PREDIGT ÜBER EPHESER 4,2B-6
SOWIE EHRUNG VON PFARRER I.R. WERNER KELLER
AM SONNTAG, DEN 12. OKTOBER 2014 IN DER FRIEDENSKIRCHE IN HD-HANDSCHUHSHEIM



Wenn man Orte hat, an die man zurückkehren kann, kann man leichter in die Zukunft aufbrechen. Zu den Orten, an die ich gerne zurückdenke und an die ich gerne zurückkehre, gehört Handschuhsheim. Sieben Jahre in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben meine Frau und hier fast neben an gewohnt. Die ältesten drei unserer Kinder sind hier geboren.

Deshalb habe ich mich auf diese Rückkehr gefreut. Deshalb komme ich gerne zu Besuch. Denn ein Besuch ist ja tatsächlich der äußere Anlass dafür, dass ich heute hier bin. Die Visitation des Kirchenbezirks Heidelberg. Seit Donnerstag hat eine Gruppe aus Mitgliedern des Evangelischen Oberkirchenrates und der Landessynode unter Leitung des Landesbischofs den Kirchenbezirk besucht. Visitiert. Dieser Gottesdienste bildet wie all die anderen, in denen Mitglieder der Kommission heute Vormittag mitwirken, den Abschluss.

Am Ende einer solchen Visitation gibt es Zielvereinbarungen. Da wird festgehalten, was sich der Bezirk für die nächsten Jahre vornimmt. Worauf es künftig noch mehr ankommt. Und was verändert oder gar einfach einmal gelassen werden kann.

Da trifft es sich außerordentlich gut, dass der Predigttext für diesen Sonntag eigentlich auch Zielvereinbarungen enthält. Zielvereinbarungen – fast 2000 Jahre alt. Und wenn ich ehrlich bin, sind diese Zielvereinbarungen von einer Umsetzung heute weit entfernt. Mehr noch, so kommt es mir vor, als vor knapp 2000 Jahren.

Da nimmt ein uns unbekannter Theologe der ersten Jahrzehnte der Kirche für sich in Anspruch, in der Tradition des großen Theologen Paulus zu stehen. In seinem Namen schreibt er einen Brief an die Gemeinden in und um Ephesus. In diesem Brief heißt es unter anderem:

Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Nur wenige Gedanken zu diesem Text – schließlich hat dieser Gottesdienst noch einem anderen Verkündiger Raum geben! – Also: Schon mit der Einigkeit durch das Band des Friedens ist es so eine Sache. Wenn es so einfach wäre, per Appell „Jetzt einigt euch endlich mal!“ diese Einheit herzustellen – sie hätten sich manches ersparen können in den letzten Jahren.

Aber dann folgt ein Feuerwerk der Forderungen nach dieser Einheit. Gleich siebenmal wird das Wort eins verwendet: Eigentlich könnte ich fast darüber erschrecken – so uniform wird hier die Kirche beschrieben. So uniform und eintönig, wie sie nicht einmal in ihren Anfängen gewesen ist.

Wenn alles im Fluss ist und alles möglich, dann wächst die Sehnsucht danach, es wieder etwas einfacher zu haben. Dann soll die Komplexität der Welt reduziert oder gar abgebaut werden. Das Leben ist anstrengend genug. Es soll nicht auch noch kompliziert sein.

Und die Sehnsucht damals wie heute gleichen sich: Eine Institution muss es doch geben, die eine Antwort bereit hält auf die Frage: Was gilt denn noch in dieser Welt? Wo kann ich Orientierung finden, wenn alles aus den Fugen gerät? Was bleibt als gemeinsam Verbindendes in dieser zur Beliebigkeit neigenden Welt?

Aber einfache Antworten hält auch die Kirche nicht bereit – zumal es diese Kirche konkret immer nur in Gestalt vieler Kirchen im Plural gibt. Die Kirchen sind nicht Opfer dieser Vielfältigkeit und Vielgestaltigkeit des Lebens. Nein! Sie haben sie zu Teilen geradezu erst ermöglicht. Die Neuentdeckung des einzelnen Gewissens, die Individualität und die Würde der jeweils einzelnen Person – sie haben eine ihrer Wurzeln im Geschehen der Reformationen des 16. Jahrhunderts. Die Zielvereinbarungen des Epheserbriefes – als Protestantinnen und Protestanten sind wir aufgefordert, uns diesen Einheits-Zielen besonders gründlich zu stellen.

