WEIHNACHT – SCHON LANGE VOR WEIHNACHTEN
PREDIGT ÜBER JESAJA 62,1-5
GOTTESDIENST AM 26. DEZEMBER 2014 (2. WEIHNACHTSTAG)
STADTKIRCHE SCHWETZINGEN


I.
Weihnachten ist das Fest des neuen Anfangs! Des neuen Anfangs, der seinen Ausgang nimmt in der Geburt eines Kindes. Zwischen Ochs und Esel. In einem zugigen Stall.

Der Zauber dieses Festes des neuen Anfangs ist nicht verflogen. Er ist auch heute noch wirksam. Am zweiten Weihnachtstag. Mehr noch: Er zeigt sich gerade heute.

Die Heilige Nacht ist dem Weihnachtmorgen gewichen. Der erste Weihnachtsmorgen hat dem zweiten Platz gemacht. Die Hirten sind zurückgekehrt zu ihren Herden. Die Engel haben ihren Schein wieder verborgen in ihren himmlischen Gefilden. Die Weisen aus dem Morgenland mit ihren königlichen Gaben sind noch nirgends zu sehen. Und doch sind wir noch nicht wieder in den Alltag zurückgekehrt. Noch immer ist es Weihnachten!

Der zweite Weihnachtstag ist ein Glücksfall. An diesem Tag zeigt sich, was unser weihnachtliches Feiern wert war. Der zweite Weihnachtstag ist ein Tag mit weniger Emotionen. Aber mit klarem Blick auf die Ereignisse. Ein Tag mit weniger Ergriffenheit. Aber mit offenen Ohren für die Botschaft vom Frieden auf Erden. Ein Tag meist mit weniger oder anderen Gästen am Tisch als am Heiligabend. Und doch mit weitem Herzen für die vielen Wege, es im Leben Weihnacht werden zu lassen.

Die Lieder der Weihnacht – sie klingen heute schon anders als in der Heiligen Nacht. Aber sie lassen sich noch immer mit weihnachtlichem Herzen singen. Und die Worte, die von Weihnacht erzählen - sie lassen noch einmal ganz neu neugierig werden.

II.
Weihnachten ist das Fest des neuen Anfangs. Gut, dass der heute nicht schon wieder zu Ende ist! Gut, dass es eine Zeit des Einübens gibt. Dass wir Zeit geschenkt bekommen, uns auf die neuen, nachweihnachtlichen Verhältnisse einzustimmen.

Zwischen den Jahren nennen viele Menschen die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Zwischen der Weihnacht, die gerade hinter uns liegt. Und dem neuen Jahr, auf das wir zugehen. Etwas Altes ist an sein Ende gekommen. Und bis wir uns mit dem Neuen vertraut gemacht haben, wird uns ein zwischen-weihnachtlicher Aufschub gewährt.

Weihnachten ist das Fest des neuen Anfangs. Und diesen neuen Anfang feiern wir heute noch einmal. Und suchen dabei zugleich den Einstieg in die Zeit, die vor uns liegt. Die Zeit, in der wir uns daran machen, unser Leben neu zu gestalten. Unter weihnachtlichen Vorzeichen.

EG 20,1+2: Das Volk, das noch im Finstern wandelt / Die ihr noch wohnt

III.
Neues kann überwältigend über einen Menschen hereinbrechen. An Weihnachten. Aber auch sonst. Neues - mit soviel Kraft, dass die Worte fehlen. Mit Bildern, die sich tief einprägen in unsere Seelen. Solche überwältigende Worte und solch starke Bilder finden wir in einem alten Text der Bibel. Einem weihnachtlich gestimmten Text. Aufgeschrieben jedoch mehr als 500 Jahre vor der ersten Weihnacht. Weihnachten, das Fest des neuen Anfangs – es wird gefeiert also schon lange vor den Ereignissen von Bethlehem.

Weihnacht wird es immer dann, wenn Gott im Spiel ist. Immer dann, wenn Gott mit überwältigenden Worten und Zeichen einen neuen Anfang ermöglicht. Weihnacht, schon lange vor Weihnachten, wird es damals, als für Menschen die Rückkehr möglich wird. Die Rückkehr aus Babylon nach Israel. Die Rückkehr aus dem Exil in die Heimat.

