PREDIGT ÜBER RÖMER 12,21
IM GOTTESDIENST
ZUR ERÖFFNUNG DER BEZIRKSSYNODE
IM KIRCHENBEZIRK WERTHEIM
AM SAMSTAG, DEN 24. OKTOBER 2015
IN DER STIFTSKIRCHE IN WERTHEIM


Liebe Gemeinde!

Wir leben derzeit im Krisenmodus. Allenthalben kann man diesen Satz hören. Und ihnen hier in Wertheim muss ihn auch niemand erklären. Was sie geleistet haben und leisten, was sie leisten mussten bei der Aufnahme von Flüchtlingen – das war anders als im Krisenmodus gar nicht zu machen.

Der Krisenmodus verschlingt Kräfte. Viel an Kräften. Manchmal bis an die Grenze dessen, was geht. Oder über diese Grenze hinaus.

Wir können eine ganze Weile im Krisenmodus leben. Wir haben manchmal überhaupt keine andere Wahl. Doch auf Dauer geht das nicht. Da ist es gut, dass wir nicht auf allen Ebenen im Krisenmodus leben. Das ist es gut, dass auf anderen Ebenen der Normal-Modus angesagt ist. Da ist es gut, dass es Leben nicht nur spektakulär verläuft. Sondern auch in den vertrauten Bahnen des Eingeübten. Des sich Widerholenden. Da ist es gut, dass Leben auch verlaufen kann in der Sicherheit der immer wiederkehrenden Lebensrituale.

Zu diesem Leben in vertrauten Abläufen gehört auch das Alltagsgeschäft bei uns in der Kirche. Nicht dass wir da den Krisenmodus nicht kennen. Nicht dass wir uns da nur im Kreis des Immer-Gleichen drehen. Gewiss nicht. Den Krisenmodus kennen wir in der Kirche auch. Im Moment ganz sicher auch in der Flüchtlingsfrage. Oder immer wieder wenn’s ums Geld geht. In Bezirken leuchtet manchmal auch bei Strukturentscheidungen das rote Licht des Krisenmodus auf.

Aber im Blick auf die letzten 2000 Jahre Geschichte sind das eigentlich keine wirklichen Krisen. Im Rückblick auf diese lange historische Strecke ist Unaufgeregtheit angebracht. Im Blick auf 2000 Jahre Geschichte ist es geradezu ein unveränderliches Kennzeichen der Kirche, dass sie die Wiederkehr vertrauter Abläufe, die Kraft der Rituale der Rituale, zur Notwendigkeit der Veränderung und des Neuen in Beziehung setzt.

Jeder Gottesdienst, auch der heute Vormittag, ist dafür ein sprechendes Beispiel. Da wird an einem jahrhundertealten Ort in vertrauten liturgischen Formen und Abläufen gefeiert. Mit Liedern, die wir schon lange kennen, mit Texten, die schon unseren Vorfahren vertraut waren.

Und doch beschwören wir nicht einfach die Vergangenheit. Wir sind auch keine museale Gesellschaft, die längst Vergangenes noch einmal zur Anschauung bringt. Vielmehr geht es um Zukunftsansage. Um die Zukunft Gottes mit uns Menschen geht es. Um die Zukunft der einen Welt, in der wir leben. Gottesdienst feiern – das heißt nichts anderes, als dass wir uns aus den Quellen, die uns aus der Vergangenheit zufließen, in der Gegenwart stärken, um so die Zukunft zu gewinnen.

Ganz Ähnliches haben sie nachher mit der Arbeitstagung ihrer Bezirkssynode vor. Synoden haben in der Kirche eine ganz alte Tradition. Durch Synoden wird Kirche geleitet, fast seit ihren Anfängen. Synoden sind Kirche im Arbeitsrhythmus. Und die Wahl von Leitungspersonen stellt nichts anderes dar. Kirche im Arbeitsrhythmus. Im Alltagsrhythmus. Wie schon unendliche Male an unendlichen Orten in der weltweiten Christenheit vor unserer Zeit. Und ich bin sicher: Auch in Zukunft.

Kirche im Alltagsrhythmus – wie gut, dass es dafür auch Regeln gibt. Regeln, die am Ende sogar helfen, aus dem Alltagsmodus in den Festmodus überzuwechseln.

Eine der vertrauten Formen, um uns diese Regeln in Erinnerung zu rufen, das sind die Wochensprüche. Für die morgen beginnende Woche steht der Spruch im 12. Kapitel des Römerbriefes. Den weiteren Zusammenhang haben wir vorhin schon als Lesung gehört. Der eigentliche Spruch zur Woche steht im 21. Vers. Da heißt es:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Vom Alltagsmodus ist hier zunächst nichts zu hören. Stattdessen geht es hier um das Verhältnis von Gut und Böse. Aber in diesem Verhältnis steht das Ganze des Glaubens auf dem Spiel. Zugleich geht es aber auch um das rechte Verhalten. Mitten im Alltagsmodus der Kirche. Es geht um Wege, die Überwindung des Bösen anschaulich und erlebbar machen.

