PREDIGT ÜBER LUKAS 5,1-11
IM GOTTESDIENST AM SONNTAG, DEN 5. JULI 2015 (5. S. N. TR.)
IM WALDGOTTESDIENST AUF DEM LIPPLE


Liebe Gemeinde!

Das sprengt den Rahmen! Das ist fast zuviel des Guten! Das gab’s noch nie! Diese Sätze kennen sie auch. In solche Situationen gerät man immer wieder. Wenn sich plötzlich Neues auftut. Unerwartetes Neues. Herausfordernd Neues. Überraschend Neues.

Frühere Generationen bei ihnen mögen so gedacht haben. Als zum ersten Mal jemand die Idee hatte, im Sommer aus der Kirche auszuziehen. Und einen Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern. Hier auf dem Lipple. Ich kann mir gut vorstellen, wie da manche reagiert haben. Wozu haben wir denn eine Kirche? Ein Gottesdienst im Freien. Im Wald. Das geht nun wirklich nicht. Aber die Bedenkenträger haben sich nicht durchsetzen können. Und jetzt machen sie das schon viele Jahre. Oder gar Jahrzehnte. Das Neue ist zur Normalität geworden.

Das sprengt den Rahmen. Das ist fast zuviel des Guten. Das gab’s noch nie. Unsere Vorfahren mögen so gedacht haben. Bevor es weithin üblich war, sich taufen zu lassen. Und als doch immer wieder Menschen sich für den Weg der Taufe entschieden haben. Und ihrem Leben so eine neue Wendung geben.

Schön, dass wir eben auch zwei Taufen haben feiern können. Taufen sprengen immer noch den Rahmen. Weil es unglaublich ist, was einem kleinen Menschlein da zugesagt wird. Was unseren beiden Täuflingen heute auch wieder zugesagt wurde: „Ich, dein Gott – ich gehe mit dir!“

Das sprengt den Rahmen. Das ist fast zuviel des Guten. Das gab’s noch nie. Das haben die Menschen gedacht, die zur Zeit Jesu gelebt haben. Ein ums andere Mal. Dieser Jesus ist einer von ihnen. Im jüdischen Glauben aufgewachsen. Mit den Geboten seiner Religion bestens vertraut. Und doch irgendwie immer auch ein Neuerer. Einer, der in Frage stellt, was doch in Geltung steht. Einer, der die Menschen fasziniert. Und den die Menschen faszinieren.

Er heilt am Sabbat. Und weist nach, dass er das darf. Er gibt den Hungrigen zu essen. Fünftausend auf einmal. Er macht Menschen gesund. Blinde, Lahme, Hautkranke. Und schert sich wenig darum, was andere dazu an Kritik und Nörgelei anmerken.

Gleich dreimal überrascht er die Leute auch im heutigen Predigttext. Gleich dreimal sprengt Jesus den Rahmen. Gleich dreimal geht er Wege, die die Leute aufhorchen lassen. Weil sie damit nicht gerechnet haben.

Hört, wie das beim ersten Mal vor sich geht:

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Das sprengt den Rahmen. Das ist fast zuviel des Guten. Das gab’s noch nie. Eine neue Art der Kommunikation. Eine Predigt unter freiem Himmel. Aber nicht von der Kanzel. Nicht von einem Pult. Auch nicht mit dem Megaphon auf dem Stuhl stehend. Jesus schnappt sich ein Fischerboot. Und lässt sich ein wenig von Ufer wegfahren.

Eine Super-Idee! Alle können ihn sehen. Er kann alle sehen. Ohne erdrückt zu werden. Ohne dass die Menschen weiter hinten zu kurz kommen. Der pragmatische, der lebenserfahrene Jesus ist das. Der, dem an gelingender Kommunikation gelegen ist. Der, der will, dass die Menschen ihn verstehen.

An Luther und die anderen Reformatoren erinnert mich das. Weil die damals auch neue Kommunikationsformen genutzt haben. Den Buchdruck mit beweglichen Buchstaben. Die neu entstandene Flugblattkultur.

