PREDIGT ÜBER DAS LIED AMAZING GRACE
SAMSTAG, DEN 13. AUGUST IN NEUENDORF
UND SONNTAG, DEN 14. AUGUST 2016 IN KLOSTER
- INSEL HIDDENSEE -


Liebe Gemeinde!

Tausendmal gehört. Tausendmal gesehen. Und dann doch nicht genügend wahrgenommen. Nicht genügend gewürdigt. Wie gut, dass es Phasen, wo wir Zeit haben für den zweiten Blick. Für das zweite, intensivere Zuhören. Und Hinsehen.

Die Urlaubswochen sind eine solche Zeit. Da kann ich ins Nachdenken kommen. Da kann ich das Alte neu bedenken. Da kann ich die Menschen an meiner Seite neu entdecken. Und neu wertschätzen.

Da kann auch eine bekannte, aber oft nur vorbeirauschende Melodie neu ihre Wirkung entfalten. Da kann ich anfangen, einen Text neu zu verstehen. Wie beim Lied Amazing Grace.

Um das Lied Amazing Grace soll’s gehen in dieser Predigt. Amazing Grace ist eines der bekanntesten Kirchenlieder der Welt, auch wenn es in unserem Evangelischen Gesangbuch gar nicht drin steht. Vor allem in England und Amerika wird Amazing Grace aber überaus gern und überaus häufig gesungen.

Die Melodie, die die meisten hier wohl kennen, hatte ursprünglich einen anderen Text. Sie ist auch deutlich jünger als der Text des Liedes. Als Melodie von Amazing Grace taucht sie zum ersten Mal im Jahre 1831 auf.

In dieser Verbindung hat das Lied auch die größte Verbreitung erreicht. Dabei wird das Lied wird in unseren Breiten noch gar nicht so lange gesungen. Es war irgendwann in den 60-Jahren, da erst erreichte Amazing Grace zunächst die britischen Inseln. Dann waren der weiteren Verbreitung keine Grenzen mehr gesetzt. Kaum einer oder eine der internationalen Sängerinnen- und Sängerszene hat dieses Lied nicht im Programm: Janis Joplin, Elvis Presley, Johnny Cash, Rod Steward, Louis Armstrong, Mahalia Jackson um nur einige der bekanntesten zu nennen.

Die Melodie führte also von Anfang an auch ein Eigenleben im säkularen Bereich. Immer wieder wird sie mit anderen Texten unterlegt. Etwa als Fanlied des BVB 09, also von Borussia Dortmund. Dort wird zur Melodie von Amazing Grace gesungen: „Leuchte auf, mein Stern, Borussia“.

Aber die einzigartige, unübertroffene Verbindung ist die zwischen der bekannten Melodie und dem englischsprachigen Text: Amazing Grace – so wie es die meisten hier wohl auch kennen.

Zwei Versionen dieses Liedes gibt es, die mit besonders unter die Haut gehen. Die vielleicht legendärste stammt aus dem Jahre 1985 mit Joan Baez. Ich habe diese wunderbare Sängerin erst vor eineinhalb Wochen bei uns in Schwetzingen live auf der Bühne erlebt. Mittlerweile ist sie 75 Jahre alt. Aber noch immer füllt sie eine große Bühne leicht mit ihrer Präsenz. In ihrer weltbekannten Version von Amazing Grace singt sie das Lied a capalla. Ohne Begleitung. Im Rahmen des großen Live-Aid-Konzertes. Als Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in Afrika.

Die andere Version stammt vom Juni des Jahres 2015. Barack Obama hält die Trauerrede für die Opfer des Amoklaufes von Charleston. Ein weißer Rassist hatte neun Schwarze nach einer Gebetsstunde in ihrer Kirche erschossen. Am Ende seiner Rede kommt Barak Obama auf die Ursünde der amerikanischen Nation zu sprechen wie er das nennt: die Sklaverei. Und dann fängt er mit einem Mal an zu singen: Amazing Grace. Und 6000 Menschen stimmen mit einem Mal in den Gesang ein. Schauen sie sich dieses Video einmal bei You Tube an. Vergleichbares ist bei uns nicht vorstellbar.

Das Thema der Versklavung der Schwarzen, das ist ganz nah bei der Entstehung des Textes von Amazing Grace. Vorher hören wir uns aber noch einmal in das Lied ein. Den Text und die Übersetzung finden Sie auf der Rückseite des Liedblatts.

Amazing Grace Gesang. Engl / Orgel-Improv.

Schon die erste Strophe legt den Charakter dieses Liedes offen. Es ist ein Bekehrungslied. Seinem weltlichen Siegeszug hat das aber wohl kaum geschadet. Einst ein Sünder – jetzt gerettet. Einst blind – jetzt sehend. Ein verloren – jetzt gefunden. Das ist die klassische Beschreibung eines Bekehrungserlebnisses.

