PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 13,44-46
IM GOTTESDIENST
ZUR VEREINIGUNG DER VIER KIRCHENGEMEINDEN
SCHÖNBRUNN/ALLEMÜHL, HAAG, SCHWANHEIM UND MOOSBRUNN ZUR KIRCHENGEMEINDE SCHÖNBRUNN
AM SONNTAG, DEN 28. JULI 2013 (9.S.N.TR.)
IN DER EVANGEL


Liebe Gemeinde

Manchmal müssen wir uns unseren Glauben schon etwas kosten lassen! Da reicht es nicht aus, neben allem anderen, was wir sind, irgendwie auch noch Christin zu sein oder Christ. Dies wäre eine Art des Christseins, von der Karl Barth, einer der bekanntesten Theologen des letzten Jahrhunderts, einmal gesagt hat, der Glaube käme halt noch dazu „wie das bisschen Zimt zur Speise“.

Manchmal müssen wir uns unseren Glauben schon etwas kosten lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kirchensteuer und Kollekte. Spende und persönlichen Einsatz. Die Kirche hat keine anderen Einnahmequellen als die, die aus dem Herzen und der Gebefreudigkeit ihrer Mitglieder heraus sprudeln.

Manchmal müssen wir uns unseren Glauben schon etwas kosten lassen. Das gilt auch für die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern und von Menschen in anderen kirchlichen Berufen. Das gilt für die Bereitschaft, als Kirchenälteste zu kandidieren. Da müssen sie sich ja in diesen Wochen wieder neu entscheiden. Das gilt auch für die ständige Weiterentwicklung der kirchlichen Strukturen. Auch für die Vereinigung von Gemeinden.

Am Anfang der Geschichte der Kirche gab es kleine Hausgemeinden. Kirchen, große Kirchen kamen erst nach und nach dazu. An den heiligen Stätten. In den großen Metropolen. Weit weg von den kleinen Dörfern. Und bis ins letzte Jahrhundert hinein mussten viele Menschen lange Wege zurücklegen, um am Sonntag einen Gottesdienst feiern zu können. Autos und Busse gab es noch nicht.

Manchmal müssen wir uns unseren Glauben schon etwas kosten lassen. Darum geht es auch im heutigen Predigttest. Den will ich ihnen heute etwas anders zu Gehör bringen als sie es gewohnt sind.

Hört eine Geschichte: In Südamerika könnte sie spielen oder irgendwo auf der Welt, wo das Land und der Reichtum nur wenigen gehören, aber viele in Armut leben.

Ein Landarbeiter arbeitet auf seinem Acker. Wie jeden Tag. Der Acker gehört ihm nicht. Der Landarbeiter arbeitet für einen anderen. Hart ist die Arbeit und schlecht bezahlt dazu. Im steinigen Boden kann der Pflug nur langsam und mit Mühe seine Furchen durch die Erde ziehen. Der Schweiß rinnt dem Arbeiter von der Stirn. Da streikt der Pflug wieder. Immer an derselben Stelle. Ein großer Stein - unter der Erdoberfläche verborgen - macht das Weiterpflügen an dieser Stelle unmöglich. Unfreundliche Worte stößt der Arbeiter aus, nicht würdig, hier wiedergegeben zu werden.

Es hilft nichts. Nun muss er graben. Den Stein mit bloßen Händen aus der Erde herausbuddeln. Niemand ist da, um ihm zu helfen. Leichter kommt er voran als vermutet. Er stößt nicht auf Fels, sondern auf Ton. Ein Krug kommt zum Vorschein. Mehr nicht. Doch der Krug lässt sich nur schwer hochheben. Leer ist der sicherlich nicht. Der Landarbeiter öffnet den Deckel. Da haut es ihn um. Münzen aus purem Gold bis obenhin. Wenn der ihm gehörte, dann hätte er ausgesorgt bis an sein Lebensende. Und der Patron müsste sich nach einem neuen Arbeiter umsehen.

Jetzt nur nichts falsch machen. Niemand hat zugeschaut. Also alles wieder herrichten wie es war. Den Deckel auf den Krug. Den Krug in die Erde. Und mit der Hand schnell eine Furche gezogen. Niemand würde etwas bemerken.

