PREDIGT
IM GOTTESDIENST ZUR ERÖFFNUNG DER BEZIRKSSYNODE
- MIT WAHL DES SCHULDEKANS -
AM FREITAG, DEN 29. APRIL 2016
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN MECKESHEIM


Liebe Schwestern und Brüder! Schuldekan – das wär’s doch! Wären Sie nicht auch gerne Schuldekan? Oder Schuldekanin? Es ist eines der schönsten und wichtigsten Ämter unserer Landeskirche.

Um Bildung geht’s beim diesem Amt. Und um Religionsunterricht. In Schulen vor allem. Aber längst nicht nur. Orte, an denen Bildung ihren Platz hat, gibt es immer mehr. In Kitas. In Wochenendseminaren und Abendveranstaltungen.

Und die Menschen, die von diesen Angeboten Gebrauch machen, sind interessant. Viele Jüngere, aber auch Ältere. Voll Neugier und Interesse. Aus unterschiedlichen Milieus. Mit mannigfaltigen Prägungen.

Die Themen sind so vielfältig wie die Menschen. Theologie und Lebenskunst. Glaube in Theorie und Praxis. Meditation und Soziales Engagement. Bildende Kunst und Literatur. Auf der Grenze zu arbeiten zwischen Kirche und Gesellschaft, was könnte interessanter sein. Mit Menschen arbeiten zu können, die sich dafür erwärmen lassen, was könnte es Schöneres geben!

Ich höre auf mit meinem Loblied auf das Amt des Schuldekans. Schließlich liegen auch hier Wunsch und Wirklichkeit oft recht weit auseinander. Und zumindest in den letzten Monaten des Schuljahres – da möchte ich lieber doch kein Schuldekan sein. Wenn die Schulen und Deputate für das neuen Schuljahr verteilt werden müssen. Und nicht alles geht, was sich die Kolleginnen und Kollegen im Religionsunterricht so wünschen. Da steht dann manchmal die Quadratur des Kreises auf der Tagesordnung. Nur: Die Schuldekane kriegen das in der Regel hin. Auch deshalb bewundere ich sie immer wieder.

Die Kirche hat aber noch viel mehr Ämter als das des Schuldekans oder der Schuldekanin. Pfarrer kann man werden oder Pfarrerin. Oberkirchenrat oder Dekan. Gemeindediakonin oder Kantor. Sekretärin oder Hausmeister.

Ganz zu schweigen von den vielen Aufgaben im Ehrenamt. Ältester und Kirchengemeinderätin. Synodaler oder Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit.

Ämter genug gibt es also in der Kirche. Und in jeder der vielen Kirchen weltweit ist das Bild ein wenig anders. Bunt stellen sich die Kirchen dar. Auch in den Ämtern, die sie haben. Schon früh gehören Ämter zu den unveräußerlichen Kennzeichen der Kirche. Obwohl das zumindest ganz am Anfang nicht so gewesen ist.

Neue Bewegungen – und am Anfang war die Kirche nichts anderes als eine neue Bewegung – entstehen meist im Widerspruch zu dem, was ist. Auch zu den Strukturen und Ämtern, die es gibt. Und so war die Kirche am Anfang auch eine Art Protestbewegung gegen überkommene Strukturen und Denkweisen. Priester waren nicht mehr einzelne Personen. Das Priesteramt wurde mit dem Leben und Sterben des Jesus von Nazareth in Beziehung gesetzt. Und wurde dann schließlich auf alle übertragen. „Das königliche Priestertum, das heilge Volk Gottes, das seid ihr!“ – im 1. Petrusbrief können wir das nachlesen.

Fünfzehnhundert Jahre später hat sich dann übrigens wieder ganz Ähnliches abgespielt. Auch die Reformation hat sich von einem alten System abgrenzen wollen. Und hat die vorhandenen alten Ämter in Frage gestellt.

Aber so schnell wie diese alten Ämter verschwunden waren, so schnell gab es neue. Aus den Veränderungsbewegungen der Reformation etwa ist das evangelische Pfarramt erwachsen. In den Anfangsjahrzehnten der Kirche gibt es Apostel. Und wie wir in der Lesung vorher gehört haben, auch Prediger und Lehrer. Schade, dass gerade der Vers, in dem es um die Ämter geht, nicht mehr zum Predigttext des kommenden Sonntags gehört. Ich habe ihn aber bei der Lesung ausdrücklich dazu genommen.

