ICH HABE VOR DIR EINE TÜR AUFGETAN
PREDIGT ÜBER OFFENBARUNG 3,7.8.10.11
IM FESTGOTTESDIENST ANLÄSSLICH 60 JAHRE PARTNERSCHAFT
VON LANGENSTEINBACH UND KLEINSTEINBACH MIT BABELSBERG
AM SAMSTAG, DEN 27. JULI 2013


Liebe Gemeinde!

Türen sind Orte der Verwandlung. Wer durch eine Tür hindurchgeht, kommt auf der anderen Seite als ein anderer Mensch heraus.

Das Bild der Tür – der geöffneten Tür – ist das prägende Motiv, das über diesem verlängerten Wochenende steht. In diesen Tagen gedenken die Kirchengemeinden Langensteinbach und Kleinsteinbach der 60 Jahre alten Partnerschaft mit den Schwestern und Brüdern in Babelsberg. Ganz unbekannt ist Babelsberg auch mir nicht. In meiner Zeit als Gemeindepfarrer in Ettlingen ist die Gemeinde im Oberlinhaus unsere Partnergemeinde gewesen. Zumindest einmal waren wir in jenen Jahren auch zum Partnerschafts-Besuch. Und ich hatte damals im Oberlinhaus nicht zuletzt vor den damals noch vielen behaubten Häuptern der Diakonissen zu predigen.

„Dankbarkeit und Freude“ sollen diese Tage prägen. So steht es im Programm-Flyer dieser Tage der Begegnung zu lesen. Und in diese festliche Bewegung des dankbaren Rückblicks auf 60 Jahre Gemeinde-Partnerschaft will auch ich mich heute einbringen. Ich will mich mit ihnen freuen. Und ihnen zu diesem Anlass von Herzen gratulieren.

60 Jahre – das ist zunächst keine biblisch geprägte Zahl. Das wäre etwa die 40 als Zahl der Wüstenjahre. Dias wäre die 50 als Zahl der Tage zwischen Ostern und Pfingsten. Oder auch die 70 als Zahl der Fülle. Das entlastet. Wir müssen die 60 also nicht geistlich aufladen. Sondern wir können in aller Ruhe diese schönen und verbindenden Jahre in den Blick nehmen. Wir können mit den Mitteln der abwägenden Vernunft bewerten, was war. Und den Blick zuversichtlich nach vorne richten.

Sie haben dazu ein Bild zu Hilfe genommen. Das Bild der Tür. Türen sind nicht einfach nur Durchgänge. Schleusen auf dem Weg von einem Raum zum anderen. Türen sind Orte der Verwandlung. Ich bin mehr derselbe, wenn ich durch eine Tür hindurchgegangen bin.

Wenn sie morgens die Tür ihres Hauses oder ihrer Wohnung verlassen, sind sie ein anderer oder eine andere. Nicht mehr privat, sondern öffentlich. Auf dem Weg zur Arbeit oder einer Verabredung.

Wenn sie einen Supermarkt betreten, sind sie eine Kundin oder ein Kunde. Wenn sie durch das Tor eines Stadions gehe, sind sie ein Besucher oder gar ein Fan. Wenn sie durch die Tür eines Museums hindurchgehen, sind sie ein Interessierter an Natur und Geschichte. Wenn sie durch die Tür eines Gerichtssaales treten, sind sie womöglich ein Angeklagter oder ein Opfer.

Wenn sie durch die Türen der Häuser in Babelsberg oder in Langensteinbach oder Kleinsteinbach eingetreten sind oder auch in Zukunft eintreten, wurden oder werden sie Gast, ja mehr noch: Schwester und Bruder im Glauben. Lange Zeit über trennende Grenzen hinweg.

Auch als sie vorhin durch die Tür dieser Kirche hindurchgegangen sind, sind sie ein andere oder eine andere geworden. Plötzlich waren nicht mehr nur der, der sie jeden Tag sind: ein Mensch mit diesem oder jenem Beruf, mit diesen oder jenen Vorlieben, mit diesen oder jenen Gaben. Mit diesen oder jenen Ecken und Kanten. Mit diesen oder jenen Sorgen und Nöten. Plötzlich sind sie nur noch eines: ein Mensch vor Gott. Angewiesen auf Worte der Ermutigung und des Zuspruchs. Fähig, im Gebt auf Gott zu hören. Eingeladen, Lieder des Lobs und des Danks zu singen. Erwartungsvoll, was Gott mit ihnen und ihrem Leben heute vorhat.

Wer durch eine Tür hindurch geht, wird ein anderer oder eine andere. Türen sind Ort der Verwandlung. In den 60 Jahren ihrer Partnerschaft sind sie durch viele Türen hindurch gegangen. Genauer noch: In diesen 60 Jahrzehnten sind unendlich viele Türen geöffnet worden. Türen durch undurchdringliche und hoch gesicherte Zäune und Mauern. Türen der Begegnung aber auch. Türen sich vertiefender Beziehungen. Türen des sich Annäherns und des sich Besser Verstehens. Türen bisweilen mit lebenslänglichen Folgen, wenn ich daran denke, dass auch Ehen aus diesen Begegnungen erwachsen sind.