Jesus stehen solche Möglichkeiten noch nicht zur Verfügung. Schon gar nicht die Möglichkeiten des Internet wie bei uns heute. Gehört werden will er aber auch. Und er wird gehört.

Doch das ist nicht alles. Die Geschichte geht weiter. Hört, wie Jesus die Menschen zum Staunen bringt. Und wie!

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

Das sprengt den Rahmen. Das ist fast zuviel des Guten. Das gab’s noch nie. Das wird auch den Petrus mächtig aufgeregt haben. Mich hätte es auf jeden Fall in Rage gebracht. Da kommt einer daher. Führt große Reden. Hat wenig Ahnung. Zumindest vom Fischen. Und sagt gleich, wie’s gehen soll. Fahr doch raus ins Tiefe. Fahr nochmal raus zum Fischen. Was hat der Petrus mit seinen Leuten denn die ganze Nacht gemacht? Gefischt! Doch nicht im tiefen Wasser. Sondern da, wo’s flach ist. Da, wo sich die Fischschwärme sammeln.

Nichts war ihm ins Netz gegangen. Kein einziger Fisch. Und Petrus ist ein Profi. Da kommt ihm dieser Jesus gerade recht. Fahr raus ins Tiefe. Und wirf die Netze aus. Vorführen will ich ihn, denkt Petrus. Im zeigen, wie das tut – wenn die Netze leer aus dem Wasser gezogen werden. Ich wird’s ihm zeigen.

Und Petrus fährt. Und wirft das Netz aus. Und erlebt ein blaues Wunder. Nicht irgendein dicker Fisch geht ihm da ins Netz. Nein, unzählige. Einen solchen Fang hat Petrus noch nie erlebt. Die Netze drohen zu reißen. Er fordert Hilfe an. Ruft seine Angestellten herbei. Mühsam sichern sie den Fang.

Jetzt ist Petrus der, der vorgeführt wird. Da kommt einer, der hat nicht Fischer gelernt. Und Petrus macht den Fang seines Lebens. Meint er zumindest. Denn er soll ja noch ganz andere Fische fangen. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Das sprengt den Rahmen. Das ist fast zuviel des Guten. Das gab’s noch nie. Petrus hat keine Wahl. Er leitet den Rückzug ein. Er spürt: Hier sind andere Mächte im Spiel als die Fang-Kunst eines Fischers. Hier weiß einer, wie’s geht. Hier weiß einer, wie Fülle im Leben möglich wird.

Petrus erschrickt. Er erschrickt über die Grenzen, an die er stößt. Er erschrickt über die Grenzenlosigkeit, der er gegenüber steht. Mit seinen kargen Möglichkeiten. Die Macht dieses Jesus bedroht ihn. Er weiß, diesen Kräften hat er nichts entgegenzusetzen. Er möchte einen klaren Trennstrich ziehen. Geh weg, Jesus, sagt er. Ich bin dir nicht gewachsen. Wenn du da bist, fühle ich mich klein. Da spüre ich, wie wenig ich selber beitragen kann, um diese Welt ein wenig besser zu machen.

Die Passionsgeschichte kommt mir in den Sinn. Auch dort ist Petrus der Situation nicht gewachsen. Auch dort fühlt Petrus sich schlecht und klein, als der Hahn kräht. Auch dort ist er nicht am Ende. Wie hier auch.

Denn Jesus geht noch einen Schritt weiter. Gerade dich kann ich gut gebrauchen, Petrus. Mit deiner Lebenserfahrung. Mit deiner Bodenhaftung. Mit deinen Gaben. Fischer kannst du bleiben. Aber ganz anders als bisher. Menschenfischer wirst du werden.

Menschen wirst du davor bewahren, ins Nichts zu versinken. Menschen wirst du dazu verhelfen, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Menschen wirst du dafür gewinnen, alles noch einmal ganz anders zu sehen. Sie nach Gott fragen lassen. Und ihnen jene Kraft zukommen lassen, die du an mir wahrgenommen hast.

