„GOTT LIEBT DAS KONKRETE“
ANSPRACHE ZUR ORDINATION VON KATJA UND MICHA WILLUNAT
AM SONNTAG, DEN 7. SEPTEMBER 2014 (7. SONNTAG NACH TRINITATIS)
IN DER LAURENTIUS-KIRCHE IN KARLSRUHE-HAGSFELD


Liebe Frau Willunat,
Lieber Herr Willunat!

Gott bleibt nie im Abstrakten. Sein Wirken in unserem Leben ist verbunden mit konkreten Menschen. Und mit konkreten Daten. Ein solches Datum ist für sie sicher auch dieser heutige Sonntag! Dieser 7. September 2014, im Kirchenjahr der 12. Sonntag nach Trinitatis, ist der Tag ihrer Ordination.

Ordinationen gehören sicher auch zu den besonderen und nicht alltäglichen Daten und Festen im Leben einer Gemeinde. Schon gar nicht, wenn die Ordination gleich im Doppelpack eines Ehepaares geschieht. Ordinationen gehören auch zu den schönen Anlässen im Amt eines Prälaten. Darum habe auch ich mich auf diesen Gottesdienst gefreut.

Ordinationen erinnern und vergewissern. Nicht nur sie beide, die heute ordiniert werden. Sie erinnern die ganze Gemeinde. Und damit stellvertretend die ganze Kirche. Im Wort Ordination steckt ein Hinweis auf das Wort Ordnung. Wir werden erinnert, dass die Weitergabe der Guten Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes geordnet ist.

Gott bleibt nie im Abstrakten. Gott drängt es immer ins Konkrete. Dies zeigt sich auch im Verweis auf diese Ordnungen, auf die Rahmenbedingungen der Kirche in dieser Welt. Die Weitergabe der Guten Nachricht ist gerade auch darin konkret, dass sie in einem guten Sinn geordnet ist. Und damit auch sichergestellt. Aber sie ist darin nicht reglementiert. Sie ist gerade darin garantiert.

Natürlich ist die Weitergabe der Guten Nachricht, dass Gott es gut meint mit uns Menschen, uns allen aufgetragen. Seit unserer Taufe ist das so. Aber Gott sorgt auch dafür, dass sich immer wieder Menschen finden, die diese Aufgabe zu ihrer Lebensaufgabe machen. Es ist gewiss kein Zufall, dass dies so ist. Sondern ein Zeichen der Fürsorglichkeit Gottes. Sie werden auch nicht irgendwie in diese Aufgabe gerufen, sondern in einem geordneten Verfahren. Sie werden ordiniert. In Ordnung gebracht. Zur Ordnung gerufen. Ordentlich ausgebildet. Und in ein ordentliches Dienstverhältnis übernommen.

Die Übernahme der Aufgabe der Wortverkündigung ist in der weltweiten Kirche ganz unterschiedlich geordnet und geregelt. Dass wir hier in einer Region der Welt leben, in der sie Pfarrerin und Pfarrer werden können – unter den Bedingungen, wie das hier bei uns möglich ist, ist ein Privileg. Und für uns alle ein Grund zu großer Dankbarkeit. Weltweit gesehen, geschieht Verkündigung viel öfter ehrenamtlich. Neben der Ausübung eines Berufes her. Und längst nicht immer nach einer so gründlichen Ausbildung. Und mit genügend Freiraum in der Ausbildung, in der Theologie nicht nur die Vorbereitung auf einen Beruf ist. Sondern auch eine Leidenschaft! Theologie darf und soll auch Spaß machen. Das bleibt ihnen hoffentlich erhalten. Ein Leben lang!

Mit der Ordination werden sie beauftragt, öffentlich zu verkündigen und Sakramente zu spenden. Dies geschieht nicht nur in Gottesdiensten. Dies geschieht auch im Unterricht. Dies geschieht auch in der Seelsorge. Dies geschieht auch in der Kirchenmusik, in der Jugendarbeit, beim Gemeindefest, in Gemeindefreizeiten, im Gemeindebrief. Es geschieht nicht zuletzt in ganz entscheidender Weise in der Diakonie.

Diese kirchlichen Arbeitsfelder sind alle selber wieder geordnet. Mit ihrer Ordination werden sie beauftragt, den Blick für das Ganze dieser vielfältigen Aktivitäten wach zu halten. Und in allen Aktivitäten, in allem, was Menschen in der Kirche tun, in allem noch so Weltlichen, auch im manchmal Geschmähten und Übersehenen, die Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes zu entdecken.