Solche Türen gab es zu Hauf in der Vergangenheit. Eine solche Tür ist auch dieses Begegnungswochenende. Zu welcher Verwandlung also sind sie heute gerufen? Was lassen sie hinter sich? Worauf gehen sie zu? Nicht zuletzt habe ich im Programm-Flyer auch diesen Satz gefunden: „Wir wollen auch fragen, in welche Richtungen sich heute Türen auftun oder schließen.“ Und ich will hinzufügen: Wir wollen auch fragen, als wer wir aus der Tür dieser Begegnung hervorgehen. Wozu wir verwandelt werden.

Wenn wir so fragen, dann ist es hilfreich und gut, dass sich das Bild der Tür immer wieder auch in der Bibel findet. Nicht nur im 1. Korintherbrief, wo der biblische Leitvers für diese Tage steht. Wir finden dieses Bild auch in einem der sieben Sendschreiben des Sehers Johannes an die Gemeinden in Kleinasien. Im 3. Kapitel der Offenbarung heißt es:

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!

„Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan!“ Hier finden wir es dieses Bild also auch. Dieses sprechende Bild von der Tür. Wenn wir Richtung und Orientierung in diesem Bild finden sollen, müssen wir den Text noch einmal etwas genauer anschauen.

Die Offenbarung des Johannes ist kein Enthüllungsbuch. Sie ist ein Trostbuch. In starker Bedrängnis - man könnet auch sagen unter starkem Außendruck – wird die Gemeinde ermutigt, nicht nur den Silberstreif am Horizont zu erkennen. Sondern ganz konkret auch nach den sieben goldenen Sternen Gottes zu greifen.

Dass Christinnen und Christen ihren Glauben unter – gelinde gesagt - starkem Gegendruck leben und leben müssen, das ist kein Thema nur aus den Anfangsjahrzehnten der Kirche. Diese war über viele Jahre auch die Situation, als diese Partnerschaft begründet wurde. Und es ist auch in der Gegenwart zunehmend und von neuem die Situation in vielen Regionen der Erde.

Diese sieben Sterne und die sieben Leuchter, von denen die Offenbarung spricht, repräsentieren zunächst sieben konkrete Gemeinden. Sieben Namen von Städten, die wir in Kleinasien, also dem Gebiet der heutigen Türkei bis heute lokalisieren können - als Ruinen oder in Gestalt einer die alte Stadt überbauenden Neugründung. Und jede Gemeinde wird mit einem eigenen Schreiben ausdrücklich und individuell angesprochen und gewürdigt.

Die sieben Städte stehen stellvertretend für die gesamte Christenheit. Und für diese sieben Städte steht jeweils ein Engel. Dieser Engel symbolisiert gleichsam so etwas wie die kollektive, gemeinschaftliche Persönlichkeit dieser Gemeinden. Mit anderen Worten: Was dem Engel geschrieben wird, gilt der ganzen Gemeinde. Und was der Gemeinde geschrieben wird, gilt im Grunde der ganzen Christenheit.

In fast allen dieser Sendschreiben wird vor allem die Laschheit und Wankelmütigkeit der Menschen getadelt. Sie kennen manche der Formulierungen: „Ich werfe dir vor, dass du die erste Liebe verlassen hast!“ Oder an anderer Stelle: „Ich weiß, dass du weder kalt bist noch warm. Ach wenn du doch nicht so lau wärst.“

Das sechste Schreiben, unser heutiger Predigttext, bildet die große Ausnahme. Diese Empfängergemeinde wird keinerlei Vorwürfen ausgesetzt. Sie wird allenfalls in die Pflicht genommen. Der Name Philadelphia war durch die Jahrhunderte der Kirche hindurch das Synonym einer Vorführgemeinde. So hat etwa auch William Penn die Hauptstadt seiner Kolonie der Quäker in Pennsylvania Philadelphia, genannt. Philadelphia, auf deutsch Bruderliebe. Besser und schöner vielleicht noch Geschwisterliebe. Und dieser Name ist durchaus Programm.

Eine Stadt des geschwisterlichen Zusammenhalts im Glauben muss dieses Philadelphia schon gewesen sein. Denn immerhin heißt es in dem Schreiben an die Menschen dort: „Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.“

Diese Beständigkeit, diese Verlässlichkeit hat Konsequenzen. Weitreichende Konsequenzen. Sie führen zu einer beispiellosen Würdigung und Wertschätzung dieser Gemeinde. Denn da heißt es dann eben auch: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen.“

Was ich eben im Bild der Kirchentür angedeutet hatte, das gilt für die Lebenstür dieser Menschen im Philadelphia. Sie sind andere geworden. Menschen, die sich bewährt haben. Menschen, die mit wenig Kraft viel erreichen können. Und genau hier sind uns die Schwestern und Brüder in Philadelphia ganz nah. Auch ihnen, die sie auf die 60 Jahre dieser Partnerschaft zurückblicken. Mit kleiner Kraft wurde Großes erreicht.

