PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 6,25-34
ZUM ERNTEDANKFEST 2014
IM ÖKUMENISCHEN GOTTESDIENST IM EUROPARK
AM 5. OKTOBER 2014 (IN RUST (HOTEL ISABEL)


Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.


„Sorgt euch nicht!“ Das ist – auf drei in Worte verkürzt – die Botschaft des Textes, den wir eben als Lesung gehört haben. „Sorgt euch nicht!“

In der Bergpredigt stehen diese Worte. Und damit stehen sie an ganz zentraler Stelle in der Bibel. Worte mitten aus dem Herz der Bergpredigt Jesu sind das. Was sollte ich dem noch hinzuzufügen haben!

Es ist eine klare Botschaft, die uns dieser Text weitergibt. „Sorgt euch nicht!“ Und dennoch stellt sich leiser Widerspruch ein. Es ist eine schöne und ursprüngliche Welt, der der Text entstammt. Wahrhaftig keine Welt ohne Sorgen. Aber eine Welt – noch nicht so global im Zusammenwirken der Probleme. Eine Welt, noch nicht so hochkompliziert wie die unsrige. Gerade darum keimt der Wunsch in mir auf, gegen diesen Text anzupredigen.

„Sorgt euch nicht!“ Elementare, bekannte, vertraute Worte. Ich frage mich schon, ob das geht? Ob wir das umsetzen und ins Leben ziehen können, was uns dieser Text zumutet?

„Sorgt euch nicht!“ Dieser Ratschlag ist doch nicht nur zwiespältig. Er ist auch gefährlich. Gerade in diesen Tagen. Fahrlässige, womöglich lebensbedrohliche Worte. Kaum einer oder eine, der oder die das nicht spürt. Schließlich nehmen die meisten von uns diese Aufforderung in großer Einmütigkeit nicht sehr zu Herzen!

„Sorgt euch nicht!“ Das kann keine Parole unserer Tage sein. Da hat die Seuche Ebola jetzt auch die USA und Deutschland erreicht. Da drohen Vulkanausbrüche gigantischen Ausmaßes. Da ist der Konflikt mit der IS um die syrisch-kurdische Stadt Kobane ganz nah an die türkische Grenze herangerückt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch türkische Bodentruppen in den Konflikt eingreifen. Meine Tochter lebt zur Zeit in der Türkei. „Sorgt euch nicht!“ Auch ich selber habe Mühe, mir diesen Satz zu Herzen zu nehmen.

Keine Frage darum: Wir sorgen uns! Ununterbrochen. Und allenthalben. Keine Generation der Weltgeschichte tut das mehr als die unsrige. Keine Generation überlässt so wenig dem Zufall wie wir. Niemand vor uns hat so sorgfältig geplant. Und gesorgt. Hat sich so gründlich und ausführlich mit den drängenden Fragen und Problemen auseinandergesetzt. Begutachtet die Zukunft mit Analysen und Prognosen. Schmiedet Bündnisse. Will jeglicher Gefährdung Gefahr zuvorkommen. „Sorgt euch nicht!“ Dieses Programm wäre fahrlässig. Es erwiese sich im Übrigen auch als wenig hilfreich, wenn es darum geht, den weltweiten Herausforderungen mit vereinten Kräften Paroli zu bieten.

Wir sorgen und planen ohne Unterbrechung. Fürsorge und Vorsorge. Mit-Sorge und Nachsorge. Lebensziele werden definiert. Lebensrisiken werden abgesichert. Karrieren frühzeitig geplant. Wer heute nicht vorsorgt, hat morgen das Nachsehen. Die Werbung erinnert uns jeden Tag daran. „Sorgt euch nicht!“ – diese drei Worte beschreiben also bestenfalls ein Programm für die, die zur Sorge eigentlich gar keinen Anlass haben. Und die doch täglich aufs Neue von ihren Sorgen geplagt werden.

„Sorgt euch nicht!“ Jesus und der Kreis seiner engsten Anhänger – sie haben uns vorgelebt, dass das geht. Sie haben nach diesem Grundsatz gelebt. Ohne festen Wohnsitz. Zur Nacht mal hier und mal dort. Unter freiem Himmel. Oder im Haus irgendeines Sympathisanten. Umherziehende Radikale. Menschen, die mit ihrem Gottvertrauen – mit ihrer Sorglosigkeit - ernst gemacht haben. Nachahmer gab und gibt es immer wieder. Nicht nur Franz von Assisi und Mutter Theresa. Auch viele Unbekannte und Ungenannte, die ernst gemacht haben mit ihrem Gottesglauben.

