PREDIGT ÜBER APOSTELGESCHICHTE 6,1-7
IM GOTTESDIENST
ZUM ABSCHLUSS DES SENIORENPFARRKOLLEGS
AM FREITAG, DEN 12. SEPTEMBER 2014
IM HAUS DER KIRCHE IN BAD HERRENALB


Liebe Schwestern und Brüder!

„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Von Bertolt Brecht stammen diese Sätze. Aus einem Gedicht „An die Nachgeborenen“.

Zwei gemeinsame Tage liegen hinter uns. Zwei Tage des Miteinander Sprechens. Zwei Tage des gemeinsamen Nachdenkens über das Verhältnis von Reformation und Politik. Des Nachdenkens darüber, „was des Kaisers“ ist. Also des Nachdenkens über Politik. Und ihre Beziehung zur Kirche.

Nachgedacht und gesprochen haben wir eben auch darüber, wie wir diesen Pflichten und Herausforderungen nachkommen. Freiwillig. Oder gezwungenermaßen.

Zum Abschluss, jetzt in diesem Gottesdienst, soll es darum vor allem um das andere gehen. Darum nämlich zu tun, „was Gottes ist“. Wir wollen in Gebet und im Hören auf Gottes Wort gerade noch einmal tun, „was Gottes ist“. Und wir wollen von dem reden, worüber wir nicht schweigen dürfen. Weil wir mit unserem Schweigen oder unserem Sprechen über Bäume schuldig werden. Und ein Verbrechen begehen – um noch einmal Bert Brecht zu zitieren.

Worüber wäre in diesen Tagen nicht alles zu reden! Und worüber haben wir geredet und reden wir, weil wir es gar nicht aushalten, alles in uns zu begraben, was Fragen in uns aufsteigen lässt und uns verunsichert. Was uns belastet und ängstigt.

Über die Kämpfe in der Ostukraine. Niemand weiß, was sich daraus noch entwickelt, wenn die Dynamik des Konfliktes weiter Fahrt auf nimmt.

Über die Erfolge der radikalen und Menschen verachtenden Isis im Irak und in Syrien. Und wir hören mit Staunen und Entsetzen, 400 der Kämpfer seien aus unserem Land gekommen.

Über die radikale Boka Haram in Nigeria, die Frauen und Mädchen verschleppt und immer mehr an Einfluss gewinnt.

Und erste wenige Wochen ist es her, da haben sicher nicht nur mich die Bilder aus dem Gazastreifen erschüttert. Immer mehr Häuser in Schutt und Asche gelegt. Und immer weniger Hoffnung, dass eine Generation heranwächst, für die Frieden nicht einmal mehr eine Sehnsucht ist. Krieg und Gewalt aber die bleibende alltägliche Realität. Auf allen Seiten.

Und wenn wir darüber reden – wissen wir nicht, was wir dazu sagen sollen. Immer schwieriger wird es, die komplizierten Machtverhältnisse zu durchschauen. Die Bösen, die wir zu identifizieren meinen, haben wir zum Teil selber genährt. Und die vermeintlich Guten, die wir unterstützen, werden plötzlich genauso der Menschenrechtsverletzungen überführt.

Wer hier den Überblick nicht verlieren und durchblicken will, muss tiefer sehen als nur auf die Oberfläche. Wer hier gestaltend Verantwortung übernehmen will, muss kreativere und mutigere Wege gehen, als einfach nur Waffen zu liefern. Und sich dann auf der richtigen Seite zurück zu lehnen.

Dabei lief 25 Jahre lang alles anscheinend so gut. Die alten Machtblöcke des Kalten Krieges hatte sich aufgelöst. Neue Formen der Zusammenarbeit waren im Entstehen. Immer mehr hatten die Menschen das Gefühl, etwas ganz Neues sei im Entstehen. Grenzen schienen ihre Bedeutung zu verlieren.

Und jetzt: allgemeine Hilflosigkeit. Einmal mehr der Versuch, einigermaßen unbeschadet durch das Dickicht zu Kommen. Aber wie’s gehen soll – wie der Weg aussehen soll zu einer besseren Zukunft: Fehlanzeige!

