AM ANFANG STAND EIN BRUDERMORD.
KAIN UND ABEL
PREDIGT IM RAHMEN DER SOMMERPREDIGTREIHE TATORT BIBEL
AM SONNTAG, DEN 10. AUGUST 2014 (8.S.N.TR.)
IN DER MELANCHTHONKIRCHE IN MANNHEIM


EG 449,1: Die güldne Sonne

Jetzt ist auch Sonntagmorgen Tatort-Zeit, liebe Gemeinde. Zumindest in den kommenden Wochen. Da bekommt der abendliche Tatort in der ARD Konkurrenz. Mit Geschichten, die zum Teil schon Tausende von Jahren alt sind. Und die irgendwie immer noch der Aufklärung harren. Weil wir immerzu einer falschen Spur gefolgt sind. Oder weil es doch noch immer neue Spuren zu entdecken gilt.

Biblische Tatort-Klassiker, die es also in sich haben. Wie der, um den es heute geht. Eigentlich ist alles klar. Wir kennen Opfer und Täter. Wir kennen das Motiv der Tat und die Strafe.

Aber dann ist es in der Bibel wie im richtigen Leben. Da tauchen neue Spuren auf. Und mit einem Mal ist alles nicht mehr ganz so eindeutig. Dann müssen wir noch einmal genauer hinschauen. Wie heute!

Jetzt also der Reihe nach. Ich will den Fall in fünf Teilprojekten vor ihnen entfalten. Zunächst also

Teilprojekt 1: Was der Tat vorausging!

449,2: Mein Auge schauet

Bevor wir den Fall genauer anschauen, um den es heute geht, müssen wir die Vorgeschichte anschauen. Die handelnden Personen. Die Schauplätze. Die Rahmenbedingungen. Ich lese ihnen einen Abschnitt der Fall-Akte Kain und Abel vor. Hören sie also, was die Bibel berichtet:

Adam schlief mit seiner Frau Eva, und sie wurde schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einem Mann das Leben geschenkt, habe ihn erworben mit Hilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

Schon die ersten Zeilen sind spannend. Wir befinden uns in der biblischen Urgeschichte. Diese finden wir in den ersten elf Kapiteln der Bibel. Berichtet wird nur scheinbar vom individuellen Ergehen einzelner Menschen. Die Menschen, von denen in der Urgeschichte berichtet wird, stehen für Menschentypen. Sind kollektiv zu verstehen. Eigentlich wird die Geschichte der Menschheit erzählt.

Es geht um die Klärung der grundsätzlichen Fragen: Wo kommen wir her? Was macht uns aus? Wie gehen Menschen miteinander um? Wozu sind sie fähig? Wie kommt das Böse in die Welt? Wie reagiert Gott darauf?

Sie kennen alle diese großen Geschichten! Es geht um die Erschaffung der Welt. Immer wieder geht es um die Überschreitung der Grenzen: Beim Kosten der verbotenen Frucht. Bei der Missachtung der göttlichen Lebensregeln, die zur großen Flut führen. Beim Bau des Turmes, dessen Spitze bis an den Himmel reicht.

Und es geht um die Geschichte, die heute im Mittelpunkt steht. Eva, die Mutter des Lebendigen, und Adam, der aus der Erde, der adamah Geschaffene - sie bekommen Nachwuchs. Zwei Söhne: Kain und Abel.

Eva ist stolz auf ihre Großtat: Ich habe einen Mann erworben, sagt sie. Das gleiche Wort erwerben klingt im Namen Kains an. Vielleicht könnte man Kain mit „Der Erworbene“ übersetzen.

Kain hat einen Bruder. Womöglich sogar einen Zwillingsbruder: Abel. Abel bedeutet soviel wie „Lufthauch“ oder wie „Fast Nichts“. Die Rolle zwischen beiden ist also schon bei der Geburt geklärt. Kain, der Erstgeborene, ist der Stolz seiner Mutter. Abel, der zweite ist ein Nichts.

Beide übernehmen eine Aufgabe, zu denen es in der landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft keine Alternative gibt. Kain wird ein Ackerbauer. Abel ein Schäfer. Ein Tierzüchter. Ein Wollproduzent.

Jetzt ist Vorsicht geboten. Hier wird nicht einfach von einer Berufswahl berichtet. Kain und Abel sind Stellvertreter für eine ganze Gattung Mensch. Abel also ist ein Schäfer. Er wird außer Schafen wohl auch noch andere Tiere besessen haben. Tiere, das ist die Hauptlebensgrundlage der Nomaden. Mit ihnen zieht man von einem Weidegrund zum nächsten.

Kain bebaut den Acker. Das ist den Nomaden kaum möglich. Dazu muss man sesshaft sein. Mit Kain und Abel liegen also zwei Lebensentwürfe miteinander in Konkurrenz. Das ältere Lebens-Modell des umherziehenden Nomaden. Und das jüngere Modell des Menschen, der sesshaft wird und seine Scholle bebaut.