Doch es wäre aberwitzig, allen Menschen diese Lebensweise vorzuschreiben. Diese Lebenspraxis Jesu und seiner Freundinnen und Freunde lässt sich nicht einfach in unsere Welt übertragen. Wir leben in einer anderen Welt. Und zu einer anderen Zeit. Und unter anderen, oft viel komplizierteren Rahmenbedingungen. Nicht vorzusorgen, nicht zu planen, sich keine Ziele zu setzen, das hieße sich abzumelden aus der Verantwortungsgemeinschaft. Naiv wäre das. Und unvernünftig dazu. Vorsorge ist eine Form der Selbst- und Nächstenliebe.

Was hat das alles mit Erntedank zu tun? Das Erntedankfest - es ist das älteste Fest der Welt. Und damit auch das älteste Fest, um sich seiner Sorgen zu entledigen. Die Hauptfeste vieler alter Religionen – das sind die Erntefeste. Kein Wunder. Die Früchte des Feldes waren den Launen der Natur ausgesetzt.

Gute oder schlechte Erntejahre – man brachte sie mit den Göttern in Verbindung. Und wenn man ihnen die besten Früchte zur Verfügung stellte, hoffte man auf ein gutes Jahr. Ein Jahr, in dem der Hunger nicht täglich zu Gast sein würde. Im Zentrum der alten Erntefeste steht nicht so sehr der Dank. Erntefeste – sie haben der Vorsorge gedient. Heute würde man sagen, der Zukunftssicherung. Der, der eigenen Sippe. Und der der Familie.

Auch unser Erntedankfest trägt noch Spuren dieser alten Erntefeste in sich. Dafür sorgt schon das Gedächtnis der Kulturgeschichte der Menschheit. Wir bringen unsere Gaben dar, indem wir sie miteinander und mit anderen teilen. Und wir sind voller Hoffnung, dass uns der Hunger noch lang erspart bleibt.

Grund genug also, dass wir jedes Jahr aufs Neue Erntedank zu feiern! Es ist ein Privileg, in einer der fruchtbaren Regionen dieser Erde zu leben. Und niemand kann sich der Unmittelbarkeit und Schönheit der Früchte entziehen, mit denen viele Kirchen heute heute wieder geschmückt sind. Es ist gut und es ist wichtig, sich diesem Anblick auszusetzen. Zu spüren, dass unser Leben in den Erträgen der Natur wurzelt – allen Veränderungs- und Verarbeitungsprozessen der Nahrungsmittelindustrie zum Trotz. Die zum Erntdankfest geschmückten Kirchen haben ihre eigene Schönheit. Und sie tragen eine nicht zu überhörende Botschaft in sich.

So verstanden wäre Erntedank dann das also das Fest einer zumindest uns möglichen Sorglosigkeit. Erntedank wäre dann das Fest unserer eigenen Möglichkeiten.

So kann Erntedank nicht gemeint sein. Und so ist auch die Aufforderung Jesus aus der Bergpredigt nicht zu verstehen. Für so weltfremd dürfen wir den Bergprediger nicht halten, auch wenn er zweitausend Jahre vor uns gelebt hat.

„Sorgt euch nicht!“ Die Sorge darüber, ob ich satt werde oder nicht - sie hängt eher weniger vom Ertrag der Felder rund um unsere Städte und Ballungszentren ab. Viel mehr von der sozialen Schicht, der jemand angehört. Die Schlangen vor den mehr als 900 Tafelläden mitten in unserem Land sind oft lang. 1,5 Millionen Menschen sind auf solche Läden angewiesen.

Da kann es mich nur entsetzen, wenn ich höre, dass die Europäische Union bis zum Jahresende 165 Millionen Euro nur dafür ausgibt, Lebensmittel gleich nach der Ernte wieder zu kompostieren. Damit die Preise stabil bleiben, weil die Waren nicht mehr nach Russland verkauft werden dürfen. Das ist keine Vorsorge im Sinne des Bergpredigers. Das ist kein Handeln im Geist von Erntedank. Das ist die Perversion von Erntedank. Das ist Ernte-Undank.

Was bleibt aber dann von dieser Aufforderung Jesu? Was bleibt von seinem „Sorgt euch nicht!“? Als Reiche trifft sie uns nicht wirklich. Und die Armut der Anfänge der Jesus-Bewegung hat mit unserer Lebenssituation wenig gemein. Ist der heutige Predigtext also einer, der sich nur den Habenichtsen dieser Erde erschließt?

