PREDIGT
ÜBER MATTHÄUS 11,2-6(7-10)
SONNTAG, 14. DEZEMBER 2014 (3. ADVENT)
IN DER MARKUSKIRCHE IN WEINHEIM


Liebe Gemeinde!

Der Advent muss sein! Und in diesem Jahr besonders. Da gibt es genug, was den Rückblick nicht leicht macht. Auf dem großen Feld der Politik. Auch hier vor Ort. In Ihrer Gemeinde.

Der Advent muss sein. Denn der Advent ermöglicht einen zweiten Blick. Und auf diesen zweiten Blick kommt es besonders an. Da schauen wir auf dieselbe Wirklichkeit. Aber wir sehen sie noch einmal mit anderen Augen. Weil wir tiefer sehen. Weil wir hinter die Dinge sehen. Weil wir alles noch einmal ganz anders sehen. Darum ist es gut, dass Advent ist. Es braucht diesen Advent geradezu, damit wir anders und befreiter auf die Dinge schauen. Damit wir anders und befreiter leben können.

Um diesen zweiten, adventlichen Blick geht’s auch im Predigttext für diesen dritten Adventssonntag. Der dritte Advent ist in der Tradition des Kirchenjahrs der Sonntag Johannes des Täufers. Johannes der Täufer war geradezu der Bote des zweiten Blicks. Ihm hat die Tradition die Aufgabe zugedacht, diesen Jesus aus Nazareth zu deuten. Johannes soll heuet also auch uns auf das Kommen des Kindes der Weihnacht vorbereiten.

Wie das geht in einer für Johannes selber äußerst bedrängenden Situation, davon handeln die Verse aus Matthäus 11:

2Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 3und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 4Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: 5Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; 6undselig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

7Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk von Johannes zu reden: Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht? 8Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.
9Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet.
10Dieser ist's, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«


Johannes und Jesus. Auf beide müssen wir einen zweiten Blick werfen. Johannes und Jesus - das sind nicht nur zwei Personen. Das sind nicht nur zwei Namen. Das sind auch zwei Programme. Das sind zwei Rollen, die beide zu erfüllen haben. Mit dem zweiten, dem adventlichen Blick stellen wir fest: Johannes und Jesus – das sind zwei, die wir nicht anders kennen, als dass sie in einem bestimmten, einem geprägten Verhältnis zueinander stehen.

Johannes, das ist der Vorläufer. Johannes, das ist der, der von sich weg auf einen anderen zeigt. Und vor unseren Augen taucht der Johannes des Isenheimer Altars auf, die sicherlich bekannteste Darstellung Johannes des Täufers. Sie lockt jedes Jahr Tausende Menschen nach Colmar. Johannes hat vom Künstler Matthias Grünewald einen überlangen Zeigefinger bekommen. Mit diesem Finger zeigt Johannes auf Jesus. Und daneben hat der Künstler den Satz geschrieben: Er muss wachsen. Ich aber muss abnehmen.

Johannes, das ist der, der uns zur Umkehr ruft. Das ist der, der uns zu einem gelingenden Leben verhilft, indem er auf einen anderen verweist. Johannes, das ist der, den Weg frei macht, aber dabei nie vergisst, dass seine Aufgabe eingebettet ist in ein weitaus größeres Projekt. Johannes, das ist der, der für uns den zweiten Blick auf Jesus wirft. Johannes, das ist der, dessen Aufgabe es ist klarzulegen, worum es diesem Jesus im letzten geht.

Johannes und Jesus - das waren – zunächst! - Konkurrenten auf dem Markt der Religion. Auf dem Markt der Vermittlung neuer Lebensmöglichkeiten. Die theologische Tradition beschreibt die beiden in einem geklärten Verhältnis. Aber dieses Verhältnis beschreibt erst das Ende eines Weges der Beziehungsklärung.

Der heutige Predigttext gibt uns einen Einblick mitten in die noch offene Auseinandersetzung von Jesus-Bewegung und Johannes-Bewegung. Johannes ist der Vertreter einer neuen Ethik. Im Politischen wie im Privaten. „Ändert euer Leben!“ ruft er den Menschen zu. „Nehmt nicht mehr Geld, wie euch zusteht!“ – mit diesen Worten redet er den Steuereinnehmern ins Gewissen. „Teilt euer Vermögen mit den Armen!“ - das ist seine Botschaft an die oberen Zehntausend, die es auch damals schon gab. „Verzichtet auf Gewalt!“ – so hat seine Botschaft an die Soldaten gelautet.