An einer solchen Aufgabe mitzuwirken, lässt sie immer wieder auch die eigenen Grenzen spüren. Die Grenzen der eigenen Möglichkeiten. Die Grenzen der eigenen Gaben. Die Grenzen auch der eigenen Kräfte.

Niemand kann sich einfach selber zutrauen, was ihnen in ihrer Ordination zugemutet wird – niemand kann sich das zutrauen, ohne zu beherzigen, was sie als biblisches Motto auf ihrer Einladung zur Ordination festhalten. Dort heißt es – und das ist ihr Ordinationsspruch, lieber Herr Willunat:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Tim. 1,7)

Gottes Geist ist es also, der sie befähigt zu all dem, was mit der Ordination verbunden ist. Sie haben auch bis heute nicht ohne Gottes Geist leben und auskommen müssen. Niemand muss das. Aber heute wird ihnen Gottes Geist noch einmal in ganz besonderer Weise zugesprochen. Zum Zeichen der Vergewisserung. Zum Zeichen dafür, dass Gott nie im Allgemeinen und im Abstrakten bleibt. Sondern immer im Konkreten. Darum ist sein Geist heute für sie ein Geist der Kraft – dynamis heißt es im Griechischen, da steckt also eine gewaltige Sprengkraft drin – ein Geist der Kraft also und ein Geist der Liebe und der Besonnenheit.

Besonnenheit, das meint so etwas wie eine weise Beschränkung auf das Maß ihrer Möglichkeiten. Im Vertrauen auf diesen Geist können sie sich also dem stellen, was ihnen mit ihrer Ordination als Lebensaufgabe aufgetragen ist.

Der Hinweis auf die Ordnungen erhält dann auf einmal einen ganz anderen Sinn. Es gehrt nicht darum, sie einzuengen. Sie zu gängeln. Es geht darum, ihre Freiheit abzusichern. Auch die Freiheit in den Aufgaben, die mit der Ordination verbunden sind. Darum ist es gut, dass für sie noch ein zweites Bibelwort mit ihrer Ordination verbunden ist, nämlich der schöne 9. Vers aus Psalm 31 – das ist ihre Zuspruch zur Ordination, liebe Frau Willunat:

Du stellst meine Füße auf weiten Raum!

Liebe Frau Willunat, lieber Herr Willunat! Ein Reich der Freiheit betreten sie mit ihrer Ordination. Das wird ihnen aufgehen, je länger sie Pfarrerin sind und Pfarrer. Es ist der freieste Beruf, den sie sich denken können. Sie sind frei dafür, sich anderen Menschen zuzuwenden. Sie sind frei dafür, das Gottes-Thema in der Welt im Schwange zu halten. Sie sind frei dafür, zusammen mit anderen Gemeinde zu gestalten und schöne Gottesdienste vorzubereiten und zu feiern.

Sie sind aber auch frei davon, sich diese Zeit von einem anderen Beruf abknapsen zu müssen. Sie sind frei davon, anderen nach dem Munde reden zu müssen. Sie sind frei davon, dies alles in Eigenverantwortung organisieren zu müssen.

Ihre Ordination stellt sie in eine große Gemeinschaft. In die Gemeinschaft all der anderen, die dieselbe Aufgabe wie sie übernommen haben. Aber doch auch in die Gemeinschaft aller, denen wichtig ist, was auch sie in diese Aufgabe gelockt hat: der Wirklichkeit Gottes Gehör zu verschaffen und Raum zu geben in dieser Welt. Ihre Ordination stellt sie zuallererst noch einmal ganz neu in die Gemeinschaft der Kirche – vor Ort und weltweit.

Gut, dass Gott das Konkrete liebt. Auch in unseren Versuchen, Kirche zu ordnen. Auch indem wir in der Kirche ordinieren.

Gut, dass Gott das Konkrete liebt – so sehr, dass er konkret wurde in einem Menschen aus Fleisch und Blut – wie wir. Gut, dass Gott das Konkrete liebt und konkret wird in Brot und Wein.

Gut, dass Gott das Konkrete liebt und seine Gute Nachricht konkret werden lässt in Worten von uns Menschen. Im Wort der öffentlichen Verkündigung und in der Sakramentsspendung. Dazu werden sie heute beauftragt und berufen. Auf weiten Raum werden sie gestellt durch Gottes Geist voll Kraft und voll Liebe. Durch Gottes Geist der Weisheit, es immer wieder neu mit Gott zu versuchen. Und auch anderen Menschen dazu Mut zu machen. Amen.


Traugott Schächtele

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