Im weiteren Verkauf des Timotheus-Briefes, aus dem die Lesung stammt, hören wir noch von weiteren Ämtern: von Bischöfen und Diakonen, von Ältesten und vom Witwenamt.

Auch bei Paulus können wir noch weiter fündig werden. Die Gabe gesund zu machen, die Kraft Wunder zu tun. Ja, auch die nötige Gabe, die Gemeinde zu leiten, führt zu neuen Ämtern.

Ämter entstehen also immer dann, wenn eine Aufgabe auf Dauer gestellt wird. Wenn sie sich also mit einem punktuellen Einsatz auf Zeit nicht mehr bewältigen lässt. Heute ist es zum Beispiel spannend, was aus der Notwendigkeit der Integration und der Inklusion an Daueraufgaben erwächst. Hier ist ein guter Nährboden, um womöglich zu neuen Ämtern zu kommen.

Ein Amt – zumindest im evangelischen Sinn – begründet aber keine Hierarchie. Die Barmer Theologische Erklärung, die zu den Grundlagentexten unseres Kirchenverständnisses gehört, formuliert: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen.“ Das müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen. Oder rufen lassen.

Ein Amt zu haben heißt zu dienen. Heißt eine Aufgabe zu übernehmen, die zum Selbstverständnis der Kirche wichtig und unverzichtbar ist. Heißt, die Gaben einzusetzen und weiterzuentwickeln, die Gott in einen Menschen hineingelegt hat. Dazu gehören eben nicht nur die Wort- und Verkündigungsämter. Sondern seit den Anfängen der Kirche die Ämter der Diakonie. Und Diakonie heißt schließlich auch nichts anderes als Dienst.

Der erste Satz der Lesung bringt beides wunderbar zusammen: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Hilfe, tatkräftige Unterstützung, wenn die Wogen des Lebens hochgehen und toben, das ist das eine. Das ist der diakonische Aspekt.

Erkenntnis der Wahrheit, das ist das andere. Das meint Einsicht in das, was die Welt im Innersten zusammen hält. Das meint, immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir das Wesentliche im Leben nicht selber machen können. Sondern dass es uns als Geschenk widerfährt. Gratis. Umsonst. Aus Ganden heißt das in der Sprache der Theologie.

Und mitten in der bunten Landkarte der Ämter der Kirche in zwei Jahrtausenden gibt es dieses Amt des Schuldekans oder der Schuldekanin. Die Gabe theologischer Einsicht ist dafür vonnöten. Und die Fähigkeit zu lehren. Die Gabe der Pflege der Organisation und die Bereitschaft, sich in ganz besonderer Weise in den Themen der Welt kundig zu machen. Die Gabe des Leitens wie die Sensibilität für die diejenigen, die oft zu kurz kommen.

Eine wunderschöne Beschreibung findet sich ganz am Ende der Lesung aus dem 1. Timotheus-Brief: Von einem „Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit“ ist da die Rede. Der Briefschreiber muss da an einen Schuldekan gedacht haben! An Schülerinnen und Schüler, die geprägt sind vom Abbruch der Weitergabe der Traditionen des Glaubens. An Menschen auf der Suche nach einem tragenden und verlässlichen Grund in ihrem Leben. An die Sehnsucht, auf dem bunten Markt der Sinnstiftungsangebote irgendwie der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Von einem Schuldekan wird dies erwartet. Aber eigentlich von jedem und jeder von uns. Schließlich sind wir doch alle, die wir „aus der Taufe herausgekrochen sind“, um auch Martin Luther noch zu Wort kommen zu lassen, „schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht“. Oder um es anders zu sagen: „Jeder und jede von uns ist ein bisschen Schuldekan.“ Schuldekan oder Schuldekanin - das wär’s also doch!

Der Kirche kann’s nicht schaden. Und Aufgaben gibt es mehr als genug. Amen.

Traugott Schächtele

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