PREDIGT ÜBER JOHANNES 6,1-15
IM GOTTESDIENST AM SONNTAG, DEN 19.7.2015 (7.S.N.TR.)
IM MELANCHTHONHAUS IN SCHWETZINGEN


Liebe Gemeinde!
Wenn es der richtige Anlass ist, kommen die Menschen. Und sie kommen in großer Zahl. In Schwetzingen habe ich das erlebt. Vor eineinhalb Wochen. Bei der Demonstration gegen die NPD. In kurzer Zeit kamen ein paar Hundert zusammen. Das Häuflein der anderen nahm sich dagegen erbärmlich aus. Menschen kommen, wenn es sich lohnt. Wenn es der richtige Anlass ist.

Zweitausend Jahre zurück. Menschen sind gekommen, um diesen Jesus zu sehen. Menschen in großer Zahl. Von Fünftausend spricht die Bibel. Der Anlass: ein Promi. Einer, der für seine Wunder bekannt ist. Einer, der etwas zu sagen hat. Einer, der wie ein Versprechen auf eine bessere Zukunft wirkt.

Wie ein Magnet zieht dieser Jesus die Menschen an. Sein Rückzug mit dem Boot nützt ihm nichts. Die Menschen bleiben ihm auf den Fersen. Sie haben Großes gesehen. Oder sie warten darauf. Sie werden nicht enttäuscht.

Wir hören den Anfang des heutigen Predigttextes aus Johannes 6:

Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.

Alle vier Evangelisten des Neuen Testamens kennen diese Geschichte. Jesus predigt zu den Massen. Solange, bis die Leute müde werden und hungrig. Solange bis sie nicht mehr können.

Davon ist bei Johannes überhaupt keine Rede. Bei Johannes ist das Datum wichtig. Kurz vor dem Passafest spielt seine Geschichte. Passa, das ist das Fest der Befreiung. Das Fest der Aufhebung des Mangels. Genau darum soll’s auch in dem Bericht des Johannes gehen.

Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden. Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.

Jesus, der Tester! Nichts wird berichtet davon, dass die Leute lange zuhören müssen. Nichts von der Sorge, ihre Kondition wäre nicht ausreichend. Ihr Hunger würde zu groß.

Stattdessen die lapidare Frage: Wo bekommen wir Brot her? Sofort. Ein Test sei das, so berichtet Johannes. Ein Test des Vertrauens in den, dem die Menschen nachlaufen. Des Vertrauens der Jünger wohlgemerkt. Um ihren Glauben geht es.

Zwei Lösungsstrategien bietet der Text. Die wirtschaftliche realistische. Und die undogmatisch-praktische. Fast wie bei den Verhandlungen um Griechenland ist das. Zu teuer kommt uns das stehen, sagen die einen: Bleibt nur der Grexit! Wir bekommen das schon irgendwie hin, sagen die anderen. Wir wursteln uns durch. Auch wenn wir nicht wissen wie. Beim Evangelisten Johannes hört sich das so an:

Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?

Zweihundert Silbergroschen – das reicht doch nicht! Das sagt der, der rechnen kann. Philippus, der Betriebswirt. Und Andreas setzt dem entgegen: Wir haben fünft Brote und zwei Fische. Eigentlich zu wenig. Aber wir versuchen’s halt.

Fünf Brote und zwei Fische,
fünftausend werden satt,
wenn Jesus lädt zu Tische
den, der da Hunger hat.


Zu Tische kann Jesus natürlich nicht einladen. Aber er lässt die Leute Platz nehmen. Sich lagern, wie es im biblischen Bericht heißt:

Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.

Es werden nicht nur Männer gewesen sein. Dann waren’s am Ende noch viel mehr als die Fünftausend. Dann teilt Jesus aus. Wie beim Abendmahl hört sich das an. Hören sie:

Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.

Jesus teilt aus. Nicht soviel er hatte. Nein, soviel sie wollten. Aus der Fülle teilt Jesus aus. Nicht der Mangel wird verwaltet, sondern die Fülle gefeiert. Das lässt uns wieder singen!

Er lässt, der Not zu wehren,
der Not in aller Welt,
die Brote sich vermehren,
die er in Händen hält.


Was für ein Wunder! Alle werden satt. Was für ein Wunder. Damit könnte es sein Bewenden haben. Da ist ein Wunderrabbi. Und der macht aller Not ein Ende. Das wäre eine denkbare Konsequenz.

Die andere Variante lautet: Die Lösung liegt im Teilen. Um’s Teilen geht es dann also. Und damit verbunden wäre der Appell: Geht hin und macht es genauso! Schlecht ist diese Variante nicht. Und wenn wir das Teilen üben, wäre schon viel gewonnen. Das Lied widmet dieser Lösung eine Strophe.

Er lädt uns ein zu heilen,
verlockt uns zu dem Ziel,
geschwisterlich zu teilen,
aus wenig machen viel.


Die eigentliche Lösung kommt noch. Zumindest der Aspekt, der dem Johannes wichtig ist. Wir hören, wie sein Bericht weitergeht.

Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.

