ANSPRACHE
ANLÄSSLICH DER WIEDEREINWEIHUNG
DER CHRISTUSKIRCHE IN MAUER
AM SONNTAG, DEN 15. MÄRZ 2015 (LAETARE)


Liebe Gemeinde! Wie gut, dass sich nicht alles rentieren muss. Wie gut, dass es Grenzen aller Kosten-Nutzen-Rechnungen gibt. Sonst gäbe es keine Kirchen.

Wer baut, wer in diesen Zeiten baut, der weiß, das muss alles gut durchkalkuliert sein. Irgendwann muss die Miete die Kosten eingespielt haben. Irgendwie muss der Ertrag dessen, was in einem Gebäude produziert wird, die Darlehen abtragen helfen.

Bei Kirchen ist das anders. Gott sei Dank! Kirchen sind Orte, die sich unserer gewohnten Art zu denken, entziehen. Ihr Zweck ist nicht der Gewinn oder zumindest die Amortisierung. Ihr Zweck ist kein ökonomischer, sondern ein geistlicher.

In Kirchen wird gefeiert. In Kirchen wird Gott gefeiert. In Kirchen suchen Menschen gerade Abstand von der Welt mit ihren vertrauten Rechenspielen des Sich-Lohen-Müssens. In Kirchen suchen Menschen Worte der Orientierung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. In Kirchen suchen Menschen nach Auswegen aus Lebenssituationen, die sie sich womöglich selber eingebrockt haben. In Kirchen suchen Menschen Trost und Nähe.

Es ist gut, dass es diese Orte gibt. Es ist erstaunlich, dass sich die Menschen über Jahrhunderte solche Häuser, solche Kirchen geleistet haben, obwohl sie den Einsatz nicht eingespielt haben. Zumindest nicht finanziell. Dahinter verbirgt sich ein tiefes Wissen. Dahinter verbirgt sich das Wissen, dass wir uns die wichtigen Dinge im Leben nicht kaufen können. Und auch nicht selber erarbeiten müssen.

Kirchen sind unübersehbare Argumente für die Existenz einer Welt jenseits der Welt, in der wir tags arbeiten und nachts schlafen. Im Normalfall wenigstens. Jede Kirche ist ein in Stein gefasstes Bekenntnis. Ein Bekenntnis des Glaubens, dass die wesentlichen Dinge im Leben uns als Geschenk zufallen. Ein Bekenntnis, dass wir Orte brauchen, die ausgegrenzt sind aus den Orten unseres alltäglichen Lebens und Webens.

Seit mehr als 700 Jahren haben sie hier in Mauer dafür gesorgt, dass es solche Orte gibt. Und vor mehr als 120 Jahren haben sie sich dafür entschieden, die alte Schlosskirche durch einen Kirchen-Neubau zu ersetzen. Der Architekt der neuen Kirche war Hermann Behaghel. Mehr als 30 Kirchen verdanken allein in Nordbaden seiner Kreativität ihre Existenz.

Seit sie diese Christuskirche haben, ist ihnen damit auch eine andere Einsicht nicht erspart geblieben. Kirchen müssen sich nicht rechnen. Aber wir müssen sie uns leisten können. Das gilt für den Neubau selber. Das gilt aber dann auch für die Geschichte der Renovierungen und Instandsetzungen.

Auch darin haben sie reichlich Erfahrungen gesammelt. In den 30er-Jahren wurde die Innenausgestaltung verändert. In den 50ern die Eingangsfront umgestaltet. Die alte Orgel wurde 1979 durch eine neue ersetzt. Zuvor 1920 schon mussten die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzenen Glocken durch neue ersetzt werden. Glocken, die doch zum Frieden rufen sollen, umgeschmolzen in Kriegsgerät. In der Geschichte jeder Kirche ist immer auch die Verstrickung in die Geschichte des Versagens eingewoben. Gerade darum sind Kirchen auch Orte, an denen unsere Umkehr ihren Ausgang nimmt.

Mit dem heutigen Gottesdienst geht ein Jahr einer erneuten grundlegenden Renovierung und Erneuerung zu Ende. Wieder haben sie viel an Einsatz, an Planung, an Entscheidung investieren müssen. Und natürlich wieder viel an finanziellen Mitteln. Für den Bau genauso wie für die Orgel. Das ist allemal Grund zur Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber Gott. Und Dankbarkeit gegenüber allen, die gemeinsam diese große Aufgabe angegangen und bewältigt haben.

Und auch wenn es sich wieder nicht rechnet: Die Entscheidung zur großen Renovierung war einmal mehr die richtige Entscheidung. Solche Orte wie diese Kirche – sie sind unverzichtbar. Bis heute. Sie sind unverzichtbar, damit Menschen von neuem zurück ins Leben finden. Sie sind unverzichtbar, damit gebet wird für Frieden und Gerechtigkeit. Sie sind unverzichtbar, damit auch künftig Menschen die schönen Gottesdienste des Herrn feiern können. Mit Musik, die zu Herzen geht. Und mit Worten, die unsere Seele anrühren und unser Leben neu machen. Sie sind unverzichtbar, damit wir weitergeben, wovon unzählige Generationen vor uns gelebt und worauf sie ihr Leben gegründet haben.

„Hier ist die Pforte des Himmels! Und ich wusste es nicht.“ Diese Erfahrung, die wir vorhin als Lesung gehört haben – ich wünsche sie ihnen, wenn sie wieder einmal meinen, der Himmel bliebe für sie verschlossen. Und dann in dieser Kirche ihrem Leben eine neue Wendung geben können.

„Hier ist die Pforte des Himmels! Und ich wusste es nicht.“ Wer weiß – womöglich machen sie sich nachher mit dieser Einsicht auf den Weg nach Hause. Dankbar, dass der Weg zum Himmel oft nicht weiter ist als der Weg zu ihrer Kirche. Dankbar, dass er hier zumindest immer wieder seinen Anfang nehmen kann. Und wenn sie den Himmel dann dort entdecken, wo ihr Leben sich abspielt. Am Sonntag wie am Werktag. Zu Hause und im Beruf. Alleine oder mit Menschen, die es gut mit ihnen meinen. In Sehnsucht und Sorge. Oder voller Glück und Zufriedenheit.

Wie gut, dass sie sich diese Kirche leisten. Und sie heute ihre Wiedereinweihung feiern.

Wie gut, dass in der Kirche alles anders ist. Und hoffentlich auch noch lange bleibt. Amen.

Traugott Schächtele

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