Der Predigttext für den kommenden Sonntag, den 13. nach dem Trinitatisfest, setzt auch mit einer Konfliktsituation ein, freilich einer ganz anders gearteten. Auch hier ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Auch hier spitzt sich alles zu. Wird alles unübersichtlich – auch wenn die Anlässe doch sehr unterschiedlich sind.

Zunächst hört sich alles ganz positiv an. Die Gemeinde wächst und wächst. Und es gibt eine klare Lösungsstrategie. Aber hören sie selbst. Ich lese aus Apostelgeschichte 6 die ersten 7 Verse.

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie. Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Harmlos kommt dieser Text zunächst daher. Und in seiner Bedeutung scheinbar längst ausreichend ausgeleuchtet und geklärt. Die Apostel suchen sich Menschen, die sie unterstützen. Es ist, so haben wir’s gelernt, die Geburtsstunde des Diakonen-Amtes. Zum Wort der Verkündigung kommt die diakonische Sorge dazu. Nach dem Wort-Amt wird hier das Tat-Amt geboren. Aber in klarer Reihen- und Rangfolge.

Nicht ohne Grund hat es die Diakonie bei uns immer schwer, als gleichwertige kirchliche Lebensäußerung wahrgenommen zu werden. Und ernstgenommen. Im 7. Artikel des Augsburger Bekenntnisses, da, wo’s um die Kirche geht, ist von der rechten Verkündigung die Rede. Und der rechten Spendung der Sakramente. Von der rechten Tag der Liebe lesen wir dort nichts. Die folgt dann ja schon von selbst, wenn sich der rechte Glaube eingestellt hat.

Höchste Zeit, dass wir uns diese sieben Verse aus Apostelgeschichte 6 noch einmal genauer anschauen. Von zwei konkurrierenden Gemeinden wird berichtet. Auf der einen Seite die Hebräisch Sprechenden Gläubigen. Und auf der anderen die Griechisch Sprechenden. Kein Zweifel, sie stehen in Konkurrenz. So wie wir es schon kennen von der Konkurrenz der schon Jerusalemer Juden und denen aus der Diaspora.

Ein alter Konflikt, der sich neu fortsetzt. Zur alten Unübersichtlichkeit kommt die neue dazu. Verschärft wird der Konflikt durch soziale Spannungen. Die Zahl der Bedürftigen, der Habenichtse ist bei denen, die von außen gekommen sind, den Griechisch Sprechenden größer. Die wohlhabenderen Christen, die aus Jerusalem und Umgebung kommen, nehmen die anderen nicht wahr. Durchaus Vergleichbares wird Paulus später in Korinth zu hören bekommen. Dort werden sich die sozialen Spannungen beim Abendmahl bemerkbar machen.

Wo Spannungen bestehen, liegen Absetzungstendenzen in der Luft. Und die Griechisch sprechende Gemeinde wagt den Sprung in die Selbständigkeit. Die Tochter will sich von der Jerusalemer Mutter emanzipieren.

Das spiegelt sich auch in neuen Strukturen wieder. Nicht mehr die Zwölf Apostel haben das Sagen. Sondern sieben Diakone. Ein Leitungsgremium, nicht zu Stande gekommen durch die Macht der Tradition, sondern durch die Berufung von Menschen, die bewährt sind, die einen guten Leumund haben. Menschen, denen man zutraut, dass sie auch die sozialen Probleme angehen werden.

Die Klärung der Beziehung zwischen Mutter und Tochter führt nicht zur gänzlichen Trennung. Die neue Gemeinde ist sich ihrer Verbundenheit mit der alten sehr wohl bewusst. Das Zeichen der Handauflegung dokumentiert die bleibende Verbindung. Diese Urform der Ordination ist ein Geschehen auf Augenhöhe. Kein Dokumentation der Überlegenheit der Hebräisch sprechenden Alten über die Griechisch sprechenden Jungen.

Das Modell hat Erfolg, so lesen wir. Es ist nicht so, dass den Gemeinden die Leute weglaufen, weil man mit diesen Streithähnen nichts zu tun haben will. Im Gegenteil. Die Kultur der Konfliktlösung ist ansteckend. Und die Gemeinde wächst weiter. Und scheint die sozialen Probleme zumindest ein Stück weit in den Griff zu bekommen. Denn wir lesen am Ende des Predigttextes: Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.

