Predigt über 5. Mose 6,4-9 beim Seniorenpfarrkolleg in Bad Herrenalb


Liebe Schwestern und Brüder!

Zwei gemeinsame Tage liegen hinter uns. Zwei Tage des Nachdenkens über das Verhältnis von Reformation und Politik. Des Nachdenkens vor allem darüber, „was des Kaisers“ ist. Ob wir dieser Pflicht gezwungenermaßen nachkommen. Oder ob wir es freiwillig tun. Zum Abschluss, jetzt in diesem Gottesdienst, soll es darum vor allem um das andere gehen. Darum nämlich zu tun, „was Gottes ist“.

Dieser heutige Mittwoch liegt ja mitten auf dem Weg vom Sonntag Trinitatis vor drei Tagen zum ersten Sonntag nach Trinitatis am kommenden Sonntag. Nur 20 Sonntage zählen in diesem Kirchenjahr nach Trinitatis. Weniger können es gar nicht sein. Aber Ostern war eben erst am 20. April.

Ich erinnere mich noch gut an die Gottesdienstbesuche meiner Kindheit. Sehr lang empfand ich jedes Jahr die Reihe dieser Trinitatissonntage. Unerträglich lang. Über eine so kurze Trinitatiszeit wie in diesem Jahr hätte ich mich damals gefreut.

Heute weiß ich: Die Trinitatiszeit ist die Schwarzbrotzeit des Kirchenjahres. Die Zeitspanne, die uns die Möglichkeit gibt, lange genug an einer kräftigen und unverzichtbaren Kante Trinitatis-Theologie herumkauen können.

Dabei ist es mit dieser Schwarzbrotzeit wie im richtigen Leben. Schwarzbrot bekommt unserer Gesundheit, wie wir alle wissen, allemal erheblich besser als alle Tage weihnachtliche Plätzchen und österliche Schokolade und dazu noch Sahnetorte. Für die Schwarzbrotzeit des Kirchenjahres, die Trinitatiszeit, gilt dies genauso. Sie will uns über 20 Sonntag vor allem Gelegenheit geben, über die Frage nach Gott Klarheit zu gewinnen.

Trinitatis – das ist das Fest, an dem der Glaube an Gott in drei Personen im Mittelpunkt steht. Ein vertrauter Vers, eine Grußformel ganz am Ende des 2. Korintherbriefes, musste dazu am vergangenen Sonntag ihrem inflationären und oft unbedachten Gebrauch entrissen werden. „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christis und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!“

Trinitatis, das ist Sonntag, an dem wir uns daran erinnern, dass Gott von allem Anfang nicht einfältig ist, sondern in sich selber vielfältig und beziehungsreich. Dass Gott kommuniziert – nach innen und nach außen.

Der Predigttext des kommenden ersten Sonntags nach Trinitatis ist ein Text, der zunächst nicht uns, sondern in ganz besonderer Weise den Menschen jüdischen Glaubens gehört. Da heißt es im sechsten Kapitel des 5. Buches Mose:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

„Höre, Israel!“ Die großen Religionen der Menschheit sind Wortreligionen, liebe Schwestern und Brüder. Darum: „Höre, Israel!“ Ihre zentralen Texte sind in heiligen Büchern festgehalten. Im Mittelpunkt stehen Geschichten, die immer wieder weitererzählt werden. Und die Weitergabe der Orientierung gebenden Worte ihrer zentralen Figuren. Ihre großen Feste werden nach überlieferten Liturgien und Abläufen gefeiert. „Höre, Israel!“ Hört zu, alle, die ihr mitfeiert!

Religion lebt von Erinnerung. Gerade das Thema der Erinnerung hat uns in diesen Tagen darum in ganz verschiedener Weise beschäftigt. Unser Glaube lebt von der Erinnerung. Von der Erinnerung an die Erfahrungen derer, die früher gelebt haben. Und er lebt vor allem von der Weitergabe dieser Erinnerung. Wenn diese Kette der Weitergabe der Erinnerung bricht, kommt der Glaube in die Krise. Darum ist es richtig und wichtig, dass wir diese Aufgabe der Weitergabe der Erinnerung sehr ernst nehmen. Darum müssen wir von Gott reden! Immer. Und immer wieder! Darum: Höre, Israel!“ Hört zu, alle die ihr mitfeiert!

