Predigt über Jesaja 1,10-17 im Ökumenischen Gottesdienst am 19. November (Buß- und Bettag) in Heidelberg-Kirchheim


Liebe Gemeinde!

Das Thema des Buß- und Bettags ist die Buße - nicht das Gericht.
Das Thema des Buß- und Bettags ist die Umkehr -nicht der Irrweg.
Das Thema des Buß- und Bettags ist der Neuanfang - nicht Verurteilung und Vernichtung.

Ich setzt diese Sätze nicht ohne Grund an den Anfang. Anders wären die Worte des Predigttextes womöglich kaum zu ertragen. Worte, die alles in Frage stellen, was den Menschen damals heilig ist. Worte, die alles in Frage stellen, was uns heilig ist. Sogar diesen Gottesdienst.

Wir befinden uns am Übergang vom 8. ins 7. Jahrhundert vor Christus, kurz vor dem Jahr 701. Ein Großteil des Landes ist von den Assyrern erobert. Jerusalem ist übriggeblieben wie eine Schutz-Hütte im Gurkenfeld – so steht’s zu lesen im ersten Kapitel des Jesajabuches.

Dann legt der Prophet so richtig los. Er legt los im Auftrag und im Namen Gottes. Er legt los mit eben der Worten, die heute zu predigen sind.

Ich lese die Verse 10 bis 17 aus dem ersten Kapitel des Buches des Propheten Jesaja. Um die Ungeheuerlichkeit des Textes zu verstehen, stellen sie sich einfach vor, Jesaja spräche hier - in der Arche in Kirchheim - zu uns. Stellen sie sich vor, wir wären die ersten Hörerinnen und Hörer dieser Rede:

Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.

Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist Feind euren Neumondfeiern und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen.

Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

Geht es ihnen noch gut? Haben sie das auch gehört? „Eure Gottesdienste sind mir ein Gräuel. Eure Lieder – ich kann sie nicht mehr hören. Eure Andachten, eure Feste, eure Buß- und Bettagsgottesdienste – ihr könnt sie euch schenken. Erst muss euer Tun stimmen. Erst müsst ihr euer Verhalten ändern. Hört endlich auf, eure Hände in Unschuld zu waschen. Dann können wir weiter sehen.“

Fast könnte einem der Atem stocken. Und ich sage ihnen: Mir stockt er jedes Mal, wenn ich diesen Text höre. Was bleibt, um einigermaßen ungeschoren davonzukommen?

Wir könnten uns auf protestantischen Sohlen davonstehlen. Wir könnten sagen: Auf unser Verhalten, auf die „Werke“ kommt’s doch gar nicht an. Der Glauben muss stimmen. Und dazu brauchen wir unserer Gottesdienste. Aber zum einen feiern wir diesen Gottesdienst doch in ökumenischer Verbundenheit – Gottseidank! Zum anderen ist es so einfach auch nicht mit dem Verhältnis von Glauben und Werke. Wenn der Glaube keine Folgen hat im Leben, dann ist er tot.

Wir könnten uns auf theologischen Sohlen davonschleichen: Wir könnten sagen: An uns sind diese Worte doch gar nicht gerichtet. Wir sind Christinnen und Christen – mehr als zweieinhalbtausend Jahre nach dieser großen Scheltrede. Wir haben doch gelernt. Wir wissen, wie wir recht Gottesdienst feiern.

Ich will bescheiden bleiben. Das mit dem zeitlichen Abstand, das stimmt. Aber ob uns die Vorwürfe wirklich so gar nicht treffen – da wäre ich doch schon vorsichtig. Unsere Lernfähigkeit, sie hat doch immer wieder deutliche Grenzen.

Wir könnten uns auch auf den Sohlen des sozialpolitischen Fortschritts davonstehlen. Und sagen: Wir leben doch nicht mehr in der Zeit antiker Patriarchen. Wir haben einen modernen Sozialstaat geschaffen. Wir haben ein soziales Netz geknüpft, durch dessen Maschen niemand mehr durchfallen muss. Für Witwen und Waisen ist bei uns jedenfalls gesorgt. Zumindest dem Grundsatz nach.

Auch hier ist Vorsicht geboten. Höchste Vorsicht. Menschen ohne Arbeit – immer noch nach Millionen gezählt. Genauer gesagt fast drei Millionen. Menschen, die mit einem Hartz-IV-Regelsatz von 391 € leben müssen – auch in Millionen gezählt. Mehr als sechs Millionen. Jesaja würde nicht stumm bleiben, wäre er heute Abend unter uns.

