Lied: Wir strecken uns nach dir

Nach Psalm 1 (D.Zils)

Glücklich die Kirche,
die nie aufhört zu fragen,
die nie aufhört zu suchen.
Glücklich die Kirche,
die sich selbst in Frage stellt,
die über sich selber schmunzeln kann.
Glücklich die Kirche,
die Freiheit verbreitet aus ihrem Glauben,
die Freude ausstrahlt aus ihrem Leben.
Glücklich die Kirche,
die den Menschen neue Zuversicht schenkt,
die den Frieden und die Gerechtigkeit
in die Tat umsetzt.
Glücklich die Kirche,
die ein Ort der Menschlichkeit ist
in einer unmenschlichen Welt,
sie könnte selber Modell sein
für eine gute Zukunft.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


Liebe Schwestern und Brüder!

Nun haben wir sie also auch bei uns in der Kirche! Die allgemeine Glücks-Manie und Glücks-Euphorie hat nun also auch bei uns Einzug gehalten. Sie ist ansteckend. Und wie!

Die einschlägigen Regale in den Buchhandlungen werden immer länger. Eckart von Hirschhausen ist als öffentlicher Glückspriester aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Die ARD hat ihre Themenwoche Glück erfolgreich hinter sich gebracht. Und ich gebe zu, ich halte schon lange jedes Jahr an der EH in Freiburg meine Glücksvorlesung.

Nun hat die allgemeine Glücksmanie – oder besser -epedemie? - also auch die Jahreslosungsmacher erwischt. Drei, vier Jahre Vorlauf hat die Auswahl der Jahreslosung. Ausgewählt worden ist sie dann also genau in der Phase, als in den Buchhandlungen Wellness und Engel als Leit-Themen gerade im Abklingen waren. Aber das Thema Glück hat nach wie vor Konjunktur. Und somit wurde uns in diesem Jahr als Jahreslosung eine Glückslosung präsentiert:

Gott nahe zu sein ist mein Glück! (Psalm 73,28)

Ich gebe zu: Ich bin mit dieser Jahreslosung schon ein ordentliches Wegstück gegangen, obwohl das Jahr noch nicht einmal volle 22 Tage alt ist.

Das erste Etappe begann eigentlich schon im alten Jahr. Sie begann konkret dann, als ich zum ersten Mal von der Jahreslosung 2014 gehört hatte. Vermutlich als ich von meiner Schwester wie jedes Jahr die Losungen 2014 geschenkt bekam. Meine spontane Reaktion: Diesen Vers kenne ich nicht. Die einschlägigen Verse, die für Jahreslosungen in Frage kommen, kennt man ja eigentlich – zumindest wenn die Übersetzung Martin Luthers zugrunde liegt. Diese kannte ich nicht Doch dann habe ich die Jahreslosung erst einmal beiseite gelegt. Das als Jahr war ja noch lange nicht um.

Die zweite Etappe war die Annäherung an die Glückslosung, so wie sie zum Textus Receptus, zum offiziellen Losungstext, geworden ist. Da begann meine Suche nach dem Losungs-Glück. Und mir kam in den Sinn, dass ja für meinen großen theologischen Gewährsmann Augustinus das Erreichen der Glückseligkeit, der beatitudo auch das höchste Ziel der eigenen Glaubensbiographie gewesen ist. Und wieder einmal sah ich bestätigt, dass Augustinus in manchem viel moderner ist, als wir es einem Menschen am Übergang vom vierten zum fünften Jahrhundert vermuten.

Glück erfahren wir im Leben gewissermaßen in abgestuften Formen, so Augustinus. Gott selber ist das Glück gewissermaßen in Reinkultur, das Glück seiner reinsten und höchsten Form.