Es wäre spannend zu überlegen, was Johannes predigten würde, stände heute er anstatt meiner hier auf dieser Kanzel. Er würde Tacheles reden, da bin ich sicher. Er würde kein Blatt vor den Mund nehmen und offen sagen, was sein soll und was nicht. In unserer Welt. In unserer Kirche. Aber auch hier in der Gemeinde in der Weststadt.

Wahrscheinlich wäre es nur auf den ersten Blick und beim ersten Hinhören schmerzhaft. Beim weiteren Zuhören, bei seinem Versuch, auf die Situation hier einen zweiten, klärenden Blick zu werfen, da wäre sicher manches Befreiende dabei. Und mancher, manche würde denken: Endlich sagt es mal jemand so direkt. Und so ehrlich und offen.

Interessant ist: Auch wenn die Forderungen oft hart sind – solche Leute kommen an. Sie sind die herbeigesehnten Boten einer besseren, einer gerechteren Welt. Solche Leute haben Zulauf. Bei einer Lesung von Anselm Grün ist das so. Es ist so, wenn Papst Franziskus den Kapitalismus geißelt. Oder wenn der Dalai-Lama kommt.

Solche Leute haben Zulauf. Auch Johannes hat Zulauf. Die Leute laufen in Scharen in die Wüste, um ihn zu sehen. Und zu hören. Schon merkwürdig ist das: Die Leute lieben die Boten der Umkehr. Eine andere Frage ist, ob sie ihnen dann auch folgen.

Wer so redet wie Johannes – wer solchen Zulauf hat, der erregt den Argwohn der Mächtigen. Wer so redet, lebt gefährlich. Und wenn sich dann einer auch noch einmischt in die Familienangelegenheiten der Herrschenden, dann ist das Maß der Toleranz schnell voll. Johannes rügt seinen Herrscher, einen Nachkommen des Herodes der Weihnachtsgeschichte, öffentlich. Er kritisiert seine Frauengeschichten. Und findet sich plötzlich im Gefängnis wieder.

Die Strategie des Johannes – so scheint’s – ist gescheitert. Seine Anhänger versorgen ihn weiter mit Informationen. Auch mit Informationen über seinen Konkurrenten. Über Jesus von Nazareth. Über dessen Leute. Und über dessen Erfolgsgeschichte. Johannes ist informiert. Aber er sitzt im Gefängnis. Er muss doch am eigenen Leib spüren, dass das Reich Gottes noch auf sich warten lässt.

Johannes gerät ins Zweifeln. Johannes dringt auf Klärung. Und er wird selber aktiv. Johannes will wissen, was es mit diesem Jesus aus Nazareth nun wirklich auf sich hat. Er nimmt Kontakt auf. Und er lässt Jesus anfragen: „Bist du nun wirklich der, auf den alle warten. Oder geht das Warten weiter?“

Jesus antwortet in der vertrauten Bildsprache seiner jüdischen Religion. Er zitiert aus der religiösen Tradition seines Volkes. Worte, die auch Johannes sehr genau kennt: „Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Aussätzige werden rein, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündigt.“

Jesus liebt Worte wie diese. Ähnliches hat er schon Kapernaum gepredigt. Bei seiner allerersten Predigt. Auch über einen Text aus dem Buch Jesaja. Damals lässt Jesus seine Predigt enden mit den Worten: „Heute ist dies alles Wirklichkeit! In meiner Person. Vor euren Ohren. Vor euren Augen.“

Was für ein Anspruch angesichts der Wirklichkeit! Johannes, der Gottesbote, im Gefängnis, Herodes mit Gewalt an der Macht, die Römer als Besatzer im Land, Armut an der Tagesordnung und soziale Gerechtigkeit ein Zukunftstraum. Und dennoch: Heute ist dieses Wort erfüllt vor euren Augen und Ohren. Und mit Worten aus dem Predigttext aus Matthäus 11 ergänzt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert!“

Es ist der Ärger über die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es ist das Unverständnis über die Ansage der Herrschaft Gottes, wo die Herrschaft des Bösen doch ungebrochen scheint. Fast hat es den Anschein, dieser Jesus begnüge sich mit der Privatisierung des Anspruchs auf Gottes neue Welt. Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Aussätzige werden rein, Tote stehen auf. Und den Armen wird das Evangelium verkündigt. Gesundheit und materieller Wohlstand stehen auch statistisch ganz oben auf den Wunschlisten unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Aber der Anspruch ist größer. Und die Strukturen des öffentlichen, weit über das persönliche hinausgehenden Raums sind keineswegs ausgespart.