Paulus versucht in seinem Brief an die Gemeinde in Rom hier einen Weg zu weisen. Paulus fragt da nicht nach dem Wesen des Bösen. Vielmehr fragt er nach den Möglichkeiten, so zu leben, dass wir Gott recht sind, ohne dass wir dies ständig neu beweisen müssen.

Um das noch besser zu verstehen, lohnt es sich, den Anfang des 12. Kapitels des Römerbriefs näher anschauen: „Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Leben im Alltagsmodus – das ist nicht einfach Leben als grauer Alltag. Leben – in der Buntheit seiner Möglichkeiten und Facetten – das ist Leben als Gottesdienst. Und damit zugleich auch Leben – im Fest-Modus des Glaubens.

Aber Gottesdienst nicht einfach nur am Schabbat in der Synagoge oder am Sonntag in der Kirche. Unser ganzes Leben ist ein Gottesdienst. Unser ganzes Leben ist ein „Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.“ Leben im Alltagsmodus. Und doch Leben unter den Vorzeichen des Andersseins. Leben im Alltagsmodus. Und am Ende – mit den Augen des Glaubens betrachtet - zugleich Leben im Fest-Modus.

Das also ist die Antwort des Paulus. Eine erstaunlich lebenspraktische Antwort. Kein Bezug auf das Vorbild Christi. Keine hochtheologische Begründung. Sondern ganz einfach: Wir überwinden das Böse durch das Gute. Das Böse kommt da an sein Ende, wo wir ihm in unserem Verhalten, in unserem ganzen Leben, den Raum eng machen. Oder ihm gar keinen Raum mehr zugestehen.

Sind sie mit dieser Antwort zufrieden? Die Welt um uns herum sieht ja kaum so aus, als gehöre das Böse für immer der Vergangenheit an.

Mag jemand mit Paulus seine Mühe haben. Doch weltfremd war er gewiss nicht. Paulus kennt die Erfahrung der Wirksamkeit des Bösen aus eigener Erfahrung. Gottesdienste, auch die schönsten, setzen es noch lange nicht einfach außer Kraft.

Unser Leben als Gottesdienst! Paulus weiß wie schwierig das ist. Und dennoch sieht er seine eigenen Einsichten über Gott und die Gerechtigkeit, über Gut und Böse, durch unser Unvermögen nicht außer Kraft gesetzt. Das liegt an seinem Verständnis davon, was mit Glauben gemeint ist.

• Glauben heißt für Paulus: den Festmodus im Glauben schon vorwegnehmen. Mitten im Alltagsmodus. Glauben heißt für ihn so zu leben, als sei das schon Wirklichkeit, was in der Wirklichkeit in seiner Fülle erst noch aussteht.

• Glauben heißt: dem Alltagsmodus nicht den Abschied geben. Aber den Alltags doch längst überschreiten. Und im Fest-Modus leben.

• Glauben heißt, schon jetzt so zu leben, als gebe es für den Krisenmodus keine Notwendigkeit mehr.

• Glauben heißt, so zu leben, als sei unser Leben jetzt schon so schön, wie Gott es gemeint hat.

• Glauben heißt, tagtäglich die Gegenwart unter dem Blickwinkel der Zukunft zu sehen.

Den Spruch zur Woche, das „Überwinde das Böse mit Gutem“ – das ließe sich dann übersetzen in die Einsicht: Mitten in einer Welt, in der das Böse Tag für Tag noch fröhliche Urständ feiert, erkläre ich das Böse schon jetzt für vorläufig. Spreche ich ihm sein Wirkrecht ab. Darum geht es in jedem Gottesdienst.

Dass unser ganzes Leben zu einem Gottesdienst wird, das ist das eine. Man kann diesen Satz aber auch in umgekehrter Richtung lesen. Unsere Gottesdienste, die wir feiern, sollen unsere Lebenswirklichkeit unterbrechen. Sie sollen in elementarer Weise das Leben verdichten. Sollen das Fest der bleibenden Gegenwart Gottes jetzt schon vorwegnehmen. Und sie sollen dem Bösen im Feiern des Guten schon jetzt den Abschied geben.

Gottesdienste setzen den Alltagsmodus außer Kraft. Gottesdienste versetzen uns in den Fest-Modus des Lebens im Angesicht Gottes. Jetzt noch als Vorwegnahme dessen, worauf wir zugehen. Die Aussicht auf diese Neue lässt uns leben. Sie lässt sie ihre Wahlentscheidung als Synode treffen. Und am Ende hoffentlich in den Fest-Modus einmünden, weil sie wissen: Am Ende wird das Gute dem Bösen den Garaus machen. Für immer. Amen.


Traugott Schächtele

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