Wider allen Augenschein wird Petrus gebraucht. Wider allen Augenschein auch seine beiden Kollegen. Wider alle Vernunft lassen sie alles liegen. Steigen aus – aus ihrem bisherigen Leben. Steigen ein in das Projekt Menschenfischen. Wahrhaftig - das sprengt den Rahmen! Das gab’s noch nie! Aber es ist keineswegs zuviel des Guten. Eher der entscheidende, notwendige Schritt in die richtige Richtung.

Ich finde das spannend. Ein richtiger Neuerer ist dieser Jesus. Macht vieles anders. Und vor allem noch einmal ganz anders, als wir das machen würden. Anders vor allem, als die Vernunft uns raten würde. Neu anfangen. Einen neuen Versuch wagen. Sich noch einmal neu orientieren – das geht. Auch wenn’s manchmal doch einiges kostet. Wie Petrus, Jakobus und Johannes. Sie steigen aus dem Gewohnten aus. Sie lassen das Vertraute hinter sich. Sie erleben die Neuausrichtung ihres Lebens.

Sie erleben aber auch, was sie wert sind. Sie spüren, dass sie gebraucht werden. Mit dem, was sie mitbringen. Vom Fischer zum Menschen-Fischer – das klingt unheimlich weit. Und liegt doch meist ganz nah. Menschenfischer sind auch heute gefragt. Nicht nur als Wegweiser. Nicht nur als Begleiterin und Begleiter auf dem Weg des Glaubens.

Menschenfischer haben derzeit Hochkonjunktur: Im Mittelmeer. Menschenfischer im Sinn des Wortes. Weil es Menschen zu bewahren gilt. Menschen auf der Flucht. Menschen in überfüllten Booten, die Wind und Wellen nicht standhalten.

Menschenfischer sind gefragt. Aber auch Beobachter. Markt-Beobachter. Solche, die nicht nur die Finanzmärkte im Blick haben. Sondern die auch die Märkte, wo die Ärmsten der Armen erstehen, womit ihre Kinder satt werden sollen.

Menschenfischer sind gefragt. Aber auch Finder. Pfad-Finder. Solche, die sich mit den Menschen auf die Suche machen. Und nach Wegen Ausschau halten, auf denen sie gut in die Zukunft gehen können.

Menschenfischer sind gefragt. Aber auch Stifter. Friedens-Stifter, die einen Ausweg wissen aus den Konflikten in der Ost-Ukraine. Zwischen Israel und Palästina. Und wo immer Gewalt und Krieg zum Alltag gehören.

Menschenfischer sind gefragt. Aber auch Begleiter. Lebens-Begleiter. Solche, die solidarisch sind mit denen, die mit dem Harz IV-Satz kaum über die Runden kommen. Die helfen, Wohnungen ausfindig zu machen. Und Formulare auszufüllen.

Menschenfischer sind gefragt. Aber auch Paten. Paten - nicht wie bei Maffia. Sondern Tauf-Paten. Wie heute. Menschen, die sich der Aufgabe stellen, für Kinder da zu sein auf ihrem Weg ins Leben. Menschen, die Kindern Auskunft zu geben, wenn sie nach Gott fragen. Menschen, die sich ihrer Patenkindern annehmen – gerade wenn Eltern es da eher schwerer haben.

Menschenfischer sind gefragt. Aber auch Sucher. Gott-Sucher. Menschen, die sich nicht schon immer auf der richtigen Seite wähnen. Menschen, die sich Gottes nicht sicher sind. Menschen, die ehrlich nach Gott fragen und mit leisem Ton von Gott reden. Unaufdringlich. Mutig. Nicht besserwisserisch, sondern alle Zweifel, alle Anfragen ertragend.

Menschen-Fischer eben. Seit damals. Bis heute. Menschen, die alles verlassen. Und gerade deshalb alles haben. Und überall zu Hause sind. Irgendwo in der weiten Welt. Und hier im Kleinen Wiesental – Hier auf dem Lipple. Amen.


Traugott Schächtele

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