Und sicher sind sie jetzt auch gespannt, was für eine Geschichte sich hinter diesem Lied verbirgt. Ich will sie ihnen kurz erzählen.

Der Autor des Liedes ist John Newton. Sein Bild sehen sie vorne auf dem Liedblatt. John Newton wurde im Jahre 1725 in London geboren. Sein Vater war Schiffskapitän. John Newton ist nicht sehr religiös erzogen worden. Die spärlichen religiösen Kenntnisse verdankt er seiner Mutter.

Im Alter von 11 Jahren beginnt er eine seemännische Ausbildung. Er rebelliert gegen die schlimmen Zustände, die er auf dem Schiff entdeckt und bringt sich in große Schwierigkeiten.

Einige Zeit später heuert auf einem Sklavenschiff an. Auch hier gerät er in Streit. Dieses Mal mit einem Händlers, der Sklaven aus Afrika mitbringt. John Newton rebelliert. Und wird misshandelt. Einem Freund seines Vaters gelingt es, ihn aus dieser bedrohlichen Situation herauszuholen.

Zurück in England steigt er auf zum Kapitän. Und muss nun selber ein Schiff steuern, das voll ist mit Sklaven. Auf einer Überfahrt gerät er in einen Sturm. Er bekommt Angst um sein Leben. Als er gerettet wird, ist für ihn nichts mehr wie es war. Er erlebt eine Bekehrung. Findet Zugang zum christlichen Glauben.

Trotzdem bleibt er zunächst Kapitän auf dem Sklavenschiff. Nach einigen Überfahrten wird er schwer krank. Vermutlich hat er einen Schlaganfall. Diese Krankheit erst bringt ihn dazu, aus dem Sklavenhandel auszusteigen.

Newton findet einen neuen Arbeitsplatz. Er arbeitet beim Zoll in Liverpool. Nebenher beschäftigt er sich mit Theologie. Er lernt die alten Sprachen. Hebräisch und Griechisch. Mit 39 Jahren wird er zum Priester geweiht.

Acht Jahre später, im Dezember 1772 beschreibt er sein Leben in Form eines Gedichts. Das Gedicht ist das Lied, um das es heute geht. Amazing Grace! „Ich war verloren, und wurde gefunden.“ Newton hatte diese Erfahrung nicht nur einmal gemacht. Immer wieder gerät er in ausweglose Situationen. Und immer wieder kommt er auf wunderbare Weise ein Stück vorwärts auf seinem Lebensweg. Und Schritt für Schritt, fast unmerklich, erhält sein Leben eine neue Ausrichtung.

Auch nach 1772, dem Jahr, in dem er Amazing Grace schreibt, geht dieser Weg weitert. Newton ist schon 64 Jahre alt, da wird der Sklavenhandel für ihn noch einmal zum Lebensthema. Newton meldet sich politisch zu Wort. Im Jahre 1789 tobt in Frankreich die Revolution. In diesem Jahr 1789 hält Newton eine Rede vor dem britischen Oberhaus. Eine mutige Rede! Schonungslos kritisiert er die Sklaverei und den Sklavenhandel. Die Abschaffung der Sklaverei erlebt er nicht mehr. Aber er ist einer ihrer Wegbereiter. Im Jahre 1807 stirbt Newton im Alter von 82 Jahren.

Die heftige Kritik, die Newton am Sklavenhandel übt - sie ist wohl der Grund dafür, dass viele in Amazing Grace, im Lied von der erstaunlichen Gnade, ein Protestlied entdecken. Und im Grunde ist das eine richtige Beobachtung. Wer die Gnade Gottes in seinem Leben erfahren hat, kann selber gegenüber anderen nicht mehr gnadenlos sein. Dazu gleich noch einige Gedanken. Jetzt hören wir erst noch einmal in das Lied hinein.

Amazing Grace (weitere Strophen oder Orgel-Improv.)

Verloren und gefunden. Gerettet durch die erstaunliche Wirkung der Gnade. So beschreibt John Newton im Rückblick sein Leben. Für uns mag diese Sprache etwas schwulstig daherkommen. Kitschig und voll frommer Romantik. Wir sind es nicht mehr gewohnt, unser Leben mit solchen Formulierungen zu beschreiben.