Zwölf Körbe sind übrig. Zwölf Söhne hatte Jakob. Zwölf Stämme hat das alte Israel. Zwölf, das ist die Zahl der Fülle. Die Leute essen. Und es ist am Ende immer noch die Fülle übrig. Das ist der springende Punkt.

Nicht einfach um ein Wunder geht es. Nicht einfach ums Sattwerden. Nein, es geht darum, wie Gott gibt. Und wie Gott ist. Gott gibt überfließend. Ohne Kontingente. Ohne Begrenzung nach irgendwelchen Regeln. Regeln des Verdienstes. Regeln des Bedarfs. Regeln des Status. Alle bekommen. Und es herrscht immer noch Überfluss.

Die Leute bringt’s zum Nachdenken. Sie merken, da bricht eine größere Welt ein in ihre kleine Welt. Sie lassen Gott außen vor. Zunächst wenigstens. Und sie heben den Wundertäter auf den Thron.

Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

Das wäre heute nicht anders. Das sind die Geschichten, in denen Hoffnungsträger geboren werden. „Yers, we can!“ Erinnern sie sich noch? Die Sehnsucht nach Erlöserfiguren ist heute nicht kleiner als damals. Die Medien befeuern dieses Spiel. Ständig neue Figuren. Und der Absturz folgt mit Sicherheit. Politik. Sport. Kunst. Das Karussell dreht sich immer schneller.

Hier erwischt es Jesus. Fast jedenfalls. Jesus ahnt, was da auf ihn zukommt. Er entzieht sich. Nein, er will nicht Karriere machen als Wundertäter. Er will Gott ins Spiel des Lebens bringen. Dass Gott gibt. Dass Gott gibt, was wir zum Leben brauchen, darum geht es ihm. Dass Gott gibt in Fülle. Überfließend. Darauf will der Evangelist Johannes den Blick lenken.

Er sagt: In eure Hände
leg ich dies Wunder groß,
dass euer Glaube wende
der Menschen bitt’res Los.


Natürlich brauchen wir Brot zum Leben. Natürlich gehen viel zu viele Menschen mit leerem Magen ins Bett. Natürlich haben viele Menschen zu Recht das Gefühl, zu kurz zu kommen. Ganz einfach ist es nicht, auf diese Fülle zu setzen, von der Johannes hier spricht. Die Johannes den Jesus austeilen lässt.

Diese Fülle ist gewissermaßen ein Angeld auf die Zukunft. Eine Hoffnungsvision, wie es sein könnte. In der Gegenwart müssen noch viel zu viele Menschen ohne sie auskommen. In der Gegenwart setzen wir noch auf Hoffnungsträger. Auf Brotkönige. Auf Menschen, die sich dafür einsetzen, dass andere genug zum Überleben haben. Das ist nicht wenig. Und es bietet uns Raum, uns selber auch einzubringen. Uns selber einzusetzen.

Beim Teilen von Materiellem. Beim undogmatischem Umgang mit sogenannten Transferleitungen. Wenn einer dem anderen etwas überlässt. Ohne eine Gegenleistung erwarten zu können. In der Diakonie geschieht das. Beim Einsatz für diejenigen, die oft nicht viel mehr haben als ihr Leben. Es könnte aber auch zwischen Staaten geschehen. Wir werden nie zu mehr Europa finden, wenn jeder nur wieder innerhalb der eigenen Grenzen denkt.

Was wir brauchen, das ist die dritten Lösung. Philippus setzt auf die Zahlen. Er erhebt den Bestand. Er rechnet. Und er erkennt: Es rechnet sich nicht.

Andreas setzt auf den Pragmatismus. Fünf Brote und Zwei Fische – viel zu wenig, um überhaupt anzufangen. Aber irgendwie wird’s gehen.

Jesus setzt auf die dritte Lösung. Er nimmt vorweg, was noch gar nicht wirklich ist. Er rechnet einfach mit der Fülle. Er teilt nicht nur den Mangel. Er teilt aus. Aus der Fülle. Er nimmt die Zukunft vorweg. Und lässt sie so Wirklichkeit werden. Er setzt darauf, dass Gott will, dass wir genug haben.

So wünsche ich mir unser Handeln. Im Großen wie im Kleinen. In der Politik und im Umgang mit meinen Nachbarn. Das geht. Und plötzlich sind ein paar Hundert da. Und die Ewiggestrigen, die Kleingläubigen haben ausgespielt. Wie in Schwetzingen vor eineinhalb Wochen. Wie auf dem Berg vor zweitausend Jahren. Wie morgen und übermorgen an anderen Orten.

Die dritte Lösung. Die lässt sich finden. Die geht. Weil Gott sich finden lässt. Weil Gott will, dass wir genug haben. Aneinander. An dem, was wir zum Leben brauchen. An der Fülle, die Gott selber ist. Amen.

Wenn ihr es wagt, wird’s werden,
sagt er und lädt uns ein
den Menschen hier auf Erden
nur einfach Mitmensch sein

Ich bitt’ euch, seid mein Bote,
teilt aus an meiner Statt
zwei Fische und fünf Brote –
und alle werden satt.

(Text: R.O.W. / T.S.)



Traugott Schächtele

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