PREDIGT ÜBER APOSTELGESCHICHTE 16,5-15
GEHALTEN AM 23. FEBRUAR 2014 (SEXAGESIMAE)
IM RAHMEN DER VISITATION DES KIRCHENBEZIRKS PFORZHEIM IN STEINEGG


HL EG 136,1: O komm, du Geist der Wahrheit

Vorsicht, liebe Gemeinde! Dieser Predigttext heute schont sie nicht. Er bietet Stoff gleich für drei Predigten. Und da mir keiner dieser drei Predigten verzichtbar scheint, werden es auch drei Predigten werden. Ich hoffe, ich mute ihnen nicht zu viel zu. Aber ich kann mich na nachher schnell in Sicherheit bringen, wenn der Unmut zu groß werden sollte.

Aber keine Sorge: Die drei kleinen Predigten werden nicht länger als sonst eine einzige große. Worum soll’s gehen in diesen Predigten?

Um Europa soll’s gehen. Um Vorbilder im Glauben, konkret um eine ganz bestimmte Frau. Und um etwas, was sich am besten als eine geistliche Lebensplanung beschreiben lässt.

Ich fange mit dem letzten an, der geistlichen Lebensplanung. Paulus und Silas werden Mut gebraucht haben für ein solches Leben. Was sie nötig hatten, was ach wir nötig haben, darum lasst uns bitten mit dem 2. Vers des angefangenen Liedes:

EG 136,3: Unglaub und Torheit brüsten

Beginnen möchte ich mit einigen Versen, die dem vorgeschlagenen Predigttext noch vorausgehen. Da heißt es also im 16. Kapitel der Apostelgeschichte in den Versen 5-8:

Die Gemeinden wurden im Glauben gefestigt und nahmen täglich zu an Zahl. Danach zogen Paulus und Silas durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.

Die Missionstätigkeit des Paulus erweist sich als erfolgreich, liebe Gemeinde. Die Gemeinden werden gefestigt und nehmen zu. Den Erfolgreichen liegt die Welt eben zu Füßen, denken wir manchmal. Und sie planen weiter an neuen Projekten. Paulus und Silas. Und womöglich noch andere Ungenannte. Erfolgreiche Strategen der urchristlichen Kampagnen zur Ausbreitung des neuen christlichen Glaubens!

So agieren Konzernleitungen. So planen die Verantwortlichen für die Erschließung neuer Geschäftsfelder. Bei Gott geht es da manchmal noch etwas anders zu. Einmal wird den beiden Missionaren der Weg vom Heiligen Geist verwehrt. Das andere Mal lesen wir: Der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. Keine systematische Planung des Vorgehens. Ein ums andere Mal geraten sie Wegstrecken, die ihnen nicht offen stehen.

Und als die beiden Missionstrategen dann in Troas landen – wieder einmal wider Willen – da wird ihnen erneut der Weg in eine neue Richtung gewiesen. Dieses Mal nicht so, dass ihnen eine Wendung ihrer Pläne versperrt wird. Sondern so, dass sie ganz gezielt in eine neue Spur gesetzt werden.

Paulus uns Silas sind mutige Verkpnder der Guten Nachricht. Dies nehmen wir auf mit der 4. Strophe des angefangenen Liedes:

EG 136,4: Es gilt ein frei Geständnis

Hören wir, wie die Reise von Paulus uns Silas weiter geht:

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.


Dieses Mal weist also ein Traum den Weg. Paulus kommt voran. Aber immer auf Umwegen. Paulus kommt ans Ziel. Aber er kommt nicht da an, wohin er eigentlich wollte.

Mir sind diese Eingangsverse wichtig. Ich habe vorhin von der geistlichen Lebensplanung gesprochen. Das ist etwas anderes als Karriereplanung. Oder eine Geschäftsidee. Bei denen geht es darum, dass wir selber steuern. Und die Richtung angeben.

