PREDIGT IM GOTTESDIENST
AM BEGINN DER TAGUNG
DER BEZIRKSSYNODE KARLSRUHE LAND / NEU
AM MONTAG, DEN 26. MAI 2014
IN NEUREUT


Liebe Schwestern und Brüder!

Die Wahl eines neuen Dekans ist eine Schlüsselentscheidung. Zumal in einem Kirchenbezirk, der sich neu auf den Weg macht. In neuen Grenzen. Mit einer noch fast neuen Bezirkssynode. Auf der Suche nach einer neuen Identität.

Eine Schlüsselentscheidung, das ist eine Entscheidung, die Türen öffnet. Türen in Räume, die bislang verschlossen waren. Räume, die zu betreten es sich aber lohnt. Räume, in denen verborgen liegt, was sie gerade jetzt brauchen. Was ihnen jetzt guttut. Frei-Räume, in denen bisher Ungehörtes und Unerhörtes ausprobiert und gewagt werden kann.

Jede Lebensgeschichte lässt sich als Abfolge, als Aneinanderreihung von Schlüsselentscheidungen beschreiben. Nicht nur bei Kirchenbezirken ist das so. Es ist zu allererst eine Erfahrungen unserer eigenen Lebensgeschichte. Immer wieder geraten wir an Schlüsselentscheidungen. Immer wieder stehen wir vor Türen, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Weil eine andere Tür verlockender gewesen ist. Oder weil wir uns fürs Erste erst einmal ganz gut eingerichtet hatten. Und uns gar nicht weiter auf den Weg machen wollten.

Dass mir in der Vorbereitung dieses Gottesdienstes das Bild vom Schlüssel eingefallen ist, ist kein Zufall. Es war heute vor einer Woche. Das Bild fiel mir ein, als ich den größten Schlüssel der Welt gesehen habe. In Bethlehem.

Es ist eine eindrückliche Erfahrung, wenn man unter dem Schlüssel durch ein riesiges Schlüsselloch hindurchgeht oder wie wir hindurchfährt. Der Schlüssel ist aus Metall. Neun Meter ist er lang. Und mehr als eine Tonne schwer. Angefertigt von Menschen aus dem Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem. Vor zwei Jahren wurde er für einige Wochen auch in Berlin ausgestellt.

Das Symbol des Schlüssels ist in Palästina allgegenwärtig. Wir haben es zum Beispiel auch in der Altarwand der Schule Talitha Kumi in Beth Jala entdeckt. Mitten zwischen anderen Symbolen. Und noch an vielen anderen Orten. Auch aufgesprüht an Hauswände.

Für die Menschen in Palästina ist der Schlüssel erst einmal ein politisches Symbol. Er ist das Zeichen der Hoffnung auf Rückkehr. Das Symbol des Schlüssels steht zunächst ganz real für die Schlüssel der Häuser, die die Menschen verlassen mussten. Der mitgenommene Schlüssel, den sie nicht selten bis heute bei sich tragen – er ist das Unterpfand der ersehnten Rückkehr. Das Symbol einer besseren Zukunft.

Das Schlüsselsymbol finden wir aber auch in der Bibel. Etwa in der Offenbarung des Johannes. Im Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia, das wir vorhin gehört haben. Dieses sechste Sendschreiben ist ja ein Ausnahmefall. Eine Schlüsselgeschichte. Es ist das einzige Sendschreiben, das keine kritischen Bemerkungen enthält. Der Name Philadelphia war durch die Jahrhunderte der Kirche hindurch das Synonym einer Vorführgemeinde. So hat etwa auch William Penn die Hauptstadt seiner Kolonie der Quäker in Pennsylvania Philadelphia, genannt. Philadelphia, auf deutsch Bruderliebe. Besser und schöner vielleicht noch Geschwisterliebe. Und dieser Name ist durchaus als Programm gedacht.

Eine Stadt des geschwisterlichen Zusammenhalts im Glauben muss dieses Philadelphia schon gewesen sein. Denn immerhin heißt es in dem Schreiben an die Menschen dort: „Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.“

Ich will mich heute aber auf die Schlüsselstelle dieses Briefes konzentrieren. Auf den Vers:

Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen.

Vor allem dieser kleine Satz ist es, der sie heute Abend ermutigen soll. Der Satz vom Schlüssel soll zugleich selber zum Schlüssel werden. Zum Schlüssel der Deutung dessen, worum es heute Abend geht. In dieser Synodentagung mit der heutigen Schlüsselentscheidung. Nach den vielen Schlüsselentscheidungen, die als Bezirk hinter ihnen liegen!! Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen!

