VERABSCHIEDUNG
VON PFARRER MARC WITZENBACHER
ALS THEOLOGISCHER VORSTAND
DES DIAKONIEKRANKENHAUSES IN FREIBURG
AM FREITAG, DEN 9. AUGUST 2013


Lieber Herr Witzenbacher,

kennen Sie Robert Lewandowski? Ja, das ist der Spieler von Borussia Dortmund, der im Halbfinale gegen Real Madrid alle vier Tore geschossen hat. Warum frage ich nach ihm? Robert Lewandowski, das wissen alle, will weg von Borussia Dortmund. Er will nach München, wie sein früherer Vereinskollege Mario Götze. Aber die Dortmunder lassen ihn nicht gehen. Er hat noch einen gültigen Vertrag.

Da sehen Sie, lieber Herr Witzenbacher, wie gut Sie’s bei uns haben. Sie können heute ablösefrei, ohne vertragliche Hindernisse und erhobenen Hauptes ihren Abschied feiern.

Sicher – wir alle sind immer noch dabei, uns einzustellen auf diese überraschende Tatsche: Nach weniger als zwei Jahren machen sie sich schon wieder auf den Weg der beruflichen Neuorientierung. Aber auf er anderen Seite weiß ich - wissen wir alle: Gerade im Ungewöhnlichen steckt bisweilen ein großes Stück Normalität. Das ist auch bei Ihrem Abschied so. Natürlich kommt ihr Abschied früh. Früher als wir es bei ihrer Einführung vor 22 Monaten erwartet haben.

Es ist jetzt nicht der Anlass . und im Gottesdienst auch nicht der rechte Ort - ihre Beweggründe nachzuzeichnen. Wir haben darüber ja ausführlich gesprochen, Wichtiger ist: Das Vertrauen in die Richtigkeit dieser Entscheidung – das Vertrauen in die Zukunft soll heute größer sein als alles Abwägen und Nachsinnieren. Und dass wir unsere Kraft aus dem Vertrauen in die Zukunft gewinnen, gerade das macht ja auch unseren Glauben aus. „Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.“ Das werden wir nachher singen. Und dies soll als kleines Abschiedsbekenntnis auch diesen Gottesdienst prägen.

Auch im Ungewöhnlichen steckt bisweilen ein großes Stück Normalität. Das ist Grund genug, in diesen Abschied die Normalität des Dankes einzubinden. Sie gehen weder im Konflikt noch im Groll. Und sie sind als theologischer Vorstand dieser Häuser hier, aber auch drüben im Mutterhaus überaus geschätzt gewesen. Für alle, denen sie hier begegnet sind, für alle, mit denen sie zusammengearbeitet haben, ist das zuallererst Anlass des Dankes. Es war eine gute gemeinsame Zeit. Und dass wir sie gerne noch etwas fortgesetzt hätten, dass wir froh gewesen wären, sie hätten für uns noch ein paar Tore erzielt, bestätigt ja diesen Dank.

In diesen Dank fühlen sich neben dem Diakonie-Krankenhaus, dem Haus Landwasser und dem Pflegeheim auch noch andere einbezogen. Denn sie haben ihre Kreise hier in Freiburg ja auch noch weiter gezogen. Sie waren Dekanstellvertreter – deshalb ist Dekan Markus Engelhardt hier. Sie waren theologischer Berater der regionalen Arbeitsgruppe des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Südbaden. Deshalb ist Herrn Dr. Eschenburg unter uns. Auch hier bleibt – so vermute ich – vor allem der Dank für ihre Mitarbeit.

Auch im Ungewöhnlichen steckt bisweilen ein großes Stück Normalität. Das entspricht nicht nur menschlicher Erfahrung. Dahinter verbirgt sich auch biblische Weisheit. Die Jahreslosung für dieses Jahr 2013 nimmt unsere Mobilität und unseren Hang zum Wandel ja mit dem Gedanken auf, dass wir immer auf der Suche nach dem Zukünftigen sind. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Dies ist im Großen und Grundsätzlichen zu verstehen. Wenn es um unsere Zukunft geht, jenseits dessen, was hier unser Leben bestimmt.

Es lässt sich aber auch in die kleinen Münzen unseres Alltags übersetzen. Wenn wir die Relikte unserer Nomaden-Existenz in uns wahrnehmen. Leben heißt eben immer „unterwegs sein“. Als Lernende. Als Reifende. Als Suchende. Als Menschen, die den Neuanfang wagen. Es macht im Grunde unsere Existenz aus. Und ob es zwei Jahre sind oder 20 – das ist am Ende nur noch zweitrangig. Zumindest unter den Vorzeichen des hereinbrechende Reiches Gottes. Wichtig ist, dass es uns gelingt, diese Zeit als eine besondere, eine ausgezeichnete, eine wertvolle Zeit Zeit wahrzunehmen.

Das Ungewöhnliche und das Außergewöhnliche, das ist im Grunde das Normalmaß des Reiches Gottes. Das überrascht uns bisweilen. Manchmal überfordert es uns auch. Aber es ist nie eine Katastrophe.

Wir geben sie heute also frei, lieber Herr Witzenbacher. Lassen sie heute also dankbar ziehen. Und wir wünschen ihnen, dass Gottes Segen sie auch in Zukunft begleitet. Dabei bin ich sicher: Wer einmal von der Diakonie infiziert ist, wird davon nicht mehr loskommen. Und etwas von dieser unheilbaren diakonischen Sehnsucht wünsche ich ihnen schon. Auch in der Ökumenischen Centrale in Frankfurt. Die Diakonie als ökumenisches Thema – das gibt es noch einiges aufzuarbeiten. Da nehmen sie also auch einen Auftrag aus ihrer Freiburger Zeit mit.

„Haltet mich nicht auf! Denn Gott hat Gnade zu meiner Reise gegeben.“ Auch das ist eine biblische Weisheit. Es ist der Satz eines Menschen, der wusste, dass er weiter muss. Dass er noch eine andere Aufgabe hat. „Haltet mich nicht auf! Denn Gott hat Gnade zu meiner Reise gegeben.“ Dies soll heute ganz besonders für sie gelten, lieber Herr Witzenbacher. Wir halten sie nicht auf. Wir geben ihnen sogar Weggeleit. Und ich bin froh, dass sie nicht das Schicksal von Robert Lewandowski teilen müssen – obwohl ich ihn den Bayern nicht gönne.

Ein letzte Mal noch: Auch im Ungewöhnlichen steckt bisweilen ein großes Stück Normalität. Diese Normalität tragen wir heute nicht nur Rechnung. Wir feiern sie auch. Jetzt. In diesem Gottesdienst. Und nachher gleich im Empfang. Ehe uns hier die nächste Überraschung in Atem hält. Amen.


Traugott Schächtele

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