Die Welt, in die die Menschen zurückkehren - sie ist alle andere als weihnachtlich gestimmt. Zumindest nicht so, wie wir uns Weihnachten oft vorstellen. Die Bilder damals und heute – sie gleichen sich. Und es ist dieselbe Region im Mittleren Osten, die bis heute aufgewühlt wird von Unruhe und Unfrieden. Von Flucht und Vertreibung.

Die Welt, in die die Menschen zurückkehren – ich stelle sie mir vor wie die Bilder, die wir immer wieder aus dem Gaza-Streifen vor Augen gestellt bekommen. Die Häuser sind zerstört. Die Felder liegen brach. Oder es haben andere Menschen Heimat in ihnen Wohnung gefunden.

In das blanke Entsetzen, in die unweihnachtliche Sprachlosigkeit der zurückkehrenden Menschen spricht Gott. Doch das, was die Menschen vor Augen haben, und das, was Gott sagt – es will nicht zusammengehen. Zumindest nicht gleich. Gott spricht wie von einer anderen Welt.

Ja, Gott spricht von einer anderen Welt! Er nimmt nicht die Ansicht zum Ausgangspunkt. Gott nimmt ihre Aussicht in den Blick. In seinen Worten lässt Gott es Weihnachten werden, noch lange ehe es wirklich Weihnachten wird.

Diese alles verändernden Worte Gottes – wir finden sie im dritten Teil des Jesaja-Buches. Dort, wo ein uns unbekannter Prophet den Menschen, die aus Babylon zurückgekehrt sind, eine neue Welt ansagt. Gottes Welt mitten unter den Menschen. Mitten in der am Boden liegenden alten. Das Fest des neuen Anfangs sagt der Prophet an - im Namen Gottes. Und er tut es mit Worten, die uns heute durchaus weihnachtlich anmuten können.

Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel, dass die Völker sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit. Und du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird.
Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebe Frau«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.


EG 20,3: Er kommt mit Frieden

IV.
Weihnachten ist das Fest des neuen Anfangs. Wie der gehen könnte, dieser neue Anfang, was ihn ausmacht, wie wir ich feiern, dazu könnten die Worte des Propheten so etwas wie eine weihnachtliche Schule sein. Und das gleich in dreifacher Hinsicht.

Hörbar - so lesen wir’s - macht sich Gott und sichtbar. In seiner Schönheit. Und in der Gerechtigkeit, die er zum Leuchten bringt.

Schön macht Gott die Menschen. Schön anzusehen wie Schmuck. Hell leuchtend wie ein himmlischer Glanz.

Und dann das dritte: Einen neuen Namen gibt Gott den Menschen. Einen sprechenden, einen programmatischen Namen. Einen himmlischen Kosenamen – so wie das Verliebte gerne miteinander tun.

Was der unbekannte Prophet da ankündigt, diese gänzlich neue Welt – sie kündigt sich an wie ein vorweggenommenes Fest der Weihnacht. Ein Fest neuer Hoffnung. Ein Fest alles verwandelnder Liebe. Ein Fest des neuen Anfangs eben. Weihnachten – lange vor Weihnachten.

V.
Hörbar macht sich Gott und sichtbar – gerade auch an Weihnachten. In der Botschaft des Engels, die das Leben der Maria verändert – auf einen Schlag: „Du wist schwanger werden. Und dein Leben mit einer großen Aufgabe gewürdigt finden.“ Gewaltige stürzt Gott von ihren Thronen. Und macht die kleine Maria groß! Hörbar macht sich Gott und sichtbar im Gesang der Engel vom Frieden auf Erden.

Hörbar macht sich Gott und sichtbar in jenem Kind, das ein Mensch ist wie wir. Und aus dessen Gesicht doch allen Gottes Menschenfreundlichkeit entgegenleuchtet.

