PREDIGT
ÜBER HESEKIEL 36,26 (JAHRESLOSUNG)
GEHALTEN AM SAMSTAG, DEN 21. JANUAR 2017
IN DER SCHLOSSKAPELLE BURG GUTTENBERG


Liebe Gemeinde!

500 Jahre Reformation! Was für ein Anlass! Was für eine Geschichte!

500 Jahre Reformation! Was ist geblieben? Was ist bedenkenswert bis in dieses Jubiläumsjahr? Bis auf diesen heutigen 20. Januar 2017?

500 Jahre Reformation! Sie haben die Welt gehörig verändert. Die Einheit der westlichen Kirche ist damals verlorengegangen. Europa wurde mit Kriegen übersät. Der Glaube an die Macht der Liebe erwies sich als Anlass, dieser Liebe ein ums andere Mal den Hals herumzudrehen und ihr den Garaus zu machen.

Und doch feiern wir in diesem Jahr diesen besonderen Anlass. Und sicherlich auch zu Recht. Der äußere Anlass all der vielen Gedenk- und Jubiläumsveranstaltungen ist die 500. Wiederkehr des Tages der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablass am 31. Oktober 1517. Wir werden in diesem Jahr sogar mit einem einmaligen Feiertag fürs Nachdenken und fürs Feiern freigestellt.

Wir erinnern uns an die historischen Abläufe und die theologischen Kontroversen. Wir vergewissern uns aber auch der Plausibilität und der Anschlussfähigkeit unseres Glaubens in der Gegenwart. Und wir loten seine Tragfähigkeit für die Zukunft aus.

Darauf kommt’s am Ende an. Wir sollen uns in unserem Glauben bergen. Wir sollen und mit ihm aufmachen auf die Wege, die vor uns liegen. Und die Herausforderungen annehmen und gestalten, vor denen wir stehen. Nur darauf kann’s am Ende ankommen: die Reformation in die Gegenwart zu ziehen. Um den Menschen anzusagen, was sie leben lässt. Dass Gott es gut mit ihnen meint. Und wir wollen uns selber gestärkt einlassen auf die großen Aufgaben, die vor uns liegen, weil uns zugesagt ist: Du bist Gott recht. Ohne Vorbedingung. Von allem Anfang an.

Dieser Zuspruch lässt uns leben. Alle. Ob evangelisch oder römisch-katholisch. Gottes Zusage endet nicht an den Grenzen einer Konfession. Und nicht einmal an der einer Religion. Dieser Zuspruch lässt uns auch handeln. Egal wo unsere Verantwortung gefordert ist. Im Persönlich-Privaten. Im Bereich politischer Verantwortung. Oder in Wissenschaft und Kultur.

Unser Handeln geschieht aber nicht im luftleeren Rau. Wir haben Orientierung nötig. Orientierung, die sich an anderen Maßstäben misst als an denen, mit denen wir es Tag für Tag zu tun haben.

Nicht die Ökonomie liefert diese Maßstäbe. Dass es sich rechnet, reicht nicht aus.

Nicht irgendeine Ideologie liefert diese Maßstäbe. Wir können den Menschen nicht nach unserem Bilde formen.

Nicht der eigene Egoismus liefert diese Maßstäbe. Schnöde persönliche Vorteile schließen andere Menschen aus. Nicht ein.

Maßstäbe des Handelns aus unserem Glauben heraus – Maßstäbe des Glaubens in evangelischer Tradition – das sind die ganz alten Worte: Freiheit und Gewissen. Vertrauen und Vergebung. Offenheit und Frieden. Gerechtigkeit und Liebe.

Worte und Sätze der Orientierung gibt es. Die Jahreslosung für 2017 will so ein Wort der Orientierung sein. Die Auswahl der Jahreslosung erfolgt ja immer schon vier Jahre im Voraus durch die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen. Manchmal passt sie dennoch so haargenau auf die aktuelle Situation, dass ihre Auswahl etwas von einem Akt prophetischer Weitsicht zu haben scheint.

