PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 13,44-46
GOTTESDIENST ZUR ERÖFFNUNG DER DEKANSWAHLSYNODE
AM 11. NOVEMBER 2016 IN DER STADTKIRCHE
IN SINSHEIM


Liebe Synodalgemeinde!

Kein Zweifel – diese Woche ist die Wahl-Woche des Jahres 2016. Am vergangenen Dienstag Wahltag in den USA. Heute in der Synode des Kirchenbezirks Kraichgau. Wahlen entscheiden zwar immer nur in einer ganz konkreten Situation. Sie antworten auf eine ganz konkrete Entscheidungsherausforderungen.

Und doch geht’s bei den meisten Wahlen zugleich doch immer um vielmehr. Die einzelne Wahl ist zugleich immer auch eine, in der alles auf dem Spiel steht. In einer Wahl werden langfristige Entscheidungen - und nicht selten solche mit großer Tragweite - zugespitzt und auf den Punkt gebracht. Die Nacht der Wahlentscheidung in den USA und die Sorgen um die Zukunft, die bei uns entstanden sind, haben uns das aufs Neue gelehrt.

Wählen heißt sich entscheiden. Heißt einer Möglichkeit den Vorzug vor einer anderen zu geben. Um eine Wahl - eine Wahl mit lebenslangen und lebensrelevanten Folgen geht’s auch in der Geschichte, die ich ihnen jetzt erzählen möchte. Um eine, die sich derjenige, die seine Wahl trifft, durchaus etwas kosten lässt.

Im Orient hat mag diese Geschichte sich zugetragen haben. Irgendwo in einem Basar, wo ein Verkaufsstand neben dem anderen liegt.

Eine überdachte Marktgasse, wie sie viele sicher schon im Urlaub erlebt haben. Händler an Händler. Eingebettet in alle Düfte des Orients. Exotische Gewürze. Gebackenes. Tee und Kaffee. Überall dazwischen brennende Öllampen.

Mittendrin ein Kaufmann. Er handelt mit Schmuck. Alles, was man sich nur vorstellen kann. Kostbares Geschmeide. Glitzernde Armreifen. Perlen und Edelsteine aller Art. Er kauft und verkauft. Wird hereingelegt und haut selber auch andere über’s Ohr. Schlitzohrig ist er geworden im Lauf der Jahre. Und erfahren dazu. Er kennt sich aus mit Schmuck. Sieht, was sich lohnt. Weiß, wovon man besser die Finger lässt.

Von einem großen Fund träumt er, solange er Kaufmann ist. Sagenhafte Perlen soll es geben, rund und schön wie keine anderen. Ein Vermögen wert. Aber keiner hat je eine solche Perle gesehen. Ein Traum ist das. Der Traum jedes Kaufmanns.

Dann - irgendwo bei einem Perlenhändler, als er wieder einmal auf der Suche ist nach neuen Perlen, da traut der Kaufmann seinen Augen kaum. Mitten unter vielen anderen sieht er die eine Perle liegen. Schöner noch, als er sie sich je hat vorstellen können.

Schnell hat der Kaufmann seine Wahl getroffen. "Diese Perle will ich haben", sagt er. Und der andere nennt ihm einen Preis - so hoch, wie er noch nie zuvor einen Preis hat zahlen müssen. Alles, was er hat, würde er für diese Summe drangeben müssen. Aber ganz egal. "Ich zahle", sagt der Kaufmann, auch wenn er noch gar nicht weiß wie. Seine Augen sehen nur die Perle. Und in seinem Kopf ist nur der eine Gedanke: Ich muss sie haben. "Gut", sagt der andere. "Dann nimm sie mit. Sie gehört dir. Aber lass mit dem Geld nicht zu lange auf dich warten."

Himmlisch, das Gefühl, so eine Perle sein eigen zu nennen, denkt der Kaufmann. Allein wegen dieser Perle hat es sich schon gelohnt, Kaufmann zu werden. Und zu leben.


"Wie mit dieser Geschichte", sagt Jesus, „so ist es auch mit dem Himmelreich." Mehr als dieser lapidare Satz Jesu ist uns zu dieser Geschichten nicht überliefert. Sie ist heute der Lehrtext der Herrnhuter Losungen. Hört also, wie Matthäus im 13. Kapitel von dieser Geschichte berichtet. Und von einer anderen, ganz ähnlichen.

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Geschichten einer Wahl, liebe Gemeinde. Einer lebensentscheidenden Wahl. Fast meine ich, könnte man die Geschichte des Donald Trump darin entdecken. Unter allen Aufgaben hat ihm jetzt die des Präsidenten der Vereinigten Staaten in die Nase gestochen. Dieses Amt fehlte ihm noch. Und er trifft die Wahl seines Lebens. Er gibt sein Vermögen preis. Und kauft sich das Amt, nach dem ihn so gelüstet.

Fast, so könnte man meinen, ist das eine ganz ähnliche Geschichte. Wenn in den beiden biblischen Geschichten nicht der Satz Jesu dazu käme: „So verhält es sich mit dem Reich Gottes!“

Bei Donald Trump ist vom Reich Gottes nichts zu spüren. Da heißt es nur „ich“ und „mein eigenes Reich.“ Und wenn er von „America first“ spricht, ist das „ich zuerst“ unüberhörbar.

