PREDIGT ÜBER 1. TIMOTHEUS 1,12-17
IN DEN GOTTESDIENSTEN AM SONNTAG, DEN 12. JUNI 2016
IN DER DORFKIRCHE LINDELBACH UND DER JAKOBSKIRCHE URPHAR
AM SONNTAG, DEN 12. JUNI 2016 (3. S.N.TR.)


Liebe Gemeinde! Wann ist ein Mensch ein Christ? Diese Frage wird immer wieder neu gestellt – schon so lange es Kirche gibt.

Stellen sie sich einmal vor, das Kamerateam irgend eines Fernsehsenders wäre jetzt in der Kirche. Nicht um den Kirchenraum zu filmen oder um den Gottesdienst aufzuzeichnen. Sonden um ihnen eine Frage zu stellen. Mit einem Mal würde sich das Mikrophon auf sie richten. Und eine Reporterin fragt sie vor laufender Kamera: Sind sie ein Christin? Sind sie eine Christin?

Erschrocken wären sie vermutlich. Und das „ja“, das ihnen doch auf der Zunge liegt, käme womöglich gar nicht so schnell heraus. Vielleicht würden sie sich erst selber fragen: Bin ich ein Christ? Bin ich eine Christin? Und ich frage mich: Wann ist denn ein Mensch ein Christ?

Wann ist ein Mensch ein Christ? Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage. Drei will ich hier nenn Wann ist ein Mensch ein Christ? en. Antwort 1: Wenn er getauft ist! Falsch ist das nicht. Die Taufe gehört untrennbar zu einem Christenleben dazu. Durch die Taufe wird uns die Mitgliedschaft in der Kirche zugesprochen.

Wann ist ein Mensch ein Christ? Antwort 2: Wenn er das Leben eines Christen führt! Auch da ist viel Richtiges dran. Mein Christsein sollte sich auch in meinem Leben widerspiegeln, damit man mir meinen Glauben abnimmt – allerdings ohne dass ich perfekt sein muss. Christenmenschen sind nicht perfekt. Aber sie wissen, dass sie aus der Vergebung leben.

Noch einmal gefragt: Wann ist ein Mensch ein Christ? Antwort 3: Wenn er sich im christlichen Glauben auskennt! Auch das ist durchaus richtig. Nicht jeder muss Theologie studiert haben! Aber Grundkenntnisse im Glauben gehören doch zum Christsein dazu. Nicht ohne Grund war früher noch der Katechismus in Verwendung. Vielleicht auch bei ihnen im Konfirmandenunterricht. In Frage und Antwort waren da zentrale Inhalte des christlichen Glaubens zusammengefasst.

Alle drei Antworten spielen im Predigttext für diesen Sonntag eine Rolle. Er steht im 1. Timotheus-Brief, Kapitel 1, die Verse 12 bis 17:

Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.

Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.


Zunächst: Am Anfang und am Ende des Predigttextes steht das Lob Gottes. Gott zu loben, Gott zu danken, das scheint zumindest auch etwas mit dem Christsein zu tun zu haben. Ja mehr noch. Das Gotteslob ist im christlichen Glauben ganz zentral. Und Christ zu sein oder Christin – ohne Gotteslob geht das nicht.

Wann ist ein Mensch also ein Christ? Diese Frage ist fast so alt wie das Christentum selber. Nur ganz am Anfang war das unklar. Die Jünger Jesu oder der Apostel Paulus – die haben sich noch nicht als Christen gefühlt. Sie waren Juden, das stand für sie völlig außer Frage.

Natürlich haben sie sich von Dennoch haben sie sich irgendwie von den anderen Juden unterschieden. In ihrem Glauben spielte dieser Jesus von Nazareth die entscheidende Rolle. Irgendwie fühlten sie sich einer Reformströmung zugehörig. Man sprach vom „neuen Weg“ innerhalb des Judentums. Man sprach von den Christus-Anhängern. Aber an ihrem Jüdisch-Sein hatten sie alle nicht den geringsten Zweifel.

Erst kurz vor der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert nach Christus gehen die beiden Weisen, an Gott zu glauben, getrennte Wege. Erst da kann man wirklich vom neu entstandenen Christentum sprechen.

Und genau da taucht dann auch diese Frage zum ersten Mal auf. Wann ist ein Mensch ein Christ? Und die Menschen suchten nach Antworten. Und nach Gallionsfiguren dieses Glaubens.

Zwei Figuren spielten damals in der Erinnerung eine herausragende Rolle. Zum einen Jakobus, der leibliche Bruder von Jesus. Er hatte seinen Wirkungskreis in Jerusalem. Unter denen, die sich weiter zum Judentum gehalten haben. Zum anderen Paulus. Er war zunächst ein heftiger Gegner der neuen Jesus-Bewegung. Er hatte sogar Verfolgungen gegen Christen angezettelt. Aber dass hatte er eine Christus-Erscheinung. Vor Damaskus. Als Folge davon wechselt er zur Jesu-Bewegung über.

Aus dem Verfolger wird ein Missionar. Die Zielgruppe des Paulus – das sind zunächst Menschen mit jüdischem Glauben, die außerhalb von Jerusalem leben. Doch schon bald erweitert er seinen Adressatenkreis. Immer mehr richtet sich an die Menschen im römischen Reich, die bisher einer der vielen anderen Religionen angehört haben. Die Anhänger der römischen und der griechischen Götter gewesen sind. Oder Anhänger des ägyptischen Isis-Kultes. Oder Anhänger philosophischer Welterklärungstheorien. Und dieser Paulus hatte größten Erfolg. Vor allem in Kleinasien, in der heutigen Türkei. Schon bald gibt es ein Netz neuer Gemeinden in den Städten Kleinasiens.