Geistliche Lebensplanung führt nicht selten vor verschlossene Türen. Führt häufig auf Umwege. Aber sie bleibt immer dem Ziel verpflichtet. Und mit einem Mal tun sich Türen auf, die wir vorher nicht gesehen haben. Gelegenheiten ergeben sich, die zu völlig unerwarteten Wendungen führen. Ziele rücken in die Blick, an die wir nie gedacht haben.

Geistliche Lebensplanung gründet auf Vertrauen. Und auf der Bereitschaft, dem Unerwarteten, manchmal auch dem Ungeliebten einen Sinn abgewinnen zu können. Geistliche Lebensplanung rechnet damit, dass es die Umwege sein können, die ans Ziel bringen.

Beruflicher Stillstand. Warteschleifen. Absagen. Nicht zustande gekommene oder abgebrochene Beziehungen. Pläne, die über den Haufen geworfen werden müssen. Weil plötzlich Eltern gepflegt werden müssen. Weil eine Krankheit Pläne über den Haufen wirft. All das lässt sich auch ganz anders lesen. All das eröffnet mit einem Mal Chancen. All das bietet plötzlich den Nährboden für ganz Anderes. Neues.

Wie bei Paulus und Silas. Und damit kommen wir schon zur zweiten Predigt. Da finden sich die beiden also plötzlich in Philippi. Einer Stadt, die in Mazedonien liegt. Und damit in Europa. Europa ist das zweite Thema. Und Europa ist heute mehr im Blick als es den beiden damals bewusst war.

Bevor es aber weitergeht, singen wir wieder eine Strophe des angefangenen Liedes:

EG 136,5: In aller Heiden Lande

Europa ist der Kontinent des großen Erbes. Und die Wiege dieses Erbes liegt auf griechischem Boden. Des Erbes der Philosophie. Denken wir nur an die großen Namen Sokrates, Platon, Aristoteles. Des Erbes aber auch der Demokratie. Hier hat das Bewusstsein, dass das Gemeinwesen in der Verantwortung aller liegt, ihren Ursprung.

Das dritte Erbe, das Europa den Griechen verdankt, ist also die Ausbreitung des Christentums von ihrem Boden aus. Paulus wird kaum in historischen Dimensionen gedacht haben, als er europäischen Boden betritt. Für ihn mag es einfach eine weitere Provinz auf seinem Weg gewesen sein. „Ein kleiner Schritt für einen Apostel. Und ein gewaltiger Schritt für die Menschheit!“

Mit dieser kleinen unscheinbaren Notiz über den Weg des Paulus nach Mazedonien beginnt die Geschichte des Christentums in Europa. Paulus träumt von Europa. Paulus träumt, dass die Menschen in Philippi ihn brauchen. Oder besser noch: Dass sie die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes nötig haben – so wie Paulus sie vorher in Kleinasien unter die Menschen gebracht hat.

Der Traum des Paulus von Europa ist ein Kommando zum Aufbruch. Kein Jammer, dass er jetzt auch noch nach Mazedonien reisen soll. Keine Klage, dass die jetzt auch noch einen Zipfel von diesem Paulus abbekommen wollen.

Paulus denkt in großen Räumen. Und zugleich mit innerer Flexibilität. Er prüft, was sein soll, was geht. Und was realistisch ist. Paulus ist der entscheidende Werbestratege des frühen Christentums. Aber er ist kein Ideologe. Und wenn es in den Provinzen Kleinasiens irgendwie nicht weiter geht, dann zieht er eben nach Mazedonien weiter.

Der Traum des Paulus von Europa – das ist nicht der Traum eines christlichen Kontinents. Das ist vielmehr der Traum, ein Stück weiter zu kommen mit der Botschaft, in deren Verbreitung er sein ganzes Leben gestellt hat. Im Römerbrief träumt Paulus sogar davon, nach Spanien zu kommen. Wir wissen es nicht wirklich sicher. Aber wahrscheinlich ist dieser Traum nicht in Erfüllung gegangen. Aber bis Rom ist Paulus dann doch immerhin gekommen. Und hat seinen Traum dort mit dem Leben bezahlt.

