PREDIGT ÜBER 1.KORINTHER 9,16-23
AM SONNTAG, DEN 29. JUNI 2014 (2.S.N.TR.)
IN DER GUSTAV-ADOLF-KIRCHE IN UNTERGROMBACH
AUS ANLASS DEREN 60JÄHRIGEN BESTEHENS


Kirchen sind Orte des freimütigen Wortes, liebe Gemeinde! Wir brauchen solche Orte des freimütigen Wortes. Orte, an denen offen ausgesprochen wird, was ist. Und was sein soll. Orte, an denen nicht anderen zu Gefallen gesprochen wird. Sondern Orte, an denen die Wahrheit gesucht und gefunden wird. Orte, an denen die Wahrheit auf offene Ohren stößt.

Kirchen sind ein solcher Ort. Und sie sollen es auch sein. Darum brauchen wir die Kirchen. Darum brauchen sie auch diese Gustav-Adolf-Kirche. Darum haben sie diese Kirche seit 60 Jahren. Das feiern sie in diesem Jahr. Und deshalb bin ich heute auch gekommen, um mitzufeiern.

Gratulieren möchte ich ihnen zu diesem Geburtstag ihrer Kirche. Ganz persönlich. Aber auch im Namen der Landeskirche. Jubiläen von Kirchen, das sind ganz besondere Festtage. Auch wenn 60 Jahre für eine Kirche eher noch ein Kindergeburtstag sind. Kirchen, die überdauern, 60 Jahre, manchmal auch 600 Jahre oder gar 1600 Jahre – das sind steinerne Zeugen des Glaubens derer, die vor uns gelebt und vor uns geglaubt haben. Ohne ihren Glauben gäbe es den unseren nicht.

Darum ist ein solcher Festtag und ein solches Festjahr zunächst ein Anlass zum Rückblick. Zum dankbaren Rückblick. Ein solcher Festtag ist aber zugleich auch Auftrag und Verpflichtung.

Den Ort des freimütigen Wortes. Den brauchen nicht nur sie. Den haben nicht nur die gebraucht, die vor ihnen hier Gottesdienst gefeiert haben. Den Ort des freimütigen Wortes, den brauchen auch die, die nach uns glauben. Und die hier nach einem solchen Wort suchen. Oder die dieses Wort hier hören, obwohl sie gar nicht danach gesucht haben.

Dass ich heute vom freimütigen Wort spreche; dass ich davon spreche, dass Kirchen ein solcher Ort sein sollen, das hängt mit dem heutigen Predigttext zusammen. Der Predigttext für diesen zweiten Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit Gottes steht im 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Im 9. Kapitel, in den Versen 16 bis 23 heißt es:

Dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.

Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.

Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi –, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.

Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.



„Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Eine große deutsche Tageszeitung hat vor Jahren mit diesem Satz für sich geworben. „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Genauso will Paulus im heutigen Predigttext sein Apostelamt verstanden wissen.

An zwei Punkten sieht Paulus diese Verkündigung der Wahrheit gefährdet im Amt, das er innehat. Und er würde nicht zögern, diese Gefährdungen auch bei uns zu entdecken.

Zum einen bei der Finanzierung. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“ So lautet ein Sprichwort. Die urchristlichen Apostel wurden von den Gemeinden versorgt. Mit Lebensmittel. Und mit allem, was sie sonst noch zum Leben nötig hatten. Wer durch die Gegend reiste, um den Gemeinden den neuen Glauben zu erklären, der oder die konnte nicht auch noch für den eigenen Lebensunterhalt sorgen.

Ein Privileg war das. Aber ein sinnvolles Privileg. Paulus hat von diesem Privileg keinen Gebrauch gemacht. Er hat sich sein Geld selber verdient. Und nur von einer einzigen Gemeinde hat er einmal materielle Gaben angenommen. Von der Gemeinde in Philippi. Aber auch nur deshalb, weil er zu er Zeit in Haft war. Und seinem Beruf nicht nachkommen konnte.

