In Tel Aviv wird gelebt!


Liebe Freundinnen und Freunde!

Der erste Morgen auf unserem Pfarrkolleg. Der erste Morgen in Israel. Für einige ist es tatsächlich der erste Morgen in Israel überhaupt. Für diejenigen, die schon mehrfach in Israel waren, hat dieser Morgen – da bin ich sicher – nicht weniger Zauber.

Aufwachen in Israel – und dann auch gleich noch in Tel Aviv. Israelis sagen, so habe ich gelesen: In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet. Und in Tel Aviv, da wird gelebt. Vielleicht hat Klaus Müller unser Programm deshalb so gestrickt. Lieber nicht so lange die Hauptstadt des Lebens und des Genießens. Lieber in die Städte des Betens und Arbeitens. Schließlich sind wir auf einem Pfarrkolleg!

Jetzt aber im Ernst: Das Thema hat es in sich. Es kommt zunächst sehr „abgehoben-fromm“ daher – wenn ich das so sagen darf – „Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt“ – und es wird dann mit dem Untertitel sofort geerdet: Tora und politische Realität in Israel. Das Wandeln in Gottes Satzungen hat gerade nicht zum Ziel, dass ich mich in eine Parallelwelt zurückziehe. Im Gegenteil: Das Wandeln in Gottes Satzungen bestimmt mein Leben in allen Bezügen. Privat wie öffentlich. Im Kleinen wie im Großen. In den politischen Entscheidungen vor Ort wie in den weltweiten Bezügen. Das Wandeln in den Satzungen Gottes, es bestimmt über Krieg und Frieden. Es bestimmt am Ende auch über Tod und Leben.

„Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt, dann ...“ Die Art der Logik erschreckt zunächst. Suggeriert eine Art Automatismus. Erinnert mich an den Befehl „If – when“ in der Computersprache Basic. Doch während Basic in diesem Tagen gerade den 50. Geburtstag feiert, ist die „wenn – dann“-Kombination aus Leviticus 3 zweieinhalbtausend Jahre älter.

Ich weiß ja nicht, was wir zu diesem Wochenabschnitt noch hören und lernen. Ich glaube aber, dass es am Ende gar nicht um eine Bedingung geht, sondern um eine Zukunftsansage. In der Logik unserer Sprache um eine „weil-deshalb“-Verbindung. „Weil ihr in meinen Satzungen wandeln werdet, deshalb will ich euer Gott sein.“ Oder sogar noch in umgekehrter Reihenfolge: „Weil ich euer Gott bin, deshalb werdet ihr in meinen Satzungen wandeln!“

Aber natürlich geht es in den kommenden Tagen nicht nur um das Wandeln in den Satzungen Gottes. Es geht auch um das Wandeln auf spannenden Wegen. Auf Pflastersteinen. Auf antiken Wegen. Auf Naturboden. Auf Wegen und auf Straßen durch dieses Land Israel, in den wir uns auf die Spurensuche machen.

Wir werden in Jerusalem beten. Wir werden in Haifa arbeiten. Aber wir werden auch leboffenem Herzen. Mit staunenden Augen. Und mit lernbereitem Geist. Amen.


Traugott Schächtele

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