PREDIGT ÜBER EXODUS 32,7-14
AM 25. MAI 2014
AUS ANLASS DES 110. KIRCHWEIHFESTES
DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN BAMMENTAL


Liebe Gemeinde!

Zum 110. Male jährt sich in diesem Jahr die Einweihung ihrer Kirche. Der Kirchweihtag ist in jedem Jahr neu ein Tag der dankbaren Erinnerung. Und ihr kleines, besonderes, 110jähriges Kirchenjubiläum im Jahr 2014 ist auch für mich Anlass zur Mitfreude. Und zum Mitfeiern. Gerade auch in diesem heutigen Gottesdienst. Darum bin ich heute sehr gerne zu ihnen gekommen. Um mitzufeiern. Und um die Predigt zu übernehmen.

Was ist denn eine Kirche, liebe Gemeinde? Eine Kirche ist ein Gebäude. Aber kein Gebäude wie alle anderen. Eine Kirche ist ein Gebäude mit einer besonderen Zweckbindung. Eine Kirche ist ein Ort des Innehaltens. Ein Ort der Gottesbegegnung. Ein ausgegrenzter Ort des Blickes über den Horizont hinaus mitten unter den Häusern des Lebens und Wohnens.

Gut, dass wir solche Orte haben. Orte des Hörens und Singens. Orte des Betens und Feierns. Wie viele Gottesdienste sind hier in über 110 Jahren gefeiert worden! Wie viele Gottesdienstes am Beginn einer Ehe! Wie viele Taufen! Wie viele Konfirmationen! Wie oft waren Menschen in dieser Kirche aber auch trostbedürftig, weil sie einen lieben Menschen verloren haben!

Gut also, dass wir solche Orte der Gottesbegegnung haben. Wo immer es solche Orte gibt, sind die Orte der Gottesverdrängung nicht weit. Von Martin Luther stammt der Satz: Wo immer der liebe Gott ein Haus baut, baut der Teufel eines daneben. Manchmal so dicht dran oder gar mittendrin, dass man die beiden Orte nicht mehr so recht auseinanderhakten kann.

Von der Nähe dieser beiden Orte, des Ortes der Gottesbegegnung und des Ortes der Gottesverdrängung handelt auch der Predigttext für diesen Sonntag Rogate. Er steht im Buch Exodus, dem 2. Buch Mose. Dort heißt es im 32. Kapitel in den Versen 7 bis 14:

Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.

Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich! - , dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.

Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.

Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.



Liebe Gemeinde!

Wir haben heute die Wahl. Wir haben die Wahl im wirklichen Sinn des Wortes. Heute ist nicht nur ihr 110. Kirchweihfest. Heute ist auch Wahlsonntag. Kommunalwahlen haben wir. Und Europawahl. Wählen heißt sich entscheiden.

Um die 100.000 Entscheidungen muss unser Gehirn an einem Tag treffen, sagen uns die Wissenschaftler. Viele kleine, unscheinbare Entscheidungen sind darunter. Viele nehmen wir gar nicht als Entscheidung wahr. Die Handbewegung beim Zeitungumblättern. Die Wahl der Marmeladen- oder Käsesorte beim Frühstück.

Andere Entscheidungen sind da oft von größerer Tragweite. Entschuldige ich mich oder nicht? Mache ich den Besuch oder schiebe ich ihn wieder auf die lange Bank? Wage ich es, ihm oder ihr noch einmal mein Vertrauen zu schenken?

Und dann gibt es noch die Grundsatzentscheidungen im Leben. Worauf gründe ich mich? Wo finde ich Sinn in meinem Leben? Welche Rolle kommt meinem Glauben zu?

Um diese Art der Grundentscheidungen geht’s im Predigttext. Mose steigt auf den Berg. Den Gottesberg. Und als er wieder herabsteigt, dringen Klänge an sein Ohr. Keine Trauergesänge. Kein Kriegsgeschrei. Freudenklänge sind es. Musik wie bei einem Fest. Tanzmusik. Jubelklänge.

Mose hört erst nur. Dann kommt er näher. Sieht genauer hin. Wirklich! Festliches Treiben. Mose hatte sich Sorgen gemacht. Würden die Menschen durchhalten ohne ihn. Er war doch die Brücke zwischen Gott und den Menschen. Er wies ihnen in Gottes Namen den Weg. Würden sich ihr Gottesglauben auch ohne ihn als tragfähig erweisen. Mose war beruhigt. Mit festlichem Treiben also hatten die Menschen die schwierige Zeit überstanden. Im Festjubel hatten sie Gottes Gegenwart gefeiert. Mose war beruhigt.

Doch nur für einen Moment. Dann sah er die Mitte, um die sich alles dreht. Aller Tanz. Aller Freudentaumel. Ein goldenes Stierbild. Oder noch eher: ein Kalb. Erhöht auf einem Gerüst. Leuchtend in der Sonne. Wahrhaftig – ein goldenes Kalb.

Noch ehe sein Zorn anschwellen kann, hört er Gottes Stimme. „Lass mich!“, sagt Gott. „Halte mich dieses Mal nicht ab. Siehst du, wie schnell sie mich vergessen. Siehst du, auf wen ihre Wahl fällt, wenn sie die Freiheit haben! Dieses Mal lass mich, ich will sie noch einmal davon kommen lassen.

Auch Mose ist entsetzt über das, was er sieht. Aber verhandelt. „Sie haben falsch gewählt“, sagt er. „Aber wenn du sie vertilgst, dann gewinnen die anderen. Sie werden dich lächerlich machen. Sie werden sagen: Was für ein Gott! Erst lässt er sie entkommen. Dann vernichtet er sie selber. Das kannst du dir nicht bieten lassen!“

„Lass mich!“, sagt Gott. Aber Mose verhandelt weiter. „Du hast einen Eid geschworen“; sagt er. „Zu einem großen Volk willst du sie machen! Du wirst unglaubwürdig, wenn du sie jetzt dem Verderben preis gibst.“

Mose und Gott in harten Verhandlungen. Gott lässt sich ansprechen. Lässt sich treffen. Gott setzt sich dem Widerspruch des Mose aus. Lässt sein „Lass mich!“ nicht sein letztes Wort sein. Gott ist Gott nicht indem er sich als unbeweglich erweist. Als Hort der Unnachgiebigkeit. Gott lässt sich ein auf den Disput mit Mose. Und Gott lässt sich am Ende erweichen. Nimmt sein „Dieses Mal lass mich!“ zurück.

Und das Volk hat die Chance der zweiten Wahl. Wir wissen, was nicht im Predigttext steht. Die Tafeln der Wegweisung – Mose schleudert sie zu Boden. Und Gott bringt das andere „Dieses Mal lass mich!“ zum Erweichen. Das des Mose. Und Gott übergibt ihm seinen Willen, die beiden steinernen Tafeln, ein zweites Mal. Und macht so den Ort der Gottesverdrängung doch noch zum Ort der Gottesbegegnung.

Gott – oder das Goldene Kalb: das ist nicht nur die Alternative der Israeliten in der Wüste. Gott oder das Goldene Kalb – das scheint die Uralternative der Menschen überhaupt. Das ist doch die Wahl schlechthin.

Gott oder das Goldene Kalb – das war schon für die Menschen vor beinahe 3000 Jahren eine Geschichte aus ferner Urzeit. Aber sie hat für die Menschen damals eine realen Entsprechung. Nach dem Tod des großen Königs Salomon bricht das Großreich auseinander. Auseinanderbrechende Staaten – das ist keine Erfindung der Gegenwart. Wie sich die Entwicklungen gleichen. Jerusalem wird zum kleinen Rumpfreich. Es besteht nur aus der Stadt und ihrer Umgebung. Zehn Stämme im Norden machen sich selbständig. Befragen das Volk. Wählen sich einen neuen König. Wie sich die Entwicklungen gleichen.

Der Tempel, das Zentralheiligtum – er liegt im kleinen Reich Juda. Jetzt unerreichbar für die Abtrünnigen. Was machen sie? In zwei Städten – in Dan und Bethel - lässt Jerobeam, der neue König, ein Goldenes Kalb aufstellen: „Das ist jetzt dein Gott, Israel!“ – so kommentiert er sein Verhalten. Und er bietet seinen Untertanen die Möglichkeit einer neuen Wahl. Nicht mehr der unsichtbare Gott im Jerusalemer Tempel – nein, das goldene Bild vor Ort wird zum Gegenstand der Verehrung.

Dennoch ist erst einmal Vorsicht geboten, wenn’s ums vorschnelle Verurteilen geht. Natürlich wissen die Menschen im Nordreich Israel, dass sie von diesen vergoldeten Bildern nichts zu erwarten haben. Und natürlich wussten die Israeliten in der Wüste genauso, dass dieses Golden Kalb sie nicht aus Ägypten herausgeführt hat.

