PREDIGT ÜBER EPHESER 2,14-21
SONNTAG, 8. MAI 2016 (EXAUDI)
CHRISTUSKIRCHE HEMSBACH


Es war der 7. Dezember 1970. Vor mehr als 45 Jahren. Ich erinnere mich noch sehr gut. Ich war damals gerade 13 Jahre alt. Am Abend dieses Tages geht ein Bild um die Welt. Ein Bild von unglaublicher Symbolkraft. Ein Bild, das die Wahrnehmung der damaligen Bundesrepublik mehr geprägt und zum Positiven hin verändert hat als viele politische Aktionen davor und danach.

Beim Besuch des Denkmals für den Aufstand im Warschauer Ghetto sinkt Bundeskanzler Willy Brandt auf seine Knie. Zur Überraschung auch all derer, die ihn damals begleiten. „Ich tat, was Menschen tun, wenn die Worte versagen“, sagt Brandt später erläuternd, als er auf seinen Kniefall angesprochen wird.

Der Kniefall als Ausdrucksmöglichkeit, wenn die Worte versagen! Wenn ich mich einer Wirklichkeit gegenübergestellt sehe, die alle mir vertrauten Dimensionen sprengt. Die mich zu einer Stellungnahme herausfordert gegenüber dem, was wirklich von Bedeutung ist in einem Menschenleben.

Der Kniefall – er ist ein Relikt vergangener Zeiten. Beim Heiratsantrag in alten Filmen kann man ihn manchmal noch sehen. Die Kniebänke in manchen katholischen Kirchen erinnern noch daran. Der Knicks, den ältere Menschen beim Abendmahl noch andeuten. Wenn jemand auf die Knie geht, dann bringt er zum Ausdruck: Ich stehe etwas gegenüber, das größer ist als ich.

Für die Liebe trifft das zu. Und für den Tod. Schuld und die Erfahrung der Wirksamkeit des Bösen gehören in diese Kategorie. Aber auch die Vergebung. Die Gewährung des überraschenden Neuanfangs. Ja überhaupt die elektrisierende Herausforderung durch das, was uns heilig ist.

Der Kniefall ist eine Form des Sprechens, wenn Worte an ihre Grenze kommen. Wenn Worte versagen.

Der Predigttext für diesen Sonntag Exaudi hat seinen theologischen Ort genau an dieser Grenze. An der Grenze zwischen dem, was Worte zum Ausdruck bringen können und Bekenntnis zum Unsagbaren.

Der Predigttext für diesen heutigen Sonntag Exaudi ist, steht im 3. Kapitel des Epheserbriefes in den Versen 14-21.Dort heißt es:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


Die Rückkehr des Heiligen, liebe Gemeinde, ist in vollem Gange. Das Heilige wühlt auf. Das Heilige öffnet unsere Sinne für die Wahrnehmung über den Horizont hinaus. Das Heilige macht sprachlos.

Was ist uns Menschen im zweiten Jahrzehnt des drittem Jahrtausends noch heilig? Was ist ihnen heilig, liebe Gemeinde? Die heiligen Orte ihres Lebens - Kennen sie sie? Die heiligen Momente ihrer Lebensgeschichte – hüten sie sie in ihrer Erinnerung? Menschen, die ihnen irgendwie fast heilig vorgekommen sind - fällt ihnen da jemand ein?

Wenn sie sich etwas Zeit nehmen zum Nachdenken – ich bin sicher, das, was heilig war und heilig ist in ihrem Leben, das bleibt in ihrer Erinnerung präsent. Der Moment, in dem ihnen ihre Liebe ganz bewusst geworden ist. Der erste Berührung mit dem Neugeborenen. Das Gipfelkreuz – und der Blick herunter in die Landschaft, die wie ein Teppich vor den Füßen liegt. Und nichts mehr erahnen lässt von all den Sorgen und Nöten der Menschen, die dort leben. Sportler, die den ersehnten Pokal in Händen halten.

Es ist die Begegnung mit dem Heiligen, die einen Menschen auf die Knie sinken lässt. Es ist dieses Heilige, das unserem Leben Sinn und Wert verleiht. Es ist dieses Heilige, das uns leben lässt, auch wenn die Gegenwart so gänzlich heillos daherkommen mag.

