PREDIGT ÜBER 1. JOHANNES 5,1-5
ZUM WOCHENSPRUCH DER WOCHE NACH DEM 17.S.N.TR.
IM GOTTESDIENST ZUM ABSCHLUSS DER DEKANEKONFERENZ
AM MITTWOCH, DEN 30. SEPTEMBER 2015


Liebe Schwestern und Brüder!

Das Bild ging durch alle Medien! Die Hände zur bekannten Merkel-Raute zusammengelegt; und dazu der Satz: Wir schaffen das!

Zumindest für das dann folgende Wochenende hat der Satz Wunder gewirkt. Die Bilder der Frauen und Männer im Münchner Bahnhof, die die neu ankommenden Flüchtlinge herzlich und mit viel Applaus begrüßt haben - sie gingen durch die Welt. Keine Strafverfolgung wegen illegalen Grenzübertritts. Keine Abschiebung nach Dublin 3. Nächstenliebe vor EU-Recht. Ist der Ochse am Schabbat in den Brunnen gefallen, wird er auch am Schabbat wieder herausgeholt. (Lk 14,5)

Keine Sorge: „Wir schaffen das!“ „Yes, we can!“ – dieses Mal in deutscher Spielart. Die Herausforderungen sind gigantisch. Gesellschaftlich mit einer Million Flüchtlinge im Jahr 2015. Kirchlich mit Themen wie Traditionsabbruch und steigende Austrittszahlen. Dazu Ressourcenprojekt. Immobilienprojekt. Strategischer Kita-Planungen. Weiter die gewaltigen Integrationsanstrengungen, die vor uns liegen. Und dann noch Arbeitssicherheit, Datenschutz um nur die Schlagworte zu nennen. Das ist ja noch lange nicht alles.

Reicht es, wenn jetzt jemand die Raute macht und uns allen ein „Wir schaffen das!“ mit auf den Heimweg gibt!?

Der Wochenspruch für diese Woche nach dem 17. Sonntag nach Trinitatis enthält auch so eine Art „Wir schaffen das!“ Mehr noch: Ein: „Wir haben’s schon geschafft!“ Da heißt es:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Ein Klassiker unter den markanten Sätzen aus der Bibel. Ein Vers mit Karriere. Unzähligen Jugendlichen über lange Zeit als Konfirmationsspruch mit auf den Weg gegeben.

Trotzdem – und ich gesteh’s freimütig: Auf den ersten Blick ist das einer der Sätze, die mir durchaus Mühe machen. Und anderen womöglich auch. Da ist zunächst die Sprache, die nicht meine ist. Militärisches Vokabular: Sieg, die Welt überwunden. So sieghaft möchte ich nicht glauben. So siegessicher glaube ich auch nicht. Kann ich nicht glauben.

Und schon gar nicht will ich die Welt überwinden. Ich lebe in dieser Welt. Und ich will mich mit der Welt und gerne auch mit ihren Problemen und Herausforderungen auseinandersetzen. Aber immer als einer, der zu dieser Welt ganz und gar dazugehört. Als einer der weiß, dass er dieser Welt gar nicht entrinnen kann. Die Welt überwinden? Ich weiß nicht.

Dazu kommt dann das zweite, das es schwer macht, Zugang zu diesen Satz zu finden. Sein fragmentarische Qualität als eine aus dem Kontext herausgeschnittene. Womöglich rührt zumindest ein Teil der Mühen genau daher.

Bei dieser zweiten Mühe ist Abhilfe aber möglich. Beim näheren Hinschauen finden wir uns mitten in der Tradition johanneischer Theologie wieder. Die Verfasser und Tradenten des 1. Johannesbriefes stehen in enger Verbindung zur Endredaktion des Johannes-Evangeliums. Sie müssen sich wehren gegen eine zu heftige Spiritualisierung der Christologie.

Sie setzen ganz einfach auf die Menschwerdung. Sie sind überzeugt, dass es nicht nur um ein Abheben nach oben geht. Sondern auch um das rechte Verhalten eben in der Welt – um die Einhaltung der Gebote. Besser oder genauer noch: Es geht darum, die Liebe ins Leben zu ziehen. „Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.“

Ein Satz mit Potential, das unterstützende wirken kann in den Herausforderungen der Gegenwart. „Seine Gebote sind nicht schwer.“ Dieser Gedanke geht mir in der Tat immer wieder durch den Kopf, wenn wir mit gedankenschweren Papieren nachzuweisen versuchen, warum der Einsatz für Flüchtlinge eine Aufgabe für Kirche und Diakonie ist. Jakob in Haran. Mose in Midian. Das Jesuskind in Ägypten. Ale müssen herhalten, um klarmachen: Wir können uns nicht heraushalten.