Dann schnell nach Hause und nachgerechnet. Das wenige, das er hat, und vieles wenige von anderen zusammengeliehen, muss ausreichen. Er geht zum Besitzer: "Diesen Acker", sagt er, "auf dem ich schon so viel geschuftet habe, den will ich haben. Du kannst auf ihn verzichten. Aber ich habe ihn mit meinem Schweiß und mit Herzblut getränkt." Der Patron willigt ein. Die Summe, die sein Arbeiter ihm bietet, ist höher als der zu erwartende Ernteertrag.

Auf dem Heimweg kann der Arbeiter kaum an sich halten. Nun gehört er ihm: der Acker und vor allem der Schatz! Kein anderer wird einen Anspruch erheben können. "Ich habe einen Schatz gefunden. Der ist genug für mein ganzes Leben", hämmert es in seinem Kopf. "Jetzt hab ich‚s geschafft. Endlich und für immer. Ich kann‚s nicht glauben!"


Hört noch eine andere Geschichte. Im Orient mag sie sich zugetragen haben. Irgendwo in einem Basar, wo ein Verkaufsstand neben dem anderen liegt.

Ein Markt, wie manche ihn schon im Urlaub erlebt haben. Händler an Händler. Dazu alle Düfte des Orient. Gewürze. Gebackenes. Tee und Kaffee. Überall dazwischen brennende Öllampen.

Mittendrin ein Kaufmann. Er handelt mit Schmuck. Alles, was man sich nur vorstellen kann. Kostbares Geschmeide. Glitzernde Armreifen. Perlen und Edelsteine aller Art. Er kauft und verkauft. Wird hereingelegt und haut selber auch andere über‚s Ohr. Schlitzohrig ist er geworden im Lauf der Jahre. Und erfahren dazu. Er kennt sich aus mit Schmuck. Sieht, was sich lohnt. Weiß, wovon man besser die Finger lässt.

Von einem großen Fund träumt er, solange er Kaufmann ist. Alle träumen sie davon, wenn sie abends beieinandersitzen im Kollegen- und im Freundeskreis. Sagenhafte Perlen soll es geben, rund und schön wie keine anderen. Ein Vermögen wert. Aber keiner hat je eine solche Perle gesehen. Ein Traum ist das. Der Traum jedes Kaufmanns.

Dann - irgendwo bei einem Perlenhändler, als er wieder einmal auf der Suche ist nach neuen Perlen, da traut der Kaufmann seinen Augen kaum. Mitten unter vielen wertlosen Perlen sieht er die eine liegen. Schöner noch, als er sie sich je hat vorstellen können. Der andere Händler ist unerfahren. Aufgefallen ist ihm die Schönheit dieser Perle schon. Aber ihren Wert kann er nicht einmal erahnen.

"Diese Perle will ich", sagt der Kaufmann. Und der andere nennt ihm einen Preis - so hoch, wie er noch nie zuvor einen Preis hat zahlen müssen. Alles, was er hat, würde er für diese Summe drangeben müssen. Aber ganz egal. "Ich zahle", sagt der Kaufmann, auch wenn er noch gar nicht weiß wie. Seine Augen sehen nur die Perle. Und in seinem Kopf ist nur der eine Gedanke: Ich muss sie haben. "Gut", sagt der andere. "Dann nimm sie mit. Sie gehört dir. Aber lass mit dem Geld nicht zu lange auf dich warten."

Himmlisch, das Gefühl, so eine Perle sein eigen zu nennen, denkt der Kaufmann und macht sich auf den Weg, um den Kaufpreis zu beschaffen. Allein wegen dieser Perle hat es sich schon gelohnt, Kaufmann zu werden. Verkaufen würde er diese Perle so schnell aber nicht.