Ehrlich gesagt: In diesem Jahr schien das für mich beim ersten Lesen nicht so zu sein. „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ – so lautet die diesjährige Jahreslosung. Zunächst habe ich den Einduck gehabt: Das klingt so selbstverständlich und korrekt, so zeitlos richtig und christlich. Und ich hatte Mühe, die besondere Botschaft für 2017 herauszuhören.

Mehr als nur ein bisschen wird bei der Auswahl sicher das Gedenk- und Festjahr 500 Jahre Reformation im Hintergrund gestanden haben. Bei den einen – den evangelischen Auswählern - mag es die Absicht gewesen sein, an die Grundbotschaft der Reformation zu erinnern. Bei den anderen womöglich die Selbstgewissheit, dass Gott allemal – und auch ohne Reformation - seinen Geist der Veränderung in uns legt.

In drei Gedankengängen will ich mich der Jahreslosung annähern. Und versuchen, sie konkret in dieses noch frische Jahr 2017 sprechen zu lassen. Zunächst ein persönlich individueller Zugang – mit dem aber auch viele andere hier ihre eigenen Erfahrungen haben.

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch!“ Herz und Geist! Der Besuch bei einem älteren Kollegen kommt mir in den Sinn! Er ist gerade dabei, sich von einem Herzinfarkt zu erholen. „Am Ende war mir einfach alles zu viel. Ich habe es nicht mehr geregelt bekommen. Mein Herz hat schon länger rebelliert. Herzrhythmusstörungen. Immer wieder Schmerzen im Brustbereich. Jetzt hoffe ich, dass mein Herz seine Funktion wieder erfüllen kann. Man kann halt nicht einfach ein neues Herz bestellen, wenn das alte rebelliert.

Dann eine jüngere Kollegin. Sie ist schon seit Monaten krankgeschrieben. Ihr ist die Lebenszuversicht abhanden gekommen. Und zumindest in Teilen auch ihr Glaube. Burnout sagen wir heute gerne dazu. „Manchmal ist mein Geist wie verdunkelt“, sagt sie. „Am liebsten würde ich ihn dann loswerden, ihn austauchen, und dann noch einmal von vorne anfangen.“

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch!“ Herz und der Geist – sie bilden zwei zentrale Indikatoren für die Art und Weise, wie wir leben. Ob uns das Leben gelingt oder ob es uns krank macht. Und mit einem Mal wird die Jahreslsoung dann ganz schön konkret. Und erweist sich im Blick darauf, ob uns unser Leben gelingt, durchaus auch als sprechend und hilfreich.

Die Jahreslosung vom neuen Herz und vom neuen Geist springt mir in diesen Tagen auch noch aus einem ganz anderen Grund ins Auge – und das ist mein zweiter Zugang. Seit gestern gehen die Uhren der Welt anders. Gestern wurde in den Vereinigten Staaten Donald Trump als neuer Präsident vereidigt.

Mir macht das gewaltig Bauchschmerzen. Viele Sätze, die er gesagt hat – nicht nur im Wahlkampf, sondern auch schon als President elect und dann gestern in seiner Antrittsrede – sie lassen mich einfach nur frösteln. Sie kennen diese Sätze alle selber. Was Frauen angeht, Moslems. Schwarze. Behinderte. Flüchtlinge und Einwanderer. Dabei sind seine Großeltern selber als Wirtschaftsflüchtlinge in die USA gekommen.

Spuren einer Ethik kann ich da nicht mehr erkennen. Oder gar Elemente einer solidarischen Gesinnung. Nur noch um den Geist des eigenen Vorteils geht es da. America first. Und vor allem: ich – Trump – first. Die Verbindung zwischen Amt und Geschäftsinteressen lässt mich schaudern.