Die Erfahrung, vor verschlossen Türen zu stehen, machen wir immer wieder. Nicht selten gerade vor evangelischen Kirchen. Das Schöne ist: Es gibt Türen, die müssen wir gar nicht selber aufschließen. Weil wir den richtigen Schlüssel gar nicht haben. Gar nicht haben müssen. Es gibt Türen, die werden für uns geöffnet. Nicht wie Märchen. Nicht im Sinne eines Sesam-öffne-dich! Sondern als Wegweisung, die wir einem anderen verdanken. Als Richtungsangabe im Gewirr der Möglichkeiten.

Da kann es ungeheuer entlastend sein, wenn sich einem eine Tür wie von selbst öffnet. Und wenn wir den nötigen Mut und das nötige Vertrauen haben, können wir durch die Tür hindurchgehen. Sogar dann, wenn wir gar nicht wissen, was uns hinter dieser Tür erwartet.

Auf dem Weg bis zu dieser heutigen Wahlsynode sind sie durch viele Türen gegangen. Haben nach vielen Schlüsseln gesucht. Sind vor manchen verschlossenen Türen gestanden. Hatten ein ums andere Mahl Schlüsselentscheidungen zu treffen. Fühlten sich das eine oder andere Mahl in Räume gestoßen, die sie womöglich gar nicht betreten wollten.

Und dann war hinter der Tür meist dann doch nicht der finstere Abgrund. Und sie sind auf Räume gestoßen, die sich geweitet haben. Und deren Wohnlichkeit, deren bergende Mauern sie immer wieder aufatmen ließen.

Und nicht selten waren hinter den Türen, die zu öffnen waren mit dem Schlüssel der eigenen noch ganz andere Türen verborgen. Türen eben, die sie nicht selber öffnen mussten. Türen, die der für sie geöffnet hat, der von sich selber sagt: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen.

Die Schlüssel, den die Menschen in Palästina mitgenommen haben, als sie ihre Häuser verlassen mussten, es waren immer auch Symbole der Wut und der Enttäuschung. Zeichen der Verletzung. Schlüssel, die weniger von der Zukunft als von der verlorenen und geraubten Vergangenheit geprägt waren. Und nicht selten sind sie es bis heute immer noch.

Doch ich habe in Israel und Palästina auch Menschen getroffen, die voller Hoffnung sind. Menschen, die ihre Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass sich in den vielen realen Schlüsseln, die sie seit Jahrzehnten auf ihrem Weg durch die Häuser und Flüchtlingslager mitnehmen, auch Schlüssel durch die Tür der Zukunft befinden.

Palästina und Karlsruhe Land/neu – vergleichen lässt sich da nicht wirklich viel. Zu unterschiedlich sind die beiden Welten. Aber womöglich lässt sich das Bild fruchtbar aufnehmen. Womöglich haben auch manche von ihnen auch noch die Schlüssel aus der Vergangenheit in der Tasche. Schlüssel aus den den alten Bezirken. Aus den eingeübten und vertrauten Formen und Wegen des Kircheseins.

Und plötzlich öffnet sich eine neue Tür. Die alten Schlüssel passen nicht mehr. Und sie stehen in neuen Räumen. Mit neuen Menschen, die sich unter die vertrauten mischen. Mit neuen Nachbarn. Visionen. Und mit neuer Zusammensetzung der Leitungsverantwortung. In den Ältestenkreises. In Bezirkssynode und Bezirkskirchenrat. Und dann auch bald im Dekansamt.

Leicht haben sie es in der Entscheidung nicht. Weil wie so oft nicht nur ein Raum bewohnbar ist. Und sie sich entscheiden müssen. Da ist es gut, wenn sie die Tür entdecken, die sich öffnet. Und sie dann hindurchgehen voll Vertrauen, wie beim Hammelsprung – wenn sie diese Art der Entscheidung noch kennen. Einer Art der Entscheidungsfindung im Bundestag, bei der man am Ende eben durch die einer oder andere Tür geht. Und so seine Entscheidung kund tut.

Mit ihrer Wahl müssen sie heute Abend also eine geistliche Variante dieses Hammelsprungs, einen geistlichen Hammelsprung vollziehen. Aber sie können sie das getrost und gelassen tun. Weil sie sicher sein können, dass Gott so oder so seinen Segen auf ihre Entscheidung legen wird.

Gott hat seine Türen für uns aufgeschlossen. Schade, dass wir das so schön und deutlich nur an Weihnachten singen: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis!“

Aber gleich werden wir auch singen: „Sein Haus hat offene Türen!“ Gottes Haus ist gemeint. Gott hält die Türen für uns offen. Jetzt, wenn wir gleich an seinen Tisch geladen sind. Nachher bei der Wahl. Bei jeder Schlüsselentscheidung, die wir zu treffen haben. Und jeden Tag unseres Lebens neu. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn