PREDIGT ÜBER MARKUS 10,23-27
AM SONNTAG, DEN 8. MÄRZ 2015 (OCULI)
IN DER EVANGELISCHEN MICHAELSKIRCHE
IN KÜRNBACH


Anmerkung: Der Predigt gingen ein Dialog zwischen einem Raben und einer Eule sowie ein Anspiel zum Text voraus.


Liebe Gemeinde!

Nach der kleinen Predigt der Raben nun also auch noch die Predigt des Prälaten. Mit dem schwarzen Talar dem Raben äußerlich durchaus nicht ganz unähnlich. Und es soll auch in meiner Predigt um denselben Predigttext gehen.

Also noch einmal eine Kamel-Predigt. Nicht ganz. Und nicht nur. Sie werden ja gleich sehen. Auf jeden Fall freue ich mich, dass ich heute diesen Gottesdienst mit ihnen feiern darf.

Im Anspiel, das wir eben gesehen haben, geht’s ums Geld. Wieder einmal. Fast kann man den Eindruck habe, es geht überall vor allem ums Geld. Und jetzt auch noch in der Kirche. Viel zu viel und viel zu oft geht’s doch auch in der Kirch ums Geld!

Aber Vorsicht. Geld – oder überhaupt Besitz – das ist kein neues Thema. In der Welt nicht. Und der Kirche schon gar nicht. Schließlich hat schon Jesus sich zu diesem Thema geäußert. Dem Anspiel der Kinder liegt nämlich ein Satz Jesu zugrunde. Gleich in drei der vier Evangelien wird uns dieser Satz Jesu überliefert. Ich lese ihn jetzt in der ältesten Version. Der Version des Evangelisten Markus. Da heißt es im 10. Kapitel:

Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Fragen über Fragen. Damals schon. Und jetzt auch wieder. Insgesamt geht es um drei Fragen in diesem Text. Und diesen Fragen will ich jetzt entlang gehen.

Die erste Frage – und das ist die, auf die Jesus hier zunächst antwortet – die lautet: „Kann ein reicher Mensch überhaupt ins Reich Gottes kommen?“ Jesus hätte doch „nein, nein“ oder „ja, ja“ sagen können. Oder zumindest „jein“ oder „vielleicht“.
Doch die Antwort Jesu lautet etwas umständlich: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr!“ Also doch einfach ein nein! – wenn’s um die die Frage geht, ob ein Reicher ins Reich Gottes kommen kann. Aber warten wir erst noch ab.

Ich möchte mit ihnen zunächst einmal darauf schauen, wie Jesus überhaupt zu diesem Satz kommt. Dazu müssen wir einfach nachlesen, was in der Bibel diesem Satz vom Kamel und vom Nadelöhr vorausgeht. Voraus geht der Bericht über einen reichen jungen Mann. Über einen erfolgreichen Jungunternehmer. In der Lutherbibel heißt die Überschrift: Der reiche Jüngling. Er stammt aus gutem Haus. Er hat gut geerbt.

Trotzdem treibt ihn eine Frage um. Und das ist die zweite Frage, um die es heute gehen soll. Dieser reiche Sprößling aus gutem Hause scheint doch nicht alles zu haben. Irgend etwas scheint ihm zu seinem Glück noch zu fehlen. Denn er spricht Jesus an und fragt ihn: „Guter Mann, was muss ich noch tun, damit es mir nicht nur hier gut geht. Sondern auch nach meinem Tod?“ Heute würden wir sagen: Dieser junge Mann stellt die Sinnfrage. Geld allein macht ihn wohl nicht wirklich glücklich.

Die Antwort, die Jesus gibt, ist die traditionelle Antwort seiner jüdischen Religion. Er zitiert aus den Zehn Geboten. Er zählt die zentralen Gebote auf. Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen! Du sollst bei der Wahrheit bleiben. Mit anderen Worten: Er verweist ihn auf das rechte Verhalten. Zum rechten Leben, so würden wir heute sagen, gehört die rechte Ethik!

Der junge Mann sieht das genauso. Und er sieht es nicht nur genau so. Er handelt auch danach. „Das tute ich doch alles schon“, sagt er. „Seit meiner Kindheit.“ Da legt Jesus die Hürde noch höher. Jetzt geht’s noch um mehr als nur um ein ordentliches Verhalten. „Sammle nicht nur Punkte hier“, sagt er. „Sammle dir auch einen Schatz an für das Leben nach diesem Leben! Sammle dir einen Schatz bei Gott! Dein ganzer Wohlstand wird dir da nichts nützen. Gib ihn dran. Verschenke dein Vermögen. Das, was dein Handeln, das was dein Denken in Beschlag nimmt. Denn das, was dich in Beschlag nimmt, das ist dein Gott!“

Und jetzt kommt der junge Mann fürs erste nicht mehr mit. Traurig macht er sich davon, so lesen wir. Denn er war sehr reich.