Vor gerade einhundert Jahren ist ein Buch erschienen, das den Titel trägt: „Das Heilige“. Dieses Buch wird zu einem Bestseller, immer wieder neu aufgelegt. Bis heute. Für Rudolf Otto, den Autor, ist das Heilige das ganz Andere, das in die Welt einbricht. Das sich unserem rationalistischen Zugriff entzieht Die Erfahrung des Heiligen versetzt die Menschen einerseits in Angst und Schrecken - Otto spricht dann vom Tremendum - und es lockt und begeistert die Menschen. Dann spricht Otto vom Faszinosum.

Über die religiöse Erfahrung des Heiligen schreibt Otto einmal: Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen in Sankt Peter und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale im Kreml und das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklangen, diese erhabensten Worte, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.
Der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften, die schrecklichen Kriege, das Zerbrechens der alten Weltordnungen und der überkommenden Werte, ein ums andere Mal – sie haben dem Heiligen am Ende nicht den Garaus machen können. Heute spielt sich vor unser aller Augen ein faszinierendes Schauspiel ab. Überall in einer ihrem Selbstanspruch nach säkularen Welt geben die Platzhalter des Heiligen ihre wahre Identität zu erkennen. Religion ist wieder in. Und erhält Zulauf. Auch bei uns.

Die Rückkehr des Heiligen ist nicht zu denken ohne die Rückkehr der Bilder. Und die neue Kraft des Religiösen erhält eben durch die Inszenierung immer neuer Bilder ständig neue Nahrung. Doch die Altarräume dieser unaufhörlich inszenierten Rituale finden sich immer weniger in den Kirchen. Sie finden sich im Internet. Und ihre Designer gebärden sich wie Angehörige einer neuen Priester-Kaste.

Was für ein Irrweg: Zum Garanten dieser neuen Möglichkeiten der Inszenierung des Heiligen wird der Mensch selber. Der Mensch, der sich selber heilig spricht. Aber nicht in seiner Abhängigkeit von dem, den wir in der Sprache der Religion den Heiligen nennen. Sondern im Versuch der eigenen Makellosigkeit. In der Selbstinszenierung der eigenen Möglichkeiten der Grenzüberschreitung. Im neuen Kult der Selbstperfektionierung und Selbstinszenierung. Heilig ist das, womit wir uns und andere vor aller Augen selber heilig sprechen.

Der Predigttext aus dem Epheserbrief konfrontiert diese Sicht unübersehbar mit einem Gegenentwurf. Und erweist sich damit zugleich als hilfreich, um einen Kurswechsel zu ermöglichen, der die Neuentdeckung des Heiligen vor purer Oberflächlichkeit zu bewahren vermag. Auch er setzt ein mit einem Kniefall. Und damit mit der Begegnung mit dieser alle Dimension sprengenden Macht des ganz anders Heiligen.

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“ Das Bild mag altertümelnd sein wie der Kniefall überhaupt. Aber die Begegnung mit dem Heiligen ist die zentrale Lebenserfahrung schlechthin. Sie gibt uns Anteil am Heiligen. Sie lässt uns selber heilig werden. Um die Ur-Erfahrung der Gottesbegegnung geht es dem Verfasser des Epheserbriefes. Einer Gottesbegegnung in Gestalt der Begegnung mit dem Platzhalter Gottes mitten unter uns. Einer Begegnung mit Christus. Weil der zusammenbindet, was sonst auseinander fällt. Schöpfer und Geschöpf. Himmel und Erde. Leben und Tod. Gott und Mensch.

Diese Erneuerung lässt sich nicht erjoggen und nicht erzwingen. Diese Erneuerung erschließt sich nur in der Öffnung hin zum ganz anderen. Zum dem, was unsere Alltagserfahrung übersteigt. In der Anerkenntnis der alles überwältigenden Dimension jener Kraft, die „überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen“ – um noch einmal den Predigttext selber sprechen zu lassen. Das Programm einer Erneuerung des Menschen aus der Mitte und dem Zentralen heraus. Aus der Begegnung mit dem Heiligen. Und dem Kniefall als Bild einer Körperübung der inneren Erneuerung.

Hier wird tatsächlich am Heiligen gerührt. Hier wird das Grunddatum des Religiösen und der Religion beschrieben. Und zugleich die Ur-Erfahrung wahrer Menschwerdung. Aber eben nicht in abstrakten Formeln, sondern in konkreter Zuspitzung. Am inwendigen Menschen erneuert werden, heißt daher mit der Herrschaft des Christus rechnen. Damit rechnen, dass dieser Christus gestaltend beteiligt ist an der Veränderung der Welt. Damit rechnen, dass die Liebe die bleibende Grundmotivation unseres Handelns ist. Und bleibt.