Denn das Evangelium, das den Armen gepredigt wird, ist die Botschaft, dass Gott will, dass wir in Würde und in Gerechtigkeit und in Frieden leben. Die Botschaft vom nahegekommenen Reich Gottes ist die von der lebbar gewordenen Freiheit, zu der Gott uns verhelfen will - und sei’s noch gegen den Augenschein. Jesus - so wie ihn die Evangelien schildern - mutet Johannes diesen zweiten Blick zu. Die Antwort Jesu legt die Möglichkeit offen, zwischen Ansicht und Aussicht zu unterscheiden.

Die Antwort geht aber noch weiter. Zum zweiten Blick auf die Wirklichkeit gehört auch der zweite Blick auf Johannes selber. Jesus wirft diesen Blick, indem er den Propheten Maleachi zitiert: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her. Er soll dir den Weg bereiten.

Die Tradition der Kirche deutet Johannes schon seit Jahrhunderten mit den Wirten aus Jesaja 40, wie wir heute als Lesung gehört haben: Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg!

Jesus deutet diese Worte auf Johannes: Johannes, das ist der Bote. Der Herold. Johannes hat die Aufgabe, auf einen anderen hinzuweisen. Auf den, für den die Bahn bereitet werden soll. Vertiefungen werden erhöht. Berge abgetragen. Freie Bahn für den Verkündiger des Reiches Gottes.

Eigentlich geht es in der Lesung aus Jesaja 40 um die Rückkehr Israels aus dem babylonischen Exil. Um den Heimweg aus der Verbannung durch die Wüste zurück ins gelobte Land. Diese Heimkehr, sie wird als Triumphzug beschrieben.

Auch hier war es in Wirklichkeit zunächst eher umgekehrt. Manchen der Verschleppten gefällt es in Babylon so gut, dass sie erst gar nicht mehr zurückwollen. Denn das gelobte Land sieht aus wie heute der Gazastreifen. Das meiste liegt in Trümmern.

Aber das Modell der Heimkehr – der Rückkehr von der bösen in die gute Umgebung – die wird von Matthäus auf das Verhältnis von Johannes und Jesus gedeutet. Auch der Evangelist ist ein Meister des zweiten Blicks. Und er wirft diesen Blick, indem er die Beziehung von Johannes und Jesus klärt und neu beschreibt.

Johannes, so deutet ihn Matthäus, will die Welt mit ethischen Appellen retten. Ändert euch! Bessert euch! Lasst euch den Kopf waschen!

Jesus hat ein anderes, tiefer gehendes Konzept. Er will das Denken der Menschen ändern. Er will die Menschen selber ändern. Jesus will den zweiten Blick auf die Menschen werfen. Er will das belastende Alte mit neuen Augen anschauen. Die Botschaft Jesu lautet: Das Reich Gottes ist mitten unter euch!

Die neue Deutung des Johannes ist keine Entmachtung. Sie ist nicht das Ende eines Machtkampfes. Es ist eine Klärung der Rollen. Worauf wartet ihr?, fragt er die Menschen. Auf einen, der euch die Entscheidung abnimmt. Auf einen, der eure Probleme für euch klärt. Wartet ihr auf einen, der es besser weiß. Einen, der alle Probleme aus der Welt schafft? Den gibt es nicht. Aber es gibt einen, der euch Orientierung bietet. Einen, der euch Mut macht aufzubrechen. Einen, der euch sondieren und klären hilft. Einen, der euch lehrt, es mit dem zweiten Blick zu versuchen.

Dieser zweite Blick, der könnte auch für sie hier in der Weststadt die Chance sein. Er macht nichts ungeschehen, was war. Aber er bietet Möglichkeiten, nicht stehen zu bleiben. Er schafft Verletzungen nicht aus der Welt. Aber er könnte helfen, mit ihnen leben zu lernen. Und dennoch in die Zukunft aufzubrechen.

Der zweite Blick – er ändert scheinbar nichts an den Fakten. Aber er deutet sie nicht als Ende. Sondern als neuen Anfang. Darum ist es gut, dass heute Advent ist. Darum ist es gut, dass der Blick hin zur Weihnacht ein Blick nach vorn ist. Der zweite Blick, das ist der, der uns leben lässt. Immer noch. Immer wieder. Und immer wieder neu.

Advent muss sein! Und diese Sehnsucht nach diesem zweiten Blick, den der Advent ermöglicht. Diese Sehnsucht möchte ich in ihnen wachrütteln und wecken Mit den unnachgiebigen, drängenden Worten Johannes des Täufers: Macht euch gemeinsam auf den Weg! Und im Geist Jesu aus Nazareth: Gottes Reich ist doch längst im Anbrechen. Auch unter euch! Am 3. Advent 2014 in der Weinheimer Weststadt. Amen.


Traugott Schächtele

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