Mit dem Reich Gottes verhält es sich gänzlich anders. Das Reich Gottes blitzt auf. Ganz unerwartet. Ohne mein Zutun. Mitten im Leben. Es hat das gelingende Miteinander der Menschen untereinander und mit Gott im Blick. Und nicht die Mehrung der eigenen Macht. Ich habe die Wahl, mich auf dieses Reich Gottes einzulassen. Oder eben alleine auf meine eigenen Möglichkeiten zu setzen.

Die Reiche des Egoismus schaffen wir Menschen uns selbst. Und am Ende müssen wir sie mit Macht und Gewalt verteidigen. Da haben wir dann keine Wahl mehr. Denn diese Reiche sind sehr anfällig. Und fallen früher oder später in sich zusammen.

Wenn ich auf das Reich Gottes setze, muss ich mein Leben immer noch gestalten unter den Bedingungen der Gegenwart. Aber ich weiß, dass da noch etwas aussteht. Dass da eine Lücke bleibt, die ich selber nicht füllen kann.

Wenn ich das Reich Gottes wähle, setzte ich auf eine Zukunft, die mir geschenkt wird. Die ich selber weder herstellen noch garantieren kann.

Wenn ich das Reich Gottes wähle, heißt der Wahlslogan eigentlich „God first!“ Diese Entscheidung ist oft nicht so einfach, wie wir meinen. Sie ist allemal eine große Herausforderung. Sie ist sehr anspruchsvoll, weil ich sie mir etwas kosten lassen muss. Und weil mir Geld, Macht und Gewalt hier nicht weiterhelfen. Die Entscheidung „God first!“ – sie spielt sich in ganz anderen Räumen ab. Sie ist zuallererst eine Entscheidung des Glaubens.

Manchmal müssen wir uns auch unseren Glauben schon etwas kosten lassen! Da reicht es nicht aus, neben allem anderen, was wir sind, irgendwie auch noch Christin zu sein oder Christ. Dies wäre eine Art des Christseins, von der Karl Barth einmal gesagt hat, der Glaube käme halt noch dazu „wie das bisschen Zimt zur Speise“.

Manchmal müssen wir uns unseren Glauben schon etwas kosten lassen. Müssen anderes dran geben für die schöne Perle oder für den ertragreichen Acker. Den Mantel – wie Martin der Bischof von Tours, dessen Gedenk-Tag wir heute begehen. Manchmal müssen wir etwas dran geben im wahrsten Sinne des Wortes. Liebgewordene Lebensgewohnheiten auf Kosten anderer. Eingesetzte Zeit und persönlichen Einsatz. Kirchensteuer und Kollekte. Verzicht auf das ich zugunsten des du. Die Konzentration auf den einen Gott führt zum Verzicht auf die Illusion, es stünden immer alle Türen offen.

Manchmal müssen wir uns unseren Glauben schon etwas kosten lassen. Das gilt auch für die Bereitschaft, in der Kirche ein Amt zu übernehmen. Ältester und Bezirkssynodale. Pfarrer oder Gemeindediakonin. Dekanin oder Dekan.

Als Synodale haben sie heute Abend auch die Wahl. Aber weder geht’s um den Bestand ihres je eigenen Glaubens. Noch um die Mehrung der eigenen ich-Anteile. Dekanin zu sein oder Dekan heißt, verantwortlich in den Strukturen der Kirche mitzuarbeiten. Aber die Seligkeit der Gemeindeglieder oder gar die Garantierung der Zukunft der Kirche ist ihnen zwar ans Herz gelegt. Aber nicht die rechte Wahl über die Zukunft ihres je eigenen Lebens. Diese Wahl muss jeder und jede für sich selber treffen.

Dekanin zu sein oder Dekan – das ist ein Amt in den Vorhallen des Reiches Gottes. Dass das Reich Gottes kommt, das steht in anderen Händen. Dekaninnen und Dekane organisieren den Markt. Aber sie verkaufen nicht die Perlen und Äcker. Daher können sie nachher getrost wählen. Die Perlen lassen sich entdecken. Und das Reich Gottes blitzt auf mitten unter uns. So oder so.

Aber zur Untätigkeit sind wir im Reich Gottes nicht verdammt. Den falschen Marktleuten, den Trumps und ihren Gefolgsleuten auch unter uns gilt es zu widerstehen. Und ihre Unwahrheiten zu entlarven. Hilfreich sind hier sicherlich Ohren, die das Seufzen der Kreatur wahrnehmen, um das es im Predigttext des kommenden Sonntags geht. Das Seufzen der Zukurzgekommenen, die keine andere Wahl mehr zu haben glauben, als die Trumps, die Le Pens, die Wilders und die Petrys dieser Tage zu wählen. Aber unüberhörbar ist auch das Seufzen einer Gesellschaft, die den Atem der Freiheit zu verlieren droht.

Noch haben wir die Wahl. Der Schatz im Acker und die kostbaren Perlen des Lebens lassen sich finden. Aber wir müssen sie uns etwas kosten lassen. Auch den Preis des klarstellenden und orientierenden Wortes und des mutigen Einspruchs. So ist es eben mit dem Reich Gottes. Billiger ist es nicht zu haben. Aber es ist allemal eine gute Wahl! Amen.

Wie es am Ende sein wird, wenn wir die rechte Wahl getroffen haben, davon handelt das nächste Lied:

➢ EG 426,1+2: Es wird sein in den letzten Tagen

Traugott Schächtele

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