Es ist nicht die einfache Alternative Gott oder irgendwelche Götter, um die es hier geht. Es geht nicht um die Entscheidung zwischen dem Gott des Mose und dem Goldenen Kalb. Es geht nicht um die Entscheidung zwischen Jerusalem und Bethel.

Es geht um die Gottesfrage an sich. Wer ist Gott für mich? Ich will noch einmal Martin Luther zitieren. Aus seinem Großen Katechismus. Dort sagt Luther: „Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott!“ Wenn ich mein Leben darauf gründe, was ich alles selber geschaffen habe. Was ich mir leisten kann. Wenn ich mir meinen Gott selber zurecht biege. Wenn ich mir meinen Gott zusammenzimmere, wenn ich ihn mir handzahm mache, ihn forme nach meinen Vorstellungen, dann mag ich auf diesen Gott meine Hoffnungen setzen – aber ich habe von ihm nichts zu erwarten.

Gott ist mir immer gegenüber. Ist mir entzogen. Ist mir unverfügbar. Gott ist Gott, indem er nicht von mir erschaffen ist. Gott ist Gott, indem er der Ursprung all dessen ist, was ist. Der Schöpfer, wie wir das in der Sprache der Theologie und des Glaubens nennen. Nicht das Beste und Schönste, was wir Menschen uns ausgedacht – was wir Menschen erdacht und konstruiert haben.

Dietrich Bonhoeffer hat das in die Worte gefasst: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ Es gibt Gott nicht so, wie es all das gibt, woraus die Welt besteht, in der wir leben. Gott ist. Gott wirkt. Gott lebt. Tief in uns und um uns herum. Lange, bevor wir waren. Und lange noch, nachdem wir gewesen sind. Gott ist. Und ewig werden wir dann sein, wenn wir in ihm sind.

Nicht das Goldene Kalb ist das Haus, das der Teufel neben den Tempel baut. Vielmehr der Irrglaube, von diesem Kalb etwas zu erwarten. Es zum Gott und Gott so zum Menschenwerk zu machen. Eine höchst schwierige Unterscheidung ist das. Schon im 16. Jahrhundert gab es unter den Müttern und Vätern der Reformation Streit um die Bedeutung von Bildern. Die Bilderstürmer, wie die Kritiker der Bilder hießen, schlugen in den Kirchen kurz und klein, was sie an Bildwerken antrafen. Im Irrglauben, dass diese Bilder göttliche Verehrung beanspruchen.

Ich war in den Tagen bevor ich hierher kam, in Israel. Viele orthodoxe Kirchen habe ich dort angeschaut. Voll von prächtigen, vergoldeten Bildern. Und oft auch vom Kerzenrauch geschwärzt. Wir können uns die Verehrung dieser Bilder, dieser Ikonen, nicht hoch genug vorstellen. Aber nicht die Bilder werden verehrt. „Die Bilder sind Fenster zum Himmel. Fenster, durch die wir Gott selber entdecken können“ – so hat uns ein orthodoxer Priester die Bedeutung der vielen Ikonen erklärt.

Das Goldene Kalb hätte ein Fenster zu Gott sein können – wenn die Verehrung Gott und nicht dem Bild gegolten hätte. Der prächtige Tempel – er war Ort der Gegenwart Gottes, weil Gott in ihm nicht eingesperrt war. Weil die Erhabenheit des Baus nicht wichtiger war als die Schönheit und die Ernsthaftigkeit der Gebete.

Daran sollen wir auch denken an diesem 110. Fest der Erinnerung an die Einweihung dieser Kirche. Gott wohnt nicht in dieser Kirche. Aber diese Kirche kann all denen, die hier wohnen, zum Ort der Gottesbegegnung werden. Noch einmal sage ich: Gut, dass wir solche Orte wie diese Kirche haben. Orte des Hörens und Singens. Orte des Betens und Feierns. Wenn wir uns darauf einlassen, dass Gott uns begegnet als der ganz andere. Und oft ganz anders als wir es erwarten.

Mose hat darauf gesetzt, dass Gott ansprechbar ist. An einem Sonntag, der den Namen „Rogate trägt, zu deutsch „Betet!“, ist das eine gute Nachricht. Gott gibt sein „Dieses Mal lass mich!“ dran. Und lässt es sich gereuen. Und wenn wir Gott ganz fern vermuten, kommt Gott uns nah. Gibt Gott sich zu erkennen. Wird Mensch. Wird Gott für uns. Und wir werden Schwester und Bruder. Amen.













Traugott Schächtele

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