Aber müssen wir wirklich ernsthaft begründen, warum wir uns einsetzen für Menschen in großer Not? „Seine Gebote sind nicht schwer!“ Häufig tut’s auch die Vernunft. Und sie ist da nicht die schlechteste Ratgeberin. Nicht ob es geht, ist da die Frage. Sondern wie es geht. Und dann auch, warum alles überhaupt so gekommen ist.

Dieser Glaube, der der Sieg sein soll – das wäre dann nichts anderes als der Glaube, der auf die Liebe setzt - und auf die Vernunft. Der Glaube, dessen Konsequenzen evident sind. Dass dieser Glaube die Welt überwindet – ich kann’s verstehen, wenn die Welt nicht mehr der dunkle Ort ist, dem es zu entrinnen gilt. Sondern der Ort, an dem wir uns bewähren. Der Ort, an dem wir unseren Glauben leben sollen, indem wir die Gebote halten. Indem wir den Mächten des Bösen widerstehen.

Ich muss den negativen Weltbegriff der Johannes-Tradition gar nicht teilen. Wenn ich die Welt als den mir zugewiesenen, als den mir einzig möglichen Lebensort akzeptiere, lasse ich mir die Welt gerade besonders an Herz gelegt sein. Ich will dann nicht die Welt aus den Angeln heben. Aber doch den Mächten des Bösen entgegentreten.

Aber jetzt komme ich doch noch einmal auf das „Wir schaffen das zurück!“ „Gottes Gebote sind nicht schwer!“ Wenn mir jemand zuspricht, dass ich’s wagen kann. Wenn mir eine Aufgabe zuge-mutet wird im Sinne des Wortes, dann wachsen die Kräfte mit. Wenn mir jemand zutraut, dass ich etwas bewirke, dann verleiht mir das Flügel.

Den Zuspruch des mir Möglichen in Worte zu fassen – das ist genauso eine Aufgabe der Kirche wie das Herausziehen des Ochsen am Sabbat. Nur leben wir hier immer noch unter unseren Verhältnissen.

Ich nehme politisch derzeit zwei unterschiedliche Strategien war. Auf der einen Seite die notorischen Grenzzieher, die immer nur Unkenrufe von sich geben. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht übernehmen, dass wir niemanden überfordern usw.„ Da kann ein „Wir schaffen das!“ Wunder wirken.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch das Gegenteil. Da werden die Flüchtlinge fast schon als ein göttliches Zeichen zur Erneuerung unserer Gesellschaft verstanden. Für beide Positionen mag es rationale Gründe geben. Aber beide nehmen die Welt nicht wirklich ernst. Die Welt überwinden – das könnte doch heißen, die Welt als Ort der Gestaltungen und Bewährung zu begreifen. „Wir schaffen das!“ - das wäre dann der Zuspruch, den wir brauchen, um uns der Welt zu stellen.

Was wir uns selber nicht sagen können, das findet um Zuspruch seinen Ort. Im Zuspruch der Möglichkeiten, die auch mir zu Gebote stehen. Im Zuspruch der Würde, von der kein Mensch ausgeschlossen ist. Das zentrale Thema reformatorischer Theologie hat Zuspruchs-Charakter: „Du bist Gott recht!“

Wenn ich diesem Satz vertraue, dann habe ich begriffen, was Glauben meint. Wenn ich mir diesen Satz zusprechen lasse, bin ich auch vor Überforderungen gefeit. Dann muss ich nicht das Leid der ganzen Welt auf meine Schultern laden. Aber ich muss auch nicht ängstlich darauf verzichten, mich ins Getümmel der Welt zu stürzen. Insofern hat der Glaube etwas ungemein Pragmatische an sich.

Er hilft mir, mich den Herausforderungen zu stellen. In der Sprache des 1. Johannesbriefes, die Gebote zu erfüllen. „Wir schaffen das!“ – nicht selbst-appellativ, sondern im Vertrauen, dass unsere Kräfte und unsere Möglichkeiten mit den Herausforderungen Schritt halten.

Theologisch korrekt hört sich’s noch ein wenig komplizierter an: „Wir sorgen dafür, dass andere recht leben können, weil wir Gott recht sind“. Dieser Satz ist zwar nicht so griffig, aber er ersetzt womöglich ein ganzes Feuerwerk theologischer Reflexion. Er reicht als Begründung unseres diakonischen Handelns nämlich durchaus aus. Und er reicht nicht nur für die Flüchtlinge. Es reicht für alle, deren Lebensmöglichkeiten beschnitten werden. Wo auch immer. Und wie auch immer.

Und am Ende kann auch ich’s dann in der Sprache des 1. Johannes zumindest ertragen:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Oder eben in einfacher Sprache – wenn ich sie, wenn ich euch alle so vor mir sehe: „Ihr schafft das – wirklich!“ Jetzt ohne Raute gesagt. Aber voll Gottvertrauen. Und gestärkt mit Brot und Wein. Amen.


Traugott Schächtele

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