Jetzt haben wir gewissermaßen die Exposition der Tat. Jetzt können wir in einem zweiten Schritt den Blick stärker auf das eigentliche Geschehen richten. Wir kommen zu

Teilprojekt 2: Der Opfer-Wettbewerb

EG 449,3: Lasset uns singen

Wieder widmen wir uns der Fall-Akte und hören auf den Bericht der Bibel:

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.

Kain und Abel machen, was damals alle gemacht haben. Sie widmen das Beste, das sie haben, der Gottheit. Opfern nennt man das. Sie tun das nicht uneigennützig. Es war eine Überlebensbedingung. Kain und Abel – beide leben sie in der Abhängigkeit von Mächten, die sie nicht durchschauen. Abel hat Missernten zu fürchten. Trockenheit. Überschwemmungen. Kain ist abhängig von genügend Weideland. Und davon, dass seine Tiere keiner Krankheit zum Opfer fallen.

So wollen sie ihren Gott bei Laune halten. Und gnädig stimmen. Er soll das Beste bekommen. Damit er sie beide davor bewahrt, ihre Lebensgrundlage zu verlieren.

Kain und Abel opfern. Kain seine besten Früchte. Abel seine besten Tiere. Kains Opfer findet bei Gott keinen Gefallen. Das von Abel schon. Mehr wird nicht berichtet.

Ich frage mich: Woher wissen die beiden, wie Gott ihr Opfer aufnimmt? Über keinen der beiden wird berichtet, dass er gut gelebt hat. Oder schlecht. Der Erfolg des Opfers belohnt nicht. Und der Misserfolg ist auch keine Strafe.

Willkürlich erscheint, wie Gott reagiert. Vielleicht hat Gott eine Vorliebe für den Kleinen. Für den Menschen namens „Hauch“. Den „Fast Nichts“. Weil Gott immer eine Vorliebe für die Schwachen hat. Oder Gott erweist sich als konservativ. Erweist sich als ein Nomadengott. Ein Gott, der die Freiheit liebt. Der nicht sesshaft werden will. Eingesperrt in Zelte. In Tempel. Oder Kirchen.

Beides wäre ungerecht. Kain kann nichts dafür, dass er ein Ackerbauer ist. Er tut, was seine Bestimmung ist. In alten Bildern dieser beiden Opfer unterscheidet sich meist der Rauch. Bei Kain schleicht er am Boden entlang. Bei Abel steigt er direkt nach oben. In der Bibel steht davon nichts. Es könnte doch auch sein, dass beide ihre Befindlichkeit interpretieren.

Abel steht selbstbewusst vor seinem Gott. Er ist ich sicher: Bei diesem Gott bin ich aufgehoben. An den Früchten meiner Arbeit, am Opfer meines täglichen Lebens wird Gott Gefallen finden. Und in Gedanken sieht er, wie Gott sich über sein Opfer freut.

Kain ist ein skrupulöser Typ. Wie Martin Luther vor seiner reformatorischen Entdeckung. Wie wir selber manchmal sind Er fragt sich: Reicht das aus, was ich Gott zu bieten habe. Bin ich Gott recht? Kain zweifelt an sich. Er zweifelt daran, ob Gott an seinem Opfer wirklich Gefallen findet. Sein Rauch bleibt unten.

Doch Kain wählt einen anderen Weg als Martin Luther. Er vertraut nicht einfach darauf, dass er Gott recht ist. Wie Kain dann handelt, davon berichtet die Bibel in der Fortsetzung der Geschichte. Hören wir aus der Fall-Akte Kain und Abel das

Teilprojekt 3: Der tödliche Irrtum

EG 449,5: Ich hab erhoben

Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.


Jetzt also endlich: Tatort Bibel! Jetzt geht’s zur Sache. Jetzt kommt auf den Tisch, was der Fall ist: ein Mord. Der erste Mord der Weltgeschichte gewissermaßen. Kain lädt seinen Bruder ein. Zu sich aufs Feld. Arglos folgt Abel der Einladung. Er ahnt nicht, was in seinem Bruder vorgeht. Und bezahlt diese Ahnungslosigkeit mit dem Leben.

Jetzt kommt tatsächlich Gott ins Spiel. Im Sinn eines Kriminalfalls zunächst scheinbar wie der Kommissar. Gott stellt die Fragen, die wir auch aus dem Tatort am Sonntagabend kennen.

„Wo ist dein Bruder Abel?“ Kain antwortet, wie viele andere, die ertappt werden. Er streitet die Tat einfach ab. Er tut dies mit einem Schulterzucken. Und mit einer Gegenfrage, die viel weniger harmlos ist, als sie sich anhört. „Keine Ahnung!“, sagt er. „Bin ich denn der Leibwächter meines Bruders?“

Jetzt wechselt Gott die Rolle. Wird vom Kommissar zum Richter. Spricht gleich das Urteil. An Ort und Stelle. Zweifach ist die Strafe: Kain, der Sesshafte, wird zum Nomadenleben verurteilt. „Unstet und flüchtig“ soll er leben. Aus der Traum von der neuen Moderne. Vorbei ist’s mit der Sesshaftigkeit. An ihr scheint Gott wirklich keinen Gefallen zu haben.