Und was wünsche ich mir da mehr, als dass das auch hier möglich wäre - dass Gott ein neues Herz - oder überhaupt ein Herz - in solche Menschen legen könnte. Und einen neuen Geist dazu. Und wenn ich mir das wünsche, sage ich mir: Wenn ich Gott sogar das zutraue, müssten wir dann nicht ein neues Verhältnis zur politischen Fürbitte entwickeln – als einer besonderen Weise der Wahrnehmung christlicher Weltverantwortung.

Nicht nur für die Donald Trumps dieser Tage – und von ihnen gibt es ja noch einige mehr und wahrhaftig nicht nur in Amerika -, nicht nur für den einen gilt das, sondern für alle Menschen in politischer Verantwortung. Vom Gemeinderat über die Bürgermeister bis hin zum Landrat und zu den Abgeordneten. Für Menschen also mit politischer Verantwortung. Für Menschen mit großer Verantwortung im Bereich der Wirtschaft.

Die Fürbitte für alle, die in solchen Ämtern ihre Kräfte einsetzen – oft bis an die Gfrenzen der eigenen Gesundheit eine dankbare und nötige Aufgabe ist das allemal. Umso mehr freue ich mich, dass viele Menschen aus diesem Bereich heute der Einladung hierher gefolgt sind.

Aber es fehlt noch ein weiterer, dritter Aspekt. Was für Menschen in Überforderung gilt, denen ich ein neues Herz und einen neuen Geist wünsche; was für Menschen gilt, die politische Verantwortung ausüben, das gilt doch mindestens genauso – oder noch mehr – für uns selber. Für sie. Und für mich.

Ein neues Herz und einen neuen Geist – das hat jeder und jede von uns selber dringend nötig. Das habe ich selber nötig. Darauf bin ich selber grundlegend angewiesen. Ja, danach sehne ich mich immer wieder selber aufs Neue. Das macht gewissermaßen meinen Glauben aus, dass das möglich ist. Dass ich neu werden kann. Und dann ist der Weg zum Reformations-Thema nicht mehr wirklich weit.

Grundlegend neu werden – darauf kommt es doch an. Das ist mir doch zugesagt, wenn die Reformatoren sagen: Du bist Gott recht. Nicht nur, weil ich so bin wie ich bin. Mehr noch: Weil ich werden kann, was ich noch nicht bin. Weil ich es darauf anlegen kann, so zu werden, wie Gott mich gemeint hat.

Und gemeint hat Gott sicher nicht, dass ich nur dann ein guter Pfarrer, eine gute Pfarrerin – ein guter Prädikant, eine gute Prädikantin bin, wenn ich unter der Last des mir Auferlegten – des mir von anderen und von mir selber Auferlegten – zusammenbreche.

Gemeint hat Gott sicher nicht, dass ich nur dann ein guter Bürgermeister oder eine gute Gemeinderätin bin, wenn ich mich terminlich ständig übernehme und die Signale meines Körpers übersehe.

Gemeint hat Gott sicher auch nicht, dass ich überhaupt nur dann ein guter Christ, eine gute Christin bin, wenn ich mein Herz ständig auf seine Grenzen hin austeste und Herzrhythmusstörungen oder einen Herzinfarkt riskiere. Oder stolz von meinem Burnout erzählen kann.

Zu allererst gilt also diese Jahreslosung uns selber. Jedem und jeder hier. Als eine Art geistlicher Befreiungsschlag. Du musst nicht immer derselbe oder dieselbe bleiben. Lebe nicht unter deinen Möglichkeiten. Und – ehrlich gesagt - weniger – kräftemäßig, terminmäßig, weniger auch bei allen Versuchen der Selbstrechtfertigung durch Leistung - weniger - das ist zumindest ein Teil des Königsweges, um dieses Mehr an Herz und Geist erleben und auskosten können.

Ich bin sicher: Es wäre den Versuch wert! Weil Gottes Zusage Bestand hat: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch!“ Nach 500 Jahren Reformation könnten wir es eigentlich wissen: Es lohnt sich, diesen Angebot anzunehmen. Amen.


Traugott Schächtele

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