Leichter als uns gewiss. Aber ich hoffe, dass auch wir aus diesen Worten Gewinn ziehen können. Wenn es hier aber nicht einfach nur um eine Reminiszenz, eine Erinnerung an Verhältnisse geht, die wir zumindest hier überwunden haben. Worum geht es dann? Dazu gibt der Text zwei entscheidende Hinweise.

Den ersten Hinweis finden wir in dem Vers, der dem Predigttext vorausgeht – und den man auf keinen Fall abschneiden darf: „Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Es geht also um eine Form der Konkurrenz. Der Konkurrenz zweier Grundeinstellungen gegenüber dem Leben. Einer, die allein auf unseren Möglichkeiten gründet. Einer, die darauf baut, dass wir unser Leben schon selber im Griff haben. Und einer, die weiß: Keine militärische Absicherung, keine Erkenntnis der Wissenschaft, keine Form der Vorsorge macht uns unverwundbar. Das Leben bleibt zerbrechlich. Und unser Sorgen kann ganz unterschiedliche Gesichter tragen. Schließlich macht uns im Leben nicht nur die Nahrung satt.

Darum heißt Leben immer auch, sich zu entscheiden. Darum heißt Leben, eine Grundentscheidung darüber zu treffen, worauf ich mich im Innersten gründe. Worauf ich mich mit aller Kraft und mit meinem ganzen Herzen verlasse. „Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Von Martin Luther stammt dieser Satz. Aus seinem Großen Katechismus. 500 Jahre ist auch dieser immerhin schon wieder alt. Und erweist sich doch immer noch als brandaktuell.

Der zweite Hinweis, wie Jesus zu verstehen ist, findet sich ganz am Ende des Textes. Dort heißt es: „Euch aber muss es zuerst um Gottes Reich und um Gottes Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ Es geht also gar nicht um die Konkurrenz von Vorsorge gegen Sorglosigkeit. Es geht um die Konkurrenz der unser Leben tragenden Grundeinstellungen. Worauf kommt es am Ende am im Leben? Was geben wir denen weiter, die nach uns auch noch auf dieser Erde leben wollen? Was ist es wert, dass wir es weitergeben? Worauf kann ich mich verlassen, wenn ich von allen verlassen bin?

Im Leben nur seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringen – das ist keine Sorglosigkeit im Sinne Jesu. Weil wir so das Entscheidende im Leben verpassen könnten. Gott in unserem Lebens ins Spiel zu bringen, darum geht es. Eine Lebensplanung, die sich orientiert an den ökonomischen Bilanzen – eine Lebensplanung, die vertraut auf unsere Rettungsschirme, denen der Waffen und denen der internationalen Finanzpolitik – sie mag von aussichtsreichen Perspektiven träumen. Aber garantieren, dass uns unser Leben gelingt, das kann sie nicht. Wir können uns vieles leisten. Aber unser Lebensglück – es ist nicht käuflich.

„Fragt danach, was bei Gott zählt“ – so werden wir ermahnt. „Dann wird euch das andere alles zufallen“ – wie es in der Luther-Übersetzung heißt. Diesen Zu-Fall Gottes sollten wir uns gefallen lassen. Dann werfen uns die anderen Zufälle nicht mehr so leicht aus der Bahn.

Heute noch, an diesem Erntedank-Sonntag 2014, könnten wir damit anfangen, mit der Aufforderung Jesu ernst zu machen. Und uns nicht schon heute in der Sorge für morgen verstricken. Erntedank ist darum kein Fest der Absicherung. Kein Dank für das, was wir am Ende doch unserer eigenen Leistung zuschreiben. Erntedank ist das Fest des fröhlichen Leichtsinns derer, die wissen: Unser Leben bleibt ein Gang über das Wasser. Aber wir können dieses Risiko eingehen. Weil wir unsere Sicherheit nicht in uns selber gründen müssen.

Die alten Erntefeste dienten dem Zweck, die Götter gnädig zu stimmen. Wir feiern Erntedank, weil wir wissen, dass Gott uns gnädig gestimmt ist. Und es gut mit uns meint.

Und wir werden staunen, was Gott uns noch alles zufallen lässt. Und was wir im Leben noch alles ernten können. Allen Widrigkeiten der Gegenwart zum Trotz.

Weil wir unser Leben auf Gott gründen. Darum hört es noch einmal mit anderen Ohren: „Sorgt euch nicht. Für euch ist gesorgt!“ Amen.

Traugott Schächtele

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