Viele kleine Gemeindebeziehungen – verwandelt in eine große Zusammengehörigkeit. Viele kleine Besuche – verwandelt in die Erfahrung, verbunden zu sein im weltweiten Leib Christi. Viele kleine Montagsgebete – sie haben Mauern der Abschottung in sich zusammenfallen lassen wie die Mauern von Jericho und am Ende ein ganzes Gemeinwesen verwandelt.

Wenn sie die Anfänge ihrer Partnerschaft, die ersten Begegnungen auf dem Hamburger Kirchentag 1953 vergleichen mit dem, was heute möglich ist – dann war diese Partnerschaft als Ganze ein Tür-Projekt. Die, die sich 1953 in Richtung dieser damals ganz schmalen Partnerschafts-Tür auf den Weg gemacht haben, kommen heute als Menschen hierher, die ihre Partnerschaft unbehindert pflegen und leben können. Wann immer sie es wollen und wo immer sie es wollen.

Diese große Hoffnungstür ist also durchschritten. Und sie stehen heute - nach 60 Jahren - tatsächlich vor der Frage, wozu sie die nächste Tür verwandeln soll. Tatsächlich gibt es darum auch unterschiedliche Vorstellungen und Visionen.

Das Sendschreiben der Offenbarung legt die Verantwortung für diese Tür offen. „Ich habe euch eine Tür aufgetan!“ Das bedeutet doch: Die Tür, durch die hindurch Gott uns verwandeln will, sie wird auch von Gott geöffnet. Insofern können sie den Weg ins 61. Jahr ganz getrost in Gottes Hände legen. Sicher ist: Aus der Partnerschaft früherer Jahrzehnte – mit ihrer besonderen innerdeutschen Geschichte, mit ihrer Abhängigkeit von politischen Rahmenbedingungen, mit ihrem ganz besonderen Gepräge des Kontakthaltens über Grenzen hinweg – aus dieser Partnerschaft muss etwas Neues werden. Ist eigentlich schon etwas Neues geworden.

Schwestern und Brüder in einem Land. Geschwisterkirchen unter dem Dach der EKD. Unterschiede in den Formen seinen Glauben zu leben, die sich nicht mehr an den alten Grenzen festmachen, sondern in individueller Prägung. Dass das alles so gekommen ist, das ist ja die Ursache ihres dankbaren Feierns in diesen Tagen. Die besondere Partnerschaft über eine belastende Grenze hinweg verwandelt sich immer mehr zur Partnerschaft von Schwestern und Brüdern im weltweiten Volk Gottes.

Trotzdem hat jede Geschwisterbeziehung ihre eigene Geschichte. Und die Bewahrung des Gedächtnisses, des dankbaren Gedächtnisses nicht zuletzt – sie macht gelingende Beziehungen erst möglich. Das ist in ihrer Partnerschaft nicht anders. Wenn eine bestimmte Form der Partnerschaft zu Ende geht, sind die gewachsenen Beziehungen noch lange nicht am Ende. Sie lassen einen Raum hinter sich. Aber sie tauchen in einem neuen Raum auf. Auch dieser Raum braucht Gestaltung. Auch im Blick darauf, was wir von der Zukunft erwarten. Mit den Worten des Predigttextes: „Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“

Zu halten, was man hat. Und aufzugeben, was man nicht mehr braucht. Das ist die Herausforderung, vor der sie als Gemeinden stehen. Die Zukunft dieser Partnerschaft liegt hinter der Tür dieser Tage der Begegnung. Sie liegt im Halten und im Loslassen. Aber sie liegt nicht im Ungewissen. Und schon gar nicht in Beliebigkeit und Gleichgültigkeit.

Sie werden die rechten Wege der Verwandlung finden. Zumal dann, wenn sie durch die Tür gehen, von der es im Sendschreiben heißt, dass Gott selber dazu die Schlüssel hat. Dass er auftut. Und es bleibt offen. Dass er schließt. Und die Tür bleibt geschlossen.

Ich wünsche ihnen den Mut zur Verwandlung. Das heißt:

• Ich wünsche ihnen die Erfahrung der gelingenden Verwandlung ihrer Gemeinde-Partnerschaft.

• Ich wünsche ihnen die bleibende Sehnsucht nach der Verwandlung unseres Lebens, die wir alle nötig haben.

• Ich wünsche ihnen auch einen guten Weg durch viele Türen - bis zu jener Tür der großen Verwandlung, hinter der alles ans Ziel kommt.

Bis dahin aber lasst uns als Volk Gottes fröhlich feiern, dass wir einander Schwester und Bruder sein können. In Babelsberg. Kleinsteinbach und in Langensteinbach. Überall, wo Menschen die Türen Gottes in ihrem Leben entdecken.

Freut euch! Wir sind Gottes Volk. Amen.

Prälat Dr. Traugott Schächtele – Kurfürstenstraße 17 – 68723 Schwetzingen

traugott.schaechtele@ekiba.de


Traugott Schächtele

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