Jetzt aber folgte Etappe 3: Eine heimliche Vermutung hatte Besitz von mir ergriffen. Und ich habe einfach einmal nachgeschaut, welcher Vers das denn ist, dieser 28. Vers des 73. Psalms. Und wirklich, es war wie befürchtet. Bei Luther lautet er komplett – und wohlbekannt: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte“ - und er geht dann weiter: „... und meine Zuversicht setze auf Gott, den HERRN, dass ich verkündige all dein Tun.“

Es ist einer der beiden Verse, die ich bei meiner Ordination zugesprochen bekommen hatte. Ich hatte ihn in der Glücks-Variante nicht erkannt! Die Übersetzung der Jahreslosung stammt – das war schnell geklärt - aus der Einheitsübersetzung. Dort allerdings eingeleitet mit einem energischen „Ich aber – Gott nahe zu sein ist mein Glück!“

Und in der vierten Etappe habe ich mich an den Vergleich gemacht: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte“ und „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ – irgendwie sind es zwei sehr unterschiedliche Versionen. Und jetzt meine ich weniger den Unterschied zwischen Freude und Glück. Sondern den zwischen „nahe sein“ und „sich halten zu“. Die eine Version beschreibt einen Zustand. Ein erreichtes Ziel. Die andere eine Aktivität.

Daraufhin habe ich mir als fünfte Etappe den hebräischen Text angeschaut. Und festgestellt, dass dort das Verbum „sich nähern“ verwendet wird. In der Beschreibung der Aktivität hat Luther also Recht. Von Freude und Glück ist so direkt nicht die Rede. Es heißt lapidar: „Sich Gott zu nähern ist gut für mich!“

Jetzt wusste ich woran ich bin. Und auf meiner derzeit sechsten Etappe konnte ich meinen Frieden auch mit der offiziellen Glücks-Version machen. Gott nahe zu sein, das ist ja wirklich ein Glück. Aber nicht als ferne Zukunftsmusik. Sondern als Beschreibung meines Lebens jetzt. Meines kleinen Lebens mit seinen kleinen Glücksmomenten. Mit dem Glück des einen Menschen, mit dem ich seit mehr als drei Jahrzehnten mein Leben teile. Mit dem Glück meiner Kinder und meiner Freunde. Mit dem Glück, einen Beruf zu haben, der mich immer wieder ganz nah bei den Menschen sein lässt. Mit dem Glück, doch wieder ganz ordentlich und einigermaßen schmerzfrei auf zwei Beinen gehen zu können.

In dieses Glück mag sich immer auch anderes vermischen. Das Glück des Lebens wird meist in kleinen Münzen ausgezahlt. Aber es ist immer wie ein Angeld des großen Glückes, dem nahe zu sein Menschen seit Jahrtausenden anstreben.

So entfaltet diese Jahreslosung ihre Stärke am besten dann, wenn man sie einfach so nimmt wie sie daherkommt. Da ist es nicht anders wie mit den Menschen. Die müssen wir am besten auch so nehmen, wie sie daherkommen.

Und das Glück ist ja wahrhaftig nicht die schlechteste Zielvorgabe unseres Lebens. Es fällt uns zu – ganz ohne unser Zutun - wie jene andere Gabe, die wir Gnade nennen. Oder anders gesagt: Gnade ist ja auch nichts anderes als unverdientes Glück.

Und so habe ich sechs Etappen mit der Jahreslosung schon hinter mir. Und es bleiben noch 343 Tage, um auf weiteren Etappen weitere Erfahrungen zu machen – womöglich schon heute! Glückauf! Oder dann doch besser: Amen!

Gebet<7b> (in Anlehnung an Worte von Kurt Marti)

Dass wir uns glücken
Dass uns das Glück anderer glücke
Dass durch uns
ein oder zwei Menschen
besser sich glücken
Dass das Glück uns nicht blende
für das Unglück anderer
Dass wir uns glücken
auch im Unglück
Dass eine Welt werde,
wo zusammen
viele sich glücken können.


Darum bitten wir dich, Gott, und um das Glück, dir nahe zu sein, auch jetzt, an diesem Morgen. Amen.

Traugott Schächtele

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