Und mit einem Mal erweist sich dieser Epheserbrief als Brücke, um die überraschenden Rückkehr des Heiligen in unseren Tagen zu verstehen. Mit einem Mal erweist er sich als modern. Und nicht, wie er oft verdächtig wird, als Dokument theologischer Verflachung in nachpaulinischer Zeit. Es war das Verdienst des Paulus, die neu erstandene christliche Bewegung für nichtjüdische Interessentinnen und Interessenten attraktiv gemacht zu haben. Es war das Verdienst des Paulus, den Menschen in seiner Position vor Gott radikal auf die Möglichkeiten des Glaubens verwiesen zu haben.

Der Epheserbrief hat sein eigenes unverzichtbares Verdienst. Er bindet das vorläufig erst einmal konsolidierte Christentum der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts ein in seine religiöse Mitwelt und in den Fragehorizont der damaligen Welt. Er macht es gewissermaßen ökumenisch anschlussfähig. Wobei der Ökumene-Begriff des Epheserbriefes gleich den ganzen Kosmos mit einbezieht.

Es ist das Verdienst des Epheserbriefes, dass er die Begegnung mit dem Heiligen und der Erneuerung des inwendigen Menschen ins Zentrum rückt. Sie aber nicht irgendwie allgemein religiös begründet, sondern im Rückgriff auf Christus - verstanden als gangbare Brücke zwischen dem alten Denken und den neuen Möglichkeiten. Als Brücke zwischen der Weite des Kosmos und der Enge unserer konkreten Lebenswelt. Als Brücke aber auch zwischen einem idealisierten Bild des Menschseins und dem konkreten Menschen, der Gott auch in der Gebrochenheit und Zweideutigkeit seiner Existenz recht ist.

Das Maß des Menschlichen ist nicht der Mensch mit den Konfektionsmerkmalen der Makellosigkeit und der Perfektion. Das Maß des Menschlichen ist dann schlicht die Liebe. Das Maß des Menschlichen ist Christus selber.

Keine Ideologie und keine Religion können mit diesem Maß ernsthaft konkurrieren. Keine Form der Bedrohung und kein missionarischer Impetus vermögen zu rechtfertigen, dass der Mensch dieses Maß vergisst. Oder es außer Kraft setzt.

Wer sorglos mit dem Leben experimentiert, darf sich nicht wundern, wenn die Ehrfurcht vor dem Leben schwindet. Wer sich vor dem Menschlichen in Sicherheit bringen will mit neuen Mauern und Zäunen aus Stacheldraht, Freiheit wirkt verbraucht und marode. Wem der hilfsbedürftige Mensch nicht mehr heilig ist, der wird auch die Rückkehr des Heiligen verpassen.

Wo das Heilige, wo der Heilige dann wirklich Raum bekommt – wo sich der Mensch in der Begegnung mit dem Heiligen seiner Würde bewusst wird, da bleibt am Ende dann nur noch: das Schweigen. Da bleibt am Ende nur noch, in Anerkenntnis der Größe Gottes seine Knie zu beugen. Um überhaupt weiter aufrecht durchs Leben gehen zu können. Erst ganz am Ende bleibt dann, wirklich nur noch das zu tun, was zu tun ist, wenn die Worte versagen.

Dies ist der Spielraum, den Gott uns lässt. Der Spielraum, in dem Gott uns begegnet. Im Menschen links und rechts neben dir - auf der Suche nach dem Heiligen wie du. In Christus. Jetzt gleich in Brot und Wein.

Gänzlich zu schweigen ist jetzt noch nicht an der Zeit. Gott hat uns noch Freiraum gelassen, zu begreifen, „welches die Breite und die Länge, die Höhe und die Tiefe ist“, ehe uns die Fülle des Heiligen einholt. Ehe wir tun, was zu tun ist, wenn unser Verstand an seine Grenzen stößt und unsere Worte ihren Sinn verlieren. Ehe wir Gott in seiner Fülle begegnen. Und die Begegnung mit dem Heiligen uns zum Schweigen bringt. Und wir einstimmen in die nie mehr endende Feier des Lebens selber. Amen.


Traugott Schächtele

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