Predigt im Gottesdienst zur Eröffnung der Bezirkssynode Ladenburg-Weinheim mit der Wahl eines neuen Dekans / einer neuen Dekanin und der Wiederwahl der Schuldekanin in Schriesheim


Liebe Schwestern und Brüder!

Unübersehbar hat die Passionszeit begonnen. Und damit auch die Zeit mit den sprechenden Sonntagsnamen. Jener Reihe von Sonntagen, die man sich mit dem Satz merken kann: In rechter Ordnung lerne Jesu Passion. Invocavit. Reminiszere. Oculi. Laetare. Palmarum. Judika.

Noch vor der Aktion „Sieben Wochen ohne“ gab es also die Reihe der sechs Sonntage mit“. Dieser Aktion „Sieben Wochen ohne“ kann ich jedes Jahr mehr abgewinnen. Vor allem, weil mich immer neu die Themen der Fastenaktion faszinieren. Die wie die Sonntagsnamen wunderbar sprechenden Überschriften. Meist legen sie den Finger schmerzhaft spürbar in unsere Wunden. In diesem Jahr lautet das Motto: Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen.

Und ich habe mir gedacht: Eine wunderbare Überschrift über eine Dekanswahlsynode ist das doch. Du bist schön! Auch wenn eine Dekans- oder Dekaninnenwahl nicht nach den Merkmalen der Ästhetik entschieden wird.

Glücklicherweise hat die Aktion aber auch Wochenthemen. Und das Wochenthema der mit dem heutigen Mittwoch beginnenden zweiten Fastenwoche ist noch treffender für den Anlass unserer Zusammenkunft. Es lautet: Du bist ein Talent! Das passt wie ausgewählt für diesen Abend!

Und zum Bild des heutigen Tages wird auch ein biblischer Text gesetzt, den wir nachfolgend in einzelnen Abschnitten hören. Jedem der Abschnitte geht eine Strophe des Liedes 662 („Schenk uns Weisheit“) voraus:

EG 662,1: Schenk uns Weisheit ... für die Ängste

Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.


Es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. Darum macht der Satz Sinn: Du bist ein Talent! Allen drei, die sich zur Wahl stellen, möchte ich das zurufen und zusprechen. Denn daran kann doch kein Zweifel bestehen. Für jeden und jede dieser drei gilt doch: Du bist ein Talent!

Aber dasselbe trifft auch für sie alle als Synodale zu. Du bist ein Talent. Unverwechselbar begabt. Und es gibt wirklich keinen Grund, jemanden von ihnen runterzumachen. Denn du bist – wie Luther sagt - aus der Taufe herausgekrochen als Priester, Bischof und Papst. Und als Priesterin, Bischöfin oder gar Päpsten dazu. Eben weil genau das gilt: Du bist ein Talent!

Du bist begabt. Du bist ein Talent – seit unserer Taufe gilt das. Wir singen jetzt die 2. Strophe und hören weiter auf den biblischen Text.

EG 662,2: Schenk uns Weisheit ... für die Wahrheit

In einem jeden und einer jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller;
den einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; den anderen wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist;
wieder anderen kommt der Glaube zu, der Glaube in demselben Geist; anderen aber auch die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist.
In einem jeden und einer jeden von uns offenbart sich Gottes Geist. Darum hat der Satz sein Recht: Du bist ein Talent! Normalerweise verwenden wir diesen Satz, wenn wir auf eine besondere Begabung hinweisen. Ein Talent im Sport. Ein Talent beim Erklären von Sachverhalten. Ein Talent beim Malen. Beim Schreiben. Vielleicht auch beim Brückenbauen und beim Versöhnen.


Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Griechischen. Talanton heißt einfach Waage oder Gewicht. Ein Talent – das war ursprünglich die Last, die ein Mensch tragen kann. Sehr schnell wurde es aber ein Geldmaß. Wie im Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Fünf Talente bekommt der eine. 2 bzw. eines die beiden anderen.

Heute meint Talent: Begabung! Talent ist das, was ich mitbringe, noch ehe ich mich durch Anstrengung und Training verbessere. Zu guter Letzt habe ich nicht nur Talent. Da bin ich dann ein Talent. Der Satz: Du bist ein Talent – das ist gewissermaßen eine Art Übersetzung der Rechtfertigungslehre in eine andere Sprache der Möglichkeiten menschlicher Begabung.

Der Hirnforscher Gerald Hüther meint etwas ähnliches, wenn er sagt: „In jedem Kind steckt ein Genie!“ Er legt da einfach die vorhandenen Möglichkeiten zugrunde. Nicht das Ergebnis unserer Erziehungskunst. Alles, was wir zum Leben brauchen, liegt schon in uns drin. Darum gibt es keinen Grund, dass wir uns runtermachen. Darum stimmt es, wenn wir einander zurufen: Du bist ein Talent!

Dieses Talent bricht sich in vielfältiger Weise.

EG 662,3: Schenk uns Weisheit ... für die Zeit

In einem jeden und einer jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; den einen wird die Kraft gegeben, Wunder zu tun; andere kennen sich aus in prophetische Rede; wieder andere haben die Gabe, die Geister zu unterscheiden; andere vermögen in Zungen zu rede; andere haben die Gabe, die Zungenrede auszulegen.


Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden und einer jeden das Seine zu, wie er will.

Der eine Geist teilt einem jeden und einer jeden dasselbe zu. Darum gilt auch für alle: Du bist ein Talent! Die Botschaft dieses Satzes ließe sich auch noch anders übersetzen. Du hast Gaben. Du hast Charismen. Du bist darum ein Charismatiker. Anders gesagt: Es geht um den Kern der reformatorischen Rechtfertigungsbotschaft: Du bist Gott recht. Du bist wertvoll. Du bist angenommen – ohne Vorbedingungen.

Nichts anderes ist unsere Aufgabe als Kirche, als diesen einfachen Satz weiterzusagen. Ihn zu verbreiten. Ihn zu übersetzen in den Selbstanspruch: Ich möchte dein Talent entdecken. Und ihm Raum geben. Es geht also auch in der Kirche um Talentförderung.

Wenn ich meine Mitmenschen so anschaue, wenn ich so mit ihnen umgehe, dass ich ihre Talente fördern will, dann blicke ich auf die Stärken der Menschen. Dann entdecke ich: Jemand hat nicht nur Talent. Er oder sie ist eben auch Talent.

Ob jemand anders denkt als ich. Ob jemand anders glaubt als ich. Ob jemand anders aussieht als ich – das Unterscheidende also - darauf kommt es gar nicht an. Sondern darauf, wo jemand Talent hat. Darauf, wie jemand Talent ist.

Dekaninnen und Dekane haben nicht etwas mehr Talent als andere. Sie haben ein besonderes Talent. Sie sind nämlich vor allem Scouts. Talente-Aufspürerin. Talente Aufspürer.

Und heute Abend ist das zugleich ihre Aufgabe als Synodale. Die Talente der Kandidierenden aufzuspüren und wahrzunehmen. Und zu entscheiden: Wer soll die Scout-Rolle in ihrem Kirchenbezirk künftig übernehmen? Davon unbenommen gilt für jede und jeden – ob mit der Aufgabe des Wählens oder der des Kandidierens betraut - ohnehin „Du bist ein Talent!“

Gut, wenn sie das nicht vergessen. Es gilt auch morgen noch. Und noch viel länger als nur eine Woche. Amen.

EG 662,4: Schenk uns Weisheit ... für die vielen kleinen Schritte


Traugott Schächtele

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