Das Problem der unbestritten schwierigen Folgen der Vielfalt kirchlicher Anschauungen und des bunten Kosmos kirchlicher Formen und Ordnungen ist nicht nur ein Produkt der Reformation allein. Schon in ihren Anfängen hat die Kirche die Erfahrung gemacht, dass es eine kirchliche Monokultur nicht gibt. Und dass die Einheit des Glaubens keine Einheit der Gestalt der Kirche und ihrer Lehre zu begründen vermochte.

Die Frage, was gelten soll in der Welt mag in der Radikalität der Frage eher ein Phänomen der Moderne sein. Die Frage, was in der Kirche gilt, ist es nicht. Sie ist so alt wie die Kirche selber. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe – das kann also keine Aufforderung sein, das Rad der Entwicklung der Kirchen zurückzudrehen. Aber auch hier gilt: Wenn man einen Ort hat, an den man zurückkehren kann, kann man sich leichter in die Zukunft aufmachen.

Die sieben Einheits-Ziele des Epheserbriefes sind – so meine ich - ein solcher Ort. Und der Versuch, etwas davon umzusetzen und ins Leben zu ziehen, ist das wie eine Rückkehr in die Zukunft. Ein Glaube – aber in die Vielfalt der Möglichkeiten! Eine Taufe – aber als Weg, Heimat zu finden in der bunten Vielfalt der Kirchen. Ein Herr – nicht als Despot, sondern als Gegenmodell zu den offensichtlichen und verborgenen Herrschaftsansprüchen, denen wir im Leben ausgesetzt sind.

Und dass Gott selber in seiner Einheit vielfältig – dreifaltig ist, das ist geradezu eines der zentralen Themen unseres Gottesglaubens. Insofern sind die Ziele des Epheserbriefes nichts anderes als eine Einladung, diese Einheit als Einheit in Vielfalt zu erleben. Gerade in der Vielgestalt der Kirchen der weltweiten Ökumene.

Das Stichwort der Ökumene verweist auf einen anderen, um den es in diesem Gottesdienst auch gehen soll. Und auch für diesen anderen gilt, was ich eingangs gesagt habe: Wenn man Orte hat, an die man zurückkehren kann, kann man leichter in die Zukunft aufbrechen.

Pfarrer i.R. Werner Keller hat eine Lebensgeschichte, in der viele Orte eine prägende Rolle spielen. Und doch ist er immer wieder an den Ort zurückgekehrt, an dem sein Leben seinen Anfang nahm. Handschuhsheim war der sichere Ausgangs- und Rückzugshafen in einem Leben, das in vielfacher Hinsicht bewegt war. Orte, die zu nennen wären, gibt es genug. Studienorte – neben Heidelberg Göttingen und Neuendettelsau. Bangalore in Indien und Lahore in Pakistan wären zu nennen als Orte, die seinen ökumenischen Horizont geweitet haben. Genauso aber auch Straßburg, Oslo und London. Wer mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen unterwegs war, kennt bestens die Formel von der Einheit in Vielfalt.

Villingen und der Kirchenbezirk Hornberg wären zu nennen als Orte seiner Zeit als Religionslehrer und später als Schuldekan, Halslach im Kinzigtal als Gemeindepfarrer. Und neben einer längeren Vakanzverwaltung im Schwarzwald war es dann vor allem die 11 Jahre als Pfarrer an der Heiliggeist-Kirche in Heidelberg, an denen er unverkennbar seine Spuren hinterlassen hat. Natürlich gab es viel daneben und darüber hinaus. Neben der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und dem Lambarene Freundeskreis waren es die Themen des jüdisch-christlichen Gespräches, die ihnen, lieber Herr Keller am Herzen gelegen sind. Und beinahe jeder und jede hier weiß, wie sehr sie die Beziehung zu Hermann Maas geprägt hat.

Dieser Monat Oktober 2014 ist nicht nur der, in dem sie – morgen! - ihren 80. Geburtstag feiern können. Ausgangspunkt ihrer vielen Wege als Pfarrer war ihre Ordination am 18. Oktober 1964, also vor 50 Jahren hier in dieser Friedenskirche. Gerade diese Friedenskirche hier in Handschuhsheim ist ein Ort, an den sie zeitlebens immer wieder gerne zurückgekehrt sind, wenn sie sich auf den Weg in die Zukunft gemacht haben. Darüber freuen wir uns mit ihnen. Dafür sind ihnen viele von Herzen dankbar. Und beides wollen wir jetzt auch in Gebet und Segen vor Gott bringen. Amen.


Traugott Schächtele

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