Auf dem Weg nach Mazedonien überschreitet Paulus also eine entscheidende Grenze, die Grenze nach Europa – ohne, dass er sich dessen wohl überhaupt bewusst ist. Die politischen Herrscher waren die Herren und Machthaber in Rom. In Ephesus und Jerusalem, in Troas und in Philippi.

Dennoch: Der Weg des Paulus nach Mazedonien - das war damals der Anfang. Der Anfang der Geschichte des Christentums in Europa. Heute haben wir meist eher das Gefühl, am Ende dieser Entwicklung zu stehen. Weil es chic und in ist, sich von Europa zu distanzieren. Und zu glauben, wir kämen mit nationalstaatlichen Lösungen besser in die Zukunft. Weil Europa inzwischen größer ist als die Welt, die Paulus damals vor Augen hatte. Und wir gar nicht sicher wissen, wie weit unser Europa gehen soll. Weil Europa ohnehin kein ausschließlich christliches mehr ist – falls es dieses je war.

Aber der Auftrag, die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes unter die Leute zu bringen, das ist auch heute allemal eine verbindende Idee. Keine Programm, das zum Ziel hat, Unfrieden unter den Menschen zu säen. Kein Unternehmen, das Europa in gute und in weniger gute Zonen aufteilen will. Das Christentum könnte Entscheidendes zum Guten in Europa beitragen. Weil es eine Religion der Öffnung ist. Und keine der Abgrenzung oder gar Abschottung.

Lampedusa und die Menschen, die dort immer wieder ertrinken, das ist eine Schande für das gegenwärtige Europa. Und manchmal wünschte ich mir, ein Paulus stünde unter uns auf und erinnerte an das, was er einst nach Galatien geschrieben hatte: Hier ist nicht Jude oder Grieche, nicht Slave oder Freier, nicht Mann oder Frau. Alle sind eins. Alles sind von gleichem Wert und von gleicher Würde - in Christus!

Und damit wären wir schon bei der dritten Predigt. Bei dem Blick auf eine beeindruckende Frau. Dem Blick auf eine Zeugin des Evangeliums, die auch dem Paulus eine schmerzliche Lernerfahrung nicht erspart. Doch vorher singen wir noch einmal, nämlich die 7. Und letzte Strophe:

EG 136,7: Du heil’ger Geist, bereite

Hören sie nun also, wie es weiter geht.

Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Jetzt also geht’s um Lydia. Die erste Christin in Europa: Eine Frau. Die ersten Zeuginnen am leeren Grab am Osternorgen: Frauen! Paulus ist kein ausgewiesener Freund der Frauen. Zumindest in seinem Verhalten. Schweigen sollen sie in den Gottesdiensten. So scheibt er tatsächlich einmal nach Korinth.

Aber theologisch ist er schon weiter als in seiner Lebenspraxis. Die Synagoge am Fluss ist eine Frauensynagoge. Eine Art Reformsynagoge für Frauen, die in den Männergesellschaft drum rum wenige zu sagen hatten. Und die streng genommen nicht einmal alle wirklich Jüdinnen waren.

Doch Paulus nutzt jede sich bietende Gelegenheit – auch diese. Immerhin. Die alte Unterscheidung von Mann und Frau – vor Gott ist sie endgültig außer Kraft gesetzt. Was er in seinem Brief nach Galatien schreibt, hier muss er diese Erkenntnis in Leben ziehen. Hier lernt er. Von Lydia.

Die Predigt des Paulus bleibt nicht ohne Folgen. Eine Frau hört besonders aufmerksam zu. Lydia. Nicht alles stimmt, was wir gelegentlich über Lydia lesen können. Zum einen. Ihr Name – Lydia – ist gar kein Name. Diese Frau stammt aus Thyatira. Eine Stadt in Kleinasien. Einem Zentrum der Textilindustrie. Vielleicht war der Textil-Fachmann Paulus deswegen auf sie aufmerksam geworden. Schließlich hatte er es als Zeltmacher ja auch mit Stoffen zu tun.