Das Beste also, wir schleichen uns also nicht davon. Das Beste, wir gestehen uns ein: Gut, dass es diesen Buß- und Bettag immer noch gibt. Seit 1995 zwar ohne den Schutz eines staatlichen Feiertages. Aber immer noch begangen und gefeiert mit Gottesdiensten. Und nicht nur hier in Kirchheim zunehmend auch in geschwisterlich-ökumenischer Verbundenheit.

Die Buße und das Gebet – sie sind ja wahrhaftig wirksame ökumenische Klammern. Und nicht die schlechtesten. Das Beste also, wir schleichen uns gar nicht davon. Das Beste also, wir gestehen uns ein: Niemand lebt so, dass er oder sie keinen Anlass zur Umkehr hätte. Schon allen deshalb nicht, weil alles miteinander verflochten ist. Weil wir alle hinein verwoben sind in Strukturen, die uns täglich neu vor Augen führen: Von gerechten Strukturen – hier bei uns und weltweit - sind wir noch Lichtjahre entfernt.

Gut, dass die Buße unser Thema ist und nicht das Gericht. Gut dass wir nicht auf ewig festgenagelt sind auf unser Verhalten – gut, dass wir umkehren können. Genau darum geht es am Buß- und Bettag. Genau das feiern wir auch heute Abend in diesem Gottesdienst.

Anlass zur Umkehr gibt es genug. Schauen wir uns nur einmal die Gedenkanlässe dieses Jahres an: 100 Jahre seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. 75 Jahre seit dem Beginn des Zweiten. Die Blasphemien, die Gotteslästerungen waren gegensätzlich. Und sich doch gerade darum auch ähnlich.

Gott mit uns! Das war 1914 nicht nur das Motto auf den Koppelschlössern. Das wurde auch gepredigt. Wir haben viele dieser Predigten noch. Ich kann es auch im Kriegstagebuch meiner Großvaters nachlesen: Es ist eine gerechte Sache. Gott ist auf unsrer Seite. Davon war nicht nur er überzeugt. Bis am Ende nur die Katastrophe bleibt.

25 Jahre später! Jetzt ist der Gott eine Ideologie. Der Irrwahn der Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Rasse, die vergöttert wird. Die für Gott keinen Raum mehr lässt. Und die diejenigen millionenfach in den Tod treibt, denen wir unseren Gottesglauben doch verdanken.

Wir fragen heute, wie das geschehen konnte. Und es ist gut, dass wir das tun. Wir werden aber auch gefragt werden. Wenn nicht von unseren Kindern, dann von unseren Enkeln. Und von unseren Urenkeln. Von Gottes guter Schöpfung habt ihr gesungen. Warum habt ihr sie dann in den Kollaps getrieben? Immer mehr CO2. Immer mehr ein Ansteigen der Meeresoberfläche. Bis der Inselstaat Tuvalu zwischen Hawai und Australien in den Fluten versinkt. Immer mehr ein Abschmelzen der Polkappen. Was werden wir antworten, wenn wir gefragt werden?

Vom Frieden auf Erden habt ihr gesungen. Warum ist euch dann nichts anderes eingefallen als anderen immer mehr Waffen in die Hände zu geben. Daran gut zu verdienen. Waffen sichern bestenfalls ein Gleichgewicht des Schreckens. Aber Waffen sichern niemals den Frieden. Was werden wir antworten, wenn wir gefragt werden?

Dem Fortschritt habt ihr gehuldigt. Roboter 500 Millionen km entfernt erfolgreich auf einem Kometen abgesetzt. Und zugleich verhungert alle zwei Sekunden ein Kind auf diesem Planeten. Was werden wir antworten, wenn wir gefragt werden?

Weltweit habt ihr euch vernetzt. Eurer Kommunikation sind keine Grenzen mehr gesetzt. Ein weltweites Netz der Verbindung macht den Mächtigen Angst. Und bietet ihnen zugleich neue Möglichkeiten. Ihr seid gläsern geworden. Habt eure Privatheit verloren. Was werden wir antworten, wenn wir gefragt werden?