Kein Wunder, dass sich die Menschen an Paulus erinnern, als solch zentrale Fragen aufbrechen wie die: Wann ist ein Mensch ein Christ? Aber Paulus ist da schon Jahrzehnte tot. Er hat wahrscheinlich in Rom den Märtyrertod erlitten.

Aber die Erinnerung an ihn ist noch sehr lebendig. Und darum schreibt ein Theologe, den wir mit Namen kennen, einen Brief im Namen des Paulus. Als Empfänger dient Timotheus. Er ist einer der engsten Mitarbeiter des Paulus. Er ist der Prototyp eines Anhängers der neuen Religion. Die Mutter jüdisch, der Vater heidnisch. So wie bei vielen damals. An ihm lässt sich gut aufzeigen, worum es im Christentum geht.

Also schreibt dieser uns unbekannte Autor einen Brief im Namen des Paulus. Adressat ist Timotheus, sein „Sohn im Glauben“. Weil an ihm schön gezeigt werden kann, was zentral ist in dieser neuen aufstrebenden Religion, dem Christentum.

Getauft ist Timotheus längst, auch wenn wir darüber keinen Bericht haben. Die Taufe war unabdingbare Voraussetzung, um in die Gemeinde aufgenommen zu werden.

Meine zweite Antwort vorher, das war das vorbildliche Leben. Der Briefschreiber lässt darum den Paulus erzählen. Ein Lästerer, ein Verfolger, ein Frevler sei er gewesen, lesen wir da. Aber dann habe Gott ihm die Umkehr in ein neues Leben gelingen lassen. Gnade nennt Paulus das. Denn er weiß, verdient hat er diese Wende in seinem Leben nicht. Christsein heißt eben auch: Immer wieder eine neuen Chance bekommen. Und nicht einfach für immer aussortiert zu sein.

Paulus ist nicht nur stolz auf sein Christsein. Er ist auch stolz auf das, was er erreicht hat. Er ist stolz auf sein Amt als Apostel. Wann ist ein Mensch ein Christ? Wohl gerade nicht dann, wenn sich einer selber als Vorbild in Szene setzt. Sondern wenn er sich von Gott verlocken lässt, es noch einmal neu zu versuchen. Paulus ist dafür selber das beste Beispiel – zumindest lässt der Briefschreiber uns das wissen.

Bleibt das dritte: Die Kenntnis der zentralen Inhalte des Glaubens. In den beiden Briefen an Timotheus kommen immer wieder Kernsätze des Glaubens vor. Immer mit einem roten Ausrufezeichen versehen – wie bei einer email mit hoher Priorität. Im Text heißt es bei solchen Sätzen immer: „Das ist gewisslich wahr und ein Wort, das des Glaubens wert ist:“ Hier lautet der Kernsatz also:

„Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen.“ Sehr dogmatisch hört sich dieser Satz an. Aber er sagt nichts anderes als das, was Paulus selber erlebt hat: Gott hat sich ganz auf diesen Welt eingelassen. Gott ist in diesem Jesus von Nazareth gewissermaßen mitten hinein getaucht in unser Leben. Und hat uns so die Möglichkeit eröffnet, neu und ein anderer, eine andere zu werden.

Christsein heißt, immer mit der Möglichkeit eines neuen Anfang zu rechnen. Sinnbild dafür ist die Taufe. (Darum freue ich mich sehr, dass wir in diesem Gottesdienst jetzt gleich die Taufe von Maja feiern können. Wir sagen Gott Dank für das Geschenk dieses Menschenkindes. Und wir vertrauen sie seinem Segen an. Maja wird damit hineingestellt in die lange Kette der Menschen, die wir der schützenden Hand Gottes anvertrauen. Und von denen wir uns erhoffen, dass sie mithelfen, dieser Welt ein freundlicheres Gesicht zu geben. Die Taufe ist gerade auch dafür ein Zeichen!)

Sie ist sichtbarer Ausdruck unseres Bemühens, als neue Menschen zu leben. Uns einzusetzen für mehr Gerechtigkeit. Uns einzusetzen für die, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Für die, denen ein Dach über dem Kopf zu bieten, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Glaubwürdig zu sein, damit Menschen anfangen, sich für unseren Glauben zu interessieren.

Christsein heißt dann eben auch, die Antwort nicht schuldig zu bleiben, wenn wir nach dem Grund unseres Handelns und dem Grund unseres Glaubens gefragt werden. Vielleicht heißt die kürzeste und knappste Antwort – und die beste Übersetzung des Verse mir dem roten Ausrufezeichen: Gott ist Mensch geworden, damit wir menschlicher miteinander umgehen. Und ich könnte den Satz auch noch umdrehen: Wo wir menschlich, wenn wir geschwisterlich miteinander umgehen, findet Gott seinen Platz mitten in unserer Welt. Mitten in unserem Leben. Mitten in meinem Leben. Das ist doch allemal Grund genug, es mit diesem Glauben zu probieren. Und mich einzureihen in die große Kette der Menschen, die es über die Jahre und Jahrtausende mit Gott gewagt haben. Und die nicht enttäuscht wurden.

Ich bin sicher: Uns wird es nicht anders gehen! Amen.


Traugott Schächtele

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