Ratlos geht nicht nur der Mann davon. Ratlos bleiben auch die zurück, die das alles mit angesehen haben. Ratlos sind auch die Jünger. Jetzt kommt Jesus auf das Kamel zu sprechen, das nicht durchs Nadelöhr passt. Ganz egal, ob „Nadelöhr“ wirklich der Name einer schmalen Gasse und eines kleinen Stadttores in Jerusalem ist, wie manche Ausleger meinen. Der Rabe vorhin übrigens Andere sagen: Die Rede vom „Nadelöhr! – das ist schlicht und einfach nur ein Bild für etwas, das halt einfach nicht geht. Nein, mit seinem Reichtum kommt keiner durch und ans Ziel, wenn’s um den rechten Weg zu Gott geht.

Und dann stellen die Jünger die dritte Frage, um die es heute gehen soll: „Wenn uns all das, was wir uns ansammeln im Leben – wenn uns all das im Weg steht - wer kann dann überhaupt ins Reich Gottes kommen?“

Die traditionelle Antwort lautet: Die Reichen bleiben draußen. Und die Armen kommen rein. Das ist zu platt. Ob ich reinkomme oder ob ich draußen bleibe, das hängt auch noch von etwas anderem ab. Aber es hat mit Armut und Reichtum durchaus viel zu tun. Weil die Sorge um die materielle Seite des Lebens Kräfte bindet. Weil sie uns in Beschlag nimmt.

Vor Gott sind die leeren Hände die, die sich am besten füllen lassen. Und da tun sich die reichen Jünglinge – da tun sich die, deren Sorge vor allem ihren Bilanzen gilt und ihren Wachstumsquoten, am schwersten.

Nur: Die Frage, wer kann dann überhaupt selig werden, die macht klar: Eigentlich überhaupt niemand! Weil wir doch alle gerne auf das verweisen, was wir geschafft und geschaffen haben. Weil wir uns alle gern auf unsere eigenen Möglichkeiten verlassen. Da sind Arme und Reiche gar nicht so weit voneinander entfernt.

An die zentrale Frage Luthers fühle ich mich erinnert. An seine Sorge: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Und an seine Antwort: „Nicht durch das, was ich selber zu meiner Rechtfertigung beitrage.“ Als Luther das begriffen hat, scheibt er einmal, da habe er sich gefühlt, als sei er durch eine enge Pforte in die Weite des Paradieses eingetreten - anders gesagt: Als sei ihm der Durchstieg durch das Nadelöhr gelungen.

Die entscheidende Botschaft dieses kleinen Textes vom Kamel und vom Nadelöhr steht ganz am Ende. Sie lautet: Alle Dinge sind möglich – bei Gott! Und darum können wir uns frohen Herzens darauf verlassen: Wir sind Gott recht! Gerade dann, wenn wir uns nicht selber ins Recht setzen. Und uns nicht auf das verlassen können, was wir an Erfolgen beizutragen haben. So wichtig solche Erfolge im Leben auch sind.

Der junge Mann macht auf Jesus keinen Eindruck, weil er reich ist. Aber wenn er sich darauf einließe, nichts zu haben, dann erst wäre er wirklich reich. Und wenn wir nachschauen, wie es denn weiter geht in diesem 10. Kapitel des Markus-Evangeliums, dann geht’s genau darum. „Wer dran gibt, was er hat“, sagt Jesus da, „der bekommt’s hundertfach wieder zurück. Denn am Ende werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein!“

In diesen Wochen der Passionszeit versuchen viele Menschen, das für sich auszuprobieren. Exemplarisch, an einem Beispiel versuchen sie sich an dieser Übung, etwas dran zu eben. Sie wagen sich an diese Übung, mit dem Kamel eben doch durchs Nadelöhr zu kommen. Mit Gottes Hilfe versuchen Sie’s gewissermaßen.

Nicht so radikal, wie Jesus das dem jungen Mann vorschlägt. Aber an einem kleinen Beispiel des Verzichts. Sieben Wochen ohne. Sieben Wochen Verzicht auf etwas Liebgewordenes. Sieben Wochen sich hindurchrobben durchs Nadelöhr. Gut, wenn Gott von der anderen Seite noch etwas zieht, damit das dann auch gelingt. Denn was eigentlich keine Möglichkeit ist, das ist doch allemal eine Möglichkeit bei Gott. Insofern habe ich der Predigt des Raben nicht viel hinzuzufügen. Außer, dass er es viel schneller begriffen hat als wir.

Höchste Zeit, dass wir nicht nur vom Raben lernen. Sondern auch von diesem jungen Mann, dem reichen Jüngling. Lernen vor allem, wie es nicht geht. Wie wir nicht zu Gott kommen. Damit wir nicht traurig davongehen wie er. Sondern fröhlich, weil wir wissen, dass Gott mit uns noch etwas vorhat. Mit ihnen und mit mir. Weil für Gott nichts unmöglich ist. Amen.


Traugott Schächtele

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