Schön macht Gott die Menschen. Und lässt sie ihrer Einzigartigkeit bewusst werden. Menschen, die zu den Randsiedlern der Gesellschaft gehören, Hirten, Wegelagerer, Skeptiker und Ahnungslose - im Licht der Engel kommt ihre Schönheit zum Leuchten.

Einen neuen Namen gibt Gott den Menschen. Weil wir Menschen immer wieder als Veränderte, als Neugewordene in unser Leben zurückkehren. Schwester und Bruder können wir uns nennen. Mit Kosenamen der Liebe umgeben und würdigen wir uns. In der Nachfolge des einen, dessen Leben in einer Absteige seinen Ausgang genommen hat.

EG 20,4+5: Die Liebe geht nicht mehr verloren. / Man singt: Ein Sohn

VI.
500 Jahre nach Angebot der großen Befreiung aus dem Exil folgt ein weiteres Angebot. 500 Jahre nach dem Fest des neuen Anfangs ist wieder ein Neuanfang möglich. Und dazwischen. Und sicher auch danach. Bis in unsere Tage. Weihnachten an vielen Tagen und in vielen Nächten. Weihnachten in einzigartiger Weise in jener ganz besonderen, jener Heiligen Nacht. Jener Nacht, die uns auch heute Morgen wieder feiern lässt.

Das Fest des neuen Anfangs in der Geburt eines Kindes. Irgendwo in einem Stall. Im Hinterhof der damals bekannten Welt. Wir brauchen solche Feste, um auch heute einen neuen Anfang wagen zu können. Wir brauchen solche Feste, wenn die Welt anders werden soll. Das Fest des neuen Anfangs sollen wir feiern. Und vor allem: Wir sollen den neuen Anfang wagen. Weihnachten ins Leben ziehen auch noch nach Weihnachten.

Gott hörbar und sichtbar machen – das tun wir, indem wir Gott nicht verschweigen. Das tun wir, indem wir an Gottes Vorliebe für die Schwachen erinnern. Indem wir anprangern, was Menschen klein macht. Indem wir unser Schweigen brechen, wo Unrecht unter den Teppich gekehrt wird.

Ihre Schönheit vor Gott: Wir rufen sie denen ins Gedächtnis, die sich ihrer Würde beraubt sehen. Als Flüchtlinge, die kaum einer so richtig haben will und denen der neuen Anfang unter uns oft schwer gemacht wird. – und die, da bin ich mir sicher, trotzdem unter Gottes Schutz stehen.

Wir freuen uns an den neuen Namen der Liebe. „Willkommener Gast“ rufen wir denen zu, die bei uns ein Dach über dem Kopf suchen. „Fülle der Gaben“ heißen diejenigen für uns, denen es an Arbeit und Brot mangelt. „Liebhaber des Friedens“ ist der Name für all die, die verspottet werden, weil sie Waffen nicht für den einzigen Weg, um Gewalt zu beenden. Und um dem Frieden auf Erden eine Chance zu geben. „Geliebt bis zuletzt“ ist der Name, den wir denen geben, die spüren, dass ihr Leben zu Ende geht.

Die würdelosen Namen, die die Pegida-Leute Menschen auf der Flucht geben, ihr unsägliches Schüren von Ängsten vor eine Islamisierung des Abendlandes – sie sind keine Lösung – sie sind das Problem. Gerade an Weihnachten dürfen wir das nicht verschweigen.

Glücklich hat das Kind der Weihnacht die Sanftmütigen geheißen. Glücklich, die nach Gerechtigkeit hungern. Glücklich die, die dem Leben und Gott vertrauen. Neue Namen, die auf einen neuen Anfang hoffen lassen.

VII.
Weihnachten ist das Fest des neuen Anfangs. Diesen neuen Anfang feiern wir – jedes Jahr aufs Neue. Zum Singen bringt er uns. Auch heute Vormittag. Auf diesen neuen Anfang freuen wir uns. Jetzt „zwischen den Jahren“. Und an jedem Tag unseres Lebens neu. Amen.

EG 20,6.(7.)8: Noch andre Namen wird er führen / Dann wird die arme Erde

Traugott Schächtele

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