Doch wie können wir heute noch von Gott reden? Wie können wir so von Gott reden, dass unser Reden nicht belanglos wird? Wie können wir so von Gott reden, dass unser Reden hilfreich bedeutsam wird für die diejenigen, die nach uns auf dieser Erde leben? Genauer gefragt: Wie können wir den Gottesglauben an unsere Kinder und an unsere Enkel weitergeben? Wie gelingt es, ihre Hörbereitschaft zu wecken?

Die Gegenwart ist mitnichten eine Zeit ohne Religion. Und ohne Glauben. Die Marktplätze der Religionen sind dicht gefüllt. Mit Menschen, die neugierig die verschiedenen Angebote prüfen. Mit Menschen, denen das Fremde der Religion zur exotischen Erlebnis wird. Mit Menschen, die sich immer wieder neu eigene religiöse Coktails mixen. Der Glaube bleibnt eine Option, wie Hans Joas das in seinem wunderbaren Buch beschrieben hat. Eine Option aber unter mehreren. Eine Option unter vielen.

Das 5. Buch Mose, das Deuteronomium, ist ein Dokument, das dem nahe kommt, was wir in diesen Tagen hier getan haben. Es ist ein Dokument der Erinnerung. Der wieder auflebenden Erinnerung. Selbstverständlich ist der Glaube geworden. Vertraut. Irgendwie Teil der alltäglichen Lebenspraxis. Und genau darin gefährdet. Irgendwie hat er seine Vitalität, seine Kraft der herausreißenden Erinnerung verloren. Der Glaube ist nur noch eine Option. Eine Wahlmöglichkeit. Heute.

Auch schon damals. Damals – im 7. Jahrhundert vor Christus – macht sich eine Gruppe Reformer ans Werk. Wo Krisen sind, sind die Reformer nicht weit. Und wo es Reformer gibt in großer Zahl, da müssen wir den Blick für die rechte Unterscheidung üben.

Die Reformer damals, sie nehmen die heilende, die heilsame Kraft der Erinnerung zu Hilfe. Sie rufen den Ursprungsmythos in Erinnerung. Den Exodus aus Ägypten. Den lebensgefährlichen Weg durch die Wüste. Das genauso mühsame wie gewaltabhängige Einsickern in jenen Landstrich, den die Tradition das gelobte Land nennt. Landnahme heißt dieser Prozess. Allzu friedlich werden wir ihn uns nicht vorzustellen haben. Allzu friedlich geht es in jener Region auch heute noch nicht zu.

Als Erinnerungshilfe wählen die Autoren des 5. Mose-Buches die Gattung einer Rede. Mose, die zentrale Ursprungsfigur, wendet sich an sein Volk. Hält eine Rede, ehe die Flüchtlinge den Jordan überschreiten. Ehe sie sich daran machen, das neue Land in Besitz zu nehmen. Zentrale Worte der Erinnerung sind es, die Mose an sein Volk richtet. Worte der Erinnerung an den Kern des religiösen Bekenntnisses. Der Erinnerung an die besonderen Bedingungen seines Gottesglaubens. Worte, die die Menschen aufs Neue lehren sollen , wie sie von Gott reden und wie sie Gott in Erinnerung halten sollen. Darum: „Höre Israel!“

„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott. Er allein.“ Fremd dürfte dieser Satz auch uns nicht wirklich sein. Der ersten Satz des Zehnwortes taucht in der Erinnerung auf: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Ein gefährlicher Satz ist das. Hochgefährlich. Jan Assmann, der Ägyptologe und der große Prophet des kulturellen Gedächtnisses, sieht genau in diesem Satz die Wurzel vielfältiger Gewalt. Gewalt, die von den monotheistischen Religionen ausgegangen sei.

Die unselige Geschichte der Gewalt gibt es tatsächlich. Und nicht nur in der Vergangenheit. Aber es gibt sie eher deshalb, weil Menschen sich nur vermeintlich der Sache Gottes angenommen haben – und dabei doch oft nichts anderes ihre eigenen Machansprüche legitimieren und durchsetzen. Die Gewalt im Namen Gottes zur Durchsetzung eigener Interessen ist Teil der Geschichte der von Menschen pervertierten Erinnerung.