Paulus war Textilunternehmer. Zeltmacher heißt es meistens. Aber weil Paulus einem gefragten Gewerbe nachging, konnte er sich den Verzicht auf die Versorgung durch die Gemeinden leisten. Zudem war er mit seinem Beruf örtlich nicht gebunden. Paulus hatte also günstige Voraussetzungen für sein Apostelamt. Er konnte sich dieses Leben leisten. Und er konnte es finanzieren.

Aber seine Entscheidung, sein Verzicht auf eine Fremdfinanzierung durch die Gemeinden, war für ihn auch theologisch begründet. „Ich habe mir diesen Lebensentwurf nicht gewählt. Ich habe ihn nicht selber ausgesucht“; schreibt er. „Ich muss das tun, was ich tue, ich habe keine andere Wahl.“

Paulus macht also niemand anderen für seine große Lebensentscheidung verantwortlich. Wäre er mit seinem Verkündigungsdienst einem Wunsch der Gemeinden nachgekommen, dann hätte er zurecht auf die Versorgung bestehen können. Doch Paulus weist ein ums andere Mal darauf hin, dass ein anderer ihn ins Amt gezogen hat. Der auferstandene Christus. Der steht im Mittelpunkt seiner Predigt. Nicht die Erwartung der Christinnen und Christen in Kleinasien. In Rom. Oder in Spanien.

Unabhängig will Paulus bleiben. Unabhängig auch von Spendern und Sponsoren. Darum ist es ihm wichtig, selber für seine Finanzierung zu sorgen. Das freimütige Wort, es darf nicht gefährdet werden!

Dieses freimütige Wort, es unterliegt noch einer zweiten Gefährdung. Erneut eine Gefährdung, der wir auch heute immer wieder unterliegen. Der Gefährdung der Überheblichkeit. Der Gefährdung der Besserwisserei.

Wir stoßen auf keine offene Ohren, wir gewinnen keinen Blumentopf, wie es so schön heißt – auch nicht in unserem Bemühen, andere für die Sache Gottes zu gewinnen, wenn wir von oben herab argumentieren. Wenn wir Menschen begegnen mit der Einstellung: Ich sage dir, was dein Problem ist. Und ich habe auch gleich die Lösung. Es gibt Menschen, die tatsächlich so Mission treiben wollen. Paulus hätten die aber sicher nicht auf ihrer Seite.

Paulus betreibt Mission auf Augenhöhe. „Ich habe mich allen zum Diener gemacht“, schreibt er. Das bedeutet: Paulus praktiziert Machtverzicht. Er versucht sich hineinzudenken in die Menschen, mit denen er es zu tun hat. Und die er ja auch gewinnen will. Deshalb wird er den „Juden zum Juden“ und den „Nichtjuden als Nichtjude“.

Nicht Anbiederung ist damit gemeint, sondern eher sensible Annäherung. Paulus schaut sich diejenigen genau an, an die er sich wendet. Und dann nimmt er die Kommunikation auf. In einer Sprache, die die Menschen verstehen. Und er hört auf die Fragen, die die Menschen wirklich bewegen.

Mittlerweile hat unsere Kirche dieses Korinth-Prinzip des Paulus auch entdeckt. Im Blick auf diejenigen, die zur Kirche gehören, werden ganz verschiedene Gruppen unterschieden. Verschiedene Milieus, wie das heute heißt. Um dann ganz unterschiedliche Angebote für die Menschen zu enzwickeln. Milieu-sensible Angebote.

Das gelingt längst nicht immer. Und um sie zu beruhigen: Das ist auch dem Paulus längst nicht immer geglückt. Er hat sich als Grenzgänger des Glaubens auch immer wieder verheddert. War de Juden ein Heude und den Heiden ein Jude. Aber das macht ja nichts. Es macht Paulus eher sympathisch. Und es nimmt seinem Anliegen nichts weg.