Thyatira liegt in Lydien. Und Lydia heißt einfach „die aus Lydien“ – die Lydierin. Zu einem Eigennamen ist Lydia erst durch die besondere Geschichte dieser Frau geworden. Lydia lässt sich taufen. Sich selber. Und ihre Familie.

Paulus scheint zufrieden. Und will weiterziehen. Aber Lydia weiß, wie diese Geschichten sonst weitergehen. Vielleicht hat Paulus das sogar selber erzähl. Getaufte Familien werden zu Keimzellen der Gemeinden. Sind Ort von Hausgemeinden und Hauskirchen. Sind Zentrum der Ausbreitung des Glaubens.

Das ist Paulus nun doch zu viel. Taufe ja. Aber eine Hauskirche, der eine Frau vorsteht. Da hat er Bedenken. Doch Lydia macht hier urchristlich Karriere. Sie leistet Widerstand. Packt Paulus bei seiner eigenen Botschaft. „Wenn meine Taufe rechtens ist, musst du es bei mir wie bei den anderen machen. Dann kommst Du in mein Haus. Und wir gründen hier eine Hauskirche. „Sie nötigte uns!“ – so lesen wir es in der Apostelgeschichte. Sie schlägt Paulus mit seinen eigenen theologischen Waffen.

Lydia hat Erfolg mit ihrer Beharrlichkeit. Nicht nur bei Paulus. Paulus und Silas werden in Philippi für einige Zeit inhaftiert. Das ist eine andere eindrückliche Geschichte. Denn am Ende läuft sogar der Gefängniswärter zu ihrem Glauben über. Als Paulus und Silas dann aber in Freiheit sind, gehen sie – zu Lydia. Und sie finden dort auch „die Brüder“, wie es in der Apostelgeschichte weiter heißt. Die Hausgemeinde der Lydia hatte sich also durchgesetzt. Und sie war allgemein anerkannt.

Mit ihrem Insistieren auf gleichen Rechten auch für Frauen erweist sich Lydia nicht nur als mutige Frau. Und als theologische Denkerin. Sie nimmt auch Wichtiges der europäischen Idee vorweg. Und erweist sich nicht nur als vorbildliche Christin. Sondern auch als vorbildliche Europäerin.

Und damit wäre auch die dritte Predigt schon am Ende. Nicht einfach um Paulus und Europa ist es gegangen. Sondern vor allem um Lydia. Die namenlose Frau aus Lydien. Sie ist uns ein Vorbild im Glauben. Von ihr können wir ein dreifaches Lernen: Erstens: Uns einzulassen auf ein neues Denken – so wie sie es mit ihrer Frauensynagoge gemacht hat. Zweitens: Uns nicht abzufinden, wenn alles wieder einmal nur bleiben soll, wie es war. Lydia hatte sogar den Mut, Paulus zu widersprechen. Und das mit Erfolg.

Und wir lernen auch ein Drittes: Lydia hat ihr Gottvertrauen nicht nur für ihre eigene persönliche Erbauung genutzt. Nachdem sie getauft ist, will sie auch ein gleichberechtigtes Mitglied der Gemeinde sein. Und Kirche bauen. Und Gott lässt es an seinem Segen nicht fehlen. Und das Wunder geschieht. Und sogar Paulus wacht auf aus seinen Träumen. Und geht verändert durchs Leben.

Wer möchte hier wirklich noch weiterschlafen, wo der Geist Gottes am Werk ist. In Europa. Und in der ganzen Welt. Amen.

Wir bleiben jetzt bei der vertrauten Melodie. Wir singen aber von den neuen Wegen. Den Wegen, die Gott dem Paulus gewiesen hat. Und der Lydia. Den Wegen, die Gott auch uns weist.


Traugott Schächtele

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