Der zweite Teil der Strafe hängt mit dem ersten zusammen. Aber er ist schon lebensbedrohlicher. Wann immer Kain es erneut mit dem Ackerbau versuchen wird: Der Acker wird ihm keinen Ertrag geben.

Kain bekommt es mit der Angst zu tun. Zurecht. Diese Strafe wirkt wie eine langsam durchgeführte Todesstrafe. Und er hat noch größere Angst. Davon handelt das

Teilprojekt 4: Die Begnadigung

EG 449,6: Lass mich mit Freuden

Noch einmal lese ich aus der Fall-Akte „Kain und Abel“

Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Kain hat Angst. Angst davor, dass es ihm gehen könnte wie seinem Bruder. Angst davor, dass ihn totschlägt, wer ihn findet. Beistand hat er keinen zu erwarten. Schon gar nicht von Gott.

Aber Gott wechselt noch einmal die Rolle. Dieses Mal vom Richter zum Herrscher. Wer die Macht hat, kann auch das Recht außer Kraft setzen. Oder das Recht in Gerechtigkeit verwandeln. Genau das macht Gott. Gott begnadigt den Kain. Wandelt die Todesstrafe um in die Strafe eines gezeichneten Lebens. Weist ihn außer Landes. Aber lässt ihn am Leben. Gibt ihm eine zweite Chance.

Kain kommt nicht einfach so davon. Aber Gott lässt ihm sein Leben. Und er schützt ihn davor, anderen in die Hände zu fallen. Er zeichnet ihn. Vom Kainsmal sprechen wir bis heute. Obwohl davon nichts in der Fall-Akte steht. Kain ist bleibend gezeichnet. Er ist kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der stolze „Erwerb“ seiner Mutter Eva wird zum Flüchtling. Muss sich seinen Lebensunterhalt mühsam beschaffen. Im fremden Land. Aber wehe, jemand legt Hand an ihn. Kain steht unter Gottes Schutz!

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Genauer gesagt: Die Geschichte schon. Aber die Akte – sie ist noch nicht geschlossen. Darum folgt jetzt ein letzter Blick. Jetzt folgt also das

Teilprojekt 5: Gott bewahre! Kein Gott vernichte!

EG 449,8: Alles vergehet

Gott ist ein Liebhaber des Lebens. Ein notorischer Liebhaber des Lebens. Und lässt sich davon nicht abbringen. Weder von Kain. Noch von uns.

Seit allem Anfang ist das so. Das zeigt das Studium der anderen Fall-Akten der biblischen Urgeschichte. Adam und Eva übertreten das Verbot und essen von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie müssen das Paradies verlassen. Aber nicht als Strafe. Sondern als Schutz. Gott will sie davor bewahren, auch noch vom Baum der Lebens zu essen. Weil ihnen das ewige Leben nicht gut bekäme. Was für eine Bewahrung!

Gott ist entsetzt über die Bosheit der Menschen. Mit einer großen Flut will er sie alle wegspülen. Und noch einmal neu anfangen mit seiner Schöpfung. Da gereut Gott sein hartes Urteil. Gott rettet Noah und seine Familie in der Arche. Und rettet so die Menschheit vor dem Untergang. Was für eine Bewahrung!

Die Menschen übernehmen sich mit dem Bau des großen Turms. Sie wollen sich gottgleich gebärden. Da bewahrt Gott sie erneut. Erschwert ihre Kommunikation. Diese babylonische Sprachverwirrung – auch sie ist keine Strafe. Sie ist eine Schutzmaßnahme. Damit der Mensch sich nicht übernimmt. Und scheitert. Noch einmal: Was für eine Bewahrung!

Genauso ist es bei Kain. Gott schützt ihn mit seinem Zeichen. Niemand mag sich unterstehen, Hand an ihn zu legen.

Hoffnung macht mir, wie Gott hier handelt. Wie er auch uns immer wieder Lebensmöglichkeiten eröffnet. Nach dem ersten und zweiten Weltkrieg. Nach Flucht und Vertreibung. Damals. Und Millionenfach bis heute. Nach Ausbeutung und schreiendem Unrecht. Nach tagtäglicher Gewalt. An der Schöpfung. Und an Menschen. Im Irak. In Syrien. In Israel und Palästina.

Gott gibt sein Projekt der Bewahrung nicht auf. Und lässt unseren Rauch immer noch und immer wieder neu nach oben steigen. Gott gibt uns die Chance, Mensch zu sein. Und menschlicher miteinander umzugehen.

Nein! Nicht Kain ist der Modellfall des gottgefälligen Lebens. Sondern der, der mit seinem Leben für uns eingestanden ist. Der, der mit seinem Leben gezeigt hat, wie Gott uns Menschen haben will. Damit wir selber zum Modell-Fall des Menschen werden können. Was für eine Bewahrung! Amen.
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PL EG 646,1-4: Wag’s und sei doch

Traugott Schächtele

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