"Wie mit diesen beiden Geschichten", sagt Jesus, "so ist es auch mit dem Himmelreich." Mehr als dieser lapidare Satz Jesu ist uns zu diesen beiden Geschichten nicht überliefert. Und beide Geschichten sind in der Bibel selber auch viel knapper wiedergegeben, als wir sie eben gehört haben. Drei kleine Verse aus dem 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums bilden den heutigen Predigttext. Und deren Quintessenz lautet eben wie gehört: "Wie mit dem Schatz im Acker und wie mit der kostbaren Perle, so verhält es sich auch mit dem Himmelreich."

Wo Jesus mit einem einzigen Satz auskommt, da soll ich viel mehr Worte daraus machen. Da soll ich predigen. Nun denn!

Zwei Gleichnisse haben wir gehört, die zu den kürzesten der biblischen Überlieferung gehören. Und besser als jeder andere Text vermögen sie zu vermitteln, dass wir uns unserem Glauben manchmal schon etwas kosten lassen müssen.

Gleichnisse, das sind Geschichten, die in einem Bild von Dingen reden, denen unsere nüchterne Sprache nicht gerecht wird. Bilder sind bekanntlich die Sprache der Seele. Meist sind sie verständlicher als komplizierte und sachlich nüchterne Satzgebilde. Und sie sind einprägsam, weil sie bei den Erfahrungen von uns Menschen einsetzen. Darum sollen wir sie auch nicht mit den Augen des Verstandes lesen. Zum rechten Verständnis der Gleichnisse brauchen wir die Augen des Herzens.

Der Verstand sagt uns - ja er muss und sagen - : diese beiden Menschen - der Landarbeiter und der Kaufmann - sie sind ganz gehörige Ganoven. Sie behalten ein Wissen für sich. Erwerben sich den Acker bzw. die Perle unter unlauteren Bedingungen. Wer sich heute so verhält, macht sich womöglich sogar strafbar. Der Krug mit dem Gold gehört entweder dem, der den Acker besitzt, als der Krug gefunden wird. Oder er gehört sogar der Allgemeinheit. Heute würde der Krug vermutlich im Museum landen. Und der Besitzer des Ackers hätte - von einer Abfindung abgesehen - das Nachsehen.

Nicht viel anders verhielte es sich mit der Perle. Wehe, der Vorbesitzer bekäme heraus, dass sein Kunde ihn hinter‚s Licht geführt hat. Vermutlich brächte er ihn vor Gericht - und das völlig zurecht.

So, liebe Gemeinde, so sollte es im Reich der Himmel zugehen? Solche Leute stellt Jesus uns als vorbildlich und lebensklug vor Augen? Das ist nicht ganz so. Und die beiden Gleichnisse wurden auch nicht deswegen erzählt. Das, worauf es bei diesen Gleichnissen ankommt, die Wahrheit des Bildes - die ist eine andere. Die Wahrheit ist, dass es den Glauben nicht zum Nulltarif gibt. Dass Menschen sich ihren Glauben etwas kosten lassen. Nicht gezwungenermaßen. Sondern freiwillig. Weil sie spüren. Hier geht’s um’s Ganze. Hier geht’s um mich!
Beide Gleichnisse erzählen im Grunde vom unverhofften Finden eines Schatzes. Eines Fundes, der sich als Glücksfall erweist. Viele auch unter ihnen, liebe Gemeinde, mögen schon von einem solchen Fund geträumt haben. Einmal im Leben den ganz großen Gewinn machen. Einmal im Leben einen großen Wurf landen.

Die allermeisten geben sich dieser Illusion hin, wenn sie auf die große Verwandlung warten; die bessere Zukunft. Wenn sie auf die Zusage der neuen Stelle warten. Oder angeblich kurz vor dem scheinbar großen beruflichen Durchbruch stehen. Viele Millionen machen ihre Hoffnung an den zweimal pro Woche aus der Trommel fallenden Zahlen fest: Jede Woche Toto Lotto. Jede Woche mit dabei.

• Dabei spricht alle Wahrscheinlichkeit und alle Statistik nur dagegen. Und dennoch hoffen allzu viele an jedem Tag ihres Lebens auf das große Glück. Oft ohne zu wissen, worauf sie im konkreten wirklich hoffen. Glück ist aber nicht nur das unverdient zufallende Glück. Es gibt auch das Glück des Tüchtigen.