Eure Medizin macht immer weitere Fortschritte. Ihr lebt ungesünder als eure Vorfahren – und werdet doch immer älter. Euer Leben habt ihr weitgehend im Griff. Jetzt wollt ihr euch auch noch des Todes bemächtigen. Euren Todeszeitpunkt selbst bestimmen. Und andere unter Druck setzen, die dieses Spiel nicht mitspielen. Was werden wir antworten, wenn wir gefragt werden?

Wir können nach Worte ringen. Können versuchen, uns herauszureden. Wir haben’s nicht gewusst. Wir waren uns nicht im Klaren. Man hat uns nicht die Wahrheit gesagt.

Oder wir kehren um. Lassen uns einladen umzukehren. Fangen klein an. Mit den Witwen und Waisen. Mit den Fremden und Flüchtlingen. Mit einer veränderten Wahrnehmung. Mit kritischem Nachfragen. Mit dem energischen Widerspruch gegen dieses lapidare „Das war schon immer so!“ Mit dem mutigen Einspruch gegen das resignative „Das können wir sowieso nicht ändern!“

Oder wir kehren um mit dem fürsorglichen, nachfragenden Blick auf diejenigen, die auszubaden haben, was wir anrichten. Geiko Müller-Fahrenholz, ein bekannter Theologe hat vor einiger Zeit angeregt, das Glaubensbekenntnis zu erweitern. Konkret zu erweitern und zu ergänzen im dritten Teil. Da, wo es heißt: Wir glauben die Vergebung der Sünden! – da müsste es weiter gehen mit dem Halbsatz: Und die Heilung der Kränkungen.

Kränkungen haben wir alle schon erlebt. Kränkungen im Großen. Kränkungen im Kleinen. Aber wir haben sie anderen auch schon zugefügt. Daher wissen wir – vergeben – wirklich vergeben kann ich nur, wenn die Kränkung in den Blick kommt. Vergeben – wirklich vergeben kann ich nur, wenn es mir gelingt, mit der Kränkung fertig zu werden.

Buß- und Bettag heißt doch auch, auf die Vergebungsbereitschaft zu setzen. Auf die Vergebungsbereitschaft Gottes. Und auf die meiner Mitmenschen.

Jede Umkehr, mit der es mir ernst ist, jeder Umkehr, die ich nötig habe - sie braucht eine entgegengestreckte Hand, die mir diese Umkehr ermöglicht. Gottes Hand gewiss, aber fleischgeworden in den Händen der Opfer. Auch der Opfer, unserer Art zu leben.

Ein einfaches „Ich entschuldige mich!“ - das reicht nicht. So einfach geht das nicht. Der andere, die andere – sie müssen sich darauf einlassen. Müssen spüren können, dass es mir ernst ist mit der Umkehr. Der Umkehr des Denkens. Und der Umkehr des Handelns.

Zur rechtverstandenen Buße gehören darum immer drei. Nicht nur mein Gott und ich. Sondern auch mein Nächster und ich. Es ist nicht das Bermuda-Dreieck, in dem alles auf geheimnisvolle Weise verschwindet, das so konstruiert wird. Es ist das Dreieck des Buß- und Bettags, der uns den Weg weist, es noch einmal zu versuchen mit dieser Umkehr. Es ist das Dreieck der Umkehr, gezeichnet von der Verheißung gelingender Vergebung.

Es lohnt sich, über den Tellerrand zu schauen. Auch über den Tellerrand des Predigttextes. Wenige Zeilen später, da leuchtet uns die Zukunft entgegen. Gottes Zukunft mit uns. Da hören wir weiter, was Jesaja sagt:

Wenn eure Sünde rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden. Gehorcht ihr mir und kehrt um, so könnt ihr des Landes Güter genießen.

Wir bleiben nicht ewig auf unsere Irrwege festgelegt. Wir können umkehren. Wir können uns darauf verlassen, dass uns die Hand entgegengestreckt wird, auf die wir warten.

Wir brauchen keine Angst davor zu haben, was uns unsere Enkel einmal fragen. Es braucht nicht mehr als den Mut umzukehren. Es braucht nicht mehr als Gottes guten Geist der Verwandlung.

Das Thema des Buß- und Bettages ist die Umkehr. Wenn das keine Zusage ist. Wenn das kein Grund ist, Buß- und Bettag zu feiern. Dankbar allemal. Und doch auch fröhlich und voller Zuversicht. Amen.



Traugott Schächtele

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