Gleich in mehrfacher Hinsicht ist dieser Text hochspannend. Und ein Lehrstück über die Attraktivität der noch jungen Kirche. Drei Aspekte will ich nennen. Zunächst:

Soziale Gebilde bleiben in Bewegung. In der Angangsdynamik ist das so, aber auch in der weiteren Entwicklung. Wo wir Menschen meinen, den Überblick gewonnen zu haben, entstehen bald neuen Unübersichtlichkeiten. Das ist eine alte Gesetzmäßigkeit, die sich immer wieder wiederholt. Bis in unsere Tage.

Eine zweite Erkenntnis aus dem Predigttext. Die Probleme von heute können nicht einfach mit den Mitteln von gestern gelöst werden. Es entsteht ein neues Leitungs-Amt. Das Amt der Diakone. Qualifiziert müssen sie sein, bewährt. Und in der Lage, auf die neuen, in dem Fall sozialen Herausforderungen angemessen zu reagieren.

Nicht also um Wort-Amt gegen Tat-Amt geht es, sondern um die Fortentwicklung des Bestehenden in die Zukunft. Da gefällt es mir auch besser, wenn unsere Grundordnung an machen Stellen von der Verkündigung in Wort und Tat spricht.

Bleibt ein Drittes. Lösungen müssen aktiv gesucht und angegangen werden. Der Rückgriff auf die Sehnsucht, es möge alles so bleiben, wie es war, funktioniert nie. Weder in der Kirche. Noch in der Politik. Und wir müssen uns gerade dann auf die Suche machen, wenn uns scheinbar oder objektiv Unrecht geschieht. Es macht keinen Sinn, beleidigt zu reagieren wie ein kleines Kind. Wie eine reife Lösungssuche aussehen kann, das können wir dem Predigttext entnehmen.

Zunächst einmal können uns die Einsichten, zu denen uns der Predigttext verhilft, innerkirchlich gut tun. Im Blick auf die großen Debatten der Veränderung,. Die größeren, da bin ich sicher, stehen uns erst noch bevor. Vielleicht hilft dieser Text auch, das Verhältnis von Kirche und Diakonie neu zu sehen. In gegenseitiger Zuordnung. Aber nicht im oben und unten. Mut machen kann uns dieser Text auch, wenn es darum geht, Neues zu wagen und auszuprobieren. Die Griechisch Sprechenden entwickeln gleich gar ein neues Leitungsamt.

Und natürlich bleibt da auch noch die Frage: Was helfen uns diese Einsichten für die großen Probleme, von denen ich eingangs gesprochen habe? Die, üner die zu schweigen ein Verbrechen ist.

Ein Patentrezept dürfen sie jetzt von mir nicht erwarten. Nichts im direkt übertragbaren Sinn, das alles mit einem Schlag löst, was den Politikern bislang nicht gelungen ist.

Aber auf ein paar Dinge möchte ich dennoch hinweisen. Rationalität ist wichtig. Ein kühler Kopf. Der Vorrang von politischen Lösungen. Jedes Drehen an einer Schraube beschleunigt die Eskalationsspirale. Manchmal wünsche ich mir, wir könnten hier auch ein neues Amt schaffen. Das Amt der Friedensstifter, die Jesus doch immerhin selig gepriesen hat. Und das doch eigentlich uns allen aufgetragen ist

Menschen, die in ihrem Amt keine Angst haben, sich zwischen den Linien zu bewegen. Menschen mit Phantasie, die über Waffenlieferungen und Kriegslogik hinausgeht. Ansätze eines solchen Schalom-Diakonat hat es immer wieder gegeben. Wir haben es nötiger denn je.

Lernen können wir aber auch: Konflikt-Situationen wie im Predigttext oder heute vielfach in viel stärkerem Maße sind Möglichkeiten, unser Gottvertrauen zu bewähren. Nicht es dranzugeben. Mut und Geduld braucht es dazu. Und Menschen, die ihre Hoffnung nicht dran geben. Und den alten Glauben, dass, wie es so schön heißt, „Gott im Regimente sitzt“. Und nicht irgendwelche selbsternannten Strategen des Bösen.

Diakonin und Diakon dieser Hoffnung und dieses Glaubens zu sein – das ist unser aller Aufgabe. Das ist unser aller Amt. Amen.

Traugott Schächtele

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