• Das Glück der Menschen, mit denen wir leben.
• Das Glück des Gelingens, beruflich wie privat.
• Das Glück eines zu Herzen gehenden Wortes.
• Das Glück eines Arbeitsplatzes.
• Das Glück einer guten Ernte.
• Das Glück eines schönen Abends im Kreis der Freundinnen und Freunde.
• Das Glück des bevorstehenden Urlaubs.

Das meiste aus dem, was ich gerade genannt habe, fällt uns nicht einfach in den Schoß. Wir müssen schon auch etwas dazu beitragen.

Auch den Menschen aus den beiden Gleichnissen fällt ihr Schatz keineswegs unverdient zu. Sie haben ihn nur ohne allzu vieles Suchen entdeckt. Aber deshalb gehörte er ihnen noch lange nicht. Dazu bedurfte es erst einer gewaltigen Kraftanstrengung.

Deshalb ist ein weiterer Teil der Botschaft des Gleichnisses eben dieser: Wenn der unverhoffte Fund wirklich zum gossen Glücksfall des Lebens werden soll, dann muss man, wenn‚s drauf ankommt, alles andere drangeben. Der Lohnarbeiter, der Kaufmann - sie bekommen ihren Schatz nicht als Gratifikation oder als großzügige Zugabe. Sie erhalten ihn gewissermaßen im Tausch - auch wenn das, was ihnen winkt, das, was sie drangeben, um ein vielfaches übertreffen mag.

Mitten im Leben hat sie plötzlich etwas angerührt, was der große Schatz ihres Lebens sein könnte. Das ist das eine. Das durchaus Wohltuende, manchmal Glücklichmachende. Und gewiss das Leichtere. Diesen Schatz dann aber auch anzunehmen. In umzutauschen in die Münzen des eigenen Lebens; anderes, alles andere dafür dran zu geben. Das ist das andere. Und allemal der schwierigere Teil unserer lebenslangen Schatzsuche.

Mittlerweile gibt es einen nicht mehr zu überblickenden Markt von Menschen, die sich als Wegbegleiter bei der eigenen Schatzsuche zur Verfügung stellen. Das Ziel, glücklich zu leben, ist längst zum ausgetüftelten Programm geworden. Und die Verdienstmöglichkeiten auf diesem Feld sind immens. Die Kirchen stehen manchmal hilflos und wie gelähmt vor dieser Fülle. Dabei können sie doch aus einem Schatz austeilen, der hilft, dem Leben auf die Spur zu kommen.

Die Botschaft der Gleichnisse Jesu ist eine Weise, diesen Schatz zu entdecken. Und zu heben. Kirchengemeinden und Kirchenbezirk, Landeskirche und ökumenische Verbundenheit – sie sollen mit helfen, sie sollen dazu beitragen, dass Menschen sich auf die Suche nach diesem Schatz machen. Und dass sie auch fündig werden. Aber nicht die Strukturen sind der Schatz. Sondern das, was mit Unterstützung dieser Strukturen weitergegeben werden soll. Darum können sie gelassen bleiben, wenn sich kirchliche Formen ändern. Wenn Gemeinden sich zusammenschließen. Wichtig ist, dass wir den Schatz und die Perle nicht aus den Augen verlieren.

Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Gott lässt sich finden. Und der, dem wir die Gleichnisse vom Reich Gottes und vom Reich der Himmel verdanken, er ist selber menschgewordenes Gleichnis der Menschenfreundlichkeit und Weltzugewandtheit Gottes. Darum hört jetzt auch noch, mit welchen Worten die Bibel von diesen beiden Gleichnissen berichtet:

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Der Schatz und die Perle – sie liegen vor unseren Augen. Und das Reich Gottes liegt viel näher als wir denken. Es hat längst begonnen. Auch mitten unter ihnen. Es liegt in Schönbrunn und Haag. In Schwanheim und Moosbrunn.

Wir dürfen es uns ruhig etwas kosten lassen, diese Reich zu entdecken. Und den Schatz in Besitz zu nehmen. Amen.

Traugott Schächtele

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