Das Grundprinzip bleibt richtig: Unterschiedliche Gruppen brauchen unterschiedliche Angebote. Schon Luther hat da ja erkannt. Der schreibt: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen und denselben aufs Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen.“

Das freimütige Wort, zielgenau auf diejenigen ausgerichtet, die wir gewinnen wollen, darum soll’s in der Kirche gehen. Darum haben sie diese Gustav-Adolf-Kirche. Darum ist es hier schon 60 Jahre lange gegangen. In den vielen Festen und Gottesdiensten, die hier gefeiert wurden. In Taufen und Konfirmationen. In Trauungen und Abschiedsfeiern. Darum geht’s in jedem Gottesdienst. In jeder Predigt.

Die Kirche ist keine Firma. Sie ist kein Unternehmen, das marktgängige Produkte herstellt. Die Kirche ist uns immer schon voraus. Sie gründet nicht in ausgeklügelten Marketingstrategien.

Auf der anderen Seite sollen wir die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes weitersagen. Und unsere Kräfte sinnvoll einsetzen. Darum macht es durchaus Sinn, nicht blindlings vorzugehen. Darum sollen wir uns Gedanken machen, an wen wir uns richten. Wen wir erreichen wollen. Und wozu wir keinen Mut machen wollen. Das freimütige Wort soll nicht sinnlos verschleudert werden!

Der Weitergabe des freimütigen Wortes dient diese Gustav-Adolf-Kirche. Der Weitergabe des Glaubens, dass Gottes gut meint mit dieser Welt. Weil Gott das Leben will. Und nicht den Tod.

Solche freimütigen Worte hat es immer gegeben. Solche freimütigen Worte sind auch heute nötig. Paulus selber hat solche Worte gesprochen: „Nicht durch die Werke des Gesetzes wird der Mensch gerecht, sondern durch den Glauben.“ Oder: „In Christus gibt es nicht Sklave oder Freier, nicht Jude oder Grieche, nicht Mann oder Frau!“

Martin Luther hat solche Worte gesprochen. Etwa in Worms auf dem Reichstag: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“ Im Heidelberger Katechismus sind solche Worte festgehalten: „Jesus Christus ist der einzige Trost im Leben und im Sterben.“ Oder in der Barmer Erklärung gegen die Deutschen Christen:. Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Die Reihe ließe sich mühelos verlängern. Bis in unsere Tage. Über Dietrich Bonhoeffer bis Oscar Romero. Nicht zu vergessen das prophetische Wort aus der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates aus dem Jahr 1948: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Über bekannte und unbekannte Zeuginnen und Zeugen des Glaubens.

Und immer soll dieses freimütige Wort zum Glauben verhelfen. Indem es mutig aufdeckt, was wir gerne unter dem Teppich halten. Und beim Namen nennt, was Unrecht ist. Dass Flüchtlinge vor Lampedusa ertrinken. Dass Roma diskriminiert werden. Dass die Ärmsten der Armen dahinvegetieren vor den Stadien in Brasilien, während wir uns über die Tore von Müller und Klose freuen.

Kirchen sind Orte des freimütigen Wortes. Und wenn sonst alle schweigen, dann sollen die Kirchen Orte der Wahrheit bleiben. Der Wahrheit über uns und unser Leben. Die Wahrheit über Jesus aus Nazareth, aus dessen Leben uns Gott selber entgegenleuchtet. Immer wieder neu. In immer neuen Worten. Aber im selben alten Glauben.

60 Jahre lang können sie sich hier in Untergrombach schon über solche freimütigen Worte in dieser Gustav-Adolf-Kirche freuen. Oder bisweilen auch ärgern. Viel länger schon sind solche Worte unter uns wirksam. Und schenke uns Gott, dass dies auch so bleibt. Hier in diesem Kirchlein. Und in jeder Kirche in der weltweiten Ökumene.

„Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Das habe ich eingangs gesagt. Uns allen sind solche Worte aufgetragen. Seit unserer Taufe. Fürchten müssen wir uns dabei nicht. Es ist Gott selber, der uns zu solchen Worten einlädt. Es ist Gott selber, der dazu hilft, dass solche Worte die Erde zum Guten verwandeln.
Dafür lasst uns dankbar sein. Das lasst uns heute hier feiern. Das lässt uns jetzt auch singen. Amen.

Traugott Schächtele

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