Der biblische Text hat eine andere Erinnerung im Blick. Die Erinnerung an Gott, der das Seufzen seines Volkes hört. Die Erinnerung an Gott, der den Schwachen zum Recht hilft und die Starken in die Schranken weist. Die Erinnerung an Gott, der will, dass wir Zukunft haben. Die Erinnerung an den Gott, dessen Botschaft auch Ursache unseres politischen Gestaltens sind. Diese Worte gilt es in Erinnerung zu behalten. Diese Worte sollen wir an unsere Kinder und an unsere Enkel weitergeben. An diese Worte sollen wir uns durch hilfreiche Zeichen Erinnerung lassen.

Bis heute binden fromme Juden beim Beten die Tefillim, die Gebetskapseln an ihren linken Oberarm und zwischen die Augen. Bei unserem Pfarrkolleg in Israel vor einem Monat konnten wir uns als Gruppe aus Baden daran – und an vieles andere - erinnern lassen. Bis heute steht dieser biblische Text, über den wir eben nachdenken, auf einem Pergament, das sich an jeder Eingangstür, in jeder Mesusa befindet.

Zeichen der Erinnerung sind das. Merkhilfen, wie ein kleiner Katechismus. Worte, die Erinnerung wach halten, um Zukunft zu ermöglichen. „Höre Israel!“ Kein Haus sollen wir mehr betreten, ohne uns daran erinnern zu lassen: Gott bleibt unser großes Gegenüber. Gott bleibt einer und einzig. Mag die Welt säkular sein und Gegenstand unseres Forscherdrangs und unserer Neugierde. Gott wird nicht profan. Seine Gegenwart beschreibt den Ort, an dem wir bekennen, was uns heilig ist.

Einschärfen sollen wir diese Worte - unseren Kindern und deren Kindern. Und über sie reden, ob wir zu Hause oder ob wir unterwegs sind. Religion ist kein Sabbat- oder Sonntagsprojekt. Der Gottesglaube durchdringt und prägt unsere Lebensentwürfe. Nicht im Sinne einer besonderen religiösen Leistung. Sondern als Ausdruck der Liebe.

Wann immer ich diesen Satz höre: „Du sollst deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und von ganzem Verstand“, schwingt jener andere Satz mit, den der Jude Jesus ihm gleich gestellt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Auch dieser Satz gehört zu den zentralen Sätzen des Judentums. Indem sich aber beide Sätze gegenseitig interpretieren und erläutern, entfalten sie eine verstärkte, ja fast potenzierte Kraft.

Eine Gottesliebe, die sich in der Menschenliebe bricht, ist kein exklusives Unternehmen. Jan Assmanns These vom Ursprung der Gewalt im Glauben an den einen Gott findet da ihre Grenze, wo wir Gott nicht länger exklusiv und andere ausschließend denken. Gott wird inklusiv, grenzüberschreitend offen, wo wir sein Angesicht im Gesicht unserer Mitmenschen wieder erkennen. Wo jeder Mensch zum Merkzeichen der Heiligkeit und der Gegenwart Gottes wird.

Es bleibt also möglich von Gott zu reden - solange wir sein Ebenbild im Menschen noch wahrnehmen. Es bleibt also möglich, die Erinnerung weiterzugeben – solange es uns gelingt, Worte der Barmherzigkeit finden. Es bleibt also möglich, auch unsere Kinder mit dieser Erinnerung anzustecken – solange unser Gottesglaube unser eigenes Leben glaubwürdig bestimmt.

Religion ist Wortreligion. Aber doch zugleich immer auch eine Religion des Feierns. Auch das Abendmahl, zu dem wir jetzt gleich eingeladen sind, trägt alle Zeichen der Erinnerung an sich. Der Erinnerung an den großen Auszug aus dem Reich der Wirkmächtigkeit des Todes.

Mehr noch als alles reflektierte Nachdenken, versetzt es uns in die Lage, von Gott zu reden. Dennoch von Gott zu reden. Weil uns das Abendmahl zum Zeichen wird. Weil Gott uns an seinen Tisch lädt. Weil Gott unsere Erinnerungen zu heilsamen Erinnerungen machen will. Zu Erinnerungen, die uns leben lassen. Die uns besser leben lassen. Das lasst uns jetzt feiern. Auf halber Strecke von einem Sonntag zum anderen. Am Beginn der Schwarzbrotzeit des Kirchenjahres. Gott gibt uns sein Zeichen. Darum: Hört!“ Aber nicht nur. Feiert auch. Das lässt uns leben. Amen.

Traugott Schächtele

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