein kurzes und einfältiges Bekenntnis“ nennt er sein Büchlein. Das „bequemste und übersichtlichste Kompendium der reformierten Lehre“ sei ihm da gelungen, so kann man im Urteil eines anderen über sein Buch lesen.

Da der Markgraf unter den Lutherischen keinen Drucker findet, gibt er das Buch im Selbstverlag heraus. Er wirbt in Speyer einen hugenottischen Drucker ab. Und der druckt sein Buch im markgräflichen Schloss in Staffort. Das „Stafforter Buch“ nennt man dieses Werk darum auch. Erschienen im Jahr 1599. Eine Bekenntnisschrift von hohem Rang, wie man in der Fachliteratur dazu lesen kann. Und eine fast vergessenes Bekenntnis dazu, sei hier ausdrücklich angemerkt.

Ernst Friedrich bleibt der Erfolg des Heidelbergers nicht vergönnt. Das Volk und die Pfarrerschaft wollen lutherisch bleiben. Und Pforzheim, die durch den Wegzug verschmähte Alt-Residenz tut sich im Widerstand besonders hervor. Ernst Friedrich will schlichten. Doch unterwegs, auf Schloss Remchingen, erleidet er einen Schlaganfall und stirbt. Unter dem jüngeren lutherischen Bruder kommt die reformierte Phase schnell an ihr Ende.

Doch das Stafforter Buch des Markgrafen bleibt als reformiertes Bekenntnis erhalten. Evangelisch Farbe bekennen – das hat also auch hier in der Region Tradition. Nicht nur in der Kurpfalz. Und auch wenn dem Stafforter Buch der große Erfolg versagt bleibt – es bleibt ein evangelisches Bekenntnis von hohem Rang – geschrieben und gedruckt hier in der Region. In der „unteren Markgrafschaft“.

Theologische Entscheidungen waren damals von hohem Gewicht. Und die Themen der Bekenntnisschriften wurden an den Stammtischen debattiert. Sie müssen den Nerv der Zeit wohl schon getroffen haben.

Vielleicht wäre es lohnend, sich vorzustellen, auch wir hier könnten uns an die markgräfliche Kommission wenden. Und ihr die Fragen vorlegen, die heute Abend für uns von Bedeutung sind. Ich fände es spannend, dem Markgrafen und seinen Beratern drei Fragen vorzulegen, die im Stafforter Buch keine Rolle spielen. Und ebensowenig im Heidelberger Katechismus.

Richten wir also die erste Frage an die gelehrte Kommission:

Wenn es denn, wie die Schrift lehrt, der Heilige Geist ist, der die Kirche leitet, warum sind dann Ämter vonnöten wie das eines Pfarrers oder einer Pfarrerin, aber auch das eines Decanus oder einer Decana? Ist es nicht vollkommen ausreichend, wenn eure markgräflichen Gnaden seine Kirche umsorgt wie ein guter Bischof. Und die Gläubigen ihn dabei unterstützen. Wir müssen dem Heiligen Geist doch nicht mit unserem menschlichen Planen ins Handwerk pfuschen. Genügt es doch, wie der Evangelist Johannes schreibt, dass der Geist, den der Vater uns sendet, uns leiten wird in alle Wahrheit“.

Und wenn wir Glück haben, erhalten wir die markgräfliche Antwort. Aus seiner damaligen Zeit heraus. Aber doch im Horizont der Fragen und Probleme der Gegenwart. So also könnte Ernst Friedrich geschrieben haben:

Liebe nach Antworten heischende Brüder – und wohl auch Schwestern – da legt Ihr heute ja großen Wert darauf! Recht habt Ihr, in dem, was Ihr da fragt! Es ist der Heilige Geist, der die Kirche leitet. Und wo es ein anderer Geist ist, da ist es auch nicht mehr die Kirche, um die es geht. Denn das ist geradezu ihr Kennzeichen, dass in ihr alles Leiten nach ganz anderen Gesetzen vor sich geht – oder zumindest gehen soll - als in der Welt.

Ich sehe, dass diese erste Antwort euch noch nicht zufrieden stellt. Erfahrungen tauchen aus der Erinnerung auf, die euch zweifeln lassen, ob es denn tatsächlich der Heilige Geist war, der da bisweilen das Sagen hatte. Oder doch eher menschliche Machtgelüste, strategische Zukunftsplanungen. Vielleicht auch der Druck nachlassender finanzieller Möglichkeiten.

Der Geist, so denkt Ihr, blieb manchmal womöglich außen vor, wenn Eure Kabinette und Räte entschieden haben. Aber da muss ich euch ganz entschieden widersprechen. Gottes Geist äußert sich auch in Gestalt des menschlichen Sorgens, Planens und Entscheidens. Auch wenn Euer Geist den Geist Gottes niemals wirklich fassen kann. Aber wie Gott Mensch wurde in einem Kind, so vermag auch Gottes Geist die Gestalt menschlichen Denkens und Handelns anzunehmen.

Um diesen Geist wahrzunehmen und in rechter Weise zu unterscheiden, tragt Ihr alle Verantwortung für diese Kirche. Denn durch Eure Taufe seid Ihr alle zum Priester und zur Priesterin geweiht. Da muss ich Dr. Martinus ausnahmsweise einmal Recht geben.

Zu Eurer Entlastung und damit alles in einem ordentlichen Gang vor sich geht, sind all diejenigen ins Amt eingesetzt, von denen Ihr sprecht: Pfarrer und Diakonin, aber auch Dekanin und Dekan. Sie sollen in rechter Weise leiten und den rechten Weg weisen. Gegründet auf Gottes Wort. Aber ins Werk gesetzt mit den Mitteln der Vernunft und der Überredung, mit denen sie andere zu gewinnen suchen.

Es ist eine hohe Verantwortung, in die sie da gerufen werden. Und sie müssen klug und gut vorbereitet sein. Und stets wissen, dass sie dies alles nicht aus eigener Kraft vermögen, sondern weil Gottes Geist sie mit den Gaben der Leitung und Lenkung beschenkt hat. Oder diese Gaben in ihnen wecken und stärken will. Und der ihren Geist durchdringt. Damit sie selber zum Zeichen des guten und Orientierung ermöglichenden Geistes Gottes werden können.

Ganz abwegig erscheint euch diese Antwort wohl nicht. Und es macht mir Mut, dem glaubenskundigen Markgrafen für euch eine weitere Frage vorzulegen.

Wenn das Wort Gottes doch mit eindeutigen Worten Kunde gibt, wie es um die Dreieinigkeit, die Gegenwart Christi im Abendmahl und die Wirksamkeit der Taufe bestellt ist, warum sind denn die Christen ein so unordentlicher Haufen, so dass sie bald dem einen, bald dem anderen nachlaufen, sich zerstreiten ob Brot und Wein Leib und Blut Christi sind oder nur abbilden, ja sich als Christenheit gar bald spalten in vielerlei Parteiungen und Richtungen, die sich alle Kirche nennen? Und die sich streiten, wie sie am besten dem Frieden nachjagen. Und in welcher Weise die Menschen ihr Zusammenleben gestalten. Ist es denn nicht genug, wie Paulus an die Epheser schreibt, „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“?

Auch hier würden Ernst Friedrich und die seinen sicher nicht zögern, uns in die rechte Spur zu setzen.

„Ihr sprecht den wundesten Punkt überhaupt an, den Schandfleck unserer Weise, Kirche zu sein. Bis hinein in Eure Zeit! Ja, gespalten und aufgeteilt ist der Leib Christi. In Orthodoxe, Katholiken und Protestanten. Und als letztere seid Ihr wieder selber uneins und zerteilt in Lutheraner, Reformierte und Unierte.

Dazu kommen Taufgesinnte, die dagegen reden, wenn ihr eure Kinder früh zur Taufe bringt. Und andere, die so trefflich in Zungen reden, dass niemand so ganz versteht, was Gott ihnen zu sagen aufgibt.

Und was das Mahl des Herrn angeht: Ob es da heißt „das ist“ oder „das bedeutet“ – das setzt eurem Glauben nichts zu. Und es nimmt ihm auch nichts. Ist es doch allemal im Glauben gesprochen. Und so will ich auch gar nicht von Verwandeln reden. Ist denn Gott ein fahrender Miraculus? Ins Herz soll’s euch gehen. Glauben sollt ihr. Und euer Leben verwandeln. Das ist besser als großes Zanken über Brot und Wein, die bleiben, was sie sind. Und die uns doch im Glauben den in die Mitte stellen, der uns diese Zeichen gegeben hat. Und der selber einlädt an seinen Tisch.

Nein, ihr müsst nicht einmütig glauben, was wir doch alle nicht begreifen mir unserem Verstand. Und so könnt ihr euer Leben in unterschiedlichen Häusern des Glaubens zubringen, wenn ihr sie denn offen stehen lässt und kein Feuer legt am Haus eures Nachbarn. Eins könnt ihr sein, weil Gott selber eins ist. Und doch vielfach zugleich. Gebrochen wie das Licht im Regenbogen. Ist der denn nicht dann am schönsten, wenn die Farben sich verbinden zu einem Ganzen?

Leicht sind die Antworten nicht. Aber sie sprechen von dem, was uns bewegt, wenn wir uns begegnen in verschiedenen Kirchen. Und unsere Wahrheit mit der der anderen ins Gespräch bringen. Konfessionen, da mag es viele geben. Aber sie sind eine Kirche. Und sie müssen sich nicht in allem einig sein. Aber es wäre schon ein Grund zu Freude, wenn sie nicht nur Schwester und Bruder zueinander sagen. Sondern das auch ernst meinen. Geschwister mögen so unterschiedlich sein, wie wir uns das kaum vorstellen können. Aber sie gehören dennoch zu einer Familie.

Doch mögen wir uns auch verbinden in einem gemeinsamen Gottesglauben – wir sind nicht alleine auf diese Welt.

Darum zum Dritten und Letzten gefragt:

Wenn doch nur einen Gott gibt, warum gibt es dann Menschen, die anderen Heilsbringern und Propheten hörig sind und die andere Bücher heilig nennen? Wenn doch nur eine Wahrheit ist, würden die Menschen kraft ihres von Gott gegebenen Verstandes diese dann nicht auch erkennen, anstatt wegen dieser Wahrheit mit Feuer und Schwert über andere herfallen – wie denn Christus selber sagt in den Schriften des Evangelisten: „Ich bin der Weg und die Wahrheit. Und diese Wahrheit allein wird euch freimachen!“

Noch einmal hören wir den Markgrafen reden:

Ihr fragt anders, als ich damals gefragt hätte, als ich meinen Glauben in Worte gefasst habe. Wir hatten keinerlei Zweifel: Natürlich ist die Wahrheit bei uns. Die anderen sind Ungläubige. Sie haben bestenfalls Körner der Wahrheit in ihr Brot des Unglaubens eingebacken.

Mit euch möchte ich nicht tauschen. Ihr habt es scheinbar leichter. Und zugleich doch viel schwerer! Ihr könnt die ganze Welt bereisen. Euch bleibt kein Ort verschlossen, an dem Menschen ihren Gott anrufen. Aber das verwirrt euch. Ihr müsst euch entscheiden. Und wenn ihr bei dem bleibt, was ihr kennt, macht ihr die Erfahrung: Die anderen tun das auch! Wo ist denn nun die Wahrheit? Bei den einen allein? Und bei den anderen nur Irrtum? Bei den einen mehr. Und bei den anderen weniger? Oder ist sie gar bei allen? Und der Irrtum baut überall sein Haus gleich neben an.

Mir war klar: Mag Gott bei den anderen irgendwie zu Gast sein. Bei uns, bei mir hat er Wohnung genommen. Ich weiß, dass ihr das anders seht. Darum kann ich euch da nicht mehr weiterhelfen.

Soweit die letzte Antwort. Aber so ganz sicher wie der Markgraf meint, sind wir uns dann auch wieder nicht. Wenn es denn nur einen Gott gibt, dann können die anderen ja eigentlich keinen anderen haben. Dann wären wir verschieden. Und doch eins.

Gut, wenn wir nicht alleine sind bei unserem Suchen. Und bei unserem Fragen. Gut, wenn es Menschen gibt, die diese Fragen beantworten. Oder die sich mit uns zumindest auf die Suche machen. Gut, dass es Pfarrerinnen gibt. Und Pfarrer. Diakoninnen und Diakone. Und all die anderen, die solche Fragen beantworten. Erzieherinnen im Kindergarten. Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Eltern, Paten, die Rede und Antwort stehen. Gut, dass es Kantorinnen und Kantoren gibt, die die Antworten zum Erklingen bringen.

Gut aber auch, wenn ein Dekan oder eine Dekanin hier zu antworten vermag. Bei den großen Fragen des Lebens. Und bei den vielen anderen Fragen. Auch bei denen nach der Gestalt unserer Kirche. Mit all dem, was im Wandel begriffen ist. Gut aber auch, dass sie als Mitglieder der Stadtsynode in ihren Gemeinden Rede und Antwort stehen.

Riskieren wir unsere Antworten. Immer wieder neu! Und lassen sie Fleisch und Blut annehmen. Auch in der anstehenden Wahl. Ich bin sicher: Dieser 12. Juli wird sich als ein gutes Datum erweisen in der Geschichte des evangelischen Farbebekennens in Karlsruhe. Denn wer immer die Leitungsverantwortung übernehmen soll: Am Ende ist es Gottes Geist, der das erste Wort hat. Und das letzte. Das Gott das Sagen hat, das kann uns alle gelassen machen. Auch heute Abend, wenn es wieder gilt, in Karlsruhe evangelisch Farbe zu bekennen. Amen.



Traugott Schächtele

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