Aber so ganz aus der Welt ist das nicht. Vor einigen Monaten habe ich in der Wochenzeitung DIE ZEIT eine moderne Bekehrungsgeschichte entdeckt. Also ein ganz aktueller Beitrag zum Thema der erstaunlichen Gnade. Ein Ehepaar, nicht kirchenfeindlich eingestellt, aber auch nicht besonders christlich, beide Schriftsteller, schreibt da in einem Beitrag:

Vor acht Jahren wohnten wir noch in Berlin-Mitte. Wir fragten uns, ob das alles war, was das Leben zu bieten hatte: Bücher schreiben, Kinder kriegen, trinken gehen. Ein paar rauschhafte Nächte, gute Filme und anregende Gespräche. So zog unser Leben vorbei – die meiste Zeit recht angenehm, ohne besonderen Schmerz, aber auch ohne besondere Tiefe. Wir waren durstig und hungrig; aber egal, was wir in uns hineinfüllten, wir wurden nicht satt.

Die Familie entscheidet sich, nach Südafrika auszuwandern. Sie schreiben dann weiter:

Es dauerte nicht lange, und wir begriffen, wie sehr die Menschen hier vom christlichen Glauben geprägt waren. (...) In Südafrika lernten wir einen Gott kennen, der in den Menschen lebt und nicht in einem Kirchengebäude. Einen persönlichen Gott, der Humor hat, der liebt und der den Menschen Zuversicht gibt. Einen Glauben, der radikaler ist als Punk, Kommunismus, Feminismus und Revolution. Der Krankheit, Rassen und Klassen überwindet. (...) Trotz aller Probleme die dieses Land heute hat: Auf uns wirkte das wie wahr gewordene Utopien – und das hat uns zu Christen werden lassen.

Auch das ist eine der vielfachen Geschichten von Amazing Grace, von der erstaunlichen Gnade. Genauso wie die von John Newton. Da wird ein Leben auf den Kopf gestellt. Vielleicht müsste ich auch sagen auf den Punkt gebracht. Zu mehr Schärfe und zu mehr Klarheit geführt. Zu mehr Mut und zu mehr Einsatz für Gerechtigkeit.

Da wird jemand aus der Bahn geworfen. Aber nicht ins Nichts geschleudert. Sondern auf einen neuen Weg gestellt. Und das alles, weil da eine Kraft am Wirken sein soll, die John Newton als Amazing Grace beschreibt. Und die wir als Amazing Grace besingen.

Amazing Grace – erstaunliche Gnade. Gnade – ein Begriff, der heute nicht mehr so in Mode ist. Was meint das: Gnade? Gemeint ist damit: Wir müssen nicht erst irgendetwas leisten, um vor Gott recht zu sein. Wir müssen uns nicht erst verdienen, dass Gott uns wertschätzt. Gottes Zuneigung erhalten wir gewissermaßen aus Gnade – sola gratia, wie die Reformatoren das genannt haben – gratis!

Der große Theologe der Gnade in der Bibel, das ist Paulus. Um die Gnade dreht sich alles bei ihm. Wo die Gnade Gottes am Werk ist, da kann ein Mensch selbst mit schwachen Kräften Großes bewirken.

Und Paulus hat ja auch eine ähnliche Erfahrung gemacht wie John Newton. Oder wie das Schriftstellerehepaar aus Berlin-Mitte. Auch er wird aus der Bahn geworfen. Wird vom Saulus zum Paulus, wie wir manchmal sagen. Obwohl das nicht ganz stimmt. Aber er kann sein Leben unter neuen Vorzeichen sehen. Er definiert seinen Weg noch einmal ganz neu. Sieht sein Leben und seine Möglichkeiten noch einmal in einem ganz anderen, neuen Licht.

Das ist Amazing Grace. Das ist das Erstaunliche an der Gnade. Das ist das, was uns amüsiert und verblüfft. Die Entdeckung: Die Bandbreite unserer Möglichkeiten ist viel breiter als wir meinen!

Die Erfahrung der alles verwandelnden Gnade Gottes. Dieser Zuspruch des Seinsrechts, wie das ein Theologe aus Südafrika nennt, muss nicht spektakulär vor sich gehen. Nicht in einem Moment. Oft geschieht das nicht einmal wahrnehmbar. Weil es um einen Prozess geht. Einen oft lebenslangen Weg. Das kann man bei John Newton wunderbar sehen.

Leben im Wirkungsbereich der Gnade, der amazing Grace, meint auch nicht einfach einen Ausstieg aus dem Beruf. Aus der Familie. Es meint vor allem und zuallererst einen Sinneswandel. Meine eine Neu-Auslotung der Möglichkeiten, die in uns liegen. Meint eine Neu-Ausrichtung unseres Glaubens. Und vieles wird wahr, was wir vorher gar nicht im Blick hatten.

Diese Erfahrung wünsche ich ihnen. Diesen zweiten, intensiveren Blick auf das Vorher womöglich zu Unrecht Übersehene. Diese Neuentdeckung des Lebens mitten im Alten. Wenn uns das nicht zum Singen bringt, was dann? Amazing Grace! Mehr braucht’s nicht. Amen.


Traugott Schächtele

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